Mittwoch, 30. April 2014

Im Abgeordnetenaus

Herzlich willkommen auf den Sei­ten des ersten deut­schen Web­logs aus dem In­ne­ren der Dol­met­scher­ka­bi­ne. Hier schreibt ei­ne Fran­zö­sisch­dol­metscherin über ihre Einsätze in Ber­lin, Paris, Cannes und anderswo. Heute: Blick in den Kopf. 

Sitzungssaal, Subjektive vom Dolmetschertisch mit Vokabelliste und Mikro. Gleich geht's los ...
Ernst Heilmann beobachtet alles scharf
Sie sieht nicht zufrieden aus, meine Kundin, die an der Stirnseite eines Sitz­ungsr­aums im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt. Was mache ich gerade falsch?

Die Dame kommt aus Paris, sie ist (noch) die Präsidentin von Eaux de Paris. Das ist kein Parfumlabel, sondern das 2010 re­kom­mu­na­li­sier­te Pariser Wasserwerk. Darum geht heute, denn Berlin hat zu Jahresanfang auch seine Was­ser­be­trie­be wieder in die öf­fent­li­che Hand über­nommen.

Erst sitze ich, dann stehe ich am Rand des langen Sitzungsraums. Auf einem Tisch in Nähe der Schmalseite habe ich mir "Spick­zet­tel" zurechtgelegt.

Die ganze Liste mit Fachwortlexik zumfasst zehn Blatt, zwei Seiten für Fir­men­be­zeich­nungen und Akronyme und jeweils vier Seiten je Sprachrichtung. Vor mir aus­gebreitet liegt alles aus dem Deutschen in Französische, denn die Rückrichtung, also die deutschen Partien, übernimmt eine Kollegin konsekutiv, also zeitversetzt, während ich mit einem kleinen Dolmetschkoffer für drei französischsprachige Menschen im Raum via Kopfhörer simultan flüstere.

Die Dame vorne sieht noch immer nicht zufrieden aus. Das erschrickt mich. Wir Dolmetscher sind dünnhäutig. Oder so: Da unsere ganze Energie in die Sprache geht, können wir andere Beobachtungen und Empfindungen nicht filtern oder zu­ord­nen. Sie kommen direkt und mit voller Wucht bei uns an. Und wenn dann Leute mit uns "verkabelt" sind und wir für sie übertragen, verbindet so ein armes Dol­met­scherhirn natürlich das, was es sieht, hier: den Unmut, mit dem eigenen Output.

Die Unklarheit mit assainissement kann es nicht schon wieder sein. Bei der Sitzung war nämlich überraschenderweise sehr viel von Rohrsanierungen die Rede ge­we­sen, Sanierung des Ver- und Entsorgungsnetzes und was in Berlin anfällt, 14.000 SK1A-Fälle haben die Fachleute gezählt, Schadensklassenfälle höchster Dring­lich­keits­stufe. Hier war meine Verdolmetschung stellenweise zunächst etwas unklar gewesen, was ich an Madames Reaktionen gespürt habe, denn assainir bedeutet sowohl die Sanierung von etwas als auch die Wasseraufbereitung.

Trink- und Abwasser müssten logischerweise eaux potables et d'assainissement heißen, aber es ist mal wieder komplizierter.

Sitzungssaal, Subjektive vom Dolmetschertisch mit Vokabelliste und Mikro. Pause. Die Kollegin dolmetscht ins DeutscheAuf Wasserwerksfranzösisch steht eaux oft für Frischwasser und assainissement verkürzt für Abwässer, die hier wie­der­um auf Deutsch stärker aus­dif­fe­ren­ziert werden als in der Spra­che Molières. Das führt zur parallelen (und zum Teil synonymalen) Verwendung so schöner Begriffe wie Abwasser, Grauwasser, Nie­der­schlags­was­ser, Mischwasser, Schmutz­was­ser und Schwarzwasser.

Ich hatte mich beim Lernen schon an dieser Besonderheit und der Schräglage ab­ge­ar­beitet, dass das Material der Fran­zo­sen da nicht so extrem genau ist; und die ganze Misch- und Trenn­ka­na­li­sa­tionsfrage wäre komplett an mir vor­bei­ge­gangen, hätten wir nicht seit über einem Jahr dazu eine Baustelle direkt vor dem Haus.

Die Doppeldeutigkeit von as­sain­is­se­ment in diesem Kon­text fiel mir beim Sprechen auf (ausgelöst durch Madames Reaktionen). Das Thema wurde bald beendet, denn Eaux de Paris kümmert sich lediglich um die Belieferung mit Frischwasser. Die Ent­sor­gung obliegt dort einem anderen Unternehmen in kommunaler Hand.

Sitzungssaal, an der Wand steht die Autorin dieser Zeilen und gestikuliert ähnlich wie der Redner
Madame verzieht weiter das Gesicht. Ich muss das jetzt verdrängen, denn am Ende des Saals steht ein bärtiger Mann auf und fängt an, einen Kom­men­tar abzugeben, aus dem sich drei Fragen ergeben sollten. Er vergisst, sein Tisch­pult anzuschalten. Wie in solchen Fällen üblich, bleibe ich nicht untätig.

Ich eile in seine Richtung, um ihn besser hören zu können. Das Publikum mahnt das Mikro an, er drückt aufs Knöpfle, spricht aber weiter zu leise.

Plötzlich steht meine Kundin neben mir. Sie hat ihren Platz an der Stirnseite des Saales verlassen und flüstert mir zu: "Ich habe die ganze Zeit so ein schreckliches Knistern in der Leitung!" Ich halte ihr fragend einen Ersatzakku hin, den ich für alle Fälle in der Tasche habe. Neben ihr am Platz hatte ich auch welche ausgelegt und ihr den Austausch der Stromversorgung erklärt. "Daran liegt's nicht", antwortet die Dame, "schon getestet", und verstummt, denn sie nimmt Rücksicht darauf, dass ich die ganze Zeit ja dem Bärtigen folgen muss und ihn gleich weiter verdolmetsche, der sich aus seinem Kommentar langsam zur ersten Frage vorarbeitet.

Dann fällt wieder so ein Technikbegriff. Und täusche ich mich, oder spricht der Herr jetzt noch leiser? Eigentlich müsste ich nun an meinen Tisch mit den Spick­zet­teln zurückeilen. Andererseits zieht es mich in Richtung Redner, um ihn besser zu verstehen. Aber ich kann doch jetzt nicht wie ein aufgescheuchtes Huhn hin- und herrennen! Schon gar nicht mit der Chefin der Pariser Wasserbetriebe im Schlepp­tau, wie sieht das denn aus?

Schrecksekunden. Der Buridansche Esel in einer Konfliktlösungssituation.

Vokabelliste, Wasser, Mikro
Ich muss dolmetschen und ja, es gibt immer einen kleinen Zeitverzug zwischen Hören und Sprechen, décalage genannt, dazwischen liegt eigentlich nur das Verstehen und Umsetzen, und ich habe parallel dazu kein Fitzelchen grauer Hirn­mas­se übrig, um hier eine Lösung zu finden. Zum Glück erkenne ich plötzlich den Redner.

Das macht es mir leichter, ihn direkt anzusprechen: "Bitte geh' näher ans Mikro ran!" Was er dankenswerterweise macht. Ich muss langsam den Satz fer­tig­spre­chen, zu dem die passende Vokabel auf dem Tisch mit dem riesigen Spick­zet­tel ... Ich sehe Richtung des rettenden Papiers und erblicke nur das fragende Augenpaar meiner Kundin, die noch immer direkt neben mir steht.

Da fällt mir das fehlende Wort ein. Ich bringe den Satz zuende. An den Rest der Szene erinnere ich mich nicht mehr. Später am Abend waren alle zufrieden.


Vokabelnotiz
Grauwasser — eaux légèrement chargées, eaux usées peu utilisées, auch: eau grise
Niederschlagswasser — eaux de surface et les effluents

P.S.: Das Knistern werden stummgestelle Mobiltelefone verursacht haben.
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Fotos: E. Mortagne für den Berliner Wassertisch
und C.E.

Dienstag, 29. April 2014

Heute arbeite ich in Indien (oder so)

Hallo auf den Seiten meines Dolmetscherweblogs! Hier schreibe ich über den wechselvollen Berufsalltag von Sprachmittlern.

Gerade fühle ich mich, als wäre ich in Indien, dabei bin ich mitten in Berlin. Es ist nicht unbedingt einfach, sich in diesem akustischen Umfeld zu konzentrieren. Dass sich der indische Musiker aber auch genau die Uferpartie vor unserem Haus aus­ge­sucht hat! (Mein Sekretär steht direkt neben der Balkontür.)

Dieser soundscape funkt mir mächtig in meine Übersetzung hinein. Denn jeder Text hat seine eigene Musikalität, weshalb ich in den seltensten Fällen arbeiten kann, wenn im Hintergrund Radio oder CD-Player laufen. Und wo jetzt der Ge­räusch­pe­gel schon mal erhöht ist, setze ich Kopfhörer auf: Bach, Chromatisches, 60 Schläge die Minute, das beruhigt und strukturiert. (Als das Straßenkonzert nach einer Stun­de noch immer nicht aufgehört hat, bin ich ins nächstgelegene Café um­ge­zo­gen, das nicht mehr in Hörweite liegt.)

video
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Filmnotiz: C.E. (Sorry für die schlechte
Bildqualität!)

Flüssiges

Bon­jour und Hal­lo! Sie lesen ab­sicht­lich oder zu­fäl­lig in ei­nem vir­­­tu­­­el­­­len Ar­­beits­­­ta­­­ge­­buch aus der Welt der Sprachen. Ich bin Dolmetscherin und Übersetzerin für die französische Spra­che und aus dem Englischen.

"Wir müssen dabei verdammt aufpassen, und das liegt nicht auf der Hand, sonst geht alles den Bach runter", sagte der Mann bei der Diskussion um das Thema Wasserwirtschaft, und schob ein "... um im Bild zu bleiben" nach.

Ein hohes Maß an Eigennamen und Zahlen treibt uns Dolmetschern den Schweiß auf die Stirn. Das funktioniert aber auch mit einzeln auftauchenden Redensarten und Sprichwörtern.

Auf die Schnelle fand ich das hier "um im Bild zu bleiben": Si l'on ne veut pas aller droit à l'échec, il faut faire extrêmement attention, et ça ne coule pas de source.

Couler de source bedeutet, dass sich etwas so natürlich ergibt, wie eben das Wasser ab Quelle fließt, die Sache liegt also auf der Hand. Meine spontane Arbeit brachte eine minimale Ver­la­ge­rung mit sich.

Nachgeschlagen und gefunden habe ich hin­ter­her das: aller à vau-l'eau. Im vau steckt das Alt­fran­­si­sche val drin, es hieß also: aller à val l’eau, und val kommt von vallée, das Tal.

Auch hier fließt Wasser von der Quelle durch das Tal, allerdings seit der Mitte des 16. Jahrhunderts mit der Konnotation, dass etwas dabei schiefgeht.

Im Bild zu bleiben wäre sogar auf Englisch gegangen: To go down the tubes, denn mit tubes sind hier nicht die U-Bahnen gemeint, sondern Rohrleitungen. Damit wäre ich sogar 200 %-ig im Bild geblieben, ging es doch bei der Diskussion um die Berliner Wasserversorgung.

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Montage: C.E. (Rohrarbeiten bei uns um die Ecke)
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Montag, 28. April 2014

Zurück — und in Arbeit

H­allo! Hier bloggt eine Sprach­arbei­ter­in. Was Fran­zö­sisch­dol­met­scher und -über­setzer umtreibt, wenn ihre Ar­beits­schwer­­punk­­te Wirt­schaft, Politik, Soziales und Kultur sind, lesen Sie hier. Da­ne­ben arbeite ich auch mit der eng­li­schen Spra­che.

Blick auf den Sekretär mit Vokabellisten, Vortragsfolien, Notizen, Handy und Stempelkarussell
Der Arbeitstag ging mit Staubwischen los. "Sommerschnee" nannte der weltbeste Pa­ten­sohn als kleines Kind die kleinen, wei­ßen Samen, die normalerweise Mai bis Juni durch die Luft schweben. Das Jahr 2014 hat Vorsprung, offenbar war der Schnee schon da: Als ich bei meiner Rück­kehr nach vorne raus die Balkontür aufmachte, und wie meistens stand auch das Küchenfenster zum Hof offen, kam ein Schwall Flug­sa­men in das Ar­beits­zim­mer rein­ge­weht und be­scher­te mir un­er­war­te­te Haus­frau­en­freu­den. (Hinter der eingemauerten Bal­kon­brüstung ist ein gutes Ver­steck, und so heiß war es nicht, dass die Mitbewohnerin täg­lich die Pflanzen gewässert hätte.)

Der Putzeinsatz war keine große Erschütterung und auch kein Textanfang à la Henri Nannen: "Mit einem Erdbeben anfangen und sich dann langsam steigern." Ich schrei­be hier weniger journalistisch. Das Arbeitstagebuch ist eine private Chronik, in die auch allgemeine Beobachtungen einfließen.

Was liegt auf dem Schreibtisch?
— Zwei Kostenvoranschläge schreiben: für Drehbuchübersetzung und Konferenz
— Nachbereitung der Themen Wasserwirtschaft und Rekommunalisierung
— Vorbereitung des Themas Filmwirtschaft (aus dem Englischen ins Französische)
— ggf. letztes Schlusslektorat einer Rede zum 69. Jahrestag der Befreiung eines KZ
— Nachfragen zum letzten Ghostwriting-Projekt nach Zufriedenheit der Redaktion
— Einarbeiten von Änderungen bei der Übersetzung eines Filmscripts
— Wochenplanung der Abendtermine, Stichwort "Networking"
— Dolmetscheinsatz beim filmkunstfestival Mecklenburg-Vorpommern vorbereiten, Hanna Schygulla und Anne Imbert stehen auf dem Programm

Außerdem muss ich bei meiner Umgestaltung des Arbeitszimmers eine Lösung für das Stehpult finden. Mein bisheriges wackelt, weshalb es für viele Arbeiten un­taug­lich ist. Und wenn ich auf mein Materialschränkchen eine Schreibpultlade stel­len würde? Und wo finde ich eine, die in Größe und Stil passt?

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Foto: C.E. (Das Bild lässt sich, in einem
separaten Fenster aufgerufen, vergrößern)

Mittwoch, 23. April 2014

Trinkhalle

Willkommen auf den Seiten des ersten deutschen Blogs aus dem Inneren der Dol­­met­­scher­ka­bine.

Trinkhalle: Dieses Wort stand bis eben auf der Liste meines Museums der Wört­er. Nun bin ich im Stadt­park Hamburg auf eine Trinkhalle ge­stoßen, die mit dem, was ich in Berlin Ende der 1980er Jahre an ver­blei­ben­den Trink­hallen ent­decken durfte, nicht viel gemein hat. Die alten Trinkhallen, denn das Wort stieß vage Erinnerungen aus meiner Kind­heit an, waren Kioske, die viel­leicht so­gar einen wit­te­rungs­ge­schützten Bereich ("Halle"?, Vordach?) zu bie­ten hatten. Hier wurden neben Getränken auch kleine (kalte) Snacks verkauft.

Die Hamburger Trinkhalle hingegen ist ein hübsches, wunderbar gelegenes Café.

Obwohl in den Frühlingsferien, übernehme ich dieser Tage diverse Aufträge. Darunter zwei Pro bono-Einsätze, für die ich mich ge­ra­de mit wasser-/ener­gie- und auf­enthalts­recht­lichen Dingen beschäftigen darf. Meine Vokabelnotiz dazu, siehe unten, ist ein schö­nes Beispiel dafür, wie unsereinem in der Dol­­met­scher­ka­bine schnell die Luft ausgehen kann.

Das deutsche Wort "Netzentgelt" hat gerade mal drei Silben. Seine französische Entsprechung ist 17 Silben lang. Jedes Mal, wenn das Wort Netz­ent­gelt fällt, bin ich atem- und sprechtechnisch 14 Silben im Rückstand. Wenn das mal gut geht!

Mit regelmäßigen Blogeinträgen melde ich mich ab Anfang nächster Woche wieder.


Vokabelnotiz
redevance sur l'utilisation des réseaux — Netzentgelt
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Fotos: C.E.

Donnerstag, 17. April 2014

Frühlingsgrüße!

Dieses Arbeitstagebuch geht in die Frühjahrspause.  Schöne, entspannte Tage wünsche ich!


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Foto: C.E.

Dienstag, 15. April 2014

Wegweisen und Brüllen

Will­kom­men auf den Sei­ten des ersten Dol­met­scher­blogs Deutschlands aus dem In­ne­ren der Ka­bine. Hier schreibe ich über den Alltag von uns Sprachmittlern.

Immer öfter werden wir zwi­schen­durch für kurze In­ter­ven­tionen am Telefon angefragt. Das sogenannte "Te­le­fon­dol­met­schen" ist nicht ohne Tücken, denn meistens geht es um komplexe Themen. Wichtig ist ein Vorgespräch mit einer der Seiten, die gerne auch Do­ku­men­te senden darf.

Ausnahmen sind einfache Gespräche wie Hotelreservierungen oder etwas in dieser Preislage. Bei vielschichtigen Inhalten ist es wichtig, dass besagtes Vor­be­rei­tungs­ge­spräch früh genug stattfindet, hier war das am Freitag der Fall, damit un­ser­ei­­nem genug Zeit zum Einlesen in die Thematik bleibt. Heute stand dann ein Sorge­rechts­streit auf der Tagesordnung. Ich hatte mich gut eingelesen, auch die Fall­stricke und Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland studiert, eine klei­ne Vo­ka­bel­liste angelegt, und los ging's. Am Anfang brauchten wir einige Minuten, um den modus operandi zu klären. Bei normalem Dolmetschen legen wir großen Wert auf eine gute Sicht auf das Podium, weil wir einen Teil der Informationen von den Lippen ab­le­sen können. Bei Begleitdolmetschen, wenn alle in ein- und dem­sel­ben Raum sind, ist das noch einfacher.

Menschen nur zu hören ist also keine einfache Dolmetschvoraussetzung. Hier wur­de die Situation dadurch verschärft, dass die Stimmung emo­ti­o­nal hochgradig auf­ge­laden war. Die Gesprächspartner sind einander immer wieder ins Wort ge­fal­len, was bei einer einsprachigen Situation schon nicht schön ist, mir hier aber das Dol­metschen verunmöglicht hat. Etwa dreimal habe ich freundlich darauf hin­ge­wie­sen, dann musste ich lauter werden. Für uns auf Diplomatie geschulte Dol­met­scher ist das nicht einfach. Ich ließ also ein überaus gut vernehmbares: Please stop tal­king at the same time, I can't work under these conditions! los und erklärte er­neut von Anfang an meine Arbeitsweise. Dann ging's.

Das Gespräch dauerte anderthalb Stunden. Danach war ich wie durch die Mühle gedreht. Telefondolmetschen ist eine Notlösung. Dolmetschen ist bei normalen Konferenzsituationen schon so anstrengend, dass wir uns alle 20 bis 30 Minuten ablösen. Wer sein Oberstübchen überstrapaziert, riskiert bleibende Schäden, das wurde uns im Studium eingetrichtert.

Telefondolmetschen kommt mir bei komplexen Themen schwerer vor als das Dol­met­schen in der Kabine. Ich sehe die Sprechenden nicht. Das Nonverbale, das mir auch beim Übertragen hilft, fällt weg, außerdem fehlt die Ablösung, die hier im Grunde noch wichtiger wäre als sonst. Eine weitere Belastungsebene gab es hier leider: die Inhalte. Das Besprochene durfte ich nicht so stark an mich he­ran­kom­men lassen, denn es ging auch um Kindesmisshandlung und seelische Grausamkeit.

Noch etwas zum Preis: Es gibt im Netz viele dubiose Anbieter, die solche Dienst­leistungen für einsfuffzig die Minute, am besten mit Prepaidkarte, verticken. Ei­gent­lich gingen die Anbieter von einer raschen Sprachvermittlung z.B. für Fahrer von im Aus­land liegengebliebenen Autos aus, inzwischen wildern sie immer mehr auf dem "echten" Dolmetschmarkt. Von den 1,50 bekommt der Dolmetscher am Ende 45 Cent ausbezahlt; Zeit für Vorbereitung wird nicht honoriert. Das ist natürlich nicht der Preis, zu dem ein ernsthaft arbeitender Profi auch nur erwägt, tätig zu wer­den, dann sind wir lieber gleich kostenfrei für einen wohltätigen Zweck un­ter­wegs.

Für Privatkunden, die nicht auf Rosen gebettet sind, finden wir übrigens auch So­zialtarife, was nebenbei den nicht uncharmanten Vorteil hat, dass dann nicht |die Krake| |die fachfremde Dolmetschagentur, die auch Laminat verkaufen könnte| der nur an seinen Prozenten interessierte Dolmetschmakler gefüttert wird.

Das war ein anstrengender Arbeitstag. Zum Glück darf ich derzeit abends ins Kino und bei achtung berlin Publikumsgespräche moderieren. Das ist das kleine und feine Berlinfilmfestival, das ich seit bald zehn Jahren begleite.

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Illustration: Archiv

Montag, 14. April 2014

Aktuelle Themen IV

Welcome, bienvenue, hier bloggt eine Dolmetscherin und Übersetzerin über ihren Berufsalltag. Meine Sprachen sind Französisch (als Ausgangs- und Zielsprache) und Englisch (Ausgangssprache).

Heute lese ich weiter für den nächsten Berliner Bau­stel­len­be­such mit französischem Ei­gen­tümer. Die Franzosen sa­gen puits de lumière, also ein Licht­brunnen, die Deutschen nennen die innen mit Spiegeln ausgekleidete längere Röhre, durch die Tageslicht in einen Raum hineingeleitet wird, ei­nen Lichtkamin oder eine Licht­röh­re.

Der Bauleiter wird es sicher wieder Hohllichtleiter nennen, von Leiter zu Leiter, das klingt für mich wie Postwertzeichen (statt Briefmarke). Diese Oberlichter sind besonders effizient, wenn sie unten auch noch über eine Streuscheibe verfügen.

Zwischendurch ploppt noch die Mail einer indischen Agentur rein, die hän­de­rin­gend eine Übersetzerin Englisch-Deutsch sucht. Dummerweise tut sie dies für 0,30 Euro je Zeile, das sind ungefähr 1,60 Euro weniger, als die letzte technische Über­setzung, die über meinen Schreibtisch flatterte, wert war. Pikanterweise handelt es sich beim Dokument um ein Sicherheitshandbuch eines Kraftwerks. Werden so Unfälle programmiert?

Weitere Themen auf dem Schreibtisch:
— Europawahlen
— Restitution von Kulturgegenständen, die von Deutschen im besetzten Frankreich gestohlen wurden, was eine gründliche Provenienzforschung voraussetzt
— Kultur und Kino als Wirtschaftsfaktor
— Ökologisches, "grünes" Design vs. greenwashing
— Aktuelles Geschehen in Nordafrika
— zwei Arte-Produktionen, die wohl erst im 3. oder 4. Quartal konkret werden

Diese Themen beschäftigen mich im Hinblick auf Konferenzen, Dreharbeiten, Über­setzungen und interne Beratungen der Politik.

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Foto: C.E. (Archiv)


Sonntag, 13. April 2014

Historische Zeitgenossen

Bon­jour auf den Sei­ten mei­nes di­gi­ta­len Ar­beits­ta­ge­buchs aus der Welt der Spra­chen. Hier schreibe ich über meinen Alltag als Übersetzerin und Fran­zö­sisch­dol­met­scherin in Berlin, Paris, Cannes, München, Reims, Hamburg und dort, wo ich gebraucht werde. Sonntags werde ich privat. Heute wage ich den Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Eine Reihe von Damen und Herren in einem eleganten Salon im ausgehenden 19. Jahrhundert
Nos contemporains unsere Zeitgenossen (ohne Jahreszahl)
Meine Vorfahren waren Garn­händ­ler. Sie haben ihre über meh­re­re Gene­ra­ti­o­nen be­ste­hen­de Fir­ma zu einer Zeit aufgebaut, in der es längst eine Globalisierung gab, die al­ler­dings nur einige Ge­sell­schafts­schich­ten erreichte. Die wirt­schaft­li­chen Kontakte zu Part­ner­un­ter­neh­men im Ausland, vor allem in Frankreich, waren eng und entwickelten sich über die Jahre zu Freundschaften. In der alten Unternehmervilla gibt es bis heute Zeugnisse davon.

Diese Geschichte zu erzählen ist eine große Aufgabe. Es ist weit mehr als eine Samm­lung privater Anekdoten, sondern deutsche und europäische Wirt­schafts­ge­schich­te. Diese großbürgerliche Familie hat sogar in den Kriegen, angefangen beim Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 bis hin zum Ersten Weltkrieg, mit ihren sprach­li­chen und kulturellen Kompetenzen mehr Verbundenheit zu Menschen ihres Standes aus anderen Ländern verspürt als zu den "Eingeborenen" des Landstrichs, in dem sie lebte. Mit vielen Dokumenten und Zeitzeugenschaften der Nach­ge­bo­ren­en ließe sie sich erzählen. Welches Mittel soll ich wählen? Welches Mittel kann ich wählen? Viele Fotos, aber auch Dinge wie Kontorbücher und kleinere Ein­rich­tungs­ge­gen­stände aus dem Büro sind bis heute vorhanden.

Einige Bürogegenstände, u.a. einen Papiersammler aus Holz für Umschläge und Kar­ten oder den Zeitungshalter für die Wand, nutze ich bis heute. Geerbt habe ich auch den französischen Bücherschrank. Die Ahnen reisten oft auch in die französische Haupt­stadt; mit dem Baedeker von der Jahrhundertwende ließ ich mich in den 1980-er Jahren zu Sonntagsausflügen in meiner Studienstadt Paris inspirieren. Die Randnotizen ihrer Bücher, oft auf Französisch, erreichen mich bis heute. Denn eines Tages die französischen Romane im Original lesen zu können, war ein we­sent­li­cher Ansporn für das Lernen. Heute handele ich nicht mit Garnen, sondern mit Wörtern, fühle mich aber in direkter Linie mit diesen Ahnen verbunden.

Alter Zeitungssammler mit Theater heute-Ausgabe, Covegirl ist Sophie Rois, darin abegedruckt: "Die Unvermeidlichen" von K. Röggla
Präsentiert: Publikation mit Stück über Dolmetscher
In der Heimatstadt dieser Familie wird der fürstlichen Vergangenheit des Schlosses gedacht, es gibt in den Sammlungen der Stadt Zeugnisse zu Kunst und Kunst­hand­werk der Region, aber die Geschichte der Tex­til­in­dustrie, die mit dem Ende der DDR zu Ende war, ist kaum dokumentiert, die Geschichte dieser frühen, groß­bür­ger­li­chen Globalisierung gar nicht.
Ob meine Generation es schafft, diese Ge­schich­te zu erzählen und eine Stiftung zu gründen, die das Erbe museal auf­be­rei­tet und es für die nächsten Generationen erlebbar macht? (Und wir werden Zu­stif­ter brauchen. Wie finden wir diese?)

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Fotos: Archiv

Freitag, 11. April 2014

MwSt/TVA

Bonjour und willkommen! Hier bloggt eine Spracharbeiterin. Französisch in Berlin, Deutsch in Frankreich, das sind regelmäßige Reiseanlässe für mich. Heute starte ich eine neue Rubrik: Made in France.

Aus UNO wird ONU, aus WTO wird OMT, oft drehen sich bei der Reise von Ab­kür­zun­gen aus dem Englischen ins Französischen nur die Reihenfolge der Buchstaben um (inklusive einzelner Zeichen wie das W/M für world/monde). Die Sache ist so lange einfach, wie wir in Deutschland englische Begriffe verwenden.

TVA = VAT
Noch ein Beispiel: VAT und TVA, das Englische value added tax wird auf Fran­zö­sisch TVA, taxe sur la valeur ajoutée. Da wir auf Deutsch mit "Mehrwertsteuer" einen grunddeutschen Begriff ver­wen­den, funktioniert hier der Trick nicht.

MwSt = TVA gehört mit zu den Begriffsdoppeln, die unsereiner einst pauken durfte. Gestern vor 60 Jahren hat Frankreich mit der Erfindung dieser Konsumsteuer ein Modell zur einfachen Be­steuerung seiner Bürger eingeführt. Dieses Modell wurde schnell zur Erfolgsgeschichte à la française: Heute gibt es diese Steuerart nicht nur in ganz Europa, 150 Staaten der Welt haben sie eingeführt.

Davor wurden in Frankreich Herstellung, Verkauf und Gewinn jeweils einzeln be­steu­ert, wogegen etliche kleine Einzelhändler in den frühen 1950-er Jahren auf­be­gehr­ten. Denn daneben gab es weitere produktspezifische Besteuerungen, die durch das einfache Prinzip der Verbrauchssteuer vereinheitlicht wurden. Schon in der Zeit der französischen Revolution wurden Salz, Tabak und Alkohol besteuert. Die Idee, nur den jeweils entstehenden Wertzuwachs zu besteuern, war damals revolutionär.

Erst 1958 wurde die Steuer auf alle Güter und Dienstleistungen ausgeweitet. Mit Inkrafttreten der Römischen Verträge am 11.04.1967 trat auch ein Absatz in Kraft, der die Einführung dieser Steuerart in allen Mitgliedsstaaten der entstehenden Eu­ropäischen Gemeinschaft mit der Begründung vorsah, einen Wettbewerb in der Besteuerung von Verbrauchsgütern innerhalb der Staaten zu vermeiden.

Mit dem, was wir heute wissen, klingt der Satz sehr weise. Zugleich wird die Mehr­wert­steuer bis heute von vielen Menschen als ungerecht empfunden, wird sie doch von allen gezahlt. Menschen mit höheren Einkommen entrichten einen ge­rin­gen Pro­zent­satz bezogen auf diese Einkünfte als Menschen mit kleinen und kleinsten monatlichen Einnahmen, denn bei den Letztgenannten bleibt am Monatsende we­nig oder gar nichts übrig, das gespart werden könnte.
 
In Frankreich gelten übrigens vier Mehrwertsteuersätze. Noch. Es kann sein, dass der neue Premierminister Ma­nu­el Valls, der die derzeitige Krise dazu nutzt, etliche alte Strukturen zu reformieren und zu ver­ein­fachen, auch hier ansetzen wird.

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Illustrationen: Schreibmaschine,
Ministère de l'Économie et des Finances

Donnerstag, 10. April 2014

Kopfgeschehen

Gu­ten Tag oder Abend auf den Sei­ten des ersten deut­schen Web­logs aus dem In­ne­ren der Dol­met­scher­ka­bi­ne. Hier schreibt ei­ne Fran­­sisch­dol­metscherin über Ber­lin, Paris, Cannes und anderswo. Heute: Blick in den Kopf.

Der Moment, in dem ein winziger Wasserstrahl zum Tropfen wird
Moment, der sich der Wahrnehmung entzieht
Dass das körpereigene Oberstübchen mal heiß­läuft, kennt wohl jeder. Wir Dol­met­scher merken es bei der Arbeit immer wie­der: verschiedene Hirnareale sind enorm strapaziert, ein Wärmegefühl entsteht, der Kopf träumt in Bruchteilen von Sekunden sein Gegenprogramm.

Dolmetschen ist geistiger Hoch­leistungs­sport. Damit keine dauerhaften Schäden an den neu­ro­na­len Schaltungen entstehen, wechseln wir uns in der Kabine alle 20 bis 30 Minuten ab. Einsätze als Solo-Dol­met­scher­in, z.B. beim Aushandeln eines Vertrages in einer Be­gleit­dol­metsch­si­tuation, können schon mal län­ger dauern. Hier freut sich das Hirn über jede noch so kurze Pause.

Aber auch im einsprachigen Alltag sind die entsprechenden Areale der grauen Mas­se von Sprachmittlern aktiver als bei einsprachigen Menschen. Mir fällt es immer auf, wenn ich an ein zurückliegendes Gespräch denke und überlegen muss, in wel­cher Sprache es geführt wurde. Manchmal erinnere ich mich über die tatsachliche Sprache hinaus an Satzkonstruktionen oder Wortwahl zum betreffenden Thema, die allerdings zum anderen Idiom gehören. Wie kann das sein?

Wenn sich Mehrsprachige äußern, feuern offenbar nicht nur die Neu­ro­nen, die zur ak­tu­el­len Inhaltsproduktion gehören. Dieses "Feuern" begleitet ein Suchen nach Ent­spre­chungen in der/den anderen Sprache(n). Das erscheint mir ziemlich lo­gisch. Ich weiß nicht, ob Ihnen das schon aufgefallen ist: Wenn wir Menschen ein Wort suchen oder sein Synonym, weil wir es ele­gan­ter ausdrücken möchten, schwin­gen mögliche Ersatzbegriffe beim Sprechen immer leise mit.

Da ich mein Dolmetscherhirn manchmal Sekundenbruchteile lang beobachte, es ist wie mit dem Kürzestschlaf, von dem ich eingangs sprach, habe ich das schon oft erlebt. (Im Normalfall reflektiere ich beim Dolmetschen tunlichst nicht, was ich da gerade mache, es würde den gesamten Prozess torpedieren.) Und so flackern hier nicht nur Synonyme auf, sondern ich spüre geradezu physisch die anderssprachigen Vokabeln mitschwingen.

Regenmäßiges, in Stein gemeißeltes Labyrinth
So sieht das Gehirn nicht aus
Für das Dolmetscherhirn scheinen die verschiedenen Termini aus den un­ter­schied­li­chen Idiomen also nur so etwas wie gleichbedeutende Begriffe zu sein. Trotzdem vermische ich im Alltag nur sehr selten meine Sprachen. Damit ich mich verständlich machen kann, gibt es irgendwo im Kopf ein Wissen darum, zu welcher Sprache welches Wort schluss­end­lich gehört.

Diese Sprachen sind im Normalfall von­ein­an­der getrennt, die Trennung fühlt sich an wie eine Mauer.

Im Dolmetschprozess habe ich gelernt und in jahrelanger Praxis geübt, dieses Trenn­ele­ment durchlässiger  zu machen. Ich sehe/spüre die Idiome und ihre gram­ma­tikalischen Strukturen und Ein­zig­ar­tig­keiten parallel und lasse zu, dass sie gleich­zeitig vorhanden sind. Den parallel mitlaufenden Strom in der anderen Spra­che greife ich nun auf, hole ihn ins Bewusstsein, kontrolliere ihn vor und beim Sprechen und gleiche ihn mit dem anderen Sprachstrom ab.

Denn wir Dolmetscher hören nicht nur dem zu, was verdolmetscht werden soll, wir hören uns auch selbst zu. Die Qualitätskontrolle des Outputs bringt uns, sofern mög­­lich und nötig, zum Reagieren, Ergänzen oder Korrigieren. (A propos Korrektur: Neulich sagte ein Redner im mündlichen Vortrag aus Versehen das Gegenteil des­sen, was im Konzept stand und was auch logisch war. Ich habe zunächst den Fehler mitübersetzt, ihn dann korrigiert und den Satz "... muss es wohl heißen" nach­ge­scho­ben. Das erwies sich später als richtig und wichtig. In der an­schlie­ßen­den Dis­kus­sion fußten die ersten drei Fragen auf diesem Versprecher.)

Zum ersten Mal habe ich den hier doppelten Sprachstrom mit 14 Lenzen gespürt. Ich saß am Esstisch im Haus meiner Eltern, sah aus dem Fenster und dachte:

Il pleut. Zu dieser zweisilbigen Beschreibung kam unvermittelt noch ein "-net" hinzu, "Il pleut-net" also. Was war geschehen? Das da:

Il pleut. (‿ ‿)
Es regnet. (‿ ‿ ‿)

Davon ist damals mein Oberstübchen natürlich noch nicht heißgelaufen. Aber ich hatte eine leise Vorahnung von dem, was kommen sollte.

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Fotos: C.E. (Archiv)

Mittwoch, 9. April 2014

Definitorisches

H­allo! Hier bloggt eine Sprach­arbei­ter­in. Was Fran­zö­sisch­dol­met­scher und -über­setzer umtreibt, wenn ihre Arbeitsschwer­punk­te Wirtschaft, Politik, Soziales und Kultur sind, lesen sie hier. Da­ne­ben arbeite ich auch mit der eng­li­schen Spra­che. Diese Woche: Definitorisches.

Giselle Chaumien, eine Übersetzerkollegin, schrieb diese Woche über den Un­ter­schied zwischen Übersetzen und Dolmetschen. Ich durfte ihr ein wenig helfen und Zitate zuliefern. Was ist also Dolmetschen?

Versteckt in der Kabine
Dolmetschen ist die nahezu zeitgleiche Übertragung ge­sprochener Sprache in ein anderes Idiom. Wir Dol­met­scher sind Sprachjongleure und wirbeln dabei nicht nur mit Sprachen umher, sondern auch mit Ideen und An­spie­lun­gen. Dazu müssen wir neben den Sprachen auch die kul­tu­rel­len Unterschiede kennen.

In der Regel haben wir lange studiert, verfügen oft selbst einen biografischen Hin­ter­grund, der diese Kenntnisse mit sich gebracht hat, und müssen ausdauernd, stress­re­sistent und uneitel sein, denn wir bleiben stets im Hintergrund.

Dolmetschen findet in Echtzeit statt, oft in der Kabine, gelegentlich auch vor Ort in diversen Hinterzimmern der Politik, unterwegs bei Delegationsreisen oder im Rundfunk. Eine besondere Art des Dolmetschens ist das Bühnendolmetschen, zum Beispiel bei Literatur- und Filmfestivals. Hierfür bietet es sich an, eine gesonderte Sprechausbildung und sogar Schauspielunterricht zu nehmen, denn der/die Sprach­mitt­ler/in muss neben den geschulten Stimmen der schauspielenden und mo­de­rie­renden Zunft bestehen.

Dazu gilt es, die natürliche Angst vor dem Rampenlicht zu überwinden. Das Gros der Dolmetscher empfindet das als zusätzliche Belastung und fühlt sich im Dunkel der Kabine sicherer.

Anders als Übersetzer, die auf der Basis von Texten und in ihrem eigenen Rhythmus arbeiten können, haben Dolmetscher nur in Ausnahmefällen die Zeit und die Mög­lich­keit, fehlende Begriffe nachzuschlagen. Hier kommt der/die Teampartner/in ins Spiel. Dolmetschen ist sehr anstrengend, weshalb wir uns etwa alle 20 bis 30 Minuten abwechseln. Jeweils "pausierende" Dolmetscher können manchmal pa­ral­lel noch Begriffe nachschlagen, die überraschend auftreten, oder Termini no­tie­ren, die im Rahmen der Veranstaltung verwendet werden und die mög­li­cher­wei­se nicht im Vorbereitungsmaterial vorgekommen sind.

Dolmetschen für Radio Eins (Knut Elstermann)
Das von meiner Über­setzer­kol­le­gin Giselle aus­ge­wähl­te Zi­tat: "Dol­metscher helfen dort bei der Ver­stän­di­gung, wo Menschen keine ge­mein­sa­me Sprache haben. Wir müs­sen neben den Sprachen viele weitere Dinge wissen und kön­nen. Wenn am Ende alle sagen: 'Es war ja ganz so, als hätten wir direkt mit­ein­an­der kommuniziert', war die Arbeit wohl gut."

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Foto Kabine: Marco Urban — Fotojournalist
Foto Radio: Petra Hippler

Dienstag, 8. April 2014

Unterschiede

Willkommen, bienvenue, welcome! Sie lesen in einem elektronischen Ar­beits­ta­ge­buch einer Sprachmittlerin. Ich übersetze und dolmetsche in Berlin, Paris und dort, wo ich gebraucht werde.

Dolmetschtechnik (Kopfhörer und Empfänger) vor einer Pressekonferenz, dahinter Anzugträgerinnen und -trägerAlltag im Büro: Das Telefon klingelt, ein Anrufer fragt, ob er mit einer Dolmetscherin verbunden ist. Hierauf folgt mein Ja. Dann spricht der Mensch am anderen Ende der Leitung weiter: "Ich habe hier ein Dokument, das dringend übersetzt werden müsste."
Und schon wieder hat jemand die Berufe Übersetzer und Dolmetscher verwechselt.

Dokumente übersetze ich nur in extremen Ausnahmefällen, denn ich bin keine amt­lich bestellte Übersetzerin. Um die Verwirrung zu erhöhen: Ich bin durchaus Übersetzerin, aber mit dem Schwerpunkt Drehbücher, Berichte aus der So­zi­al­wis­sen­schaft, politische Hintergründe, Filmfinanzierungsdossiers und derlei. Für Ge­burts­ur­kun­den und Scheidungsurteile fehlen mir die Geduld — und der Be­glau­bi­gungs­stempel.

Wie dem auch sei, die schriftliche Übertragung eines Textes heißt übersetzen, die mündliche Übertragung wird dolmetschen genannt. Das wissen die wenigsten Menschen. Eine französische Kollegin, die in Süddeutschland lebt, hat neulich in einer kleinen, nicht repräsentativen Straßenumfrage erschütternde Ergebnisse zutage gefördert: Von 63 zufällig ausgewählten Passanten konnten nur drei den Unterschied benennen.

Bei der Benennung dieser Unterschiede durfte ich ihr ein wenig behilflich sein. Hier entlang zum Artikel von Giselle Chaumien auf www.Ruesterweg.de.
Vielen Dank für diese Recherche!

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Foto: C.E. (Archiv)

Montag, 7. April 2014

Vorstellung

Will­­kom­­men auf den Sei­­ten mei­­nes Dol­­met­­scher­­web­­logs. Hier schrei­be ich re­gel­­mä­ßig über meinen sprachbetonten Alltag.  

Dolmetschpult auf Sendung
 Vor einigen Jahren habe ich bei einem Konzert einen Mann kennengelernt. Wir sprachen beim Umtrunk nach der Auf­füh­rung über Musik, über Ber­lin, irgendwann kam die Vor­stel­lungs­runde. Da viele Menschen die Be­rufs­be­zeich­nun­gen Dolmetscher und Übersetzer nicht aus­ein­an­der­hal­ten können, sagte ich in etwa das Folgende:
In meinem Beruf synchronisiere ich Menschen, und zwar live. Ich helfe ihnen bei der Ver­stän­digung, oft auf Konferenzen oder in Hin­ter­zim­mern der Politik, beim Publikumsgespräch oder für Medien. Dabei muss ich mit Sprachen jonglieren, wenn ich zugleich Sprechern zuhöre, selbst rede und mit halbem Ohr mir auch noch selbst folgen muss. Denn wir Dolmetscher übertragen nicht unbedingt wörtlich, sondern den Sinn des Gesagten, den "Text" zwischen den Zeilen inklusive.
Mein Gegenüber grinste breit und schwieg. Dann grinste er noch mehr. Ich fühlte mich verunsichert, was ihn sichtlich zu amüsieren schien. Darauf er: "Ich bin auch Dolmetscher!"

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Foto: C.E. (Archiv)

Donnerstag, 3. April 2014

Tea time im Hotel

Hier bloggt eine Spracharbeiterin. Wie Dol­met­scher und Über­setzer ar­bei­ten, da­rü­ber schreibe ich in meinem Arbeitstagebuch.

Hotelsilber, Teetasse, Hand mit Mobiltelefon
Bei Dreharbeiten gibt's den netten Schnack we're paid for waiting, performance is for free. So kommt es mir diesmal auch bei der Arbeit für die Politik vor.

Wir sitzen in einem Fünf-Sterne-Hotel, ne­ben uns ein Kaminfeuerchen, der Mann vor mir jongliert mit zwei Mo­bil­te­le­fo­nen. Nach einer Stunde wissen wir, dass der Ka­min nicht echt ist: Nicht ein einziges Mal sind die Scheite laut ineinandergefallen, nie­mand hat Glut geschürt oder Holz nach­ge­legt. Dann kommt der Tee, der passt zur Uhrzeit. Ich versuche, mich zu ent­span­nen, muss aber gewärtig sein, dass es jeden Mo­ment losgehen kann.

Hintergrundgespräche in einem sich schwierig entwickelnden Europa kommen mir am Ende immer vor, wie ein "Ritt über dem Bodensee". Ich kenne etliche Dossiers, aber letztendlich ist das nur ein kleiner Ausschnitt der Dinge, die derzeit an­ste­hen. Im Vorfeld bat ich freundlichst um Vorbereitungsmaterial und bekam nur drei Stichwörter genannt. Je höher die Position, desto karger die Auskünfte, so fühlt es sich je­den­falls an.

Gegen Ende des Tages haben sich hier offenbar etliche Punkte des Tagesprogramms des Reisenden ver­scho­ben; heute kam der Lufthansastreik hinzu. Stand by zu sein ist nicht immer einfach. Ich lese Zeitungen auf Deutsch und Englisch (französische liegen leider nicht vor, für mich ein Grund, dem Fünf-Sterne-Hotel mindestens ei­nen halben Stern zu nehmen). Dann fällt mir alles ein, was derzeit im Büro un­er­le­digt bleibt. Ich beruhige mich, denn fürs Warten werde ich ja auch bezahlt.

Plötzlich ist der Gast da. Eben noch im Halbschlaf, bin ich von jetzt auf gleich zu 100 % gefordert. Ton ab! — Ton läuft! — Kamera ab! — Kamera läuft!

Am Ende werden alle mit dem Austausch zufrieden sein. Taxi!

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Foto: C.E.

Mittwoch, 2. April 2014

Magensachen

Bonjour! Sie haben eine Seite meines digitalen Arbeitstagebuchs angesteuert. Als Dolmetscherin und Übersetzerin bin ich in Berlin, Paris und überall dort tätig, wo ich gebraucht werde. Ich arbeite für die Politik, Medien, Wirtschaft und in der Kultur.

Im Büro: Nach Stunden kon­zen­trier­ten Arbeitens im Flow fange ich an, den Körper zu spüren. Was ist nur mit mein­em Magen los? Könnte es sein, dass wieder Es­sens­zeit ist?

Mir fällt die Redewendung ein: "den Magen in den Knien ha­ben". Die Franzosen haben ihn in den Fersen: avoir l'estomac dans les talons.

Vite, schnell, ab in die Küche!

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Foto: C.E.

Dienstag, 1. April 2014

Denk mal!

Will­­­­kom­­­­men auf den Sei­­­­ten des ersten deut­schen Blogs aus dem In­ne­ren der Dol­met­scher­ka­bine. Ich bin Dol­­met­­scher­in und Über­s­etzer­in für die fran­­zö­­si­sche Spra­­che und aus dem Eng­­li­schen. Hier denke ich über un­­­se­­ren Be­­­rufsalltag nach.

Wer viel reist, sieht viel. Neulich stolperte ich doch tatsächlich vor einem großen Kon­fe­renz­zentrum über die Statue des späten Redners. Es ist das Denkmal für jene Red­ner, die bis zuletzt ihre Manuskripte schlei­fen und diese erst kurz vor Ultimo uns Dol­met­schern in die Kabine reichen. Wer ge­nau hinsieht, merkt: Der Mann ist kopflos. Wer weiß, wo es steht?

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Foto: C.E.