Dienstag, 12. Juli 2016

Vermischtes

Hallo! Sie lesen im 1. Blog Deutschlands aus der Inneren der Dolmetscherkabine. Ich bin Französischdolmetscherin und übersetze derzeit in Berlin, allerdings keine beglaubigten Urkunden.

Bienen und Blüten
Bee Berlin
Auf dem Schreibtisch: Ge­schich­te, allgemeine Politik und Texte zur Vorbereitung von Dreharbeiten. Ach, und Untertitel erstellen darf ich auch bzw. her­aus­fin­den, wel­ches Un­ter­ti­tel­text­for­mat für eine neue Version des Schnitt­pro­gramms mit Namen Avid tauglich ist, wobei ich mich in die ent­spre­chen­de Software erst wieder einarbeiten muss. Das braucht Zeit.

Der Hauptrechner ist derzeit in der Werkstatt, also nutze ich die Gelegenheit, um auch den Reiserechner aufzuräumen. Und den Hofgarten und den Balkon zu be­ackern. Il faut cultiver notre jardin, wusste schon Voltaire, "wir müssen unseren Garten pfle­gen".

Zwischendurch lese ich in dicken Wälzern. Und wo ich gerade mitten in der Welt­ge­schich­te stecke, dort halte ich mich ich in Vorbereitung des übernächsten Ar­beits­ein­sat­zes auf, folgt hier noch ein Sichtungs- und Medientipp. Einer der Pro­du­zen­ten, für die ich regelmäßig arbeite, Felix Moeller, hat einen Film über den Um­gang mit dem Filmerbe des Dritten Reiches gedreht, der neulich zu nächt­li­cher Stunde im öffentlich-rechtlichen Fernsehen lief.

Noch ist er in der Mediathek des SWR zu sehen, wie lange noch, darüber gibt die Webseite leider keine Auskunft, ich schätze bis einschließlich 14. Juli, dass hier die Wochenregel greift. Also rasch hin zu "Verbotene Filme - Das Erbe der Nazi-Kinos".

Und wer sich über die Programmstruktur ärgert, in dem die besten Sachen zu nacht­schla­fe­ner Zeit laufen und die Tatsache, das wir Tagwachen nur Catch up-TV (wörtlich:Aufhol-TV) in den Mediatheken angeboten bekommen, solange wir keine on­line­fä­hi­ge Glotze kaufen, und wen zudem noch stört, dass die Sender das Geld aus Sicht vieler falsch verwenden, der lese, was Claudius Seidl schon 2014 in der FAZ über den Götzen Quote publiziert hat: Die große Quoten-Lüge.

Diese ach so fremde Quote scheint kalt lächelnd über allem zu thronen und noch den letzten geschmacklichen Fehlgriff zu rechtfertigen. "Der Zuschauer da drau­ßen" dürfe nicht über­for­dert werden, hat es schon in meinem ersten Berufsleben geheißen, vor mehr als 20 Jahren, als ich TV-Redakteurin war. Dabei sehen immer weniger Menschen fern.

Noch ein Lesetipp, hochgradig aktuell: Die Süddeutsche Zeitung widmet der Schwie­rig­keit, über die Polizeigewalt in den USA zu berichten, einen Artikel. Im Kern stünden dabei Übersetzungsprobleme. Unter dem Titel "Warum Gewalttaten in USA sich schwer übersetzen lassen" schreibt Jörg Häntzschel: "Mit "Schießerei" lässt sich ein shooting wie das von Dallas jedenfalls nicht übersetzen. Schießerei, das klingt nach Clint Eastwood, wiehernden Pferden und splitternden Whis­key­fla­schen ..."

Ein anderes Wort sei police shootings. Hier stellen wir uns ein Aufschaukeln zwi­schen einer verschanzten Mafia und Polizisten in Mannschaftsstärke vor. Das Pro­blem sei hier allerdings, dass man es in den USA oft gerade nicht mit Es­ka­la­tio­nen zu tun habe, in der es zu letalen Einsätzen durch die Polizei kommen könne. Weitere Begriffe: shooter, mass killings bzw. mass shootings, wo­bei das mass hier schlicht "Masse" be­deu­tet.
 
Der Hintergrund der übersetzerischen Klemme, das weiß jeder Übersetzer aus dem Effeff, liegt in den anderen Verhältnissen hierzulande. Nur für school shootings gibt es hierzulande schon einen verwendeten Begriff, auch wenn das Wort "Schule" rausfällt und damit der ganze so­zial­po­li­tische Hintergrund: Amoklauf.

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Foto: C.E.

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