Sonntag, 12. Januar 2014

Königlich!

Bienvenue auf den Seiten einer Sprachmittlerin. Wir Französischdolmetscher sind derzeit gefragte Menschen, wenn es um die Geheimnisse der Reichen, Mächtigen und Schönen geht. Als Dolmetscherin zwischen Politik, Kino und Wirtschaft mache ich da keine Ausnahme. Auch nicht darin, dass ich mein Schweigegebot ernst neh­me. Und ich blogge, stets unter Wahrung der im Dienst erfahrenen Geheimnisse.

Ein Stück Blätterteigkuchen "galette des rois"
Galette des Rois
Nein, kein Kommentar zu den Er­ei­gnis­sen im Elysée-Palast. In der letzten Woche wurde mir vier Mal "Kaffee und Kuchen" serviert, was ja eine sehr deut­sche Tradition ist, allerdings immer auf Französisch.
Die kleine Welt der Berliner Aus­lands­fran­zo­sen und deutsch-fran­zö­si­schen Vereine hatte über eine Woche lang fast jeden Tag irgendwo zur galette des rois geladen.

Eigentlich wird der Dreikönigskuchen am 6. Januar verspeist. Das Blät­ter­teig­ge­bäck mit Marzipanfüllung, wie es in Berlin z.B. von au délices normands her­ge­stellt wird, ist zum Glück weniger süß als in Süd­frankreich und enthält noch eine be­son­de­re Zutat, une fève. Diese Vokabel bezeichnet eigentlich eine Saubohne; heute verwenden die Bäcker ein Figürchen aus Porzellan oder Kunststoff.

Den Kuchen begleitet ein festes Zeremoniell: In Frankeich nimmt das jüngste Kind (das sprechen kann), unter dem Tisch Platz, während der Kuchen aufgeschnitten wird. Jedes Mal, wenn nun ein Stück verteilt werden soll, fragt ein Großer: "Für wen ist dieses Stück?" Und das Mini unter dem Tisch nennt Em­pfängerin oder Empfänger. Dann wird gegessen. Wer die fève im Kuchen findet, ist für den Rest des Tages Königin oder König und darf sich außerdem Königin oder König aus­su­chen. Beide bekommen Kronen aus Pappe aufgesetzt, die mit dem Kuchen ge­lie­fert werden.

Was jetzt kommt, kann familientypisch sein, aber ich habe es so erlebt, dass bei Tisch immer dann, wenn Königin oder König zu Tasse oder Saftglas gegriffen haben, alle laut riefen: La reine boit, la reine boit! (oder eben le roi ...). Ist man selbst Königin oder König, kann das schon sehr irritierend sein. Soviel zur Neigung fran­zö­si­scher Untertanen, die Lebenszeichen ihrer Herrscher kommentieren zu müssen.

Die Berliner Dreikönigskuchenessen waren weniger familiär geprägt. Aber diese Art von Neujahrsempfängen ist nicht nur nahrhaft, sondern auch unterhaltsam. Als Spracharbeiterin genieße ich den Austausch auch über Aktuelles, wir diskutierten so manchen Beriff. Zum Beispiel das Wort concubin/concubine für Le­bens­ge­fähr­ten, viele waren ja mit Anhang erschienen. Das Wort ist auch auf Deutsch bekannt. Dis­ku­tiert wurde logischerweise auch, ob man seine concubine mit einer maîtresse betrügen kann. Und hier meine ich nicht den Wortsinn von maîtresse, den viele Kinder im Kopf haben, sie nutzen die Vokabel als Bezeichnung für die Grund­schul­lehrerin (von maître d'école — Grundschullehrer).

Die Tradition wird übrigens nicht nur in Familien gepflegt, die dem Christentum na­he­stehen. Auch der Elysée-Palast wird mit Königskuchen beliefert. Und jetzt habe ich sogar noch einen echten scoop: Der Bäcker backt diese galettes des rois für den präsidialen Palast ohne Saubohne. Manche mögen das für republikanisch verklemmt halten, aber niemand möchte natürlich ein gewähltes Haupt in Ver­le­gen­heit bringen.

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Foto: C.E.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

C'est la tradition des Bourbons d'avoir une maîtresse officielle ou la favorite officielle (qui signifie maîtresse préféré) ... et les petites maîtresses ...