Freitag, 30. September 2016

Polizeijargon

Bonjour, hel­lo, gu­ten Tag! Hier bloggt eine Sprach­ar­bei­te­rin im zehn­ten Jahr. Der heu­ti­ge Ein­trag ist ei­ne Such­an­zei­ge.

So stelle ich mir das Auto meiner französischen 'flics' vor
Dienstag Houellebecq über­tra­gen, seit Mitt­woch Gangs­ter­jagd in Paris, zu­min­dest virtuell, als Dreh­buch­über­set­ze­rin. Dabei brauche ich stän­dig Jargon, den ich kaum kenne.

Ich habe zwar schon öf­ter für Ordnungshüter über­setzt, aber die haben mich an ihrem internen Kauderwelsch leider nicht teilnehmen lassen.

Vielleicht liest hier ja einer mit oder gelangt über meine Suche via sozialen Netz­wer­ken hierher. Alles in den Sternchen ist fraglich, das sind meine Platzhalter, die anzeigen, worum es geht. Die Szene wurde übrigens aus urheberrechtlichen Gründen stark ver­än­dert.
Sie erreichen mich über caroline[Klam­mer­af­fe]adazylla.de. Vielen Dank fürs Lesen und Mitdenken ...!

AUSSEN/INNEN — IM AUTO — TAG

Die Polizistin und ihr Praktikant sind noch atemlos. Das Erlebte hat sie stark mit­ge­nom­men. Emma fährt knapp an der Höchstgeschwindigkeit entlang und bremst und beschleunigt ständig ziemlich forsch.

                  HANS
        Du musst nicht so rasen, wir fahren doch
        nur ins *Präsidium* zurück ...
                  EMMA
        Es heißt nicht “ins *Präsidium*”.
        Wenn Du willst, dass man Dich für einen
        Bullen hält, musst du sagen: In die *Firma*.
                  HANS
        (unterbricht sie)
        Hässliches Wort!
                  EMMA
        (legt nach)
        Zum *Bunker*.
                  HANS
        Klingt militärisch.
                  EMMA
        Dann also zur *Kripo-DSt.* ...
                  HANS
        Wofür steht *DSt.* nochmal?
                  EMMA
        Für “*Dienststelle*”. Dein Onkel ging
        als Polizist noch in den “*Dienst*”.
                  HANS
        Klingt echt verstaubt. Mann, Mann ...!
                  EMMA
        Richtig. Schön geht anders. Und super,
        der Praktikant wird demnächst die Polizei
        umbenennen!

Das Auto macht an einer Ampel halt. Beide atmen jetzt wieder etwas ruhiger ...

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Foto: C.E. (Archiv)

Donnerstag, 29. September 2016

Drachenkram

Hier bloggt eine Übersetzerin und Dolmetscherin nunmehr im zehnten Jahr. Einblick in die Werkstatt.

Eine Schulimpression: bunter Pappmachédrachenkopf vor bunten Papierkreisen
Pappdino, einst in der Grundschule des weltbesten Patensohns
Jemand hört mir beim Ar­bei­ten zu. Ich diktiere mit der Software Dragon:

"Der Charme verfängt.
...
Charme.
Charme!
Chaharm!"

Der Drache schreibt: "Der Schaum verfängt. Sharon. Schawn. Scham!"

Not very charming, indeed!

Später. Copy & paste meets film script: RESTABLISHING SHOTURANT

War eigentlich Restaurant / esta(blishing shot) ...

Schlussklappe für heute!

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Foto: C.E. (Archiv)

Dienstag, 27. September 2016

Lernen mit Monsieur H.

Bon­jour, hello, guten Tag! Hier bloggt ei­ne Fran­zö­sisch­dol­met­sche­rin und -über­set­ze­rin über ihren Alltag (Ich übersetze auch aus dem Englischen). Ich arbeite in Berlin, Köln, München, Hannover, Paris, Lyon, Avignon, Marseille und auch dort, wo Sie mich brauchen.
 
Zigarettenhand, Ascher, Gesicht spiegelt sich im Wasserglas
Typischer Parkaträger — schwimmt im Wasserglas
Mit Tabak hab ich's nicht so. Monsieur H. sitzt in der eben­er­di­gen Raucherlounge eines Berliner Hotels in dem Teil Berlins, den Leute ab Mitte 40 "Westberlin" nennen, gerne auch ergänzt mit "das alte Westberlin".

Unter dem Dach ist zwar für das Interview ein Salon reserviert, aber dort darf nicht geraucht wer­den.

In der Zigarrenlounge hingegen schnurrt, nein knurrt irgendwo ein lautstarker Ab­zug, der in die Decke eingelassen wurde. Er wirkt auf mich wie eine riesige Dunst­ab­zugs­hau­be. Die Bar hat noch nicht geöffnet, es wird aber "aufgebaut".

Ich habe als Ohrenmensch Scheu vor Lärm, vor klirrenden Flaschen und Gläsern und sonstigen Ge­räu­schen, die die Tonaufnahmegeräte jedes Mal kurz in den Schock­zu­stand versetzen, so dass es darauf ein kleines Loch gibt. Ginge es nach mir, würden wir uns für Interview und Aufzeichnung sofort nach oben zu­rück­zie­hen.

Es geht aber nicht nach mir. Auch der Fotograf zieht die Location unten vor. In Sa­chen Akustik kommen hier verschiedene Dinge zusammen: Der Interviewte hat keine Sprechausbildung genossen, er artikuliert deutlich zurückhaltender als Herr und Frau Jedermann. Zudem spricht er leise, raucht, hält die Fluppe zwischen den Lippen, nimmt oft die Hand vor den Mund. Hinzu kommt das ständige Klick­klick­klick des Fotografen, der sicher Hunderte von Aufnahmen schießt. Und schließlich wird dann neben dem Einräumen der Bar, die gleich geöffnet wird, auch noch die Jalousie runtergefahren, um die Licht­stim­mung für die Bilder zu verändern.

Ich konzentriere mich und bemühe mich, innerlich Ruhe zu bewahren. Die In­ter­vie­wer sprechen gutes Schulfranzösisch und verstehen nach eigenen Aussagen bis zu 80 % der Antworten. Mein Job wird nachher die "Trans-Ü" sein, Übersetzung statt Transkription, direkt in den Rechner hinein, Spracherkennungssoftware sei Dank. Im Interview wird Monsieur H. immer leiser und immer langsamer, sucht nach Wor­ten, sagt auch schon mal, und das gefällt mir ausgemacht gut: "Ich weiß es nicht, das ist meine ehrlichste Antwort!"

Zigarette (angebissen), angeschnitten das Gesicht
In Kette
Immer, wenn seine Stimme dünn wird, mache ich mir Notizen. Schreibe alles auf, worüber ich noch nachdenken muss. Lese von den Lippen ab, sofern das Sichtfeld frei ist. Manches zu leise Gesagte klärt sich durch den Nach­fol­ge­satz, Context rules. Am Ende frage ich exakt eine Stel­le nach, die ich trotz alledem nicht verstanden habe.

Es war der Satz J’étais un enfant raisonnablement heureux, ich war ein ei­ni­ger­ma­ßen glückliches Kind.

Dann ziehe ich um. Zunächst die gute Nachricht: Die Tonqualität ist sehr gut, nur ab und zu kommt es zu den befürchteten Effekten. Gerne lasse ich mich eines Besseren belehren. Und noch eine Feststellung darf ich treffen: Wie gut, dass wir nicht vorher hier unter dem Dach gelandet sind! Die Konferenzetage ist voll­ver­glast und ich fühle mich hier wie ein Pflänzchen, das noch wachsen muss. Ich neh­me Platz im Tropenklima bei 36 Grad im Schatten.

Nach zehn Minuten sind Rechner und ich heißgelaufen. Die Haustechnik in­ter­ve­niert, das Thermometer sinkt quälend langsam Richtung Dreißigermarke. Die hei­ße Bü­ro­tech­nik läuft weiter verzögert, blockiert. Ich frage nach einem an­de­ren Raum, doch das Haus ist ausgebucht. Ich lade einen anderen Player herunter, weil mein Tonschnittprogramm, an dem ich die Töne so schön als Gra­phen sehe, zu viel Rech­ner­ka­pa­zi­tät beansprucht. Jetzt wird es besser, aber noch nicht wirklich gut. Das Hin- und Herschalten zwischen den beiden nicht vernetzten Programmen bringt weiteren Zeitverlust mit sich. So schmeiße ich, drittes Lernmoment, sämt­li­che Einschätzungen über die Arbeitsdauer über den Haufen. (Hier hätte ich al­ler­dings wirklich gerne recht behalten.)

Wassergläser, Ascher, Raucher
Nachdenkpause, Zigarettenzug
Das Nachdenken über die rich­tige Formulierung gerät da fast zur Nebensache. Al­les, was ich fertigstelle, wird sofort vom Redakteur be­ar­bei­tet, der im schattigen Hof Platz genommen hat. Monsieur H. ist längst wieder zu Hause, als ich dem Re­dak­teur schließ­lich das Ende des Interviews dik­tie­re, damit die Redaktion ihren Text be­kommt.

Kühl weht der Abend zum Fenster herein. Die Klamotten riechen auch nicht mehr nach Qualm.

Vogelperspektive auf den Tisch
Nach dem Interview
Später sitzen der Redakteur und ich auf der Terrasse des Café Brel am Sa­vi­gny­platz beim Souper. Es geht auf Mit­ter­nacht, ich fröstele nicht trotz fehlenden Herbstmantels; Seidenbluse, Lei­nen­kos­tüm und Wollstola reichen völlig. Passend zum Tag löffeln wir Soupe à l'oignon, während anderswo die Zeitungspressen anrollen. Plötzlich kann ich über mich selbst lachen. Wie habe ich nur jemals erwägen können, dass es einen anderen Ort hätte geben können außer dieser Raucherlounge, um Michel Houellebecq zu interviewen? Zur Raucherin werde ich in meinem fortgeschrittenen Lebensalter trotzdem nicht mehr. 


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Fotos: C.E.

Montag, 26. September 2016

POV X: Genschman

Hello, bonjour, guten Tag! Hier hinterlässt eine Dolmetscherin ihre Rand­be­mer­kun­gen aus dem sprachbetonten Arbeitsalltag. Meine Arbeitssprachen sind Deutsch, Französisch (beides sehr aktiv) und Englisch (nur Ausgangssprache). Ich arbeite in Paris, Berlin, München, Marseille und überall dort, wo Sie mich brauchen.

Subjektive Einstellung (Dolmetscherin)
Freitag ging es um Wasserreinigung. Wie­der­holt habe ich Studiengruppen in Klär­wer­ke begleitet, habe vertieft mit Was­ser­wirt­schaft, Privatisierungen und Re­­kom­mu­na­li­sie­run­gen zu tun gehabt, habe Design-Studenten begleitet auf ihrer Su­che nach ebenso ökologischen wie äs­the­ti­schen Lö­sun­gen und bin aufgrund eines Einsatzes im Bereich Bioplastik schon seit vielen Jahren über die Gefahren in­for­miert, de­nen unsere Gewässer (und damit wir) im Plastikzeitalter ausgesetzt sind.

Die zahlreichen Einsätze zuvor waren so­mit alles Vorbereitungen für den Freitag, für den ich nur Vorwissen auffrischen und neue technische Details lernen musste.

Nach der Veranstaltung bedankt sich mein direkter Auftraggeber besonders herz­lich. Es sei schwer, heute Dolmetscher dieses Niveaus zu finden, denn immer mehr würden ja ärgerlicherweise auf Einfachenglisch abgehalten, jüngere Dolmetscher hätten oft gar nicht mehr die nötige Übung.

Ich nicke nur stumm und sage mir, dass offensichtlich manche Kunden ein sehr ge­nau­es Bild davon haben, was in unserer Branche los ist.

Mein Gegenüber, er kommt aus der Gas-, Wasser- ... Sch...sanitärbranche, hat sich jetzt ein wenig in Rage geredet. Er legt nach: "Das hat ja sogar schon unser frü­he­rer Au­ßen­mi­nis­ter gewusst, der Herr Genscher: 'In einer Fremdsprache sagt man das, was man sagen kann, und nicht das, was man sagen will!'"

Heute ist der europäische Tag der Sprachen! Den hat meiner Meinung nach dieser Unternehmer für mich am Freitag schon zu feiern angefangen. Es war mir ein Fest!

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Foto: C.E.

Sonntag, 25. September 2016

Interpreter’s Shorthand?

Hello! My name is Caroline and I'm an interpreter and translator, mostly working from French into German. It's sunday, and I've just come back from a stroll in my neighborhood.

This reminds me our in­ter­pre­ting notes. And no, we don't use shorthand but symbols for note taking.

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Picture: C.E.

Samstag, 24. September 2016

Mikroplastik

Hier schreibt und denkt eine Übersetzerin und Dolmetscherin, derzeit in Berlin. Samstags folgen hier manchmal die Links der Woche. 

Über Mikroplastik habe ich schon 2012 geschrieben. Sie steckt in Fleecejacken und manchen Haushaltstüchern: die Mikrofaser. Sie und der Plastikmüll sind das Asbest des beginnenden 21. Jahrhunderts. Mein heutiger Link führt vermutlich nur noch bis heute Abend zu einem abspielbaren Film, sorry dafür, ich hab das Arte-Pro­gramm letzte Woche schlicht übersehen. (Danach kann auf YouTube weitergesucht wer­den, etliche Umweltthemen stehen da noch länger ...) Bitte dringend sehen!

À voir absolument (dernier jour sur Arte ?) C'est dans les vestes polaires et dans cer­tains chiffons pour le ménage : La microfibre. C'est elle et les déchets en plastique qui con­sti­tuent l'amiante de ce début de 21ème siècle.

Lien "plastique plein la mer", Arte.


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Foto: C.E. (Archiv, aus der Schule des
weltbesten Patensohns)

Freitag, 23. September 2016

Klassenfeind

Was Über­set­zer und Dol­met­scher so im All­tag ma­chen, kön­nen Sie hier mit­le­sen. Ich arbeite am Filmset, im Kon­fe­renz­saal, in der Anatomie, im Rat­haus, an der Uni, im Theater und überall dort, wo Sie mich brauchen.

Gerüst, Bauarbeiter, Schild: "Klassenfeind Gallery"
Gesehen in Berlin-Mitte
Dies ist ein Blog aus der Ar­beits­welt. Während irgendwo im Osten Berlins Bauarbeiter schlichte Arbeiterwohnungen so teuer sanieren, dass ih­res­glei­chen nur noch davon träu­men kann, derlei jemals be­zie­hen zu kön­nen, scheint die Galerie im Erdgeschoss den richtigen Kommentar parat zu haben, der allerdings ir­gend­wie auch nach alten Zeiten klingt.

Ehrlicher wäre es sicher, die Niederlassung einer Immobilienfirma so zu benennen, der Frisör daneben hieße dann "Gehirnwäsche" und das Fachgeschäft für Haus- und Infor­ma­tions­stech­nik schräg gegenüber "Stasi", der Biolebensmittelladen am Ende der Straße "LPG" (lecker, preiswert, gesund). By the way, die Firma auf dem Abbild gibt es ge­nau­so, wie den Müsli- und Obstverkäufer mit dem einstigen Namen der "Land­wirt­schaft­li­chen Produktionsgenossenschaft".

Mal beobachten, wo in Berlin 27 Jahre nach Mauerfall der Trend hingeht mit den alten Parolen des Klassenkampfs und der DDR.

Ich stehe auf dem Bau, einem anderen als dem im Bild, dolmetsche, erläutere (im Auftrag) und vermittle. Zwei Reaktionen. Der Bauarbeiter, nachdem ich zwei Stun­den lang geredet habe und kom­pli­zier­te Dinge ausgeführt worden sind: "Und von wel­chem Gewerk sind Sie ei­gent­lich?", kurz darauf die Architektin: "Sind Sie Kol­le­gin?"

Ich nehme beides mal als Komplimente, auch wenn ich diese Sätze schon mal ge­hört habe. Ich scheine mich ein­zu­fü­gen in die Land­schaft. Mein Name ist Mi­mi­kry, ich weiß von nichts.

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Foto: C.E.

Mittwoch, 21. September 2016

Museum der Wörter 13

Hallo, hier bloggt eine Spracharbeiterin. Ab und zu erinnere ich an Begriffe, die wir den jüngeren Generationen erklären müssen. Heute blicken wir weit zurück.
            
  R
eitender (Eil-)Bote, Droschkenkutscher, Weißnäherin.

   

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Idee: H.F.

Montag, 19. September 2016

Montagsmix

Ob ge­plant oder zu­fäl­lig, Sie lesen hier auf den Sei­ten einer Sprach­ar­bei­ter­in. Was Dol­met­scher für Fran­zö­sisch (und Über­setzer) so machen, darüber schreibe ich hier seit mehr als neun Jahren, derzeit wieder aus Berlin. Ich arbeite aber auch in München, Marseille, Paris und Passau.

Balkonbüro
Letzte Sommertage im Balkonbüro, manch­mal nur stundenweise.

Was liegt an? Es geht los mit Da­ten­si­che­rung. Meine Mailbox weist weiterhin kaum merkbare Anomalien auf, das hat sich even­tu­ell vom inzwischen verschrotteten Standrechner auf den Mobilrechner über­tra­gen, wohlweislich nachdem der Da­ten­fachm­ann gesagt hat, dass die Prüfung er­ge­ben habe, dass die Datensätze aus dem Archiv total un­be­denk­lich seien.

Dann folgt ökologischer Umbau der Wirt­schaft: Ein sehr spannendes Thema, das ich von ver­schie­de­nen Seiten her immer wieder be­trach­ten darf.

Agrochemie und Energiewirtschaft: Klassiker, die uns seit Jahren begleiten. Hier fange ich wieder an zu lernen, weil im Oktober einige Termine dazu im Kalender stehen.

Haiti und Korruption. Der aus Haiti stammende Kanadier Max Dorismond beschreibt die Insel seiner Kindheit heute so: "Es ist die einzige Insel die Gegend, die nachts nicht aus der Luft erkennbar ist. Das liegt am Strommangel. Versteinerte Erde, die in die Steinzeit zurückgekehrt ist: Chronisch unterentwickelt, in der Ecke gibt es nichts Vergleichbares. Ein hungerndes Volk, das fast nichts mehr produziert und so­gar Reis, Zucker und Kaffee importiert ... die Liste kann beliebig fortgesetzt wer­den."

Hier ein Zeitungsausriss, der auf Umwegen zu mir kam, ein Wissenschaftler hat hier nach einem bestimmten Zitat gesucht. Der Text greift die eben erwähnte On­line­ver­öf­fent­li­chung auf (oder umgekehrt).

Un sage chinois, il y a de cela plusieurs siècles, conseiller de son Empe­reur, confia à ce dernier, « si vous voulez détruire un pays, inutile de lui faire une guerre sanglante qui pourrait durer des décennies et coûter cher en vies humaines. Il suffit de détruire son système d’éducation et d’y généraliser la cor­rup­tion. Ensuite, il faut attendre vingt ans et vous aurez un pays constitué d’ignorants et dirigé par des voleurs. Il vous sera très facile de les vaincre.
Quelle der Zeitungsveröffentlichung unbekannt
Der gebürtige Haitianer Dorismond leitet einen Text über seine Heimat wie folgt ein (die französischsprachige Langfassung findet sich auch hier): "Ein weiser Chi­nese sprach vor einigen Jahrhunderten vertraulich zu seinem Kaiser, den er be­riet: 'Wenn sie ein Land zerstören möch­ten, ist es nicht nötig, dort einen blu­ti­gen Krieg zu führen, der mög­li­cher­wei­se Jahrzehnte dauern und viele Men­schen­le­ben kosten wird. Es reicht, sein Bil­dungs­sys­tem zu zerstören und überall die Kor­rup­tion zur Norm wer­den zu lassen. Dann gilt es, zwanzig Jah­re abzuwarten, und das Land wird nur noch aus Dummen be­ste­hen und von Die­ben re­giert werden. So ist es sehr leicht zu be­­sie­­gen.'"

Last but not least möchte ich hier Lesestoff erwähnen: "Die geheime Geschichte eines andauernden Börsenkrachs" (Histoire se­crète d'un krach qui dure) von Marc Roche, herausgebracht von Albin Michel. Mal schauen, ob es einen deutschen Ver­lag interessiert.

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Foto: C.E.

Freitag, 16. September 2016

Freitags um eins

Herz­­lich Will­­­kom­­­men auf den Blog­­­sei­ten einer Sprach­ar­bei­terin. Hier schreibe ich über den All­­tag, wie Fran­­zö­­sisch­­über­­setzer und Fran­­zö­­sisch­­dol­­metscher ihn mög­­li­­cher­­wei­­se so sehen.

Foto mit Mann, der durch seine Hände schaut, als hielte er ein Fernglas in der Hand
Gesehen im Bezirk Prenzlauer Berg
Freitags um eins macht jeder seins, hieß es einst in der DDR, dem Deutschen Dat­­schen-Reservat.

Freitags um eins macht's plopp im Mailbriefkasten, da kommen die Eilaufträge rein für übers Wo­­chen­­en­­de, heißt es heute im Büro mancher freiberuflichen Über­­set­­ze­­rin.

So sei es, ainsi soit-il.

Berlin im Vorwahlkampf bedeutet übrigens auch, den Sohn der Cousine 2. Grades auf Wahlplakaten zu sehen. Das ist sehr komisch, in Paris habe ich derlei nicht. Wir sind hier alle Zugezogene mit Wurzeln und Luftwurzeln in Sachsen, aber wir kom­­men an. Hoffen wir, dass der Kandidat auch ankommt bei seinen Wählern und dass die Wahl am Sonntag nicht zu schlimm ausgeht.

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Foto: C.E. (nicht der Beschriebene)

Donnerstag, 15. September 2016

Ehrenamt

Bon­jour, hello, guten Tag! Hier bloggt ei­ne Fran­zö­sisch­dol­met­sche­rin und -über­set­ze­rin. (Ich übersetze auch aus dem Englischen.) Acht Jahre habe ich an der Univer­sität unter­richtet und als Sprach­ar­beiterin bin ich Lernprofi. Daher gebe ich manchmal auch Se­mi­nare. Gelernt habe ich das ganz offiziell einem Di­dak­ti­kum.

Mein liebstes Ehrenamt: Oberschülern aus der Migration Lerntipps geben. Es sind dieses Mal 18 junge Frauen und ein junger Mann, die Sprach-Leistungskurse ge­wählt haben und die sich für die Lernwerkstatt angemeldet haben. Bis auf zwei kommen die Eltern dieser Schüler aus den verschiedensten Ländern. Die meisten haben niemanden oder fast niemanden, um Hinweise und Anregungen fürs Lernen zu bekommen.

Erstmal unterhalten wir uns. Ich erfahre, was ich schon wusste, höre aber jedes Mal aufs Neue zu und frage nach. Beengte Lernverhältnisse, Haushaltspflichten, Ärger mit den Brüdern, der sozialen Kontrolle.

Dann wollen sie wissen, wie ich Dolmetscherin geworden bin. Diesen Teil halte ich kurz, aber das Wesentliche muss rein: Bildungs- und Lernoptimismus, Ta­schen­bü­cher, akustische Medien und Reisen. Das Erste ist eine Haltung, die sich trainieren lässt. Das Taschenbuch heißt Taschenbuch, weil es immer dabei ist und schnell auch wieder in der Tasche verschwinden kann nach dem häufigen Hervorholen. Akus­ti­sche Medien, ich lerne stark über den Hörkanal, lassen sich auch überall hin mitnehmen und sogar beim Ge­schwis­terhüten einsetzen. Und Reisen ist ein Pri­vi­leg, das nicht alle haben. Aber nach dem Abi sind viele meiner Generation als Au Pair ins Ausland gegangen. Das geht auch heute noch.

Sommerseminar
Dann machen wir einen Test. Es geht um die Be­wusst­wer­dung der Sinneskanäle. Jeder von uns lernt anders, und so­gar die eigenen Präferenzen können sich je nach Fach, Jahreszeit oder Alter ändern. Ich bitte sie, jetzt ihre besten Lerntipps unter dem Aspekt "Sinneskanäle" zu über­den­ken.

Wir finden gute Lösungen.

Wir notieren Stichworte, ordnen sie an, setzen sie miteinander in Verbindung. Ich teile meine Über­sichts­dar­stel­lung aus und rege die Teilnehmenden an, ihre Er­gän­zun­gen einzubringen. Was sie fleißig tun.

Im Grunde muss ich meine Tipps und Tricks längst mal in Form von Karteikarten oder fiches oder einer Art "Wissensspeicher" Lerntipps veröffentlichen, wie Kom­pen­dien in der DDR hießen. Mal sehen, vielleicht findet sich ein Illustrator oder eine Il­lus­tra­to­rin und ein Vertriebsweg für die Bildungseinrichtungen.

Nach einem solchen Einsatz schwebe ich nach Hause. Bildungspatin sein zu dürfen ist schön. Es ist mir jedes Mal eine Ehre!

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Foto: Danke an Fridolin Lützelschwab

Abschreckung

Willkommen, bienvenue & hello beim ersten deutschen Weblog aus dem Inneren der Dolmetscherkabine. Ich bin Fran­zö­sisch­dol­met­sche­rin und -über­set­ze­rin. Mein klei­nes Bü­ro ist in Ber­lin, aber ich ar­beite bei Be­darf für Sie auch in München, Bonn, Hamburg, Rennes, Paris und Strasbourg. Hier notiere ich Beobach­tungen aus dem Alltag.

Heute früh habe ich zwei Jehovinnen Angst gemacht. Ich sitze hübsch gemütlich auf der Bank vor dem Haus beim Morgenkaffee, als die Damen näherkommen und mich die eine mit einem ver­trau­ens­se­li­gen Gesichtsausdruck fragen, ob sich denn Gott noch für uns Menschen interessieren würde.

Gesehen in Berlin-Kreuzberg
Damit habe ich nicht ge­rech­net. Ich bin auch noch nicht wach. Ich sehe mich kurz links und rechts um und ant­wor­te mit trau­ri­ger Ver­schwö­rer­miene: "Ach, gute Frau, ich bin aus­ge­bil­dete Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin, da bin ich im­mun ge­gen jede Form von -ismen und Re­li­gio­nen!"

Dann mache ich eine Pause und atme einmal tief durch.

Ich spüre, dass mich die Gottesfrau am liebsten in den Arm nehmen würde. Die an­de­re sagt: "Das kann ich mir vorstellen, das ist kein leichtes Schicksal!"

So kurz habe ich noch nie mit Missionaren gesprochen. Als ihnen schläfrig hin­ter­her­schaue, lächle ich still in mich hinein.

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Foto: C.E.

Mittwoch, 14. September 2016

Auf dem Schreibtisch XXXVI

Bonjour, hello, guten Tag! Hier schreibt eine Sprach­ar­bei­te­rin über den Be­rufs­all­tag als Dol­met­sche­rin für Fran­zö­sisch (und Über­­­set­­ze­rin). Ich arbeite für ins­ti­tu­tio­nel­le und private Kunden in München, Marseille, Berlin, Paris, Leipzig, Lyon und fast überall dort, wo Sie mich brauchen! 

Pult mit Schutzfolie
Nagelneues Dolmetschpult
Was steht an bzw. liegt auf dem Schreib­tisch?

⊗ Film: Koproduktionsvertrag
⊗ Aktuelle Politik: Bayer/Monsanto, Alstom, EDF
⊗ Agroforstwirtschaft und Biolandbau
⊗ Ökologischer Umbau der Wirtschaft
⊗ Geldmengenpolitik
⊗ Regionalplanung

Die The­men be­schäf­ti­gen mich im Hin­blick auf Dol­met­sch­ein­sät­ze, Übersetzungen und Fes­ti­vals in den nächsten Wochen.


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Foto: C.E.

Dienstag, 13. September 2016

Milchmädchenrechnung

Welcome, bienvenue, hier bloggt eine Dolmetscherin und Übersetzerin über ihren Berufsalltag. Meine Sprachen sind Französisch (als Ausgangs- und Zielsprache) und Englisch (Ausgangssprache).

Der Kunde: "Ihr Tagessatz liegt bei etwa 800 Euro, wir brauchen Sie maximal ei­ne hal­be Stun­de lang, wir möchten gerne 50 Euro zahlen."

Ich darauf: "Sie bezahlen Ihren Anwalt doch auch voll und ganz und nicht nur dafür, dass er mal kurz die Nase durch die Tür in den Gerichtssaal reinstreckt und dabei mit der Schuhspitze wackelt."

Der Kunde: "Ja, aber der Anwalt hat sieben Jahre studiert, ist Freiberufler, trägt das ganze Risiko, muss noch Umsätze für die Zeit nachverdienen, in der er studiert hat und seine eigene Rente ansparen."

Wandmalerei: Auge
Bitte genau hinsehen
Darauf ich: "Na klar, ich wurde von Kin­des­bei­nen an drei­spra­chig er­zo­gen, bin im Dü­sen­jet durch die Bil­dungs­ein­rich­tun­gen ge­rast, ha­be pa­ral­lel da­zu als Zeit­ver­treib die über­be­zahl­ten Hos­tes­sen­jobs ab­ge­sahnt und mein Aus­kom­men im Alter ist mir oh­ne­hin als Gat­tin ei­nes Bun­des­ver­fas­sungs­rich­ters und als Al­lein­er­bin ei­nes Kon­zerns ge­sich­ert." (Iro­nie­mo­dus aus.)

Auf den Tag genau vor drei Jahren habe ich mal nachgerechnet, dass 10 Minuten Dolmetschen in einem recht günstigen Fall mit "nur" 12 Stunden Arbeit verbunden sind. Wenn es sich um einen Schriftsteller handelt, kommt das Bücherlesen noch hin­zu. Hier entlang zu "Zahlen, bitte!"

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Foto: C.E.

Mark Twain (3)

Hello, bonjour, hallo! Was Dolmetscher und Übersetzer so erleben, schreibe ich hier auf. Und dabei beobachte ich den Alltag. Blick in die Werkstatt, die an­ge­kün­dig­te Fortsetzung.

Am Wochenende habe ich ein klassisches Mark-Twain-Zitat neu übersetzt, dessen deutsche Fassung nicht ganz gelungen schien. Gestern habe ich hier darüber be­rich­tet.
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The difference between the almost right word and the right word is really a large matter. ’tis the difference between the lightning bug and the lightning.

Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem fast richtigen ist der glei­che wie zwischen einem Zitronenfalter und einer Zitrone.
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Was habe ich über das gestern Beschriebene hinaus noch gemacht bzw. un­ter­las­sen? Das Original braucht zwei Sätze für den Gedanken, die deutsche Fassung alter (und neuer) Form kommt mit einem Satz aus. Hier könnte ich eventuell nochmal ansetzen. Derzeit ist das allerdings eine Zeitfrage.

Schauen wir uns nochmal die gängige Übersetzung an: "Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen ist derselbe Unterschied wie zwi­schen dem Blitz und einem Glühwürmchen.“ Richtig gestört hat mich das "beinahe Richtige". Zunächst mal: Es gibt kein halb richtig, genauso wenig wie ein bisschen Frieden oder ein bisschen schwanger möglich sind. (Danke, Uta!) Etwas ist ent­we­der richtig oder es ist falsch. Nuancierungen sind fehl am Platz, auch, wenn es manche Leute verwenden: "richtiger" ist einfach falsch.

Und dann gibt's die Situation in der Schule. Ein Kind antwortet etwas, es ist aber noch nicht ganz das, was die Lehrerin erwartet hat, die zum Weiterdenken er­mu­tigt: "Das ist fast richtig!" wird sie spontan wohl eher sagen als "Das ist beinahe richtig!" Fast vs. beinahe, eine vs. drei Silben (auch wenn das Original sich hier zwei Silben lang Zeit lässt), gebräuchlich vs. ein wenig veraltet (auch wenn ich solche Begriffe als verbalen Artenschutz gerne pflege).

Was eindeutig falsch war, war "derselbe Unterschied". Derselbe ist immer ein- und derselbe; in "der gleiche" steckt der Vergleich schon drin.

Gesehen im Bezirk Prenzlauer Berg
Diese Merkszene hier ist ein­fach: Stellen wir uns eine Zwillingsmutter vor, sie hat gerade Schulranzen gekauft, ein- und dasselbe Modell in zwei verschiedenen Farben, der besseren Un­ter­scheid­bar­keit wegen.

Sie kann sagen: "Meine Kinder haben den gleichen Ranzen und denselben Vater."

Und klar ist für Leser auch: Die Kinder müssen sich nicht einen Ranzen teilen, den Vater aber schon.

Zurück zu Twain. So wie er habe ich erst das Tier genannt, dann die Naturgewalt. Was ich nicht angerührt habe, ist die Grundstruktur der Über­set­zungs­vor­la­ge. Im Original sind es zwei Sätze und eine starke Aussage: ... is really a large matter, das ist wirklich ein großes Thema, ein bedeutender Unterschied. Mir hat die Zeit gefehlt, andere Varianten in Betracht zu ziehen. Vielleicht ist es auch gut, den bereits eingeführten Duktus zu behalten und nur einzelne Wörter zu ver­än­dern. So, jetzt arbeite ich rasch weiter, denn: siehe Foto.

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Illustration: C.E.

Montag, 12. September 2016

Mark Twain (2)

Hier schreibt eine Dol­met­sche­rin und Übersetzerin für die französische Sprache und aus dem Englischen. Heute: Grundlagenarbeit, Blick in die Werkstatt.

Von Mark Twain gibt es etliche wunderbare Zitate, die auch mit Deutschland, Kul­tu­ren und Sprachen zu tun haben. Zum Beispiel die­ses da: The difference between the almost right word and the right word is really a large matter. ’tis the dif­fe­rence between the lightning bug and the light­ning.

Die gängige Übersetzung ist mir zu einfach. So zieht sie sich durch Internet: "Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen ist derselbe Unterschied wie zwischen dem Blitz und einem Glühwürmchen.“

Hier wurde wörtlich übertragen, aber nicht die sprachliche Besonderheit, die für uns Wortarbeiter hier im Mittelpunkt steht. Die klassische Übersetzung ist ei­gent­lich misslungen. Was ließe sich daraus machen? Behalten wir das Glühwürmchen: "Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen ist der­sel­be wie zwischen Glühen und Glühwürmchen.“

Naja, das Glühen ist jetzt nicht so spektakulär wie in Blitz und ist zu unscharf als Begriff. (Was glüht? Die Birne gleichen Vornamens hat sich bald ausgeglüht, das Abendrot glüht, der "Feierabendvorglühbiertrinker", das ausgehende Lagerfeuer). Auch ist es leider nicht von ähnlich existentieller (oder all­täg­li­cher) Bedeutung wie ein Blitzschlag.

Bleiben wir in der Tierwelt: "Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen ist derselbe wie zwischen Schmettern und Schmetterling.“ Hm, haben Sie heute schon geschmettert? Einen schönen Schmettersatz? Weg da­mit, weil einfach nicht gebräuchlich.

Es ist Zeit, weiter über besondere Lebewesen der Fauna nachzudenken. Ich wan­de­re im Geiste durch den Zoo, sehe den Nasentapir, den taszmanischen Beu­tel­teu­fel, die Wüs­ten­sprin­gmaus.

" ... zwischen Krebs und einem Taschenkrebs." Gut, aber nicht eindeutig genug. Es gibt das Tier, die Krankheit und das Sternzeichen. Und keinerlei Niedlichkeitsfaktor beim Tier.

Manchmal hilft es, auf Französisch weiterzudenken, die Übersetzung Blitz/Glüh­würm­chen wurde exakt so übernommen, wie in der deutschen Fassung: La dif­fé­rence entre le mot juste et un mot presque juste est la même qu'entre l'éclair et la luciole. Hier komme ich nicht weiter.

Brehms Tierleben. Ich treibe mich gedankenverloren auf Seiten rum, auf denen lus­tige Tiernamen vorgestellt werden, darunter die "Wandelnde Geige" oder der "Heilige Pillendreher". Dieser Arbeitsschritt ist als Methode erwähnenswert, denn ich komme zu einer innerlich lächelnden Gelassenheit, die mich zur ideale Lan­de­bahn für den fast gleichgültig erwarteten Geistesblitz macht. Voilà: "Der Un­ter­schied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen ist derselbe wie zwischen einem Blitz und einem Geistesblitz." Nicht schlecht, diese Richtung mei­ne und Geistesblitze liebe ich. Hier fehlt leider das Niedliche des Glüh­würm­chens.

Gibt es andere Kleintiere, die irgendwelche Naturereignisse im Namen haben? Die Bebenmaus? Die Tsunamiratte? Den Flutbiber, ein kleiner Oxymoron. Der Nied­lich­keits­fak­tor wäre gewahrt beim Marienkäfer.

"Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen ist der­sel­be wie zwischen einem Ei und einer Eidechse." Gut, Tierwelt ist dabei, aber kein Niedlichkeitsfator eines Kleinstlebewesens, keine Naturgewalt, dafür etwas Alltägliches.

Es sitzt alles noch nicht. Bei solchen Assoziationsübungen habe ich immer das Ge­fühl, dass es eine Lösung geben muss. Als käme die Aufgabe aus der Schule oder von jemandem der weiß, dass das Rätsel aufgeht. Habe ich so das Terrain be­rei­tet, lege ich die Arbeit weg und lasse den Hinterkopf mal machen.

Beim nächsten Blick auf diese Seite fällt mir sofort die Zitrone ein. Eine Zitrone ist schon ein Na­tur­er­eig­nis, ein individuelles, nicht ein möglicherweise kollektives, und sein Leben riskiert hier auch niemand. Aber so richtig guter, frischer Zi­tro­nen­saft, der löst schon ein­deu­ti­ge Reaktionen aus bei uns Menschen, da zieht sich al­les zusammen, mancher schüttelt sich. Mir gefällt diese Lösung bislang am bes­ten von allen. Ich kürze ein wenig und tausche ein falsches Wort aus. Darüber schrei­be ich morgen.
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The difference between the almost right word and the right word is really a large matter. ’tis the difference between the lightning bug and the lightning.

Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem fast richtigen ist der glei­che wie zwischen einem Zitronenfalter und einer Zitrone.
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Und hier nochmal einige Varianten in der Übersicht
Vergleich nach Kriterien, Niedlichkeits- und Naturfaktoren sowie Alltagscharakter
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Illustration: C.E.

Freitag, 9. September 2016

Mensch vs. Maschine

Hello, bonjour, guten Tag! Hier hinterlässt eine Dolmetscherin ihre Rand­be­mer­kun­gen aus dem sprachbetonten Arbeitsalltag. Meine Arbeitssprachen sind Deutsch, Französisch (beides sehr aktiv) und Englisch (nur Ausgangssprache).

Abwertung menschlicher Arbeit scheint ein Trend der Zeit zu sein, vor allem dann, wenn Technik im Spiel ist. Mit diesem Thema hat letzten Samstag auch das Wo­chen­ma­­ga­­zin DER SPIEGEL aufgemacht. Wir haben derzeit drei offene Anfragen für Dolmetscheinsätze von unterschiedlicher Dauer, wo immer Technik gefragt ist und wir das erleben.

Leider sind in allen drei Fällen die Finanzen stark begrenzt. Daher wird auch keine teure Kabine aufgebaut werden, wir sollen also in allen drei Fällen mit Flüs­ter­tech­nik arbeiten, mal zu zweit, mal für den kurzen Einsatz allein. Die Mobiltechnik ist in einem der drei Termine üb­ri­gens völlig normal, da das Seminar viel un­ter­wegs sein wird.

(Live Translator Are Needed - Equipement Does Not Do Automatic Translation of Language)
Flüstertechnik für Dolmetscher und Seminare: Nicht um den heißen Brei rumreden

In den anderen Fällen werden 200 und 150 Kopfhörer benötigt. Der Preis solcher Technik liegt nach einigen Preissteigerungen bei zwischen 600 und 1100 Euro. Den oft nicht sehr vermögenden Veranstaltern, hier sind es Vereine und Stiftungen, ver­bleibt am Ende nur noch wenig zur Vergütung der Spracharbeit.

Dabei steht mein Arbeitsfeld neu­er­dings unter dem Druck der Im­mo­bi­lien­bran­che. Seit dem Börsenkrach 2008 und dem Fluten der Märkte mit Geld, das Zocken geht weiter, fehlt nicht nur echtes Geld in der Wirtschaft, seitdem suchen die Gewinner des Börsenspiels sichere Geldanlagen und kaufen die Häuser in Berlin am liebsten stra­ßen­zug­wei­se. Einen unserer Technikanbieter hat es gerade erwischt, er musste nach 20 Jahren umziehen, andere Räume anmieten, seinen Be­stand deut­lich ver­klei­nern.

Andere Firmen sind ins Umland abgewandert und kalkulieren mehrstündige Fahrten zum und vom Arbeitsplatz ein. Die verbliebenen Unternehmen haben den Mietpreis für die Räume auf die Mietpreise für die Technik umgelegt.

Ergebnis: Früher stellte die Technik im Durchschnitt etwa 40 Prozent der Dol­met­scher- und Technikkosten dar. Dieser Anteil hat sich im Falle von nur einer Dol­met­sche­rin (fünf Minuten echtes Dolmetschen bei der Einleitung, Ablesen der Über­set­zung eines vor­be­rei­teten wis­sen­schaft­li­chen Fachvortrags, 30 Minuten echtes Dol­met­schen der Diskussion), al­ler­dings für 150 Teilnehmer, so verschoben, dass bei gedeckelten Posten am Ende die Technik bei 70 und die Spracharbeit bei 30 Pro­zent des Budgets liegen wird.

Da unsere Spracharbeit nicht nur aus Hinbringen, Aufbauen und Abholen besteht, sondern aus tagelangem Einlesen und Einhören in Thematik und Redner, bekomme ich von diesem akademischen Betrieb, einem Berliner "Leuchtturm", als Dol­met­sche­rin unter 20 Euro die Stunde angeboten, wenn ich alles mitrechne, es ist so ei­ni­ges an Literatur zur Kenntnis zu nehmen. Zu dem Preis ist kein Profi zu bekommen.

Dem Kunden habe ich das da geantwortet: "Leider ist unsere Berufsbezeichnung nicht geschützt, es gibt also einen sehr breiten Markt, um es vor­sich­tig aus­zu­drücken. Vor allem die Fach­kräfte, jene, die in der Bundesliga spielen, nehmen es mit der Vor­be­rei­tung sehr, sehr ernst, weil sie auch einen Ruf zu verlieren haben. Wer also nicht nach Vor­be­rei­tungs­ma­te­rial fragt und keine Zeit dafür ein­kal­ku­liert, der oder die ..."

Je näher die Arbeit am Menschen dran sei, resumierte DER SPIEGEL diese Woche das Mensch-versus-Maschine-Di­lem­ma, desto unwahrscheinlicher sei der Wegfall des Berufs durch die Technik. Für Sprache gilt das besonders. Den Wetterbericht kann ein Programm aus vorher eingegebenen Bausteinen bauen, ein an­de­res fertigt davon eine Übersetzung an. Sobald al­ler­dings Men­schen und Hin­­ter­­grund­­wis­­sen ins Spiel kommen (Börsenkurse, Fußballergebnisse), wird es schon schwieriger für je­ne, die echte Erkenntnisse in den Texten erwarten.

Individuelle Sichtweisen und der mit Bedacht gewählte Ausdruck, in anderen Wor­ten: Wissenschaft, Li­te­ra­tur, politische und gesellschaftliche Meinungen, soziale Beobachtungen und dergleichen wird auch in weiterer Zukunft kein digitales Gerät imstande sein zu produzieren oder zu übertragen. Spannende Hin­ter­grund­re­por­ta­gen wie von der "Seite drei" der Süd­deut­schen Zeitung bleiben im Original und der Übersetzung Menschenwerk. (Bei gesprochener Sprache potenzieren sich aufgrund von Akzenten, individuellen Sprech­wei­sen, un­voll­stän­di­gen Sätzen, of­fen­sicht­li­chen Fehlern usw. die Probleme für Technik.)

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Illustration: Netzfund (sollte Ihnen der Gag ent-
gangen sein, lesen Sie, was in der Klammer steht).

Donnerstag, 8. September 2016

Weltbildungstag

Bonjour, hier liest, denkt und schreibt eine Spracharbeiterin, Fran­zö­sisch­über­set­ze­rin und -dol­met­sche­rin. In der Herbstsaison habe ich noch einige Termine frei.

An der Oberbaumbrücke
"Wissen vermehrt sich, wenn man es teilt." Das ist eines mei­ner Motti. Ihm zufolge hät­te ich Lehrerin werden können. Oder an der Uni blei­ben und dauerhaft die Pult­sei­te wechseln. (Aber An­fang der Nuller Jahre hat mich der Umbau der Uni­ver­si­tä­ten nach­hal­tig ab­ge­schreckt.)

Heute ist der internationale Weltbildungstag.

Am Morgen haben eine Kollegin und ich einer jungen Autorin etwas beige­bracht. Die wollte nämlich ihren Erst­ling übersetzen lassen, oder ein Teil davon. Es han­del­te sich dabei um erotisch unterlegte Memoiren, 120.000 Zeichen roundabout, Leer­zei­chen inklusive.

Leseprobe gefällig? Ich übersetze aus dem Gedächtnis, aber die Art des Texts wer­de ich schon treffen: "Er zog sie noch ein Stück näher zu sich heran. Das Tief ihrer Augen hinter ihren elegant geschwun­genen, langen Wimpern war heute wieder über­wält­ig­end. Der Duft ihrer Haut war mit nichts vergleichbar, oder vielleicht doch, eine Mischung aus dem Duft von Milch, Honig, sonnenbeschienenem Un­ter­holz und einer Frühlingswiese. Und in diese Frühlingswiese würde er gleich etwas pflanzen ..."

Sorry, ich hab die Sache fast noch aufgebessert, aber die Chose las sich wie die un­frei­wil­li­ge Parodie auf einen Bahnhofsroman. Und dann noch das Werk einer Frau.

Also |Honorar| Schmerzensgeld veranschlagt, den üblichen Preis von 1,60 je Über­set­zer­norm­zei­le (55 Anschläge), eigentlich dafür viel zu wenig, und schon mal im Kalender rumgezählt, wann ich etwa fertig sein könnte wegen erster an­ste­hen­der Auswärtstage. Ich komme auf knapp 3.5 netto, nun denn. Die Antwort kam post­wen­dend. Sie habe mit einigen 100 Euro gerechnet, lautete die ehrliche Ant­wort, aber sicher unter 1000. Hätte ich mir gleich denken können.

Puppenstube mit Kronleuchter und vielen Büchern: home is where your bookstore is
Werbepuppenstube der Buchhandlung ebertundweber
Wobei ... ich erinnere mich da an den Konzernchef im Ruhestand von neulich mit seiner Autobiografie. Er schrieb auch nicht so ganz wischecht. Viele Stellen pro­vo­zier­ten Tränen, nicht der Rührung, sondern der un­frei­wil­li­gen Komik wegen. Es war alles gut gemeint, nichts aber gut gemacht. Also die Samt­hand­schu­he über­ge­streift und beraten.

Ergebnis: Die Arbeit, die anfiel, hat zwei Kolleginnen glücklich gemacht, die eine hat es aufgrund der Vorlage beim Übersetzen umgetextet und stel­len­wei­se nach Rücksprache neu geschrieben, die andere in die Muttersprache des Kunden rück­über­setzt. Der hat nun 500 bereits gedruckte Bücher seiner fran­zö­si­schen Erst­fas­sung eingestampft.

Tag der Weltbildung, Gedanke zwei, vom Banalen zum Erhabenen. Wir müssen weg von der Haltung, dass unser Wirtschaftssystem auf Wissenszurückhaltung beruht und auf der Herstellung minderwertiger Ware. Wir müssen Wissen teilen. Und wir müssen weg von diesem Wirtschaftskrieg, in dem etliche Schrott produzieren, min­der­wer­ti­ge Kopien dessen, was eigentlich gebraucht wird, andere ihren Mit­men­schen Dinge aufschwatzen, die sie nicht brauchen, und wieder andere ihre Zeit­ge­nos­sen nur überaus faktenreich (prüfbar) ausbilden, anstatt sie im Erwerb von Methoden und Arbeitsweisen sowie dem Wachhalten von Kreativität zu be­glei­ten.

Die Aufgaben, die auf den Nägeln brennen, sind zahlreich genug. Ich weiß zwar nicht im Detail, wie das gehen soll bei so vielen konkurrierenden Ideen, Firmen und Personen. Wikipedia oder Open source-Programme für die Textverarbeitung sind oft ein spannendes Vorbild, bei dem viele Hand in Hand arbeiten. Und wo das Ergebnis im Fo­cus steht, nicht das Ego.

Vermutlich sollte man schon mal dringendst in der Schule anfangen und den Kids das Zusammenarbeiten stärker beibringen, wie eine Gruppe eine Lösung finden kann, dass mit den jeweilen Stärken gearbeitet werden soll und das Aufspüren von singulären Begabungen erleichtert wird. Die Chose dann begleiten, damit die Kids uns, die Alten beraten können. Wir verwalten die Welt ja nur für sie und für ihre Kinder.

Mauer (Westseite) mit Kriegstrümmerfoto
East side Gallery (West), Ausstellung bis 25.9.16
Dabei werden so viele Kleine grausam vom Lernen abgehalten, weil sie das falsche Geschlecht haben, im fal­schen Land geboren oder im fal­schen Flucht­land gelandet sind. Und zu den Kriegen höre ich von den Youngsters die glei­chen Sätze wie jene, die ich als Kind selbst gesagt habe: "Ihr Er­wach­se­nen sagt uns doch immer, dass wir uns ver­tra­gen sollen, warum macht ihr es denn selbst nicht?"

Buch zur Zeit: "Die Konferenz der Tiere" von Erich Kästner.

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Fotos: C.E.

Mittwoch, 7. September 2016

Aufhübscher

Bonjour, hello, guten Tag! Was Dolmetscher und Übersetzer umtreibt, wie sich ihr Lebensalltag anfühlt als Textbesessene oder Verbalaktivistin oder Lingusophin (vielleicht, auf dem Wege dazu), das beschreibe ich hier.

Unsereiner sammelt Vokabeln, wie andere (einst, als es noch eine Vielfalt gab und alle Welt unbekümmert war) Schmetterlinge gesammelt haben.

Massive Aufhübschung am Ufer
Bei irgendeiner zu übersetzenden Ver­kehrs­scha­dens­mel­dung für eine Ver­si­che­rung bin ich als Studentin einstmals über den enjoliveur gestolpert. Joli, e heißt hübsch(e), der enjoliveur ist also ein Aufhübscher.

Am Wegesrand aufgelesen: Ich kann auf dem Weg in die Mittagspause NICHT an diesem aufgehübschten Stromkasten vor­bei­ge­hen, ohne dass mir das Hirn sofort den mindestens 20 Jahre lang nicht mehr gebrauchten Begriff für die Rad- oder Zierkappe, auch Chromabdeckung oder Radzierblende genannt, auswirft. Unnützes Wissen.

Stromkästen wie Litfasssäulen
Gibt es das Wort wirklich? Ich fange an zu zweifeln und halte mein Unbewusstsein für ziemlich kreativ. Allerdings weiß ich als Dol­met­sche­rin nie im Voraus, welche Vo­ka­bel irgendwann einmal relevant wer­den wird.

Also schlage ich, ins Büro zurückgekehrt, das Trumm gleich nach. Es existiert wirk­lich, ich habe es mir nicht eingebildet. Es ist allerdings nicht über­lie­fert, ob das Schnaps­fläsch­chen einen Hinweis auf die Natur des Zustandekommens der Ver­schö­ne­rungs­ak­tion des Stra­ßen­raums dar­stellt oder nicht.

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Fotos: C.E.

Dienstag, 6. September 2016

Parlando

Zur täg­li­chen Arbeit der Dol­met­scher­in gehört die Lek­tü­re von Zeitungen und das Hin­­ter­­fra­­gen des Ge­­le­­se­nen und bereits bekannter Übersetzungen. Mancher kurze Einsatz bringt weitreichende Einblicke in terminologische Abgründe. Zum Sai­son­auf­takt bin ich in Berlin.

Mit dem Rad ins Regierungsviertel, das geht von uns aus im­mer an der "Wand" lang. Und wenn sie nur noch im Kopf ist (ich erinnere mich sehr gut an den Verlauf).

Mauer, Gropiusbau, Abgeordnetenhaus von Berlin
Weg zur Arbeit
Wer wie ich in eine von der innerdeutschen Grenze ge­teil­te Familie hin­ein­ge­bo­ren wurde, zählt zur seltenen Spe­zies der "Ge­sam­tis" und radelt diese Route (im Bild zwischen dem einstigen Hotel Prinz Al­brecht, dem früheren Kunst­ge­wer­be­mu­seum, dem ehemaligen Reichs­luft­fahrt­mi­nis­te­rium und dem alten Preu­ßi­schen Landtag) nicht gleichgültig entlang.

Heute sind das übrigens: Prinz-Albrecht-Gelände, Gropiusbau, Abgeordnetenhaus von Berlin und Bundesministerium der Finanzen.

Dann zwei Brüsseler Gästen konsekutiv die Stimme leihen. Es geht in einer Lan­des­ver­tre­tung bei der Bundesregierung um den Schutz, die Kennzeichnung und Re­gis­trie­rung von Haustieren.

Nach der Veranstaltung erlebe ich, was mir regelmäßig widerfährt, wenn ich denn sicht­­bar gewesen bin: Ich werde in Fachgespräche verwickelt. (Oder es fragt mich der De­­kan einer Universität neulich nach einem Wissenschaftstag, auf dem ich auch gedolmetscht habe: "Wo sitzen sie denn? Was ist ihr Fachgebiet?") Nicht im­mer gelingt es mir sofort klarzustellen, dass ich hier nur "synchronisiert" habe. Zum Glück atmen Men­schen ab und zu. Ein Herr äußerte nach ei­ner Schreck­se­kun­de sein Bedauern, dass die ent­spre­chen­den Aus­schüs­se in Brüssel nur noch auf Eng­lisch stattfinden und mehr oder weniger nur noch die Franzosen in ihrer Mut­ter­spra­che sprechen wür­den, also er als Deut­scher leider nicht.

Blick auf die Reihe vor mir plus Powerpoint
Konzentrierte Arbeitsstimmung
Wasser auf meine Mühlen! Und noch etwas ist auf­ge­fal­len. Die EU kennt Haustiere praktisch nicht als Thema, weshalb ihre Interessen bei den Themen Nutztiere und Landwirtschaft angedockt sind. So kommt es oft zu Fehl­über­set­zun­gen, wird animal welfare dort re­gel­mä­ßig mit "Tiergesundheit" statt mit "Tierschutz" oder "Tier­wohl" übersetzt.

Nach einigen Pausenhäppchen geht's wieder an den Schreibtisch, weiterlernen für den nächsten Einsatz. Habe ich schon gesagt, dass ich meinen Beruf liebe?

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Fotos: C.E.
Haustiere registrieren bei Tasso e.V.

Montag, 5. September 2016

Pun-Box

Herz­lich Will­kom­men auf den Blog­sei­ten einer Sprach­ar­bei­terin. Was mich im Ber­uf um­treibt, ist seit mehr als neun Jah­ren Ge­gen­stand die­ses Blogs. Ich bin Dol­met­sche­rin und Übersetzerin und ar­bei­te mit den Sprachen Französisch und Englisch.

Immer wieder gerne verwendet bei Konferenzen mit seminarähnlichen Anteilen: Der Moderationskoffer!

Tadaaa — schicke Pins, küchenfrisch serviert
In ihm befinden sich Mo­de­ra­tions­kärt­chen und Pins, bunte Stifte und diverse Aufkleber. Dabei wird die prozesshafte Dynamik von Gruppen und ihre Diversität dafür genutzt, um am Ende zu von allen ge­tra­ge­nen Entscheidungen zu kommen.

Auch Lernvorgänge kann die Arbeit mit dem Mo­de­ra­tions­kof­fer sinn­voll unterstützen.

Nein, Neuland ist das für mich alles nicht, ich bin ja (auch) zer­ti­fi­zier­te Hoch­schul­dozentin für Soft Skills und Lernmethoden, nur die französischen Begriffe dazu ken­ne ich leider nicht, der Didaktikkurs fand in Berlin statt. Könnte ich bei Ge­le­gen­heit mal nachholen, auch wenn ich das dringende Gefühl habe, dass derlei im obrigkeitsstaatlichen Frankreich noch nicht sehr weit verbreitet ist. Mög­li­cher­wei­se muss ich die französischen Begriffe dazu sogar erst entwicklen. Arbeit als Ter­mi­no­lo­gin nennt sich derlei.

Pun Box
Korrigierte Version
Diese Woche: Zwei Kos­ten­vor­an­schlä­ge und Vor­be­rei­tung von Events zum The­ma Haus­tier­rech­te und zum The­ma Ge­werk­schaf­ten und Ge­flüch­te­te.

Ler­nen geht mit Hu­mor am bes­ten. In mei­nen ide­alen Mo­de­ra­tions­kof­fer müssten noch zwei Ki­lo Wort­spie­le mit rein. Na­ja, und die Pun-Box, da­mit sie nicht ver­rut­schen.

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Foto: C.E.

Sonntag, 4. September 2016

Landregen oder Husche?

Hallo, bon­jour, wel­come auf den Sei­ten mei­nes Blogs. Ich bin Über­set­zer­in und Dol­met­scher­in, lebe mit dem Her­zen in Paris, mein be­ruf­li­cher Stand­ort ist Ber­lin. Sonntags bringe ich gern das Sonntagsfoto, heute von der Sonn­tags­ar­beit.

Gegenlicht, angeschnitten die Dolmetscherin, die im "On" ist, ein Mann meldet sich
Subjektive "Einstellung" der 2. Dolmetscherin
Vom Morgen bis zum frühen Abend in der Kabine out of the box: Wir sitzen an der Rück­wand eines Ver­samm­lungs­saals oder inmitten der Ar­beits­grup­pen und dol­met­schen. Es geht einmal mehr um Geflüchtete, wobei auch etliche von ihnen direkt zu Wort kommen, was ich sehr wichtig finde. Außerdem sind einige Gäste aus dem eu­ro­päi­schen Ausland dabei.

Die Terminologie sitzt. Kein Wunder, bei der regelmäßigen und intensiven Be­schäf­ti­gung mit dem Thema. Das Publikum ist bunt, jung und alt, weiblich und männ­lich; die Berichte aus manchen westdeutschen Städten, dass sich dort überwiegend Frauen mit empty nest syndrome engagieren, kann ich bei diesem Ko­or­di­na­tions­tref­fen der Helferszene nicht beobachten. Manche(r) hat den Nachwuchs dabei. Nur die wirklich Alten fehlen. Die haben an diesem Sonntag wohl drin­gen­de­re Ter­mi­ne bzw. fühlen sich mit den neuen Kommunikationstechnologien in den sel­tens­ten Fällen sicher.

Aufteilung der Sprachen und Kanäle
Wir nennen es Dolmetschen
Sehr gefreut habe ich mich über den sy­ri­schen Arzt aus NRW, den ich wie­der­holt bei sol­chen An­läs­sen treffe. Er hat in ei­nem hal­ben Jahr Deutsch auf er­wei­ter­tem Small talk-Ni­veau ge­lernt. Sei­ne Frau sitzt, so erzählt er, von Mon­tag bis Mitt­woch im Sprach­kurs, er "durs­tig und Frei­tag", denn sie ha­ben zwei klei­ne Kin­der. Ein­mal um die Ecke den­­ken, thurs­day vs. thirs­ty, da hat Eng­lisch rein­ge­funkt. Ich er­klä­re, große Hei­ter­keit ent­steht.

Dann komme ich aufs Wetter zu sprechen, Blitz und Donner, Re­gen und Hagel ... und eben den ger­ma­ni­schen Wet­ter­gott Donar und seinen Donnerstag. Ich bin froh, denn er wirkt zum ersten Mal leicht.

Er hat sich sonst immer Vorwürfe ge­macht, weil er in der Heimat seine Praxis auf­ge­ge­ben hatte. Er sei nur der Frau und der Töchter wegen geflohen, sagte er, und weil sie sie die einzigen Über­le­ben­den seiner Großfamilie seien.

Als wir den Konferenzort verlassen wollen, bricht prompt ein Unwetter los. Land­re­gen oder Husche, das ist die Frage. Wir Dolmetscherinnen lachen, denn sofort rö­deln die Hir­ne und suchen nach Wörtern. Es war übrigens eine Husche, die nach Er­rei­chen der eigenen Wohnung zum Landregen wurde. Letzteren nennen die Fran­zo­sen une pluie de longue durée, Dauerregen also. Und komisch, in der Groß­stadt zu sitzen und in den Him­mel zu schauen und von dort ausgerechnet von Landregen an der weiteren Abend­planung gehindert zu werden.


Vokabelnotiz
Regenguss oder Platzregen — pluie d'abat
Schauer — averse
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Foto: C.E.; merci beaucoup, A. aus L.,
für die freundliche Unterstützung!

Donnerstag, 1. September 2016

La Rentrée (9)

Bonjour, hallo! Hier bloggt eine Spracharbeiterin. Wo immer Sie mich brauchen, ich leihe Ihnen gerne meine Stim­me. Neben Französisch (Aus­gangs- und Ziel­spra­che) ar­bei­te ich aus dem Eng­li­schen. Hier schreibe ich seit 2007 über meinen Alltag.

Schulklasse unter Bismarck
Knabenschule (im Winter)
La Rentrée, die (gefühlte) Neun­te! In Frankreich beginnt heute die Schule, es ist der Auftakt zur 5. Jahreszeit ... oder ist heute doch eher ein zweites Sylvester? In wiefern die Zeit vom 1. September bis Mitte/Ende Oktober un­ter die­sem Be­griff alle politische Le­bens­be­rei­che erfasst hat, habe ich schon oft be­schrie­ben. Hier zum Beispiel, vor sechs Jah­ren.

In Frankreich berichten die Medien über die Kosten, die der Schulanfang auslöst, für Bücher, Schreibzeug, Tuschkasten; das sind Berichte, die sich jedes Jahr aufs Neue sen­den ließen, unverändert, mit Ausnahme der Summen. In Frankreich scheint das eine Frage zu sein, die so politisch ist, wie es einstmals der Brotpreis war.

Die Sommerpause ist vorbei, auch in meinem Büro. Der Sommer dauert allerdings noch bis zum 21., denn die Idee mit dem "Herbstanfang" am 1.9. war ein Einfall der Statistiker und Buchhalter, die vollständige Monate brauchen für ihre Zahlen und Tabellen. Auch das habe ich hier schon mal irgendwo geschrieben. Heute möch­te ich es nochmal betonen, da die in Berlin Gebliebenen den Eindruck haben, dieses Jahr eigentlich bislang nur eine Jahreszeit plus drei halbe Wochen Hitze er­lebt zu haben.

Lauter Unschärfen in der Zeitwahrnehmung! Irgendeine Newsgroup sendet mir heu­te Morgen eine Mail mit dem Titel "Gewinnplan für das zweite Halbjahr". Ja, dem Gefühl nach beginnt jetzt irgendwie die zweite Jahreshälfte. Ich bin auch noch nach Jahrzehnten der bewussten Wahrnehmung immer überrascht, wie lange das erste Halbjahr dauert und wie rasch das zweite vorübergeht. Schuld ist der som­mer­li­che Müßiggang, der irgendwie nicht mitzuzählen scheint. Der Running gag meines Vaters im Sommerurlaub ist immer der Satz um den 24. August herum: "Kinder, in vier Monaten ist schon wieder Weihnachten!"

Das führt mich direkt zu dem Vorschlag, den mir mein Ordnungssinn unterbreitet. Er schlägt eine Drittelung des Jahres vor. In Vier-Monats-Paketen ist das Ganze so viel logischer! Wobei ich wieder in Frankreich bin. Das Schuljahr ist dort nämlich nicht in Halbjahre, sonder in trimestres unterteilt. Und für mich als Deutsche ist der 1. September auch immer das Erinnern an den Wehrmachtseinmarsch in Polen, der Anfang des 2. Weltkriegs. Ist die deutsch-französische Freundschaft, eine See­lenverwandtschaft gar, überhaupt möglich unter Völkern, die so unterschiedlich ticken, zählen und rechnen?

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Foto: privat (Das Bild lässt sich, in ein
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