Montag, 27. Juli 2015

Räuberpistole

Hello, bon­jour und gu­ten Tag! Hier bloggt eine Dol­met­scher­in aus Berlin, Pa­ris, Mar­seille, Schwe­rin oder Mün­chen ... kurz: von dort, wo Sie mich brauchen. Ich arbeite neben der mündlichen Vermittlung auch als Übersetzerin, d.h. ich über­tra­ge schriftlich Texte aus dem Politik- und Kulturbereich, allerdings keine Per­so­nal­do­ku­men­te. Hier beginnt mein Rückblick auf die letzte Saison. 

No camera ... no problem
Fotografieren verboten
Einmal hatte ich kurz Angst um mein Leben. Wir saßen in Paris in einem Lu­xus­ho­tel, ein Ban­kier aus der tschechischen Provinz, der als kleine Wucht­brum­me den Raum betreten hat, entledigte sich einiger Schichten relevanten Dämm­ma­te­ri­als und verließ rank und schlank den Raum. Wir blieben noch im Raum, der "Gast­ge­ber", mein Dol­metsch­kun­de und ich.

Es ging um ein Handelsgeschäft, das nicht exakt wie besprochen abgelaufen war. Also hatten bei einem früheren Treffen einige böse Buben, als Polizisten ver­klei­det, den Reisepass meines Kunden konfisziert. Das Geld, das hier den Ei­gen­tü­mer gewechselt hat, wurde unter anderem für die Herausgabe der Dokumente über­ge­ben. Ich war überrascht, wie wenig raumgreifend Summen sind, mit denen ich in Berlin mal eben unsere Wohnung samt deren Umbau bar bezahlen könnte.

Plötzlich habe ich Schiss, weil mir durch einige Fragen mit kulturellem Hintergrund definitiv klar geworden ist, dass die ganze Sache eine wilde Betrugsstory ist. (Für die Nichtmuttersprachler: Sowas nannte man früher auch eine "Räuberpistole".) Das Gegenüber, der französischsprachige "Gastgeber" des Termins und Empfänger der besonderen Druckerzeugnisse, weiß nicht, dass ich ihn durchschaut habe. Wäre er weniger ungebildet und würden ihm die Dollarzeichen im Auge etwas weniger den Blick verstellen, wir müssten vermutlich um unser Leben fürchten. So wird ein weiterer Termin vereinbart, an dem dann Ware übergeben werden soll.

Der Folgetermin kommt zum Glück nicht zustande. Die Sache hängt noch wo­chen­lang in der Schwebe, obwohl es mein Kunde längst besser wissen sollte: Am Ende bekomme ich Einblick in den Mailaustausch, darin steckt ein letzter Be­weis, der im Grunde nicht nötig gewesen wäre. Mein Kunde denkt aber fort­ge­setzt nur an das ihm hier entgehende Geschäft, an sein mit­tel­stän­di­sches Un­ter­neh­men in der Krise, an die Brandenburger Mitarbeiter, die er nicht ent­las­sen möchte, und er ärgert sich, dass er in der Schule Russisch gelernt hat und nicht Französisch. Am Ende wird er mehr als eine Viertelmillion Euro an die Bande ge­zahlt haben.
Rücksprung. Begonnen hatte es ganz schlicht: Ein potentieller Kunde rief an, bat mich, mit ihm drei Tage später nach Paris wegen einer Einfuhrsache zu reisen, Zoll­amt, Schen­gen­raum und Flughafen waren die die Stichworte. Leider hat er mir keine Un­ter­la­gen zur Vorbereitung zugeschickt. Es ging um Umwelt- und Ener­gie­tech­nik, da­zu hatte ich gerade erst einen Einsatz, diese Unterlagen kamen (un­nö­ti­ger­wei­se) ins Reisegepäck. 

In Paris haben wir dann tagelang auf Termine mit den Gesprächspartnern gewartet. Wäh­rend­des­sen habe ich angefangen, ein Krimidrehbuch zu übersetzen ... und auf höchst merk­wür­di­ge Weise fing an, das, was ich erlebt habe, sich mit dem zu über­schnei­den, was ich übersetzen durfte. Ich habe also beobachtet, war freundlich, wach, habe mich erst ein wenig gewundert und mich vor mir selbst kurz für ver­rückt erklärt, als ich wenig später schon anfing, Indizien dafür zu sammeln, dass die Leute vom Zollamt, von der Polizei etc. Mitglieder einer Gangsterbande sind. Sofort setzte ich meine Kunden von meinem Verdacht in Kenntnis. Am Tag darauf hat die Geldübergabe stattgefunden.

Mein Kunde hat den Vorfall nie angezeigt, denn es war ein "Kick-back-Geschäft" eingeplant, ein Teil der überhöhten Verkaufssumme sollte an die Brandenburger zu­rück­flie­ßen. Das Kapital stammte angeblich aus wohltätigen Stiftungen, wie ich am Ende erfuhr. Die in der tschechischen Republik schwarz angelegten Rücklagen der Firma waren damit futsch. Natürlich habe ich meinen vollen Honorarsatz be­rech­net. Schon allein für die entgangene Schlagzeile: "Dolmetscherin lässt Gangs­ter­ban­de auffliegen!" Auch unsereiner wäre gerne mal fünf Minuten lang berühmt.

Betrügen verboten!
Wunschschild
Ich habe mir von dem Geld einen Designersessel ge­kauft, der meine ab dem Hö­he­punkt der Saison ge­le­gent­lich auf­tre­tende Rücken­schmer­zen reduziert. Der Sessel heißt jetzt "Gangstersessel". Und kann hier nur An­deu­tun­gen machen, weil die Sache ei­gent­lich der Plot für einen Krimi ist. Soll ich den schrei­ben? 

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Fotos: C.E.

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