Donnerstag, 30. April 2015

Das Leben ist eine Vokabelliste

Hallo! Sie sind auf den Seiten eines digitalen Arbeitstagebuchs gelandet. Hier fin­den Sie Bilder und Momente aus dem Alltag, mit den Augen einer Dolmetscherin gesehen.

Vokabeln, Redensarten und Sprichwörter sammeln wir Sprachmenschen nach Her­zens­lust. Schon als Studentin habe ich oft den Stift gezückt, sogar im Bistrot nach dem Seminar. Viele Vokabelheftchen habe ich so gefüllt. Das Leben wurde stetiger, aus Heftchen wurden Vokabelbücher.

Es fehlt: l'oriel (m) — der Erker
Heute fotografiere ich viel. Ich freue mich, wenn Baustellenwände zu No­tiz­bü­chern werden. Mit den Bildern kann ich später aus der Ferne noch telefonisch nachgetragene Fragen dolmetschen. Der Fotoapparat ersetzt mir oft den Block.

Außerdem nehme ich regelmäßig Hör­funk­sen­dun­gen auf, die dann auf den MP3-Player wandern; Vorbesprechungen und Konferenzen außerhalb der Kabine zeichne ich mit einem Tonaufnahmegerät auf; mein Mobiltelefon ist ein kleiner Knochen, mit dem ich telefonieren kann. Nur telefonieren und Kurztextnachrichten senden, sonst nichts.


Noch habe ich kein Smartphone in der Tasche, das diese Geräte in sich vereint. Das liegt an einer gewissen Bequemlichkeit, aber auch am Misstrauen diesem All­roun­der gegenüber. Denn im Zweifelsfall könnte das Gerät leicht mein Bewegungsprofil erstellen. Und Zweifel, das weiß ich aus Dolmetscharbeiten für die Polizei, ent­ste­hen schnell. Zweifel sind heute längst nicht mehr nötig, um Menschen sys­te­ma­tisch zu überwachen.

Mir macht das Sorgen. Ich muss an Rosalie denken, eine hochbetagte jüdische Da­me, die in meinem ersten Pariser Lehrjahr meine Nachbarin war. Sie hatte über vierzig Jahre nach Kriegsende noch immer einen kleinen Fluchtkoffer fertig ge­packt unter dem Bett liegen, zog die Abgeschiedenheit der Dienstbotenetage einer normalen Wohnung vor, die sie sich als Bibliothekarin locker hätte leisten können. Sie warnte mich vor den Franzosen: Diese hätten bereits vor dem Überfall der Deutschen auf Frank­reich die Listen aller jüdischen Einwohner erstellt und da­nach et­li­che rassistisch begründete Festnahmen und Deportationen alleine durch­ge­führt. "Erlaube nie, dass der Staat mehr Infos hat über dich, als nötig!", pflegte sie zu sagen, "Mehrheiten können schnell wechseln".

Rosalie lebt schon lange nicht mehr. Ihre Generation der Zeitzeugen stirbt aus. Den direkten Nachgeborenen sitzt noch der Schrecken in den Gliedern ob solcher Nach­rich­ten und den sie begleitenden Blicken (und dem anschließenden Schweigen).

Mir ist mulmig dabei, dass dieses Thema der Mehrheit der Bevölkerung heute kaum Sor­gen zu bereiten scheint.

Ich könnte die Frage auch ins Humorvolle wenden — oder praktisch argumentieren: Reicht denn nicht, dass mein Surfverhalten ausspioniert wird? Was sollen staatliche oder private (Überwachungs-)Firmen von mir halten, die das alles zum Zwecke der Profilerstellung protokollieren? Wir Sprachmittler haben es an einem Tag mit ver­trau­li­chen Gesprächen eines Strafverteidigers mit seinem Mandanten zu tun, am anderen Tag mit Verteidigungspolitik, wenig später mit be­ruf­li­chen Perspektiven junger Menschen, in der darauffolgenden Woche mit der mensch­li­chen Er­näh­rung oder mit existentiellen Themen, wie sie in Filmen abgehandelt werden.

Jedes Mal lese ich mich ein, erstelle eine neue Lexik oder ergänze etwas aus dem Bestand. Und was denken die gewissen Dienste daher von mir?

Die Wand als Notizblock
Privat lese ich lieber Bücher, treffe mich mit Freunden, gehe ins Kino, in Museen und Galerien. Ich koche gerne und mag unseren Garten. Ich liebe das analoge Leben und meine Vokabelnotizen. Manche aus­ge­druck­te Lexik trage ich in Mantelinnentasche oder Ka­len­der wie zufällig ver­ges­sen noch lange herum und schaue ab und zu hinein.


Mindestens ein Kunde weiß von mir, dass ich eine antike Schreibmaschine besitze. Was dieser Tage in der Zeitung (in all ihren Darreichungsformen) steht, das Aus­spio­nie­ren von Unternehmen durch Geheimdienste, schwirrte in Industriekreisen schon lange als Vermutung durch den Raum. Dort wurde adäquat reagiert, auch wenn die Folgen nervig sind: TippEx, diese stinkende Korrekturflüssigkeit, ist in­zwi­schen nicht mehr überall käuflich, und auf den Kurier zu warten macht auch keinen Spaß.

Dem Vernehmen nach haben die USA mit deutscher Hilfe auch die französische Po­li­tik ausspioniert. Liebe geliebte Franzosen, dreht den Spieß doch um, wehrt Euch und bespitzelt die Deutschen (intensiver). Dann weiß die aktuelle Bil­dungs­mi­nis­ter­in wenigstens, warum sie den stundenintensiven Deutschunterricht der mehr­spra­chi­gen Klassen nicht einstellen soll. Und zur Krönung darf ich jetzt noch eine Wörterliste zur Mittelschulreform erstellen. Das Leben ist eine Lexik! Und man­chem ernsten Thema lässt sich leider auch unter größten Anstrengungen keine ko­mi­sche Seite entlocken.

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Fotos: C.E. (Das Bild der Lexik lässt sich,
in ein zweites Fenster geladen, vergößern.)

1 Kommentar:

ninasays hat gesagt…

Schöner Blogpost, danke! Food for thought, das ich jetzt (passend zum Thema) gleich mal auf Facebook teile ;)