Donnerstag, 30. Juli 2015

Ansichtssachen

Geplant oder ungeplant sind Sie hergekommen und lesen jetzt Seiten meines di­gi­ta­len Ar­beits­ta­ge­buchs aus dem Inneren der Dolmetscherkabine! Bonjour! Hier schreibe ich über kleine Beobachtungen des Alltags, kulturelle Hin­ter­grün­de — und darüber, wie sich die Sprache verändert.

Vor dem Sohn meines Frankreichbesuchs oute ich mich mit mancher Redewendung als Oldie. Zu meiner Zeit (hüstel) haben wir gelernt, dass jemanden anzurufen don­ner un coup de fil heißt. Das klingt zwar etwas umständlich, der fil ist die Schnur, die Telefonschnur, der coup wörtlich der Schlag, hier die Aktion, naja, aber das war eben so. Immer stärker kam dann appeler auf, anklingeln, schön und gut, als Synonym prima einsetzbar.

Die jungen Leute sagen nur noch téléphoner. Das Wort telefonieren schockiert mich auf Deutsch überhaupt nicht, weil ich es immer so gesagt habe, und auf Fran­zö­sisch klingt es für mich derzeit noch hart, gerade weil das Verb von der All­ge­mein­heit lange vermieden worden war. Lag diese Vermeidung an der auch von der französischen Regierung in Gesetze gegossenen Haltung, keine Anglizismen über­neh­men zu wollen? Lag es an der inzwischen höchst relativen Neuartigkeit der Appparatur? (Man zeige einem Grundschüler heute ein Wählscheibentelefon oder eine Telefonzelle, es wird nicht sofort wissen, was das ist.)

Blick durch ein Opernglas auf Redner an einer PowerPointPräsentation
Blick aus der Kabine auf den Redner
Genauso gehört: visiter. Wir haben gelernt: visiter une vil­le, eine Stadt be­sich­ti­gen, aber rendre visite à un ami, einen Freund besuchen ... und visiter un malade, hier ist ein Arzt bei einer Visite. Diese Un­ter­schei­dun­gen fal­len beim Youngster weg.
Im politischen Feld, für das ich oft arbeite, ist immer häufiger von mission die Rede.

Damit ist eine Aufgabe gemeint, la tâche. Ebenso wird recht fröhlich mit Op­ti­schem herumgewirbelt, da sehen die Leute perspectives, ouvertures und auch vi­sions. Das ist alles sehr nah am englischen Sprachgebrauch und verdrängt die unsprünglich ver­wen­de­ten idiomatisch typischen Begriffe. Über die Vi­sio­nen hat sich Altkanzler Schmidt ja mal dahingehend geäußert, wer Visionen habe, solle zum Augenarzt gehen.

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Foto: C.E. (Archiv)

Dienstag, 28. Juli 2015

Mediendolmetscher

Bienvenue, herzlich willkommen! Sie lesen hier im Blog einer Dolmetscherin und Übersetzerin für die französische Sprache, die für Politik, Wirtschaft, Kultur und Bil­dung tätig ist.

Rückblick, 2. Teil, diesmal nicht nur auf die abgelaufene Saison. Regelmäßig dol­met­sche ich für Medien, allerdings bislang noch schwerpunktmäßig im Hörfunk, denn in meinem ersten Berufsleben war ich Rundfunkjournalistin.

Ich habe das Medium geliebt. Fürs Radio arbeiten, kann aber auch Stress pur be­deu­ten. Einmal ging morgens der Radiowecker an, der Sender wiederholte ein Programm vom Vortag, und geweckt hat mich meine eigene Stimme. Das ist keine Freude, das ist sogar ziemlich irritierend! Noch ein blödes Beispiel: Auf France Culture, dem Leib- und Magensender, läuft etwas über Pina Bausch, ich freue mich, denn ich habe sie auch mal verdolmetscht, dann kommt meine Stimme. Aus der Abmoderation erfahre ich, dass sie gerade gestorben ist! Schlag in die Ma­gen­gru­be.

Als Dolmetscher liefern wir sicher immer wieder auch mal eher widersprüchliche Sachen, mancher Redner biegt mitten im Satz ab, und wir folgen ihm, oder aber wir sind einer falschen Spur gefolgt und am Ende auf die richtige gesprungen. (Wir sind unseren Kunden dankbar, dass sie keine Stilblütensammlung anlegen.)
Wer im Radio kommentiert, schreibt seine Texte in der Regel auf. Gefreut hat mich heute spät am Abend folgendes eindeutig abgelesene Satzende, es ging um po­li­zei­li­che Ko­ope­ra­ti­on: "... haben viele von ihnen noch Zeiten erlebt, in denen Grenzen hap­tisch sichtbar waren." Blindenrundfunk, gut so! (Hätte ich das dolmetschen sol­len, das Wörtchen haptisch wäre bei mir unter den Tisch gefallen.)

Schließen möchte ich mit weiteren Links zu den Tiefen (Untiefen?) meines Blogs: Fürs Radio dolmetschen. (Auch das nachstehende Bild mit sichtbaren Händen birgt einen Link.)

Laurent Cantet und Caroline Elias, zwei Köpfe, drei Hände
Dolmetschen fürs TV (für Alexander Kluge)
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Foto: dctp, Alexander Kluge

Montag, 27. Juli 2015

Räuberpistole

Hello, bon­jour und gu­ten Tag! Hier bloggt eine Dol­met­scher­in aus Berlin, Pa­ris, Mar­seille, Schwe­rin oder Mün­chen ... kurz: von dort, wo Sie mich brauchen. Ich arbeite neben der mündlichen Vermittlung auch als Übersetzerin, d.h. ich über­tra­ge schriftlich Texte aus dem Politik- und Kulturbereich, allerdings keine Per­so­nal­do­ku­men­te. Hier beginnt mein Rückblick auf die letzte Saison. 

No camera ... no problem
Fotografieren verboten
Einmal hatte ich kurz Angst um mein Leben. Wir saßen in Paris in einem Lu­xus­ho­tel, ein Ban­kier aus der tschechischen Provinz, der als kleine Wucht­brum­me den Raum betreten hat, entledigte sich einiger Schichten relevanten Dämm­ma­te­ri­als und verließ rank und schlank den Raum. Wir blieben noch im Raum, der "Gast­ge­ber", mein Dol­metsch­kun­de und ich.

Es ging um ein Handelsgeschäft, das nicht exakt wie besprochen abgelaufen war. Also hatten bei einem früheren Treffen einige böse Buben, als Polizisten ver­klei­det, den Reisepass meines Kunden konfisziert. Das Geld, das hier den Ei­gen­tü­mer gewechselt hat, wurde unter anderem für die Herausgabe der Dokumente über­ge­ben. Ich war überrascht, wie wenig raumgreifend Summen sind, mit denen ich in Berlin mal eben unsere Wohnung samt deren Umbau bar bezahlen könnte.

Plötzlich habe ich Schiss, weil mir durch einige Fragen mit kulturellem Hintergrund definitiv klar geworden ist, dass die ganze Sache eine wilde Betrugsstory ist. (Für die Nichtmuttersprachler: Sowas nannte man früher auch eine "Räuberpistole".) Das Gegenüber, der französischsprachige "Gastgeber" des Termins und Empfänger der besonderen Druckerzeugnisse, weiß nicht, dass ich ihn durchschaut habe. Wäre er weniger ungebildet und würden ihm die Dollarzeichen im Auge etwas weniger den Blick verstellen, wir müssten vermutlich um unser Leben fürchten. So wird ein weiterer Termin vereinbart, an dem dann Ware übergeben werden soll.

Der Folgetermin kommt zum Glück nicht zustande. Die Sache hängt noch wo­chen­lang in der Schwebe, obwohl es mein Kunde längst besser wissen sollte: Am Ende bekomme ich Einblick in den Mailaustausch, darin steckt ein letzter Be­weis, der im Grunde nicht nötig gewesen wäre. Mein Kunde denkt aber fort­ge­setzt nur an das ihm hier entgehende Geschäft, an sein mit­tel­stän­di­sches Un­ter­neh­men in der Krise, an die Brandenburger Mitarbeiter, die er nicht ent­las­sen möchte, und er ärgert sich, dass er in der Schule Russisch gelernt hat und nicht Französisch. Am Ende wird er mehr als eine Viertelmillion Euro an die Bande ge­zahlt haben.
Rücksprung. Begonnen hatte es ganz schlicht: Ein potentieller Kunde rief an, bat mich, mit ihm drei Tage später nach Paris wegen einer Einfuhrsache zu reisen, Zoll­amt, Schen­gen­raum und Flughafen waren die die Stichworte. Leider hat er mir keine Un­ter­la­gen zur Vorbereitung zugeschickt. Es ging um Umwelt- und Ener­gie­tech­nik, da­zu hatte ich gerade erst einen Einsatz, diese Unterlagen kamen (un­nö­ti­ger­wei­se) ins Reisegepäck. 

In Paris haben wir dann tagelang auf Termine mit den Gesprächspartnern gewartet. Wäh­rend­des­sen habe ich angefangen, ein Krimidrehbuch zu übersetzen ... und auf höchst merk­wür­di­ge Weise fing an, das, was ich erlebt habe, sich mit dem zu über­schnei­den, was ich übersetzen durfte. Ich habe also beobachtet, war freundlich, wach, habe mich erst ein wenig gewundert und mich vor mir selbst kurz für ver­rückt erklärt, als ich wenig später schon anfing, Indizien dafür zu sammeln, dass die Leute vom Zollamt, von der Polizei etc. Mitglieder einer Gangsterbande sind. Sofort setzte ich meine Kunden von meinem Verdacht in Kenntnis. Am Tag darauf hat die Geldübergabe stattgefunden.

Mein Kunde hat den Vorfall nie angezeigt, denn es war ein "Kick-back-Geschäft" eingeplant, ein Teil der überhöhten Verkaufssumme sollte an die Brandenburger zu­rück­flie­ßen. Das Kapital stammte angeblich aus wohltätigen Stiftungen, wie ich am Ende erfuhr. Die in der tschechischen Republik schwarz angelegten Rücklagen der Firma waren damit futsch. Natürlich habe ich meinen vollen Honorarsatz be­rech­net. Schon allein für die entgangene Schlagzeile: "Dolmetscherin lässt Gangs­ter­ban­de auffliegen!" Auch unsereiner wäre gerne mal fünf Minuten lang berühmt.

Betrügen verboten!
Wunschschild
Ich habe mir von dem Geld einen Designersessel ge­kauft, der meine ab dem Hö­he­punkt der Saison ge­le­gent­lich auf­tre­tende Rücken­schmer­zen reduziert. Der Sessel heißt jetzt "Gangstersessel". Und kann hier nur An­deu­tun­gen machen, weil die Sache ei­gent­lich der Plot für einen Krimi ist. Soll ich den schrei­ben? 

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Fotos: C.E.

Donnerstag, 23. Juli 2015

Sommerparlando

Bon­jour, wel­come, gu­ten Tag! Hier schreibt ei­ne Über­set­zer­in und Dol­met­scherin. Berlin ist im Sommer immer am schönsten. In diesen Wochen ist deshalb das Büro besetzt. Heute, wie so ein Donnerstag außerhalb der Saison aussieht.

Herbstplanung steht an, dann lese ich zum Thema Wirtschaft weiter, erwäge, ein Buch aus diesem Bereich zu übersetzen. Den Autor höre ich mir im französischen Hörfunk an. Ich liebe meine Podcasts, meine Radiosendungen zum Herumtragen! Zu den aktuellen Sendungen finde ich noch etliche seiner Auftritte im Schall­ar­chiv. So begleitet mich die Stimme des Wirtschaftskritikers bei meinen Einkaufsgängen in Sachen |Frühjahrs|Sommerputz und Aufhübschung der Wohnung.

Nach der Mittagspause: Eine Stunde Rechnungs- und Mahnwesen. Anschließend darf ich an meinem literarischen Text weiterschreiben. Es ist eine Auftragsarbeit von jemandem, der weiß, dass ich zu einem bestimmten Thema etwas zu sagen habe. Der Verleger und Buchhändler hat meinem Entwurf zugestimmt und sich allerdings eine andere Sprache gewünscht, damit es in seine Reihe passt. Ich darf jetzt also auf Französisch schreiben. Arbeitstitel: En descendant la rue des lignes. Die Über­set­zer­in ins Deutsche kenne ich glaube ich auch schon.

An der Kaffeetafel
Hinterher geht's eilends in den Garten. Bei Erna und Wal­de­mar gibt es Kaffee und Ku­chen! Das ist eine schöne Tra­di­tion in Deutschland, das Pen­dant zum Five o'clock tea. Dieser Teezeremonie fröne ich sonst auch gerne. Bei Re­gen findet das ge­sel­li­ge Bei­sam­men­sein bei mir statt.

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Foto: C.E. (Flohmarktfund)

Mittwoch, 22. Juli 2015

Lampenkram

Hallo! Hier le­sen Sie, was eine Dol­met­scher­in und Über­set­zer­in für die fran­zö­si­sche Sprache so umtreibt. Vieles kann ich gleich doppelt benennen. Umso är­ger­li­cher, wenn mir in beiden Sprachen ein Begriff fehlt.

Der eine Lampenladen in der Nachbarschaft ist für immer geschlossen, das Kauf­haus hat nur neue Normwaren, der andere Lampenladen, der auch restauriert, er liegt etwas weiter weg, ist urlaubsbedingt zu. Ich aber möchte den im Büro ru­hi­gen Sommer für kleine Verbesserungen zuhause nutzen. Die Hängelampe, die ich vor Wochen aus Frankreich mitgebracht habe, soll end­lich an die Decke. Der Milch­glas­schirm ist alt und bar jeder Technik. Noch.

Nun habe ich schon viel mit Architekten und Innenarchitekten zu tun gehabt, ken­ne verschiedenste Vokabeln wie Spültisch und Revisionsklappe, Fliesenspiegel und Lampenfassung. Nur das Ding aus Weißblech, Messing oder verchromtem Metall, an dem das Ganze aufgehängt ist, weiß ich nicht zu benennen.

Ich suche im Netz, denn ich werde es dort kaufen. Ich gebe allerlei Begriffe ein, die das sprachliche Umfeld beschreiben, Kabel (câble, fil électrique), Lam­pen­schirm (abat-jour), Hängelampe (suspension), Deckenlampe (plafonnier), Lam­pen­fas­sung (douille), Glühbirne (ampoule) ... und finde nur rosace, Rosette, so heißt aber auch jede Metallblende, Hauptsache rund. So, wie ich hier suche, arbeite ich sonst, wenn ich Konferenzen vorbereite. Mich nervt, dass ich trotz etlicher Klicks nicht wei­ter­kom­me. Eine Illustration muss her. Ob mir jemand helfen kann? Vorab vielen Dank!

cliquer sur l'image pour l'agrandir — zum Vergrößern aufs Bild klicken
Aujourd'hui, je cherche un mot spécifique. J'ai ramené de France un abat-jour en opaline blanche, un peu comme celui à gauche, et je sais nom­mer (et par con­sé­quent acheter) un certain nom­bre de ce qu'il me faut pour uti­li­ser un jour la sus­pen­sion dans ma cuisine.

Mais je ne saurais nommer ce chapeau en laiton qui tient le verre en place et qui est relié à la douille. Est-ce que quelqu'un pourrait m'aider, SVP?

Naja, ich hatte eben meine Frage auf den entsprechenden Foren im Über­set­zer­kol­le­gen- und Film­kreis gestellt, da war (in weniger als 30 Minuten) auch schon die Antwort da. Eva lieferte aus Paris die griffes de suspension, Susanne aus Berlin die Schirm- bzw. Glashalter, jeweils mit Links. Merci beaucoup, Mesdames ! 


P.S.: Ich habe zu kompliziert gesucht, nämlich gleichzeitig in beiden Sprachen, eine einsprachige Re­cher­che wäre bes­ser ge­wesen. Aber bei Bestellung, Päckchen auspacken, Lampe montieren etc. dürfen beide Begriffe das Gehirn beschäftigen.
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Illustration: Netz/eigene Ergänzung

Montag, 20. Juli 2015

Museum der Wörter 11

Hallo, hier bloggt eine Spracharbeiterin. Ab und zu erinnere ich an Begriffe, die wir den jüngeren Generationen erklären müssen. Heute: Ein Wort, drei Zitate in Wort und Bild. Und obacht!, aller Sommerschwärmerei zum Trotz ist das Büro besetzt!
            
                        S
ommerfrische
   
Wikipedia: Das Wort Sommerfrische bezeichnet sowohl die jahreszeitliche Übersiedlung aus der Stadt auf das Land als auch den Zielort.

Der Dichter: Sommerfrische

Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß,
Das durch den sonnigen Himmel schreitet.
Und schmücke den Hut, der dich begleitet,
Mit einem grünen Reis.

Verstecke dich faul in der Fülle der Gräser.
Weil's wohltut, weil's frommt.
Und bist du ein Mundharmonikabläser
Und hast eine bei dir, dann spiel, was dir
                                   kommt.

Und lass deine Melodien lenken
Von dem freigegebenen Wolkengezupf.
Vergiss dich. Es soll dein Denken
Nicht weiter reichen als ein
                                     Grashüpferhupf.


Joachim Ringelnatz (1883-1934)


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Foto: privat
Idee: H.F.

Sonntag, 19. Juli 2015

Baustelle

­Will­kom­men auf den Sei­ten mei­nes Web­logs aus der Spra­chen­welt. Ich dol­met­sche in Pa­ris, Ber­lin, Brüs­sel und dort, wo Sie mich brau­chen. Als Sonntagsfoto zeige ich mein Foto der Woche.

Hier wird gearbeitet, das ver­mit­telt das Gerüst auf dem Weg zur Bun­des­tags­ver­wal­tung. Wir befinden uns vis à vis der Botschaft Groß­bri­tan­ni­ens.







Offensichtlich wird hier nicht nur am Gebäude gearbeitet, sondern auch an der Sprache. Ach, und an vielem mehr.
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Fotos: C.E. (click to enlarge)

Freitag, 17. Juli 2015

Auf dem Schreibtisch XXVI

Welcome, bienvenue, hier bloggt eine Dolmetscherin und Übersetzerin über ihren Berufsalltag. Meine Sprachen sind Französisch (als Ausgangs- und Zielsprache) und Englisch (Ausgangssprache).

Den Sommer über bleiben wir in Berlin, von Ausflügen an die Seen und an die See abgesehen. Das ist wichtig, weil praktisch alle Kolleginnen und Kollegen der­zeit im Urlaub und hier und in Paris die meisten Büros verwaist sind.

Beistelltisch im Morgenlicht
Was steht an? Der Vormittag gehört der Bundestagsdebatte zu Griechenland, einem Thema, das mich derzeit stark beschäftigt.

Ich habe Angst um Europa. Si c’était à refaire, je commencerais par la culture ("Wenn ich es noch einmal zu tun hätte, würde ich mit der Kultur beginnen"), der fälschlicherweise Jean Monnet zu­ge­schrie­bene Satz, ist nichtsdestotrotz aktueller denn je. Wer die kulturellen Unterschiede der Nationen außer Acht lässt und nur mit Zahlen argumentiert, hat offenbar das Wesen des Europas, das die jungen Ge­ne­ra­tio­nen ganz selbstverständlich leben, nicht erfahren.

Heute Nachmittag lese ich wieder Technikkram für den nächsten Berliner Bau­stel­len­be­such mit französischem Steinmetz, es geht um ein Marmorbad. Sonst liegt auf dem Schreibtisch:

— Nachbereitung Rechtsradikalismus, Nationalsozialismus und Homosexualität
— Zwei Drehbücher (ein Gutachten und die Weitergabe von Übersetzungen ins Französische und Englische)
— Finanz- und Europapolitik
— Wohnungswirtschaft
— drei Arte-Produktionen, bei denen ich für Fragen im Schnittraum stand by bin (für Schnittberatung bzw. die Abnahme der französischsprachigen Partien)
— Rechner und Büro weiter modernisieren, das Material der letzten Monate fertigsortieren
— Einarbeiten in Software für Online-Unteritelung im kollaborativen Modus (mehrsprachiges Team)

Die ersten Buchungen für den September liegen schon vor, die früheste Anfrage haben wir für September 2016 bekommen. Wie gut, dass wir in der Vorsaison im Urlaub waren.

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Foto: C.E. (Archiv)

Donnerstag, 16. Juli 2015

Schönstes Lob

Hallo! Zufällig oder absichtlich sind Sie auf den Seiten meines digitalen Ar­beits­ta­ge­buchs aus dem Inneren der Dolmetscherkabine gelandet. Hier schreibe ich über kleine Beobachtungen des Alltags, sprachliche Besonderheiten, kulturelle Hin­ter­grün­de — oder darüber, wie unsere Kunden uns wahrnehmen.

Neulich, beim Vor-Ort-Termin einer Architektenvereinigung nach zwei Tagen Kon­gress mit belgischen Architektenkollegen. Wir werden von Bauherren und Ar­chi­tek­ten durch einen Neubau geführt. Es ist der letzte Vormittag von insgesamt drei Tagen.

Irgendwann ist mir etwas nicht klar. So stelle auch ich eine Frage zur Sache. Die Ar­chi­tek­tin erklärt es geduldig. Im Treppenhaus, als wir uns anschicken, dem Haus aufs Dach zu steigen, fragt sie mich freundlich: "Für welches Architektenbüro sind Sie denn tätig?" Als sie meine Verwirrung sieht, legt sie nach: "Sie sind doch Kol­le­gin, oder?"

Später, als alles aufgeklärt ist, sagt sie, dass sie mich nicht erkannt habe, nur ge­wusst, dass ich ir­gend­wo hinten gesesssen hatte.

Schönere Komplimente kann es kaum geben.


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Fotos: C.E.

Mittwoch, 15. Juli 2015

Zweitwohnsitz

Bon­jour, guten Tag! Ich be­grü­ße Sie auf den Sei­ten mei­nes di­gi­ta­len Ar­beits­ta­ge­buchs. Ich weiß nicht, ob Sie absichtlich zu mir gefunden haben, oder ob der Zu­fall Sie hergeführt hat. Hier schreibe ich aus Paris, Berlin und anderen Orten über meinen Alltag als Konferenzdolmetscherin. Dabei sehe ich viele soziale Un­ter­schie­de.

Kräne am Horizont, im mittleren Bereich und im Vordergrund als Schatten
Hauptstadt der Kräne
Gestern, 15.00 Uhr, eine No­ta­ri­ats­fach­an­ge­stellte ruft an und fragt, was es koste, wenn ich um 17.00 Uhr einen Kaufvertrag am Kurfürstendamm dolmetschen komme. Ich frage, worum es geht. Bevor ich eine Zahl sagen kann, habe ich schon das Ex­po­sé im Briefkasten: "Jung­ge­sel­len­woh­nung im neu errichteten Gartenhaus eines Mit­te-Alt­baus, 34 Quadratmeter im Her­zen Ber­lins, Neubau mit Mar­­ken­­kü­­che, Kamin, Marmorbad (italienische Du­sche), Town­house-Appartment, se­nio­ren­gerecht: ja."

Seniorengerecht? Die Woh­nung ist mit dem Rolli zugänglich, liegt aber mitten in der Partyzone. Wir waren in der Gegend mal mit dem Büro. Es war laut.

Daher steht auch in der Wohnungsausschreibung weiter unten: "Ideale Stadt­wohn­ung als Zweitadresse, zur gelegentlichen Übernachtung in der Arbeitswoche ge­eig­net." Soso. Bevor ich das Exposé gesehen habe, ist meine Honorarsumme schon klar. Eine Dolmetscherkollegin, die in einer westdeutschen Kleinstadt im Gas­si­run­den­um­kreis einiger Notare wohnt, macht das on the fly, im Vorbeirennen, dann berechnet sie für die Stunde vor Ort 120 Euro, sie kennt die Verträge auswendig.

Ich veranschlage hier 400, und ich rechne laut: Eine Stunde am Kudamm dol­met­schen, höhere Hausnummer, plus 2 x 60 Minuten Fahrtzeit (laut www.bvg.de je ca. 43 Minuten je Weg, zzgl. Puffer), Einlesen auf der Hinfahrt bzw. in der ver­blei­ben­den Stunde vor dem Losrennen. Damit liege ich exakt bei dem, was das Justiz­ver­gü­tungs- und Entschädigungsgesetz für drei Stunden vorsieht, plus 100 Euro Eil­zu­schlag, ich muss ja meinen Abend umplanen. Das, was nachmit­tags lie­gen­bleibt, darf ich in der Spätschicht fertigstellen ... und die Theaterkarten ver­schen­ken.

Die Antwort kommt sofort, ich sei zu teuer, man habe so mit 50, 60 Euro ge­rech­net. Netter Versuch. Holen Sie sich doch für das Geld einen Handwerker, der bringt dann auch sein Werkzeug mit und zeigt es Ihnen gerne, jeder weitere Handschlag kostet extra. Und das zwei Stunden vor Termin!

Ach ja, die oben beschriebene Bude kostet ca. 9400 Euro je Quadratmeter und soll für knapp 320.000 Euro über den Tisch gegangen sein. Solche Wohnungen heißen übrigens deshalb Junggesellenwohnungen, weil darin jeder Mann zum Junggesellen mutiert. Der Satz vom "gelegentlichen Übernachten" sagt alles. Mein Filmtipp zum Blogeintrag: "Das Appartment" von Billy Wilder. Im Vergleich zu dieser Räu­ber­pis­to­le hier ist der Streifen wirklich gut!

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Foto: C.E.
Hierzu passt: Fünftwohnsitz

Dienstag, 14. Juli 2015

Bastille day

Bonjour und guten Tag auf den Seiten meines Weblogs. Der 14. Juli ist traditionell der französische Nationalfeiertag. Heute gibt es dazu einen Bil­der­witz, der so recht nur von Französischsprachigen ver­stan­den werden kann. Allen an­de­ren sage ich: A demain, bis morgen!



Bon, je ne sais pas si le cou­rant passe, mais voici la prise de la Bastille version 2015 ...

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Foto: Netzfund 
Si la publication de cette image dérange son
créateur, je la supprime sans problèmes.

Freitag, 10. Juli 2015

Zeitpuffer

Welcome, bienvenue, hier bloggt eine Dolmetscherin und Übersetzerin über ihren Berufsalltag. Meine Sprachen sind Französisch (als Ausgangs- und Zielsprache) und Englisch (Ausgangssprache). Ich arbeite in Paris, Berlin, Köln und dort, wo Sie mich brauchen.

Heute vor einer Woche fand unser letzer Dolmetscheinsatz der Saison vor Publikum statt. Es war extrem heiß, mein Rechner kam frisch aus der Werkstatt, denn meine Technik wird runderneuert. Aber darüber möchte ich gar nicht spre­chen, son­dern darüber, dass ich schon 1,5 Stunden vor Diskussionsbeginn in der Nähe des Ver­an­stal­tungs­or­tes war, die Dauer von Technikterminen lässt sich nicht planen.

Straßenname "Einemstraße" mehrfach in die Architektur integriert, allerdings in der heutigen Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße
In Berlin-Schöneberg
Nach Hause zu fahren hätte sich kaum ge­lohnt, dort hätte ich nur Schu­he wech­seln und ein Glas Wasser trinken können. Also war ich froh, mich schon mal im Kiez umsehen zu kön­nen. Vielleicht wür­de ich hier, in der Nähe der Ei­nem­stra­ße, auch eine der alten Ull­stein­vil­len fin­den, in der ich vor Urzeiten mal war (und die ich auch aus dem "Ullsteinroman" von Sten Nadolny kenne, wenn ich mich richtig erinnere).

Ziel ist eine Adresse in der Ulrichs-Straße. Mein Notizzettel mit der Adresse, in die­sem Bereich bin ich noch analog un­ter­wegs, er­weist sich irgendwie als falsch. Auch Passanten wissen nicht weiter. An etlichen Häusern steht Einemstraße, aber eigentlich, so meint mein Zettel, müsste ich längst da sein.

To make a long story short: Ich war längst da! Die Straße ist umbenannt worden. Was war ich froh, dass ich in der Regel mit viel Zeitpuffer zu den Einsätzen gehe. Über die Villa schreibe ich ein andermal, denn es blieb doch keine Zeit für die Er­kun­dung.

Vor Ort habe ich erstmal unseren Arbeitsplatz eingerichtet, die Technik geprüft, mich vom Stress erholt und die Redner befragt, um die Lexik zu ergänzen.

Das mit dem Puffer ist übrigens sehr wichtig. Einmal ließ größeres Federvieh im Vorbeiflug etwas fallen, und das landete ausgerechnet auf meiner schwarzen Jacke (die ob des sauren Gemischs leider nie wieder sauber wurde). Ich hatte Zeit für einen Kurzbesuch im Second-Hand-Laden vor dem Ort des Geschehens und im Kon­gress­ho­tel für einen Sprung unter die Dusche im Wellness-Bereich.

Ein andermal wollte ich die Wohnung verlassen und war eingesperrt. Irgendwelche Superfachleute haben vor 300 Jahren unser Sicherheitsschloss verkehrt herum ein­ge­baut. Mein Bruder, der eine Zeitlang mit mir die Wohnung geteilt hat, war im Morgengrauen zum Zug geeilt und hatte gut hinter sich zugemacht. Dass sich dann das ver­dreh­te Schloss von innen nicht mehr öffnen lässt, weiß ich seither.
Wir wohnen im 3. Stock, die direkten Nachbarn und jene aus dem 4. waren schon zur Arbeit oder im Urlaub. (Zum Glück gibt es Internet.)

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Fotos: C.E.

Mittwoch, 8. Juli 2015

Ringefest in Moll

Bon­jour und Hal­lo! Sie lesen ab­sicht­lich oder zu­fäl­lig in ei­nem vir­­­tu­­­el­­­len Ar­­beits­­­ta­­­ge­­buch aus der Welt der Sprachen. Ich bin Dolmetscherin und Übersetzerin für die französische Spra­che und aus dem Englischen. Ich arbeite z.B. in Paris und Marseille, München und derzeit in Berlin.


In hellen wie in dunklen Zeiten
Das Leben besteht aus Kon­tras­ten, eine Dol­met­scher­exis­tenz auch. Der schönste Tag im Leben wird der Tag ge­mein­hin ge­nannt, wenn sich zwei Menschen das Jawort geben. Für uns Sprachmittler gehören Standesämter immer öfter zu den Arbeitsorten.
Die bunte Stadt mit ihren Ein­wohn­ern bringt viele bi­na­tio­nale Ehen mit sich ... und mehr!

Nein, ich rede hier nicht der Polygamie das Wort. Wenn zwei Menschen aus allen "vier Ecken" der Welt heiraten, des quatre coins du monde, wie's auf Französisch heißt,  kann's turbulent werden. Nehmen wir die Frankokanadierin (mit Mutter aus Paris), die sich mit ihrem Freund, einem Deutschtürken, zusammentut, da sind vier Nationen im Spiel! Neulich erlebt! Und vielleicht hat genau aus diesem Grunde die Welt aus fran­zö­si­scher Sicht nur vier Ecken: Mehr kann doch kein Mensch über­blicken!

Neulich waren wieder nur zwei Menschen im Spiel, aber trotzdem vier Parteien. Freund Hein, auch Gevatter Tod genannt, hat mitgetanzt beim Hochzeitswalzer, der Bräutigam ist sterbenskrank. Und das vierte Wesen tanzte in der dicken Kugel mit, die die Braut vor sich herumtrug. Entsprechend kurz war der Walzer. Und es war auch für die Dolmetscherin, die prompt zum ganzen Fest geladen wurde, ex­trem ergreifend, wie dicht hier Glück und Trauer, Tod und Leben, Vergangenheit und Zukunft beieinander lagen.

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Foto: C.E. (Archiv)

Sonntag, 5. Juli 2015

Kein hitzefrei!

Hallo! Sie lesen hier im Arbeitstagebuch einer Dolmetscherin und Übersetzerin für die französische Sprache, die in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Kultur und Bil­dung tätig ist.

Sommerlich gekleidete Menschen, nur die Dolmetscherin trägt Seidenstrümpfe und ein hauchdünnes Jäckchen
Einsatz in Frankreich
Dem Rechner, dem Hürn und mir ist's zu heiß, wie hier auf dem Bild, das vor exakt drei Jahren aufgenommen worden ist.

Auch damals durfte ich mit Strüm­pfen und Jäckchen ar­bei­ten, weil gleich im Anschluss eine hochrangige Person an­ge­sagt war, diplomatie oblige, und in den Kreisen niemand weiß, was schwitzen ist.

Das Jäckchen ist übrigens hauchdünn.

Heute: Terminarbeit, z.T. mit Rechner, der immer nach 1,5 Stunden heißgelaufen ist. Es geht auf die 40 Grad zu.

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Foto: privat (Sommer 2012)

Donnerstag, 2. Juli 2015

Kaffeepulver

Die Aben­teuer einer Dol­met­scher­in und Über­set­zer­in für die fran­zö­si­sche Sprache können Sie hier miterleben. Ich arbeite in Marseille, Paris, Berlin und dort, wo mich meine Kunden hinschicken.

Nun, ich bin ja immer dagegen, dass Getränke auf Tischen stehen, an denen auch gearbeitet wird. Gewässerte Notizblöcke sind nicht schön, seit wir uns mit Technik ausbreiten, ist die Sache richtig gefährlich.

Kaffe'granulat' im Rechner
Durstige Technik (not)
Ich selbst stelle immer alles weit auseinander, am liebsten auf getrennte Tische. Aber ich kann nicht immer alle Entscheidungen der An­we­sen­den kontrollieren ... und ihre Bewegungen schon gar nicht, so gern ich das (als heim­li­cher control freak) ja gerne wür­de. Und so kam neulich meine Maschine in Berührung mit echtem Espresso so­wie einem Schuss Milch.

Irgendwie ging alles gut, es war nicht viel und die richtigen Stellen hat's getroffen, nicht die Platinen, sondern den Akku, der Lüfter war eine Zeitlang schwer aktiv ... und als jetzt doch der Akku fällig war, mit etwas Zeitverschiebung, gratulierte mir die Werkstatt prompt. Schwein gehabt!

Und dann wurde mir sofort der Kopf gewaschen. Jetzt weiß ich, was in solchen Fäl­len zu tun ist. Kiste aus, Klapperatistik in eine Plastiktüte und ab in die Werk­statt. Bevor das Ganze einsickert, muss es aufgeschraubt und professionell ge­trock­net werden. Heute gelernt. Sonst nur gepaukt für die nächste Konferenz und Trans­kription/Übersetzung gemacht. Ich übersetze gleich, statt zu trans­kri­bie­ren, Trans-Ü also. Später mal mehr darüber.

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Foto: C.E.