Dienstag, 1. September 2015

Der Erste

Hallo! Seit Fe­bru­ar 2007 blog­ge ich hier aus der Dol­met­scher­ka­bi­ne und vom Über­set­zer­schreib­tisch meine kleinen Beobachtungen aus der Welt der Sprachen. Und jetzt ergeht's mir wie allen Verkäufern von Saisonartikeln und Ho­sen­schnei­dern: Die Themen wiederholen sich mit den Jahreszeiten. (Der Beweis der Redundanz: 2010, 2011, 2012, 2013.)

Heute rasch zweierlei: Während ich mich weiter ins Thema Bodengesundheit ver­gra­be und dem Weg der Nährstoffe durch die Krume folge, reden schon alle vom Herbst, und an den Supermarktkassen stehen die Schokonikoläuse neben den Weih­nachts­stol­len stramm. Eine leichte Sommernostalgie durchwehte schon meinen gestrigen Bei­trag. Prompt bekam ich eine Antwort.

Denn heute ist der erste Herbstanfang, aber nur für diejenigen, die das wirklich wollen, für alle anderen ist Spätsommer. Nämlich: "Heute ist keineswegs Herbst­an­fang; das Äquinoktium fällt in diesem Jahr auf den 23. September, dann erst be­ginnt der Herbst. Der sogenannte meteorologische Herbstanfang am 1. Sep­tem­ber dient lediglich dazu, statistische Auswertungen zu erleichtern und wäre dank EDV eigentlich gar nicht mehr erforderlich."

Das musste mal gesagt sein. Danke! Ich genieße also den Sommer bis zum zweiten Herbstanfang.

Auch in Frankreich hat sich von gestern zu heute alles verändert und ist trotz­dem alles gleich geblieben. Gestern do­mi­nier­te noch bräsige Au­gust­ver­schla­fen­heit das Land, heute beginnt in Frankreich, tataaaa, nein, nicht der Herbst, naja, unter Statistikern vielleicht auch, dafür aber die neue "Saison". Der 1.9. ist so etwas wie der 1. Januar, naja, gefühlt, denn er ist der Anfang von der Wiederaufnahme des schu­li­schen, akademischen und ge­sell­schaft­li­chen Lebens, la rentrée genannt. (Viele Kalender, nicht nur die von Schülern und Studenten, gehen vom Herbst bis zum Sommer.)
Kind mit Tornister, Brotbeutel und Zuckertüte aus den 1920er Jahren
Ernst des Lebens in Sicht

Prompt bekommen viele Sender neue Pro­gramm­sche­ma­ta, Schüler eilen wieder zu den Stätten ihrer Bildung, die hoch­ge­klapp­ten Bürgersteige werden wieder auf Nor­mal­ni­veau gebracht. Das ist wirklich eine echte Besonderheit französischen Lebens und lustig, dass es sich seit Jahrzehnten exakt so abspielt.
Was den Franzosen ihre rentrée, ist den Deutschen ihre Zuckertüte. Zum ersten Schultag gibt's diese Teile auch schon seit vielen Generationen, allerdings nur in Deutsch­land und im deutschsprachigen Aus­land. Die Franzosen kennen das das ko­ni­sche Einschulungsmöbel dafür über­haupt nicht.

Die Änderungen finden woanders statt. Die junge Erstklässlerin aus den 1920er Jahren trägt zudem einen Lederranzen, der bis in die frühen 1970er Jahre so aus­ge­se­hen hat. Meine Oma nannte das Teil "Tornister". So hießen die gerundeten Ledertaschen zum Auf-dem-Rücken-Tragen der Soldaten im 1. Weltkrieg auch schon. Hierzu passt das Wort "Klas­sen­ka­me­rad". Heute auch unbekannt, es heißt |Schulfreundin oder Schul­freund| EDIT: Mitschüler, wie eine Leserin oder ein Leser richtig bemerkt hat.

Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Mappen aus Plastik Schulranzen aus ei­nem recyclingfähigen, umweltschonenden High-Tech-Textil Platz machen, denn ihre Haltbarkeit ist von gewollt kurzer Dauer. Kaum vorzustellen, dass wir damals mit zwei Ranzen unsere ganze Schullaufbahn bestreiten konnten, mit dem kleinen "Tornister", der sogar oft übernommen worden war von einem anderen Kind, für die ersten Jahre, und einem hochwertigen Lederranzen für danach. Letztere ha­ben nur einen Malus: Sie sind schwer.

Bis dahin üben wir Äquinoktium sagen, ein seltenes Wort, eigentlich nur zwei Mal im Jahr in Gebrauch, aber sicher etwas, womit sich auch auf Spätsommerparties punkten lässt. Und l'équinoxe spricht sich irgendwie leichter aus.


Vokabelnotiz:
la rentrée littéraire — der Bücherherbst
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Foto: Privatarchiv

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich meine, dass das Synonym für "Klassenkamerad" eher "Mitschüler" ist. Bei "Schulfreund" sehe ich einen Bedeutungsunterschied.

caro_berlin hat gesagt…

Danke, lieber aufmerksamer Leser ... oder liebe aufmerksame Leserin!