Donnerstag, 29. Dezember 2016

Museum der Wörter 15

Hallo, hier bloggt eine Spracharbeiterin. Heute im Wörtermuseum: Begriffe, die (nach unserem Eingreifen) unseren Kunden fehlen. Und es wäre zu schade, hätten wir sie im ablaufenden Jahr nicht gesehen. Wir haben uns jedenfalls tierisch ge­freut.
            
  R
indergarten, Froschung, Schweinwerfer.

   

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Idee: H.F.

Sonntag, 25. Dezember 2016

Fest des Lichts

Im zehn­ten Jahr bloggt hier eine Fran­zö­sisch­dol­met­sche­rin und -über­set­ze­rin. Die dun­kels­ten Tage des Jah­res gehören den Fa­mi­lien, der Ruhe, den Büchern, der Kul­tur, der Besinnung.

Happy Festival of Lights!


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Foto: C.E.

Dienstag, 20. Dezember 2016

Vorweihnacht

Bon­jour, hello, guten Tag! Hier bloggt seit fast zehn Jah­ren eine Über­set­ze­rin und Dol­met­sche­rin mit Ber­ufs­wohn­sitz Ber­lin.

Zum Teil vom Weihnachtsmarkt
Berlin am Abend nach dem At­ten­tat, we­ni­ge Tage vor Weihnachten. Um drei hat die Däm­me­rung eingesetzt, um vier ist es fast schon dun­kel. Die Menschen schauen ein­an­der län­ger in die Augen als sonst in der U-Bahn, grüßen ihre Mitmenschen freund­­li­­cher auf der Treppe als sonst, fra­gen nach beim Par­lan­do mit dem Bäcker.

Beim polnischen Edeltrödler um die Ecke, der einen Kaminofen hat, sitzen die Kun­den, erkundigen sich nach De­tails man­cher Objekte, bekommen Tee an­ge­bo­ten, brin­gen Vor- und Nachteile von diesem und jenem potentiellen Geschenk ins Gespräch und fangen an zu plau­dern und zu er­zäh­len.

Die Menschen nehmen sich bewusst oder unbewusst mehr Zeit, sitzen in den un­glei­chen Sesseln und auf unterschiedlichen Sofas und Hockern rum; Englisch, Spa­nisch und Deutsch verschiedenartigster Zun­gen höre ich.

Ein neuer Holzscheit wird nachgelegt. Es ist Tag eins nach dem Attentat auf dem Weihnachtsmarkt. Hass und Gewalt sind keine Antwort, alle sind sich einig. Es hat auch nichts mit den Flüchtlingen zu tun: Die Geflüchteten haben genau das hinter sich lassen wollen, was jetzt auch Deutschland trifft. Am Rand werden die Vorteile von Rotmarderhaar im Aquarellpinsel ver­han­delt, und zwei Globen stehen zur Aus­wahl, der eine zeigt Deutschland in den Grenzen von vor dem 2. Weltkrieg. Aus welcher Stadt stammt der Trödler nochmal? Danzig/Gdansk?

Die Minuten scheinen sich zu dehnen. Und bei alldem das Wissen darum, dass der Täter in dieser langen Nacht noch unterwegs ist in der deutschen Hauptstadt. Dann schnell nach Hause, Geschenke einpacken.

Dort finde ich die Nachricht eines amerikanischen Kollegen vor, der in Berlin lebt: One good thing about the terror attack is that my neighbours started talking to me in the staircase, finally! What an icebreaker... (...) This is a good sign folks. If Berliners can become cordial to each other after this kind of thing, then my faith in humanity might just be restorable.
 
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Foto: C.E. (Thank you, Jacob!)

Freitag, 9. Dezember 2016

Eco

Bonjour, hello, guten Tag! Hier bloggt um die 200 Ta­ge im Jahr eine Dol­met­sche­rin und Übersetzerin für die fran­zö­si­sche Spra­che (und aus dem Eng­li­schen) über den Ar­beits­all­tag und sprachen­re­le­van­te The­men.

"Europe's language is translation."
Umberto Eco

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Foto: folgt

Dienstag, 6. Dezember 2016

Übersetzung in Bewegung

2. Übersetztes Hochrad
Von einer alten Werbeschrift
Hallo, hier bloggt eine Dol­met­sche­rin und Über­set­zer­in über den Berufsalltag.

Übersetzung in jeder Form ist für uns professionelle Über­set­ze­rinnen und Über­set­zer na­tür­lich in­te­res­sant.

Hier, was beim ges­tri­gen Spa­zier­gang mei­ne Auf­merk­sam­keit er­reg­te.


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Foto: C.E.

Montag, 5. Dezember 2016

Visuelles Lernen

Bon­jour, hello, guten Tag! Hier bloggt seit fast zehn Jah­ren eine Über­set­ze­rin und Dol­met­sche­rin. Die Kon­gress­sai­son ist zu En­de, ich keh­re nach Ber­lin zu­rück. Und ich küm­me­re mich um meine Wort­schät­ze, auch um man­che al­te.

Hadopi und Urheberrecht, visuell dargestellt
Lexik von 2011
Andere sammeln Münzen, Schmet­ter­lin­ge oder Kunst, unsereiner sammelt Wörter. Manches lässt sich wunderbar visuell nutz­bar machen. Zur Nachsaison gehört auch, sich regelmäßig die eine oder andere Le­xik vorzunehmen und zu durchdenken. Visuelle Lösungen liebe ich sehr, ich lerne akustisch, visuell und kinästhetisch.

Von der Lexik auf der rech­ten Seite muss ich demnächst mal eine Aktualisierung zeichnen, die Situation hat sich geändert. (Das Bild lässt sich, in ein anderes Fenster geladen, vergrößern.)

Wichtig ist es, den eigenen Lerntyp zu ken­nen. Gute Lehrer helfen einem dabei.

Sehr oft mischen sich bei uns die Lerntypen, und es kommt nur darauf an, dazu passende Arbeitsmethoden auszuwählen. Über Bildglossare habe ich bereits hier geschrieben.

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Foto: C.E. (Archiv)

Freitag, 2. Dezember 2016

Global language?

Hallo, hier bloggt eine Dol­met­sche­rin und Über­set­zer­in über den Berufsalltag. Mei­ne Ar­beits­­spra­chen sind Fran­zö­sisch (aktiv und passiv) und Englisch (nur pas­siv) ...

Stimmungsvoller Kongressort (in Brüssel)
Arbeitsgruppenphase im Rah­men einer europäischen Kon­fe­renz in einem perfekt aus­ge­stat­te­ten Kongress­zen­trum. Es werden drei po­ten­tiell drei­spra­chi­ge Ar­beits­­grup­pen mit Menschen aus diversen Ländern gebildet.

Die Veranstalter bieten dazu Ver­dol­met­schung an. Wir ha­ben dazu ein Experiment in Angriff genommen.

Die jeweils ca. 60 Zuschauer in den drei Räumen ähneln sich: Jung und alt sind bunt gemischt, diverse Herkünfte und Berufstätigkeiten, Eingeborene und Zu­ge­wan­der­te, Menschen von der Basis, Familienangehörige, Fachleute, keine Kohorte dominiert. Ein echtes Durch­schnitts­pu­bli­kum! Es geht um ein sozialpolitisches The­ma.

Zu Beginn werden die Dolmetschsituation kurz vorgestellt. Dann wird der Dol­metsch­be­darf abgefragt. Die Arbeitsgruppenthemen sind vergleichbar.

Die 1. Gruppe hört die Frage: "Wer spricht nicht ausreichend gut Englisch und braucht Verdol­metschung ins Franzö­sische und Deut­sche?"
Die 2. Gruppe hört: "Wer hätte gerne die Debatte gern ins Franzö­sische und Deut­sche gedolmetscht?"
3. Gruppe: "Wer möchte lieber Französisch und Deutsch hören, wir haben hier Dolmetscher." (Mit einer raum­greifenden Geste werden zwei daneben­stehende Dolmetscher präsentiert.)

Spannend waren die Antworten. Bei Gruppe eins hat sich kaum jemand gemeldet. Einzugestehen, dass man nicht gut genug die Weltsprache Englisch beherrscht, scheint für viele Menschen ein Anlaß zur Scham zu sein.

Die zweite Gruppe hat die meiner Meinung nach neutralste Frage gehört. Hier war der "Rücklauf" schon beachtlich.

Umwerfend war die Reaktion auf die dritte, positive Frage. Es gab sogar Vor­schuss­lor­beeren für die Kolleginnen in Form von Spontanapplaus.

Eine Stunde später: Beobachtung der Dis­kus­sions­si­tua­tion in den drei Räumen. In der offen mehr­spra­chi­gen Gruppe lässt sich die lebendigste Teilnahme beobachten, sowohl, was die Anzahl der Redebeträge, als auch, was die Vielfalt der Red­ne­rin­nen und Red­ner angeht. In den anderen Grup­pen ist die Teil­nah­me er­war­tungs­ge­mäß beachtlich bzw. reduziert.

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Foto: C.E. (ein anderes Event)

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Alltag

Hallo! Sie haben die Seiten eines Berliner Blogs angesteuert (oder die Postings abonniert). Hier schreibt eine Dolmetscherin ... über Sprache und den Arbeits­all­tag.

Vokabellernschreibtisch
Grip­pa­len An­flug aus­ku­rie­ren, Vo­ka­beln ler­nen und Papiere sortieren steht auf dem Programm, denn nach dem Eisatz ist immer auch vor dem Einsatz. Was ich heute lerne, brauche ich morgen viel­leicht gar nicht, aber dann über­mor­gen oder zu einem anderen Termin, das ist die geheime Regel.
Etliche im November hier und da auf­ge­sam­mel­te oder er­le­se­ne Be­grif­fe kopiere ich aus den Fach­wör­ter­lis­ten in meine Lern­le­xik, in der auch Re­de­wen­dun­gen ste­hen und in der Englisch, Deutsch und Fran­zö­sisch vorkommen. 
Seit Oktober ist diese um gut 1000 Wör­ter länger geworden, also um 16,39 Begriffe pro Tag.

Do­lmet­schen ist Fleiß­ar­beit und Aus­dauer, und die Arbeit in der Ka­bi­ne ist eine selt­sa­me Mi­schung aus Sprints und Ma­ra­thon.

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Foto: C.E. (Archiv)

Montag, 28. November 2016

Auf dem Schreibtisch XXXVIII

Guten Tag oder guten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­ta­ge­buch hinein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­schen, Über­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­mitt­lerin ar­bei­te ich in Pa­ris, Berlin, Marseille und dort, wo man mich braucht. Heute wieder: Blick auf den Schreibtisch.

... und auf dem Schreibtisch liegen zur Bearbeitung oder für das Angebot oder die Mittelfristplanung:

Büro auf Reisen
⊗ Filmherstellung + -ästhetik
Afrika und Demokratie
⊗ Ökonomie in Verbindung mit Ökologie
⊗ Nachlese Finanzwirtschaft
⊗ Frauen in der Film­wirt­schaft
⊗ Buch von Mariétou Mbaye in Ruhe fertiglesen
⊗ Nachbereitung Commons und Lebens- und Arbeits­wirk­lich­keit der Kreativwirtschaft
⊗ Marokko

Die ersten Buchungen für den März sind im Kasten. Es gibt noch freie Termine im Winter, in dem es aber immer ruhiger ist. Dann kann ich endlich wieder meine Aqua­rell­far­ben aus der Kommode nehmen!

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Foto: C.E. (von gestern)

Sonntag, 27. November 2016

Mariètou

Hier bloggt im zehn­ten Jahr ei­ne Dol­met­sche­rin und Über­set­ze­rin über den Be­rufs­all­tag. Der Sonntag ge­hört dem Sonn­tags­fo­to.

Zwei bestgelaunte Damen ...
Kleidung und Bernsteinketten waren nicht abgesprochen!
Sie wirkt eher zart, wie sie neben mir auf der Bühne sitzt. Aber ihre Energie wird bald deutlich: Sie spricht mit fester Stimme, gestikuliert, richtetet sich auf und streckt die Brüste raus, als es um die Rolle von Frauen geht ("Bin ich eine Frau? Na klar bin ich eine Frau!"). Ihr Lachen ist um­wer­fend, ihre positive Zu­ge­wandt­heit zu den Mit­men­schen auch.

Buchlesung im Bezirk Prenzlauer Berg. Die senegalesische Schriftstellerin Mariètou Mbaye alias „Ken Bugul“ ist in Berlin, um ihr Buch "Riwan oder der Sandweg" vor­zu­stel­len. Das Buch wurde von einer afrikanischen Kommission zu einem der 100 wich­tigsten afrikanischen Bücher des 20. Jahrhunderts gewählt und erhielt den be­deu­tends­ten afrikanischen Literaturpreis, den Grand Prix Littéraire de l’Afrique Noire.

Ihre Energie kann ich auch an Länge und Intensität ihrer Wortbeiträge ablesen. Manchmal unterbricht sie der Moderator, wenn sie mir keine Pause fürs kon­se­ku­ti­ve Dolmetschen lässt. Kurz wirkt sie ein wenig beleidigt, zieht eine "Fluntsch", dann lacht sie und spornt mich an.

Solche Begegnungen liebe ich. Da vergesse ich, dass ich am Morgen in Brüssel um fünf Uhr aufgestanden und wegen eines verspäteten Zugs sogar noch auf fremden Bahnhöfen rumlungern durfte.

Nach drei Stunden Autorenlesung mit Einleitung, Schilderung ihres Lebenswegs und Publikumsfragen stoßen wir mit Schaumwein an. Danke, Mariètou, und Danke, AfricAvenir!

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 Foto: privat

Freitag, 25. November 2016

BRU (II)

Hello, bonjour, guten Tag! Hier bloggt eine Sprach­ar­bei­te­rin. Während der Un­ter­mie­ter mein Berliner Heimbüro nutzt, neigt sich meine Herbstsaisonrundreise langsam dem Ende zu.
 
Copyright laws, intellectual property, crea­tive commons and working conditions re­la­ted to all that, this will be the issue of the next conference.

#1nt
#interpreting
#Brussels

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Foto: C.E.

Donnerstag, 24. November 2016

BRU (I)

Bon­jour, hello, guten Tag! Hier bloggt ei­ne Fran­zö­sisch­dol­met­sche­rin und -über­set­ze­rin über ihren Alltag (Ich übersetze auch aus dem Englischen). Ich arbeite in Berlin, Paris, Köln, Lyon, Saarbrücken ... und manchmal auch in Brüssel.

Skulptur mit "Sprung"
Ein kurzer Sprung nach Brüssel. Ein Kol­le­ge, der fest vor Ort arbeitet, erzählt mir, dass in Brüssel das Wort "Architekt" auch ohne quali­fi­zie­rendes Adjektiv als Schimpf­wort gelten würde. Die Produkte dieser Damen und Herr­en wirken auch auf mich an vielen Stellen nicht über­zeu­gend und so, wie ich sie von mei­nen bis­lang fünf Blitz­be­suchen in Erinnerung hatte.

Am Nordbahnhof empfangen mich die üb­li­chen EU-Ver­wal­tungs­gebäu­de, Wol­ken­krat­zer in Serie; ein Viertel, dessen Häu­ser­fron­ten den kühlen Wind erst richtig zu be­schleu­ni­gen scheint.
Alte Häuser, Skulptur, EU-Trumm
Später, inmitten normaler städtischer Bebauung, dann andere Trumms. Ich muss an Kreuzfahrtschiffe in der La­gu­ne von Venedig denken. Die Gebäude hier wirken wie rie­si­ge Ozeanriesen, die auf in­zwi­schen verlandeten Ka­nä­len in die Altstadt rein­ge­schip­pert und dort stecken­ge­blie­ben sind.


Quadrate, bunt beleuchtet, als Weihnachtsdeko
Brüssel-Impressionen
Später vertrete ich mir die Beine. Der Weihnachtsmarkt wird gerade aufgebaut. Die Lichtdeko zur Adventszeit, die in fast jeder Straße an­ders ist, zeigt hier zu­min­dest ganz klar an, wo­rum es bei dem Fest der Feste geht: Sie stellt Ge­schenk­pa­ke­te dar.

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Fotos: C.E.

Mittwoch, 23. November 2016

Ausstieg rechts

Bonjour, bienvenue, welcome und guten Tag! Hier bloggt eine Sprach­ar­beiterin. Den Alltag von Kon­fe­renz­dol­metschern und Über­setzern bekommen Sie hier aus erster Hand mit. Meine Hauptarbeitssprache ist Französisch. Wir stecken noch immer in der Hauptsaison ...
 
Ankunft an einem Kopfbahnhof ... in Paris, Leipzig oder Frankfurt. Der Zug bremst, hält. Eine Durchsage: "... der Ausstieg ist in Fahrtrichtung rechts."

Reisende verlassen den Zug
Im Kopfbahnhof
Der Dolmetschkopf analysiert sofort alles. Be­rufs­(ver)­bil­dung = (dé)for­ma­tion pro­fes­sion­nelle.

Der Zug steht. Gleich wird er den Kopf­bahn­hof wieder ver­las­sen. Es stehen hier also zwei Fahrt­rich­tun­gen zur Aus­wahl, allerdings nicht für die kon­kre­te Si­tua­tion, denn au­gen­blick­lich hat der Zug keine Fahrt­rich­tung mehr.

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Foto: C.E.

Dienstag, 22. November 2016

9. Arbeitsplatz in Folge: Küche

Was Dol­­­met­­­scher und Über­­­setzer ma­­­chen, ist der brei­­­ten Öf­­­fent­­­lich­­­keit oft nicht ge­­nau be­­kannt. Hier schrei­­be ich da­­rü­­ber. Heute: Fortsetzung der Bilder meines mobilen Arbeitsplatzes.

Rechner, Zeitschrift "Spektrum der Wissenschaften" spezial, Blumen
In der Küche des Bruders
Phasenweise ständig von Leuten und Stimmen um­ge­ben zu sein führt dazu, dass unsereiner Stille und ruhiges Arbeiten als andere Qualität wahrnimmt.
Heute: Einen halben Tag ler­nen, blog­gen, Termine ma­chen, Rechnungen schrei­ben. Als Kind einer Großfamilie kann ich immer wieder einen er­wei­ter­ten Heimathafen an­steu­ern.

Und das sogar dann, wenn die Reiseroute anders geplant war. Das tut gut.

Ich bereite nach: Wahlen in den USA und anstehende Wahlen in Europa, ich bereite vor: die nächste Runde der Gespräche über die Zukunft der Arbeit. Das Vokabular der Architekten habe ich gestern vollständig dokumentiert. Zwischendurch lese ich in einer populärwissenschaftlichen Zeitschrift und freue mich über die Arbeit eines an­de­ren Geschwisters.

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Foto: C.E.

8. Arbeitsplatz in Folge: Die Lounge

In ei­nen Blog aus der Ar­beits­welt sind Sie he­rein­ge­ra­ten: Bon­jour und herz­lich will­kom­men! Hier schreibe ich über die manchmal sehr vielseitigen Momente meines sprachbetonten Alltags.

Konzentriert vor Tagesanbruch
"Drei Mitte oder vier unten?" ... "Das ist schon mehr als wenig!" ... "Wieviel Prozent Flughöhe?" So richtig verstehe ich nicht, worum es beim Verhandeln geht, aber die Herren kennen sich und haben ihren Jar­gon. Zur Mittagszeit sitzen wir mit Bröt­chen in einer Bürolounge. Vorbereitet hat­te ich mich auch noch in der Flug­ha­fen­lounge am Aéroport Charles de Gaulle, am Abend werde ich die Lounge wechseln fürs Chillout. Klingt al­les sehr entspannt. Ist es aber nicht.
Die Nachfragelage in meinem Beruf ist schwankend. Vier Monate im Jahr passiert fast nichts, vier Monate haben wir ei­ni­ger­ma­ßen zu tun, weitere vier Monate, im Frühling und im Herbst, rappelt die Kiste.

Dann gibt es schon mal Reise- und Dolmetschphasen von acht oder 14 Tagen am Stück. Daher ist es übrigens so wichtig, dass uns Vorbereitungsmaterial mit aus­rei­chend langem Vorlauf zugeht.

Zurück in die Bürokomplexlounge. Neben mir zeichnen zwei Architekten Baupläne um, eine Statikerin will Zahlen. Die Investoren haben eine neue Führungsebene, also gibt es neue Vorgaben. Es geht um Krankenhausbauten mit angrenzenden Pfle­ge­rin­nen- und Pflegerwohnheimen.

Grundrechenarten
Ich kenne die Kunden und ergän­ze pa­ral­lel dazu die Vokabelliste. In der Kaf­fee­pau­se bitte ich um die Definition des Wor­tes "Sa­ni­tär­stand". Der Archi hat nur das al­ler­letzte Wort gehört und erklärt mir den Weg zu den Toiletten ... Merke: Der Sa­ni­tär­stand ist die Einheit aus Klosett- und Handwaschbecken.
Über vier Stunden warten wir bzw. dürfen zu einzelnen Bauwerken immer wieder etwas vortragen. Wenn es um Zahlenwerk geht, dürfen wir wieder in der Lounge Platz neh­men. Am anstrengendsten sind hier das Warten und der Stress der Si­tua­tion an sich. Die Arbeit selbst ist Erholung pur. Läuft! Bei der nächsten Planungsstufe sehen wir uns wieder.

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Fotos: C.E.

Montag, 21. November 2016

7. Arbeitsplatz in Folge: Die Schlafmaschine

Herz­lich Will­kom­men auf den Blog­sei­ten einer Sprach­ar­beiterin. Hier den­ke ich regelmäßig über den All­tag der Welt der Kon­fe­renz­dol­metscher und Über­setzer nach. Meine Hauptarbeitssprache ist Französisch. Wir stecken derzeit mitten in der Saison ...

Vending machine
Am Flughafen im Hotel übernachten, weil es am Morgen drauf zu nachtschlafener Zeit weitergeht: Ein Haus mit 800 Betten, am Rand des Foyers lauter Self service-Restaurants und vending ma­chines, Au­to­ma­ten für Getränke, Toi­let­ten­ar­ti­kel, Snacks, irgendwo geht eine Dame durch einen Gang und übt Ko­lo­ra­tu­ren, ein Papa hilft seinem Gör, beim Hüp­fen von Sessel zu Sessel nicht auf den Bo­den zu fallen, in einer Ecke sitzt barfüßig eine Japanerin und starrt auf ihr Smart­phone, dann tippt sie, dann lacht sie.

Von rechts kommen laut einige Ame­ri­ka­ner und gehen essen. Der Empfangsdesk hat Pause und unterhält sich über Politik.

Irgendwie verhalten sich alle, als wären sie alleine. Im Hintergrund kreuzen Rei­sen­de mit Rollkoffern das Bild in alle Richtungen. Eine große Theaterbühne: Ich setze mich hin und schaue eine Weile zu, lasse dieses Stück, das wie eine Mischung aus Tanztheater und Schauspiel anmutet, auf mich wirken.

Gleich weiterlernen
Ein Foto davon habe ich nicht. Hier sind der Zeitfaktor und die Größe der Bühne wichtig. Der Fotoakku ist alle; ich hätte mich wohl auch nicht getraut, das wild rumzuknipsen.

Irgendwann schleiche ich müde ins Zim­mer, Sonntagabend, ein großes Bett, Re­gen­tropfen auf der Glasscheibe dieser Schlafkabine mit als Block irgendwann mal eingeschwebter Nasszelle aus Plastik, im TV hält Sarkozy seine Abschiedsrede, er ist bei den Vorwahlen der Rechten Dritt­plat­zier­ter geworden.

Auch eine Form von Theater.

Kurzschlaf, dann bereite ich den nächsten Einsatz vor, es geht um Architektur, und te­le­fo­nie­re noch ... mit Blick aus dem Fenster.

Am Morgen drauf werde ich 40 Minuten bis zum Flugsteig brau­chen bei minimalen We­gen. Back to reality.


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Fotos: C.E.

Sonntag, 20. November 2016

6. Arbeitsplatz der Woche: Bei den Landwirten

Bon­jour, hello, guten Tag! Hier bloggt ei­ne Fran­zö­sisch­dol­met­sche­rin und -über­set­ze­rin ... derzeit aus Paris. Der siebente Tag gehört dem Sonntagsfoto.

Mikro, Beamer, Rechner, Holzdecke
Technik trifft Holzdecke
Was bedeuten Brexit und die Wahl Trumps für Europa und die künftige Politik im Bereich Landwirtschaft, Tier- und Na­tur­schutz, Arbeitnehmerrechte und Märkte? Fragen, die uns diesen Sonntag in der Nä­he von Paris beschäftigen.

Wir kommen beizeiten an und werden fast nicht wahrgenommen. Alle haben die Na­sen in ihren Vorlagen, sind konzentriert.
Wir schleichen in unsere Kiste, lesen auch noch Neues fertig und stellen uns wenig später durch die Arbeit vor, durch unsere Stim­men. Die knapp 20 Teil­neh­mer rea­gie­ren fast physisch auf uns, schauen uns an und kom­­mu­­ni­­zie­ren gestisch, wir ant­wor­ten.

Oder klopfen ans Fenster, wenn mal wieder jemand vergessen hat, sein Mikro an­zu­schal­ten. Die Scheibe aus Glas wirkt zwischendurch, als wäre sie aus Luft. (Viiiiiiel besser, als dieser One way-Screen, le miroir sans tain), von letzter Woche.

In der Kaffeepause kommen die ersten zu uns, fragen nach Feed back zu ihren Vor­trä­gen ("War ich zu schnell? Ich bin immer zu schnell!") und zeigen sich erfreut über unsere Arbeit. Vor der Wiederaufnahme der Arbeit wird eine Liste rum­ge­reicht mit der Voranmeldung fürs Abendessen. Eine der Teilnehmerinnen meldet sich sofort und fragt: "Kommen die Dolmetscherinnen mit ins Restaurant?"

Dolmetschen ist Teamarbeit. Immer. Hier besonders.

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Foto: C.E.

Samstag, 19. November 2016

5. Arbeitsplatz der Woche: Irgendwo nirgendwo

Kleine Wo­chen­über­sicht, wobei ich vor lau­ter Ar­bei­ten gar nicht die Ar­beits­or­te in der Rei­­hen­­fol­ge ihres An­steu­erns zeigen kann, da kommt noch was im De­zem­ber. Hier schreibt und denkt eine Übersetzerin und Dolmetscherin für die französische Sprache.

Passend zu den Retro-Gedanken ...
Eine wunderbare englische Orts­be­schrei­bung lautet In the middle of nowhere, inmitten von nirgendwo, wobei mir die Mitte hier auch schon zu konkret vor­kommt, siehe Titel.

Einstmals hatten die Menschen die Ei­sen­bahn erfunden, sie lief gut und um­welt­schäd­lich. Als sie dann vom Koh­le­ver­feu­ern abgekommen sind, wurde sie leiser, schneller und weniger giftig. Auf der Höhe der Diskussion um die Einsparung kli­ma­schäd­li­cher Emissionen hat die Bahn die Nachtzüge abgeschafft, mein Reisemittel der Wahl.
Und das nicht etwa mangels Erfolg, son­dern wegen zu guten Zuspruchs.

Früher, also bis vor zwei Jahren: So gegen halb acht Uhr abends Abfahrt ab Berlin Hauptbahnhof, Ankunft im Herzen von Paris etwas mehr als zwölf Stunden später zur besten Frühstückszeit in ausgeschlafenem Zustand, der Abend hat einem Buch und/oder einem Film gehört. Dann war ein Tag Ak­kli­ma­ti­sie­rung, Freunde sehen, Museen besichtigen, Ausruhen und Lernen angesagt. Oder ich hätte meinen Coach treffen können, der in Paris lebt. Und abends mit Freun­den kochen und bei ihnen übernachten.

Heute: Der Coach ist oft in Berlin, also 9.30 bis 11.00 Uhr Coaching, eine Stunde zum Flughafen, eine Stunde Check-In und Warten, 100 Minuten Flug, dann Warten im Flugzeug, Warten am Gepäckband, Warten auf den RER-Vorortzug, Umsteigen in die Métro, 17.00 Uhr alle Viere von sich strecken im echten Hotelzimmer, denn als Hotelier will ich meine Freunde nicht missbrauchen. Zur Stunde, in der die Kellner essen, das Foto ist ein Suchbild, ins Restaurant, vor dem Essen noch einige Vor­la­gen studieren, ab 19.30 Uhr im Hotelzimmer lernen für den nächsten Tag.

Ich hätte heute auch in Hinterposemuckl oder Trifouilly-les-Oies ankommen kön­nen, in meinen beiden Hauptländern gibt es für dieses Nirgendwo echte Orts­na­men, sehen werde ich |außer morgen bei einem einstündigen Spaziergang vor Ar­beits­be­ginn| (gestrichen, es gießt aus Kübeln) nichts von Paris, dann folgt die nächste Konferenz.

Etwa 13 Stunden mit der Bahn, gut unterhalten oder lächelnd im Schlaf oder mit dem einfachen Gefühl, die Zeit verstreichen zu lassen und morgens frisch für den Tag zu sein ... versus sechs Stunden lang irgendwo nirgendwo mit ständigen Un­ter­bre­chun­gen, im Stehen, beim "Anschlangen" oder Runterfahren der Technik zu ver­brin­gen — "Computer müssen bei Start und bei Landung ausgeschaltet sein", mit Gedrängel, schreienden Kindern und ständigen Durchsagen, um am Abend richtig müde zu sein — Leute, Euer blöder Fortschritt bringt ganz viel Verlust von Le­bens­qua­li­tät mit sich!

Und früher, ja, ganz früher, hätte dieser Nachtzug wohl auch noch bis ein Uhr mor­gens einen Speisewagen "mitgeführt", wie das auf Bahnerdeutsch hieß. Das war erst ein Luxus!

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Foto: C.E., Restaurant Le Chantefable,
20. Arrondissement

Freitag, 18. November 2016

4. Arbeitsplatz der Woche: Schreibtisch

Hallo, hier bloggt eine Dol­met­sche­rin und Über­set­zer­in über den Berufsalltag. Dieser Tage muss ich dem Untermieter die Küchengroßgeräte erklären, die nächste Reise steht an. Doch zunächst ...

Heute wieder am heimischen Schreibtisch: Eine Übersetzung steht an. Ich lerne viel hinzu.

In der Reihe unnützen Wissens, es sei denn, ich wäre Biologin oder wollte in einer Quiz­show mit­ma­chen: Der West­li­che Flach­land­gorilla heißt Gorilla gorilla gorilla und das Braun­bauch­flug­huhn kommt am Horn von Afrika vor.

Wie konnte ich nur so viele Jahrzehnte le­ben, ohne das zu wissen? Dann packen für die nächste Kongress- und Mo­tiv­su­che­reise.


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Foto: C.E. (Archiv)

Mittwoch, 16. November 2016

3. Arbeitsplatz der Woche: Historische Konferenz

Hier schreibt und denkt eine Übersetzerin und Dolmetscherin, derzeit in Berlin. Ich arbeite aber auch in Paris, Brüssel, München, Hannover und dort, wo Sie mich brauchen.

Französisch-Kabine in Berlin
Wenn Häuslebauer zur Tat schreiten, zählen sie Kinder und Haustiere durch. Sie wis­sen, wer wann zu­hause ar­bei­tet. Sie rechnen überschlägig, wie viele Gäste, Bücher und Kunstwerke Paar nebst Brut unterbringen müs­sen und be­den­ken, was die Wege ei­nes schmut­zi­gen T-Shirts sein werden. Sie den­ken viel­leicht an den späteren Aus­zug der Kinder — und ans Alter.

Wenn der Staat baut, werden Bedarfe ermittelt, Nutzer befragt, Wege gezählt, Vergleichsgebäude besichtigt, Fachliteratur gewälzt.

Nur die Dolmetscherkabine, sofern sie fest eingebaut wird, erfindet gefühlt jeder Architekt neu. Sie sind ja auch so genial, dass sie auf einen Blick sehen, was un­ser­ei­ner so braucht.

Hier: einen schönen Fensterrahmen. Ich frage mich, warum dieser nicht aus ge­schnitz­tem Holz ist. Die Scheiben sind doppelt, großartig, ohne Kopfhörer hören wir vom Saal fast nichts. Wenn wieder jemand im Publikum das Wort ergreift, ohne sich eines Mi­kro­fons zu bedienen, können wir uns allerdings nicht durch lautes Klop­fen auf die Schei­be oder Winken bemerkbar machen. Die Scheibe ist zum Raum hin ver­spie­gelt. Wir sind einfach weg.

Man hätte auch noch ein Vorhänglein links und rechts des Fensters anbringen kön­nen. Wand­flä­che ist da­für aus­rei­chend vorhanden. Wir haben eine unverbaubare Aussicht, une vue im­pre­na­ble, auf die Fassade d'en face; am Fenster findet die Veranstaltung aber leider nicht statt. Und Podien sind überbewertet! Der Raum hier hat durchaus eines, ir­gend­wo links, da hinter dem Mauervorsprung für den Vorhang und noch weiter links. Vom rechten Sitz­platz aus sieht man vom Podium ca. ein Drittel, vom linken Sitzplatz aus: nichts. Wir sind ja anpassungsfähig.

Man möge sich kurz den Spaß vor­stel­len, den wir Dol­met­sche­rin­nen haben, wenn wir jedes Mal den Platz wechseln, die ganze Klapparatur (Rech­ner) und die Papiere mit. Und parallel zum fliegenden Platzwechsel übernimmt dann immer jeweils die andere den Dolmetschjob. Jedes Mal verknoten die Kabel etwas mehr, als da wä­ren: (Rechnerkabel mal Kopfhörerkabel) zum Quadrat plus Mikrokabel.

Das geht einige Male so. In der Kaffeepause fällt niemandem auf, dass die Dol­met­sche­rin­nen nicht da sind. In der Mittagspause stellt jemand fest, dass sie wohl wo­an­ders essen. Als abends die Danksagungen und guten Reisewünsche aus­ge­bracht sind, fällt niemandem auf, dass keine der Dolmetscherinnen noch zum Hän­de­schüt­teln erschienen ist, so intensiv waren und sind die Fachgespräche.

Wie denn auch. Fest vertäut von den Kabeln, schallisoliert von der Umwelt sitzen heftig winkend zwei ermattete Gestalten in der Box am Ende labyrinthischer Gänge und haben vergessen, dass sie niemand sehen kann.

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Foto: C.E.

Dienstag, 15. November 2016

2. Arbeitsplatz der Woche: Politisches Forum

Bon­jour, hello, guten Tag! Hier bloggt ei­ne Fran­zö­sisch­dol­met­sche­rin und -über­set­ze­rin über ihren Alltag (Ich übersetze auch aus dem Englischen). Ich arbeite in Berlin, Köln, München, Hannover, Paris, Lyon, Avignon, Marseille und auch dort, wo Sie mich brauchen.
 
Blick aus der Kabine
Je aktueller oder höher der Anlass, desto weniger Vor­be­rei­tungs­ma­terial gibt es. Hier kommen am Ende noch Unterlagen per Stic rein, was aber Zufall ist. Wir ha­ben die Kopfhörer schon auf und hören (dank eines An­steck­mi­kros), wie der erste Redner unserem Tonmann eine Po­wer­Point­Prä­sen­ta­tion an­bietet. Der winkt nur ab und sagt, er sei für die Dol­met­scher zu­stän­dig, nicht für den Vi­deo­bea­mer.
Meine Kollegin hat es auch ge­hört. Kurz nicken wir einander zu, ich flitze los und berichte dem Chef d'équipe, dieser fragt die Ver­an­stal­ter. Von da an kommt re­gel­mä­ßig jemand mit dem ak­tu­ali­sier­ten Stic vorbei, denn die Leinwand für die Teil­neh­mer ist gefühlte 50 Meter weit weg.

Zweite Sache: W-Lan. Wir bekommen einen Zugang, bei mir klappt's nicht sofort, dann aber.

Über den Rest darf ich nicht sprechen.

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Foto: C.E.

Montag, 14. November 2016

1. Arbeitsplatz der Woche: Kulturradio

Zufällig oder geplant, sind Sie hier auf Seiten eines digitalen Tagebuchs aus der Ar­beits­welt gelandet. Ich bin Dolmetscherin für die französische Sprache (und aus dem Eng­li­schen) und berichte aus dem Alltag.

Viertel vor zehn findet der Test für die Live­schal­te statt, le duxplex. Kurz nach zehn geht es los. Ich spreche einen von mir ins Französische übersetzten Text ein, die Tonregie sitzt in Paris und lässt mich wie­der­ho­len, anders betonen und ant­wor­tet auf meine Frage, wie ich den Namen Clau­dia aussprechen soll, französisch oder deutsch mit:

"Bitte die deutsche Aussprache, wir hören ja ohnehin bei dir fast keinen deutschen Ak­zent ..." Es geht um die Ereignisse in der Sil­ves­ter­nacht in Köln. Die Übersetzung illustriert ein Interview mit Alice Schwarzer ("Emma").

Wir haben exakt 60 Minuten Zeit. Nach einer knappen halben Stunde sind wir fertig, obwohl ich mich für mein Gefühl viel zu oft versprochen habe. Ich darf den Anfang des Texts nochmal lesen, damit stimmlich alles aus einem Guss ist, damit der Beginn, bei dem ich den gewünschten Tonfall vielleicht noch nicht vollständig getroffen hatte, zum Rest passt.

Bei meinem "Einsprechen" in der War­te­zeit war mir übrigens sofort wieder ein­ge­fal­len, wie ich raschelfrei die Blät­ter weg­le­gen kann: Mit Eselsohren. Ich falte rasch diese kleinen Griffs­flä­chen und übe. Es klappt!

Dann fällt mir der Blog ein und ich knips' schnell was.
Als es losgeht, höre ich mich im Echo und die Franzosen sind übersteuert. Aber die Profis auf beiden Seiten haben das schnell im Griff. Sprechen macht mir Spaß. Das könnte ein Spielbein für die Zukunft werden. Aber mehr Routine brauche ich hier. Mal schauen, wie ich dazu komme.

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Danke, Gilles, fürs Korrekturlesen!
Fotos: C.E.

Sonntag, 13. November 2016

Bausachen

Guten Tag oder guten Abend! Hier bloggt eine Berliner Spracharbeiterin. Zeit für ein Sonn­tagsfoto.

Ganz knapp außerhalb des S-Bahn-Rings
Spaziergang im Bezirk Prenzlauer Berg. Die Sonne scheint, es ist kalt, und mit der Wahl des passenden Ausschnitts lassen sich auch 27 Jahre nach Mauerfall rotten east Berlin-Bilder schießen, hier der Zaun an einer S-Bahn-Schneise.

In Berlin werden solche öffentlichen "Mö­bel" ähnlich wie Papierkörbe und Park­bän­ke regelmäßig vernachlässigt, was extrem idiotisch ist, weil der Nach­kauf­preis am Ende höher liegt als die ständige Pflege. Ich versteh's nicht.

Und schon fängt der Kopf wieder an zu rö­deln in Sachen Bauvokabular, das für mich bald wieder aktuell werden wird.

Der Karlsruher Kollegin Giselle Chaumien sei Dank habe ich jetzt eine wunderbare neue Lexik in Sachen Bauen, sie sandte einen Link mit Materialien: Rheinland Pfalz / Landesprojekte / Grenzüberschreitendes Wohnen; die Wörterbücher stammen vom Deutsch-französischen Institut für das Bauwesen.

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Foto: C.E.

Mittwoch, 9. November 2016

Mauerbauer

Bon­jour, hello, guten Tag! Hier schreibt ei­ne Fran­zö­sisch­dol­met­sche­rin und -über­set­ze­rin Randnotizen aus dem sprachbetonten Alltag auf. Ich übersetze auch aus dem Englischen. Mein Morgenenglisch (BBC 4 vor dem Aufstehen) war heute nicht so erbaulich.

Aufgewacht bei Morgengrauen. Mit Morgengrauen.

Schales Gefühl: 1989 haben wir uns auch schon gefragt, warum immer dieser Tag? Am 9.11.16 ist also in den USA ausgezählt, ein Mauerbauer wird die nächsten vier Jahre dieses Land regieren. Seine Reden, sein Brüllen, die Hasstiraden gegen Frau­en, Moslems und Schwache, sein Vereinfachen, Verdrehen (Leugnen der men­schen­ge­mach­ten Klimafolgen) und Hetzen hat immer wieder an ganz andere Redner er­in­nert. Was Hass und ein Sich-Hinwegsetzen über Men­schen­rechte anrichten, sehen wir in der Türkei, in Ungarn, in Polen, jedes Land auf sei­ne Weise.

Populismen versus angeschlagene Demokratie, "gefühlte" Post­fak­tis­men vs. Fakten, Antiintellektualismus vs. Aufklärung, ein Maulheld des frau­en­ver­ach­ten­den Trash-Fern­se­hens vs. die (von Lobbyisten und Finanzindustrie an­ge­schla­ge­ne) Bedeutung des Amts ... und das Rad der Ge­schich­te fröhlich zu­rück­ge­dreht (drohende Le­ga­li­sie­rung von Folter in den USA und der Todesstrafe in der Türkei usw.), das sind al­les keine gute Perspektiven für die USA und den Rest der Welt.

Die so oft beklagte Trägheit des Beamtenapparats und der Institutionen erweist sich hier paradoxerweise als Hoffnungsschimmer. 

In Berlin-Kreuzberg
Zweiter Lichtstreif: Angesichts der Abgründe, die in ge­wis­sen Wahl­k(r)amp­freden zu hören waren, wird hoffentlich Europa enger zu­sam­men­rücken, viel­leicht doch den Auftrag seiner Bürger ernster nehmen und nicht mehr in erster Linie eine Politik für die Großen (Industrie, Handel, Ag­rar­in­dus­trie) ma­chen.


Und ich denke jetzt an die Dolmetscherinnen und Dolmetscher, die die Reden des Neugewählten übertragen müssen. Er hat oft Sprachniveau und -duktus eines trot­zen­den Kleinkinds. Das wäre für mich ein komplett neues Wortfeld (hab das alles schon wieder vergessen).

Former german president Richard von Weizsäcker said in 1985: Don't believe we became better people. We just know now what the human kind is capable of and we have the duty to prevent this continual threat which exists in each of us, in every country, by making the remembering of the past the guideline of our po­li­tics. We should all make more room to history in medias, politics, houses and schools. We should.

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Merci à Géraldine Schwarz für die eng-
lische Fassung des Weizsäcker-Zitats.

Freitag, 4. November 2016

Auf dem Schreibtisch XXXVII

Bonjour, bienvenue, welcome und guten Tag! Hier bloggt eine Sprach­ar­beiterin. Den Alltag von Kon­fe­renz­dol­metschern und Über­setzern bekommen Sie hier aus erster Hand mit. Meine Hauptarbeitssprache ist Französisch. Wir stecken noch immer in der Saison ...

Sekretär, Rechner, Kalender, Bücher, Wörterbuch, Vokabelkarten im Carton
Vokalbellern- und Planungstisch
... und auf dem Schreibtisch liegen zur Bearbeitung oder für den Kos­ten­vor­an­schlag/die Mittelfristplanung:

⊗ Aktuelle Politik (semper idem)
⊗ Übersetzung von Legenden zu einer Fotoausstellung (Umweltthema)
⊗ Zukunft der EU
⊗ Krisenherde Afrikas
⊗ Migration, Flucht, Kirchenasyl
⊗ Arbeitsrecht in F, D und anderen Län­dern der EU
⊗ Klimawandel und klimaneutraler Umbau der Wirtschaft
⊗ Musik in der deutschen Nachkriegszeit
⊗ Burka und Co. als Migrationsthema
⊗ Heizung in einer Lehmwand

Diese Themen beschäftigen mich als Übersetzerin und Dolmetscherin in Berlin, Paris und auch in Brüssel im Rahmen von Tagungen mit Betroffenen, Ex­per­ten­fo­ren, einer Ausstellung, einer Baustelle, einer Buchübersetzung, einer Au­to­ren­le­sung und fürs Radio. (So viel Vielfalt war lange nicht.)

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Foto: C.E. (Archiv)

Mittwoch, 2. November 2016

POV XII: Widerstand und Kunst in Afrika (I)

Ob ge­plant oder zu­fäl­lig, Sie lesen hier auf den Sei­ten einer Sprach­ar­bei­ter­in. Was Dol­met­scher für Fran­zö­sisch (und Über­setzer) so machen, darüber schreibe ich hier seit mehr als neun Jahren, derzeit wieder aus Berlin. Weiter geht's mit der Reihe POV, Point of view. Das ist der nur knapp kommentierte sub­jek­ti­ve Blick aus der Spracharbeit und dem, was damit zusammenhängt.

Publikum von hinten, Leinwand und Laptop mit Film
Blick aus der Kabine
Wir dolmetschen mal wieder eine Af­ri­ka­kon­fe­renz. Es geht um die Situation in vie­len Ländern aus der Gegend der Großen Seen. Live-Dolmetschen von Film­aus­schnit­ten ... im Voraus vorbereitet ... Der Trick für die Kabine: Die Ver­sion auf mei­nem Lap­top hat ein wenig Vorlauf ge­gen­über der Version von der Lein­wand, um den Zeit­ver­zug bei der "Live-Syn­chro­ni­sie­rung" zu minimieren.

Une fois de plus, nous sommes en cabine pour une conférence sur l'Afrique. On parle de la situation de bon nombre de pays de la région des Grands Lacs. Trans­fert lin­guis­tique « en direct » d'extraits de films préparés à l'avance ...!  

L'astuce pour la cabine : J'avance un peu sur l'ordi pour avoir moins de décalage par rapport à la version sur grand écran. C'est de la « synchronisation live ».

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Foto: C.E.

Montag, 31. Oktober 2016

Bringen Sie eine Uhr mit!

Hier schreibt und denkt eine Übersetzerin und Dolmetscherin, derzeit in Berlin. Ich arbeite aber auch in Paris, Brüssel, München, Hannover und dort, wo Sie mich brauchen.

Junger Mann mit großer Küchenuhr in der Hand.
Uhr auf dem Kopf
Berlin, Landesprüfungsamt. 1. Prüfungstag für die staatliche Prüfung für Übersetzer. Wir sind siebzehn, die an diesem Tag sich dem ersten Teil des Prü­fungs­ma­ra­thons stellen.

In der Einladung standen ziemlich streng drei Dinge: Bringen Sie einen schwarzen Kugelschreiber mit, keine Hilfsmittel sind zugelassen (die letzten Prüfungen habe ich immer mit einsprachigen Wör­ter­bü­chern schreiben dürfen) und bringen Sie eine Uhr mit.

Heute haben alle Mobiltelefone mit in­te­grier­ter Uhr. Einer der Prüflinge hat die Bitte aus dem Brief wörtlich genommen.

Ich setze mich der Prüfung aus (zwei Tage schriftlich, zwei Hausarbeiten, münd­li­che Prüfungen), damit ich einige der Geflüchteten, die ich betreue, auch bei ad­mi­nis­tra­ti­ven Gängen offiziell betreuen darf. Eigentlich habe ich Abschlüsse, die die­se Etappe beinhalten, sie stammen aber aus Frankreich und die Anerkennung ist nicht automatisch gegeben. Welcome to Europe! Die Sache bis zur letzten Instanz durchzuklagen wäre teurer, als die Prüfungen einfach nochmal zu machen.

Während ich da sitze und schreibe, stelle ich mir trotzdem viele Fragen. Wie nah soll ich dran sein am Original? Wie weit weg darf ich sein? Ich tendiere nor­ma­ler­wei­se immer zum "recht weit weg". Manche Übersetzung, die ich erarbeite, ist mehr ein Re-writing, und wenn ich für Arte Texte übertrage, wird das Ergebnis in der Regel nochmal nach journalistischen Kriterien weiterbearbeitet. Mal sehen, ob ich bestanden habe.

Vokabelnotiz
Wanduhr — horloge
Armbanduhr — montre-bracelet
Uhr/Stunde — heure
Uhr mit Pendel — pendule
Uhr — chrono (fam)

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Foto: C.E.

Sonntag, 30. Oktober 2016

Himmelblau

Bon­jour, hello, guten Tag! Hier bloggt ei­ne Fran­zö­sisch­dol­met­sche­rin und -über­set­ze­rin. (Ich übersetze auch aus dem Englischen.) Der siebente Tag gehört dem Sonntagsfoto.

Seit bald zwanzig Jahren lebe ich (mit vielen Unterbrechungen) am Ufer des Land­wehr­ka­nals. Es ist der Ort, an dem ich am längsten in meinem Leben gewohnt ha­be. Und wer das Glück hat, an einem Ufer zu wohnen, eilt jeden Morgen zum Was­ser und sieht nach, welche Farbe es hat (bei mir reicht zum Glück ein Blick aus dem Fenster). Wir kennen tausende Beschreibungen, um die Nuancen wie­der­zu­ge­ben, ähnlich der Inuit mit den Beschreibungen des Schnees, aber wir verraten sie nicht. Wir sind die Priesterinnen und Priester der Wasserbenennung, eine streng geheime Kaste.

Und als zweites schauen wir in den Himmel.


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Foto: C.E.

Freitag, 28. Oktober 2016

Typischer Tagesablauf ohne Konferenz

Gelegentlich protokolliere ich meine Arbeitstage, hier, was gestern los war. Be­zahl­te Stun­den: Eine, es ging um Belgien, CETA-Sache. Dazu zwei Stunden Lek­to­rat: Zeit­tausch für unfinanzierte Bildungsprojekte. Das Abend­in­ter­view mit einer mau­re­ta­ni­schen Musikerin für ein kleines Radio war Pro bono. Mancher öf­fent­lich-recht­li­cher Sender interviewt die Leute immer öfter auf |Eng­lisch| Glo­bish, oder aber er bietet einem den grandiosen Betrag von 100 Euro je Einsatz an. Ach, Leu­te, ihr wohnt sicher alle gratis! Dann arbeite ich lieber aus Spaß an der Freud' für Pro­jek­te, die wirklich kein Geld haben.

8.15 bis 10.00 Uhr: Zeitungen lesen, die eine oder andere aktuelle Vokabel no­tie­ren und Umfeld recherchieren;
10.05 bis 10.30 Uhr: Korrespondenz mit Auftraggebern und Kollegen
10.30 bis 12.30 Uhr: Korrekturlesen für eine Kollegin, dazu Tee und ein Croissant
12.30 bis 13.30 Uhr: Übersetzung/Dolmetschen von Aktuellem für eine deutsche Redaktion (Ceta, Belgien)
14.00 bis 15.00 Uhr: Coachinggespräch mit Übersetzungskunden (pro bono) beim Essen
15.00 bis 15.30 Uhr: Eigene Übersetzungen auszählen, zwei Rechnungen schreiben;
15.30 bis 16.45 Uhr: Angebot schreiben
15.45 bis 16.15 Uhr: Powernapping
16.15 bis 16.30 Uhr: Tee kochen, Blick in die Wochenzeitung
16.30 bis 17.30 Uhr: Vorbereitung eines Interview-Dolmetschtermins
17.30 bis 17.50 Uhr: Fußweg zum Arbeitsort, 1,9 km, 20 Minuten

Musikerin und Dolmetscherin
Noura Mint Seymali (RM) und Caroline Elias
18.00 bis 19.15 Uhr: Warten, dann im Backstagebereich Interview mit der mau­re­ta­ni­schen Musikerin Noura Mint Seymali dolmetschen für www.grooove-station.net, anschließend mit dem Rad nach Hause, das noch vorm Vortag ei­ni­ger­ma­ßen in der Nähe des Lido Berlin geparkt war
19.30 bis 20.00 Uhr: Po­wer­nap­ping, die Zweite

20.00 bis 21.15 Uhr: Abendessen, anschließend Weggehen mit dem kleinen Bruder

Résumé: Ich bin zu wenig zu Fuß gegangen, anders als am Vortag, wo ich vom Cen­tre Français de Wedding mit einem französischen Bekannten bis zur Linienstraße (Mitte) gewandert bin, mit Umwegen ca. sieben Kilometer.

Hier noch ein Eindruck vom Konzert in Berlin:


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Foto und Film: Thomas B. Stoye

Dienstag, 25. Oktober 2016

Jungbrunnen, der

Zufällig oder geplant, sind Sie hier auf Seiten eines digitalen Tagebuchs aus der Ar­beits­welt gelandet. Ich bin Dolmetscherin für die französische Sprache (und aus dem Eng­li­schen) und berichte aus dem Alltag.

Meine Intro streiche ich, sie ist unfair, gemein und politisch unkorrekt. Ich deute an. Das muss reichen.

Dr. Seb. Eisenbart empfiehlt seine HEILANSTALT zur  Entwöhnung von Mrorphium, Alkohol, chronischer Kunstmalerei und gewohnheitsmässiger Lyrik. Eigene Abtheilung für Damen!
In der Abtheilung steckt die Heilung schon drin ...
In meiner Familie wurde  zu­fäl­lig vor Jahr­zehn­ten ein Lebendversuch ge­star­tet, wie die gleichen Gene auf in­dus­tri­ell produzierte Le­bens­mit­tel, Alkohol und Tabak in ge­sell­schaft­lich anerkannten Mengen reagieren — und sich wie meine etwa 70 % Na­tur­krau­te­rei aus­wirkt.

Die fehlenden 30 % gehen aufs Konto von Dienstreisen, Freundes- und Res­tau­rant­be­su­chen, ungesunden, aber nicht minder genossenen "Fehltritten". Ich bin eine unorthodoxe |Ökoschlampe| ... Wort ist gestrichen, mir fällt nichts Besseres ein.

Wein: Ein Gläschen zum Abendessen, nicht immer, aber gerne, meistens rot, im Sommer lieber weiß. Sonstige Drogen: Lyrik, Bücher, Zeitungen, Kino, Konzerte, gute Gespräche, bei freud­vol­lem Lernen und Kreativität werden dieselben Hirn­re­gio­nen aktiv wie beim Drogenkonsum. Mein Körper weiß nicht mehr, was Zigaretten sind, seit ich als Kind von Eltern zu­ge­qualmt worden bin, lei­der auch im Auto, man wusste es damals |nicht| erst lang­sam besser. Mit der Er­kennt­nis­zu­nah­me nahm der dicke Rauch ab. Freiwillig hab ich nie einen Glimm­stän­gel ge­raucht.

Ernährung: Wenig bis nie Fleisch, ab und zu Fisch, viel ungespritztes Obst und Ge­mü­se direkt vom Bauernhof, Rohsäfte, Wildkräutersalat, abends meistens keine Koh­le­hy­dr­ate mehr, drei Tage in der Woche intermittierendes Fasten (16 bis 18 Stunden lang, dann zwei Mahlzeiten). Schlaf: Gut, stabil, ausreichend, ge­nuss­voll, ca. drei Mal die Woche ein kurzer Mittagsschlaf. Bewegung: Jeden Tag min­des­tens eine Stunde, zweimal die Woche auspowern. Stehpult (30 % der Arbeitszeit). Fa­mi­lie/Freunde/Bekannte: vorhanden. Natur/Freizeit/Hobbies: re­gel­mä­ßig, krea­tiv ... plus soziales En­ga­ge­ment. Beruf: Traumberuf mit gutem Stress, meis­tens, viel Flow und Ge­braucht­wer­den, dazwischen Ruhephasen.

Inzwischen kokettiere ich mit meinem Alter, das mir ohnehin niemand mehr ab­nimmt. Ich begrüße jede Falte, weil sie zum sich durchaus ändernden Le­bens­ge­fühl passt. Neulich hab ich zwei Klassentreffen (*) geschwänzt (Schul­wech­sel für den Fran­zö­sisch-LK macht's möglich). Danach gab's Fotos. Ich hätte nur zwei oder drei je Klasse wie­der­er­kannt. Die mich wohl alle. Manchmal frage ich, wo denn mein Doris Gray-Portrait hängen möge. Dann sende ich den Gedanken wieder auf die Reise.

OK, ich geb's zu, ich schummele. Ich lebe parallel in zwei Sprachen und Welten, eigentlich sogar in 2,5. Das verändert das Altern auch, jedenfalls, was Lern- und Re­ak­tions­ver­mö­gen angeht.


(*) ... mitten in der Kongresssaison!
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Foto: "Die Jugend" (1899)

Montag, 24. Oktober 2016

Chocolatine, la

Bon­jour, gu­ten Tag! Was uns Sprach­ar­bei­ter so um­treibt, ist seit mehr als neun Jah­ren Ge­gen­stand die­ses Blogs. Ich bin Dolmetscherin und Übersetzerin, al­ler­dings nur in Ausnahmefällen von amtlichen Dokumenten!, und ar­bei­te mit den Sprachen Französisch und Englisch. Heute schauen wir nach Paris.
 
Wir wissen nicht, was Herr C. heute Morgen gefrühstückt hat. Wir wissen nur, dass in Frankreich der Brotpreis wiederholt der Funken war, der die Lunte entfacht hat. Daher war er auch bis vor einigen Jahrzehnten staatlich festgelegt.

Pain au chocolat, 0,90 Euro
Preis von 2011 (Blois)
Jean-François Copé sitzt am Mon­tag­­mor­gen im schicken Anzug im Studio des Ra­dio­pro­gramms Europe 1 und wird nach dem Preis eines Pain au chocolat gefragt, das sind diese Dinger, die auf Deutsch oft fälsch­li­cher­wei­se "Scho­ko­crois­sant" genannt werden, obwohl sie nichts von einem Croissant (Halbmond) haben (siehe: Die Geschichte des Croissants).

Copé zählt derzeit zu den Bewerbern um die Position des fran­zö­si­schen Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten.

Die erfrischend ehrliche Antwort des Konservativen war: Je ne sais pas, ich weiß es nicht. Und dann macht er einen riesigen Fehler, als der Mann aus gutem Hause, 50 something, mit der langsam hochwachsenden Stirn weiterspricht: Aux alentours de 10 ou 15 centimes,  ca. zehn bis 15 Centimes.

Vermutlich sollte ihm mal jemand zuflüstern, dass wir heute den Euro in der Ta­sche haben, der sich in kleinteiliger Form Cent nennt. OK, geschenkt, Nostalgiker und alte Menschen ab 39, also so Leute wie ich und mein großer Bruder, bleiben gerne bei Centimes und sagen dann eben Centimes d'Euro, was auch als Euro-Hun­derts­tel gelesen werden kann. (In meinen Rechnungen schreibe ich das so.)

Der Abgeordnete Copé, der auch Bürgermeister von Meaux (Seine-et-Marne) ist, ich habe dort vor längerer Zeit mal für Arte in den Vorstadtsiedlungen als Second-Unit-Regisseurin gedreht, meinte auf den Hinweis, dass derlei einen Euro bis 1,20 oder 1,30 kostet: Je ne vais pas en acheter souvent, c’est un peu calorique. Ich kaufe derlei nicht oft, ist ziemlich kalorienhaltig.

Frankreich hat jetzt einen neuen Sport. Preisfragen werden getwittert, die aus­se­hen wie Schulaufgaben. Frage an Herrn C.: "Wie hoch ist der Mindestlohn in Frank­reich?" 1000 Euro, "richtige Antwort!" "Was kostet die U-Bahn-Fahrt in Paris?" 1,80 Euro (durchschnittlich), dazu das Lob: "Sehr gut herausgefunden".

Andere fragen: "Was kostet zehn oder 15 Cent?" Das wird dann fotografiert und geht als Nachhilfe an Politiker, die Franzosen können so großzügig sein. Ein Bon­bon, ja. Ein Päckchen Lakritz, nein. Eine Schrau­be ja, eine Zigarette nein, dafür ein Päckchen Streichhölzer, um diese anzuzünden. Eine 10-Cent-Briefmarke, die Postkarte liegt allerdings bei einem Euro aufwärts, und um die Karte in den Post­kas­ten zu tun, fehlen auch noch einige Centimes. Andere fotografieren ihr Früh­stück und schreiben den Preis daneben.

Copé war drei Jahre lang beigeordneter Minister für den Haushalt (ministre dé­lé­gué au budget).

J'avoue être très soucieux de ma ligne ... Donc pour dire vrai j'ai arrêté les "chocolatines" depuis longtemps !
Ich gebe zu, stark auf meine Figur zu achten. Um ehrlich
zu sein, esse ich seit langem keine "Chocolatines" mehr.
Außerdem ist er bekannt für dubiose Par­tei­en­fi­nan­zie­rungs­sa­chen, wegen denen er mal zu­rück­ge­tre­ten ist. Nein, Marie-Antoinette hat nicht gesagt: "Wenn das Volk kein Brot hat, so soll es Pain au chocolat zu zehn Centimes essen."

Und Copé hat auch nicht gesagt: "Wenn die Menschen sich kein Obst leisten können, sollen sie halt Kuchen essen."

Im Südwesten Frankreichs heißen die Dinger übrigens Chocolatine. Klingt gleich viel kleiner. Und der Mann wird recht haben. In irgendeinem Hypermarché findet sich sicher ein Beutel mit vielen, kleinen industriell gefertigten Chocolatinechen an, voller Geschmacksverstärker, Palmöl und garantiert nicht mit cho­les­te­rin­trie­fen­der Butter gefertigt, die einzeln 15 Cent kosten. Aber gelten die in einem Land, das so viel Wert aufs Essen legt?

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Foto: C.E. / Twitter

Freitag, 21. Oktober 2016

Butterfresse

Bon­jour, hello, guten Tag! Hier notiert ei­ne Fran­zö­sisch­dol­met­sche­rin und -über­set­ze­rin kleine Randbemerkungen aus dem sprachbetonten Alltag. (Ich übersetze auch aus dem Englischen.)

Neulich im Kiez, als die Schriftstellerdichte, die gerade bei der Buchmesse in Frank­furt (Main) erhöht ist, aus anderen Gründen in Berlin erhöht war. Ich zeige einem berühmten Schriftsteller mein Viertel. Er möchte wissen, wie wir in Berlin leben, einen dreiviertel Tag lang streifen wir also durch mein "Dorf". Gehen banale Wege ab, Schule, Kirche, Kantine, Wochenmarkt, Eckkneipe, Kaufhaus, Post. Sitzen auf der Bank, beobachten Passanten. Bummeln durch das Viertel.

Eine Vollverschleierte, eine Elegante, Arm in Arm (und unscharf)
Andere Passantinnen im Kiez
Eine Zeitlang gehen wir hinter einer ele­gan­ten jungen Dame her. Er fängt an, mir frei erfunden die Geschichte dieser Person zu er­zäh­len. Es wird sehr drollig. An der Ampel stehen wir kurz hinter ihr. Da wird sie von einem Bekannten angesprochen, aus der Ferne angerufen, "He, Carlita!" Den Na­men kenne ich von der Gattin eines fran­zö­si­schen Ex-Präsidenten.
Besagte Passantin dreht ich um und starrt uns mit einen Gesicht an, das in bösem Gegensatz zu dem Eindruck steht, den sie uns bislang vermittelt hat. Auch hier hat sich offenbar ein Schönheitschirurg aus­ge­tobt. Sie sieht aus wie das er­wach­se­ne Kind von Michael Jackson und Frau Dr. Bo­tox. (Hier ein anderer Beitrag zum The­ma.)

Als wir einige Distanzmeter zwischen ihr und uns eingelegt haben und nach einigen Schrecksekunden sprudelt mein Gast weiter. Er kommentiert das Gesehene trocken mit "von hinten Lyzeum, von vorne Museum".  Seine Frau, sie stammt aus den USA, er­gänzt meinen Sprachschatz um das Wörtchen butterface  ...  but her face ..., hübsche Erscheinung, aber ihr Gesicht ... Die anderen Witze, die hier jetzt folgen, sind politisch unkorrekt und beziehen sich auf die Verwendung von Textilien, um äußerliche Makel zu kaschieren und sich dabei vielleicht sogar den Anschein re­li­giö­ser Tugend zu geben ...

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Foto: C.E.

Donnerstag, 20. Oktober 2016

Gehaltsspreizung, die

In ei­nen Blog aus der Ar­beits­welt sind Sie he­rein­ge­ra­ten: Bon­jour und herz­lich will­kom­men! Hier hinterlässt eine Dolmetscherin ihre Rand­be­mer­kun­gen aus einem sprachbetonten Arbeitsalltag. Heute: Wörterbuch des Alltags, mein Vokabellernen im Kontext.

Vor vielen Jahren, es war kurz nach dem Börsenkrach, habe ich mal einen Banker im Ruhestand gedolmetscht, der mir in der Mittagspause ganz klar gesagt hat, was er von der Ent­wick­lung des Finanzsystems und der Gehälter hält: gar nichts.

Alte Kasse
Zahlen, bitte!
Im Gegenteil. In den 50er, 60er Jahren wäre eine Firma kreditunwürdig gewesen, wenn die Gehaltsspreizung bei über Faktor 20 oder 30 gelegen hätte. Ich schrieb mir damals das Wort Ge­halts­sprei­zung auf, wie ich alles Neue notiere, er präzisierte: „Wenn die Managervergütung mehr als das 30fache der un­ters­ten Gehaltsgruppe in der gleichen Firma aus­macht.“

"Damals hätten wir gedacht, der Manager würde nur auf kurzfristige Effekte setzen und hätte vor, seine Stelle unter Mitnahme möglichst hoher Sondervergütungen schnell wieder zu verlassen."

Damit hat er ziemlich genau den heutigen Status Quo beschrieben. Wie es dazu gekommen sei, will ich wissen, dass das NO GO zum überall propagierten Modell geworden zu sein scheint?

"Ach, gutes Kind", meinte er in altväterlicher Manier, "es waren ja selten die hells­ten Kerzen auf dem Kuchen, die VWL und BWL studiert haben, mancher ist ein autistisches Zahlengenie, die meisten sind allerdings nur unterer Durchschnitt. In der Schule kamen sie bei den Mädchen nicht gut an ... " erzählte er, und ich habe einfach nur zugehört.

"Das sind Menschen, deren seelisch kriegsverstümmelte Eltern sie darauf getrimmt haben, dass Geld aufhäufen eine Tugend sei und dass alles optimiert werden müs­se ..." Ich schwieg. Ich wollte nicht nachfragen, weil mir nicht klar war, in wieweit diese Er­kennt­nis auch ein Lebensgeständnis war.

Nach einer kurzen Pause legte er nach: "Und dann ist noch viel Rache dabei ... die hellsten Köpfe und die schönsten und klügsten Frauen haben ja Philosophie, Li­te­ra­tur, Kunst und Sprachen studiert ... und wurden damit noch weniger er­reich­bar. Und genau die fehlen heute in der Wirtschaft!"

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Foto: C.E. (Archiv)

Sonntag, 16. Oktober 2016

Beschaulichkeit

Bon­jour, gu­ten Tag! Was uns Sprach­ar­bei­ter so um­treibt, ist seit mehr als neun Jah­ren Ge­gen­stand die­ses Blogs. Ich bin Dolmetscherin und Übersetzerin, al­ler­dings nicht für amtliche Dokumente!, und ar­bei­te mit den Sprachen Französisch und Englisch.

In Balkonien
Wer die ganze Woche durch ferne Ge­dan­ken­wel­ten reist, freut sich abends und am Wochenende über Beschaulichkeit und Fa­mi­lie, echte oder angeliebte. Wir leben dann ein Dorfleben in der Großstadt, gärt­nern, lesen, gehen spazieren, ins Mu­se­um oder ins Theater.

Ausgleich ist wichtig! Ohne Ruhezeiten wären unsere Leistungen nicht möglich. Ein Plädoyer für den gepflegten Mü­ßig­gang, für Beschaulichkeit, gutes Essen und auch für Langweile, die eine Vor­aus­set­zung für Kreativität ist.

Sonntagsbilder!

Die Autorin dieser Zeilen plus zwei Angehörige, die nicht abgebildet werden möchten
In der Küche (die Autorin dieser Zeilen plus "Abwesende")
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Fotos: C.E.

Samstag, 15. Oktober 2016

Kabine ohne Wände

Hello, bonjour, guten Tag! Hier hinterlässt eine Dolmetscherin ihre Rand­be­mer­kun­gen aus dem sprachbetonten Arbeitsalltag. Meine Arbeitssprachen sind Fran­zö­sisch, Deutsch (beides sehr aktiv) und Englisch (nur Ausgangssprache). Heute stel­le ich einen Arbeitsplatz vor. Die Links der Woche verschieben sich auf Mon­tag.

In anderen Gedankenwelten
Samstagsarbeit: In eine Wo­che mit Voll­zah­ler­kun­den passt noch ein Soli-Samstag rein. Ich liebe etliche Vereine und Initiativen, die sich aus der Diaspora nähren oder von Aktiven selbst ver­an­stal­tet werden, die sich um Ge­flüch­te­te und die Integration von geo­po­li­tisch, wirt­schaft­lich und kul­tu­rell be­nach­tei­lig­ten Menschen kümmern. Kurz: Es geht um nichts Geringeres als den Weltfrieden.

Bei solchen Veranstaltungen lernen wir am meisten. Leider kann ich mir kaum No­ti­zen machen über die Dinge, die ich mich oft wundere, dolmetschen zu dürfen. (Ich warte auf die Aufzeichnungen, die zum Teil gemacht worden sind.) Meine neu­ro­na­len Verschaltungen werden also immer wieder durchgeschüttelt. Manch­mal muss ich ein wenig länger warten, bevor ich weiterdolmetsche, um mir wirk­lich sicher zu sein, dass das, was ich hier höre, auch wirklich gemeint ist. (Warten, die Dritte in dieser Woche. Zur Eins und zur Zwei über den Klicks aufs Wort.)

Auch die Augen dürfen sich umgewöhnen. Hier dominieren nämlich nicht die äl­te­ren Studienrätinnen und Hausfrauen sowie junges prekäres Bildungsbürgertum auf Perspektivsuche, sondern Zuwanderer neueren oder älteren Datums und Gäste aus anderen Ländern. Und auch diese Differenzierung ist schon wieder falsch. Wir sind alle Zuwanderer. In der Perspektive der Weltgeschichte betrachtet, macht es kei­nen Unterschied, in welchem Jahrhundert oder Jahrtausend die eigenen Gene in der Region des eigenen Aufenthalts angekommen sind.

Es geht um Themen wie Demokratie- und Bildungsförderung in Afrika, um Sen­si­bi­li­sie­rung der westlichen Zivilgesellschaften, angefangen bei den Medien, um globale Handelsströme und Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen.

Im Publikum
Arbeitssituation: Wir sitzen in einer Kabine ohne schalldichte Wände und nutzen ein Pult, das noch wunderbar funktioniert, dessen nächste Station aber das Tech­nik­mu­seum sein dürfte.

Ab und zu gibt ein Kopfhörer seinen Geist auf. Zwei Zuhörerinnen setzen sich im Lau­fe des Studientags direkt zu uns. Wir tau­schen freundliche Blicke, die Zu­hö­rer möchten uns nicht brüskieren, wollen nicht stören. Wir antworten gestisch, da­mit das Dolmeschoutput nicht be­ein­träch­tigt wird. Am Ende ver­ab­schie­den wir uns mit Handschlag von­ein­an­der. Auch so geht Kundenbindung.


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Fotos: C.E.

Freitag, 14. Oktober 2016

Ich warte (weiter)

Hello, bonjour, guten Tag! Hier hinterlässt eine Dolmetscherin ihre Rand­be­mer­kun­gen aus dem sprachbetonten Arbeitsalltag. Meine Arbeitssprachen sind Fran­zö­sich, Deutsch (beides sehr aktiv) und Englisch (nur Ausgangssprache). Ich arbeite in Paris, Berlin, München, Marseille und überall dort, wo Sie mich brauchen.

In der ersten Reihe
Ich hab's gewagt! Ich habe ei­nen der klassischen  Dol­met­scher­wit­ze untergebracht, um eine Situation  aufzutauen.

Wir sind in einem Kon­gress­zent­rum oder Hotel oder Grün­der­zent­rum, eine junge Frau, die erst seit einigen Jahren berufstätig ist, hält einen hochkomplexen Vor­trag, der ihr erster ver­dol­metsch­ter Vortrag ist.

Ich bin als einzige Dolmetscherin gebucht und sitze, da wir gleich zu Be­triebs­be­sich­ti­gun­gen aufbrechen werden, mit einer mobilen Anlage (ohne Kabine drum­he­rum) seitlich am Podium.

Die Vortragende gliedert ihre Präsentation in zwei Einheiten zu je 20 Minuten, zwischendurch gibt es kurze Kaffeepausen, eine Frage- und Antwortrunde sowie einen untertitelten Film, so dass das müde Dolmetschhirn immer wieder zu seinen Pausen kommt. Die Delegationsgruppe aus Ingenieurinnen, Stadtverordneten, Tech­nik­dienst­leis­te­rin­nen und Politikern kenne ich noch nicht, wir treffen gleich­zei­tig am Austragungsort ein. Die Stimmung ist leicht angespannt, denn das Team war infolge erhöhter Sicherheitsvorkehrungen am Flughafen mit großer Verspätung gestartet, in zwei Flugzeugen statt wie geplant in einem.

Die junge Rednerin legt los, sie spricht wie gedruckt und liest zum Teil ab, hat ihre Präsentationen großenteils auswendig gelernt und verbindet grammatikalische Ver­schach­te­lun­gen mit verbalen MG-Salven. Noch dazu handelt es sich um einen sehr komplexen Stoff, es geht um Klimatechnik, Energieeinsparung, Elektromobilität und Fragen der Niedrigenergiearchitektur.

Einmal reiht sie so Nebensatz an Nebensatz, setzt immer wieder höchst akkurat ein Schäch­tel­chen in das nächste; ich höre staunend zu und ahne noch nicht, auf welches Verb das alles hinauslaufen soll, was der Sinn ihrer beeindruckenden Kons­truk­tio­n sein wird. Ich sitze also da und lausche. Warten scheint neuerdings zu den Kernaufgaben des Metiers zu gehören. In den hinteren Reihen beginnen die ersten, an ih­ren Empfangsgeräten zu drehen, um zu prüfen, ob sie noch funktionieren. In der mittleren Reihe schauen die ersten in meine Richtung, und aus der allerersten Reihe spricht mich, die ich neben der Leinwand sitze, die Veranstalterin an und fragt auf Französisch: „Haben Sie ein Problem?"

Ich lächele bittersüß und zucke ein wenig zu komödiantisch mit den Achseln. Dann sage ich: "Ich warte auf das Verb!" Noch eine leicht entschuldigende Geste nach vor­ne, Richtung Rednerin, alle lachen, die Vortragende auch. Die junge Frau hat Hu­mor, was ich beim Kennenlernen schon feststellen dufte, sonst hätte ich mich das nicht getraut. Die Sache geht gut aus: Das Eis ist gebrochen, und auch das Publikum ist von da ab viel ent­spann­ter.

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Foto: C.E. (eine andere Rednerin)