Donnerstag, 20. Februar 2014

Gemischtes Doppel

Willkommen auf meinem Blog. Die Welt der Fran­zö­sisch­dol­met­scher und -über­setzer beschreibe ich hier. Heute: Komisches von der Konferenz.

Die meisten Dolmetscher sind Dolmetscherinnen. Nein, ich möchte jetzt nicht spe­ku­lie­ren über Frauen, die mehr sprechen, das Corpus callosum, das bei uns dicker ist, weshalb die Hirnhälften besser miteinander kommunizieren ... ich glaube, es liegt an vielen Faktoren, die zusammenspielen, Hormone, Sozialisation und neu­ro­na­le Verschaltungen (Ergebnis der ersten beiden Punkte). Mir fällt hier immer ei­ner meiner Lieblingssätze ein: Wäre das Gehirn so, dass wir es verstehen könnten, könnten wir es nicht verstehen.

Neulich saß ich mit einem Kol­legen in der Kabine. Ja, mit ei­nem Mann. Wir waren für ei­ni­ge Tage außerhalb Berlins tä­tig. Etwas irritiert waren wir, als uns der Kunde bei Tisch vor­sich­tig aus­gefragt hat. Es lief darauf hinaus, dass er an­nahm, das wir ein Paar seien. Das warf in ihm die Frage auf, warum seine Firma getrennte Zimmer gebucht hatte.

Wie er darauf käme, wollte ich wissen. "Naja, Sie sind so ein eingespieltes Team, man hört nur an der anderen Färbung der Stimme, wenn Sie sich abwechseln."

Das ist ja mal ein Kompliment! Auch wenn wir es ihm vor dem Hintergrund seiner "Sparbemühungen" entreißen mussten.

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Foto: C.E. (Archiv)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Das ist aber hier ein Frauen-Doppel, liebe Caroline.
Ich finde es immer spannend, mit unterschiedlichen KollegInnen zu dolmetschen.
Auch als Trainerin habe ich die Erfahrung gemacht, dass die TeilnehmerInnen sehr dankbar über gemischte Doppel sind, weil sie sich so viel eher mit ihren Lernerfahrungen und -vorlieben wieder finden und wir eher auf Resonanz stoßen, weil wir Vielfalt vorleben.
Letztens übernahm ein Kollege den anderen Platz in der Kabine, als eine Kollegin, die sich als solche ausgegeben hatte, sich leider als kabinenunerfahren erwies und eher mit Schulenglisch aufwartete. Dies war umso peinlicher, als es sich um eine Konferenz von DolmetscherInnen handelte. Hilfe!!!
Wie gehst Du mit fehlender Professionalität um. Die Dame hat sich irgendwie in den BDÜ eingeschlichen und sieht einfach nicht ein, dass sie sich nicht als Konferenzdolmetscherin verkaufen darf. Natürlich werde ich mit ihr nicht mehr arbeiten, doch welche Handhabe steht uns in so einem Fall zur Verfügung?

caro_berlin hat gesagt…

Liebe Unbekannte (ich ahne, wer's sein könnte),

richtig beobachtet, es ist ein Frauendoppel. Es ist ja auch ein Sommer-/Sonnenbrandbild, während diese Episode aus dem Winter stammt.

Und ich ahne auch, wo die Episode stattgefunden hat. Da wäre ich gerne dabeigewesen, hatte aber eine große Übersetzung an der Hacke und konnte immerhin in den Teepausen dem "Getwittere" folgen.

Das ist natürlich eine traurige Geschichte. Und so, wie Du das schilderst, scheint es eindeutig zu sein. Während wir alle mal einen schlechten Tag haben können, aber eigentlich nicht sollten (ich erinnere mich mit Grausen an eine zweitägige Konferenz, bei der bei mir eine Grippe ausbrach), fehlen hier offenbar Sprachkenntnisse, Methodik und Erfahrung, kurz: alles.

Handhabe: Vermutlich keine, außer wirklich noch deutlicher zu werden.

Ich kenne das leider auch. In Berlin gibt es einen berüchtigten Kulturkritiker, der sich seit Jahren als Dolmetscher ausgibt und schon 1,5-stündige Diskussionen über die Arabellion vermasselt hat. Und der regelmäßig nur ca. 50 % Inhalt beim Dolmetschen für die Presse liefert, wenn wichtige Kulturschaffende aus Frankreich nach Berlin kommen. Er hat durch sein Agieren nicht nur Weltstars dazu "angeregt", ihr Schulenglisch auszupacken, sondern auch die Preise ziemlich gedrückt.

Ein russisch-französischer Kunde von mir sagt in solchen Fällen immer schwerzhaft: "Ivan einfach Dom (дом - Haus) sagen, er dort Veilchen bringen."

Manchmal hilft Geduld. Neulich erst kam ein Kunde aus Frankreich reumütig zu uns zurück. Er hatte uns nach langen und treuen Diensten zu Jahresende aus Budgetknappheitsgründen in einen Unterbietungswettkampf geschickt, aus dem wir vor dem Ende ausgestiegen sind. (Von einer Stückelung der Zahlung wollte er leider nichts wissen.) Jetzt kam er mit den von einer Lehrerin übersetzten Dokumenten wieder. (Ihr Name stand als Urheberin in der Legende des Dokuments.)

Wir haben in Hektik abwechelnd innerhalb von 24 Stunden gute acht Stunden netto gerödelt, das Ergebnis ist nicht ganz so gut, wie wenn wir es gleich bearbeitet hätten — und die Verzweiflung des Kunden war immerhin so hoch, dass wir carte blanche hatten, was die nötigen Stunden des Flickschusterns anging. Die Sache landete pünktlich bei der Filmförderung und war unterm Strich insgesamt etwa so teuer, wie wenn wir gleich den Auftrag bekommen hätten.

Hm, und während ich das hier so schreibe, denke ich an ein "Fair translate"-Siegel, das man (zur Steigerung der Verwirrung) auch auf Dolmetschjobs ausweiten könnte. Hm, mehr als ein Bild habe ich dazu aber noch nicht.

Aber es würde natürlich auch faire Bezahlung einschließen. Wie oft erlebe ich, dass Kollegen in Berlin aus dem Gefühl heraus, sonst keine Chance zu haben, ihre Zeit weit unter Wert verkaufen!

Wer nimmt den Faden auf?
Grüße,
Caroline

P.S.: Bei Trainings finde ich "gemischte Doppel" gut, in der Kabine ist das nicht so wichtig, weil es da nicht so auf Identifikation ankommt.

caro_berlin hat gesagt…

Hier kommt noch ein P.S.: Wir haben bei einem Kolleg(innen)abendessen über solche Situationen gesprochen.

Zum Fall der Pseudo-Ko-Kabine: Beim BDÜ ist die Sache eigentlich glasklar. "Eine BDÜ-Mitgliedschaft steht für Qualität, denn der BDÜ verlangt von seinen Mitgliedern einen geregelten einschlägigen Berufsabschluss oder den Nachweis langjähriger Berufspraxis als Übersetzer bzw. Dolmetscher."

Da scheint wohl bei der Aufnahme etwas falsch gelaufen sein. Habt nur ihr zwei, Du und der Kabinenersatz, mitbekommen, was gelaufen ist? Ich würde sie direkt darauf ansprechen, dass sie hier einem Berufsstand, mit dem sie nichts zu tun hat, einen Bärendienst erweist. Und die Aufnahmeordnung auf den Tisch packen ...