Dienstag, 13. September 2016

Mark Twain (3)

Hello, bonjour, hallo! Was Dolmetscher und Übersetzer so erleben, schreibe ich hier auf. Und dabei beobachte ich den Alltag. Blick in die Werkstatt, die an­ge­kün­dig­te Fortsetzung.

Am Wochenende habe ich ein klassisches Mark-Twain-Zitat neu übersetzt, dessen deutsche Fassung nicht ganz gelungen schien. Gestern habe ich hier darüber be­rich­tet.
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The difference between the almost right word and the right word is really a large matter. ’tis the difference between the lightning bug and the lightning.

Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem fast richtigen ist der glei­che wie zwischen einem Zitronenfalter und einer Zitrone.
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Was habe ich über das gestern Beschriebene hinaus noch gemacht bzw. un­ter­las­sen? Das Original braucht zwei Sätze für den Gedanken, die deutsche Fassung alter (und neuer) Form kommt mit einem Satz aus. Hier könnte ich eventuell nochmal ansetzen. Derzeit ist das allerdings eine Zeitfrage.

Schauen wir uns nochmal die gängige Übersetzung an: "Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen ist derselbe Unterschied wie zwi­schen dem Blitz und einem Glühwürmchen.“ Richtig gestört hat mich das "beinahe Richtige". Zunächst mal: Es gibt kein halb richtig, genauso wenig wie ein bisschen Frieden oder ein bisschen schwanger möglich sind. (Danke, Uta!) Etwas ist ent­we­der richtig oder es ist falsch. Nuancierungen sind fehl am Platz, auch, wenn es manche Leute verwenden: "richtiger" ist einfach falsch.

Und dann gibt's die Situation in der Schule. Ein Kind antwortet etwas, es ist aber noch nicht ganz das, was die Lehrerin erwartet hat, die zum Weiterdenken er­mu­tigt: "Das ist fast richtig!" wird sie spontan wohl eher sagen als "Das ist beinahe richtig!" Fast vs. beinahe, eine vs. drei Silben (auch wenn das Original sich hier zwei Silben lang Zeit lässt), gebräuchlich vs. ein wenig veraltet (auch wenn ich solche Begriffe als verbalen Artenschutz gerne pflege).

Was eindeutig falsch war, war "derselbe Unterschied". Derselbe ist immer ein- und derselbe; in "der gleiche" steckt der Vergleich schon drin.

Gesehen im Bezirk Prenzlauer Berg
Diese Merkszene hier ist ein­fach: Stellen wir uns eine Zwillingsmutter vor, sie hat gerade Schulranzen gekauft, ein- und dasselbe Modell in zwei verschiedenen Farben, der besseren Un­ter­scheid­bar­keit wegen.

Sie kann sagen: "Meine Kinder haben den gleichen Ranzen und denselben Vater."

Und klar ist für Leser auch: Die Kinder müssen sich nicht einen Ranzen teilen, den Vater aber schon.

Zurück zu Twain. So wie er habe ich erst das Tier genannt, dann die Naturgewalt. Was ich nicht angerührt habe, ist die Grundstruktur der Über­set­zungs­vor­la­ge. Im Original sind es zwei Sätze und eine starke Aussage: ... is really a large matter, das ist wirklich ein großes Thema, ein bedeutender Unterschied. Mir hat die Zeit gefehlt, andere Varianten in Betracht zu ziehen. Vielleicht ist es auch gut, den bereits eingeführten Duktus zu behalten und nur einzelne Wörter zu ver­än­dern. So, jetzt arbeite ich rasch weiter, denn: siehe Foto.

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Illustration: C.E.

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