Donnerstag, 21. November 2013

Wer den Cent nicht ehrt ...

Bon­jour, wel­come, gu­ten Tag oder Abend! Sie sind punkt­genau in der Ar­beits­welt einer Sprach­mitt­lerin ge­lan­det. Was ich mache? Hier schrei­be ich über meine Tä­tig­keit als Dol­met­scherin und Über­setzerin. Vor der eigentlichen Arbeit liegt aber die manchmal peinvolle Phase der Honorarverhandlung.

Wir tippen die Farbe von den Tasten ...
... ist des Euros nicht wert, das stimmte früher, als die Redensart noch anders ging, das gilt auch noch heute. Gefeilscht wird manchmal um kleine Be­trä­ge, so kennen wir es. Einem guten Kunden geben wir gerne einige Prozent Rabatt, denn re­gel­mä­ßi­ge Aufträge in hohem Umfang reduzieren den Mar­ke­ting- und Verhandlungsaufwand. Anders ist es, wenn sehr große Nachlässe eingefordert werden, zum Teil geschieht das ziemlich direkt.

Es fühlt sich mitunter so an, als hätte mit Beginn der Spekulationskrise, deren Folgen auf die Staats­haus­halte abgewälzt wurden, manch einer seine gute Kinderstube vergessen. Da kommt schon mal ein sehr bestimmtes: "Bei dem Umfang muss das billiger zu haben sein." Wer sagt das? Jemand, der zum Beispiel irgendein digitales Pinökel in China bau­en lässt und weltweit vertreibt. Wie rechnen ei­gent­lich un­se­re Kun­den?

Die Entwicklung des Pinökels hat die Summe X gekostet, das Investment muss sich über den Ver­kauf möglichst rasch amortisieren. Ist das vorab investierte Geld wieder eingespielt, also einige Zeit spä­ter, ist die Konkurrenz sicher auch schon so weit: Sie hat das Mo­dell (irgendwo im Ausland) abgekupfert oder so ver­ein­facht, dass sich kein Patentgericht dafür in­te­res­siert. Sie verkaufen billiger als "unsere" Firma.

Da die Ent­wick­lungs­kosten (hoffentlich!) wieder zurückgeholt sind, wird nun die Beispielfirma ihren Preis senken, um im Wettbewerb besser da­zu­ste­hen. (Ja, ich weiß, manche Erfindung ist schnell geklaut; deshalb müsste das An­zapfen deutscher Datenströme der Kanzlerin im Grun­de ein sehr gro­ßer Dorn im Auge sein.) Zurück von der Situation des Anrufers zu jener der Angerufenen.

Wir Übersetzer und Dolmetscher entwickeln gar nichts, es sei denn, die eigenen Sprachkenntnisse über die Jahre weiter. Außerdem nimmt die Anzahl der Fachgebiete, in denen wir arbeiten, besten­falls regelmäßig zu. Bei der konkreten Arbeit müs­sen wir allerdings immer wieder von vorne an­fan­gen, wir sitzen immer die gleiche Zeit an Kabinen­pult oder Schreibtisch. Jede neue Arbeit ist wie eine Neuentwicklung.


Natürlich können wir auf Erfahrung zurückgreifen, können eventuell ein "Trans­la­tion Memory System" nutzen, also eine Art digitales Kontextwörterbuch, das aus früheren Pro­jek­ten ähnliche Lösungen herausfiltert und anbietet, mehr allerdings nicht. (Und gerade im künstlerischen Bereich sind solche Übersetzungsspeicher sinnlos. Ich habe mir nie eins angeschafft.)

Kurz: Unsereiner entwickelt jedes Mal neu, testet den "Protoypen", entwickelt ihn bis zur |Marktfähigkeit| Abgabefähigkeit: Das bedeutet übertragen, nachschlagen, feilen, lernen, üben und am Ende doch noch einmal Korrektur lesen. Oder wie zu Wo­chen­an­fang. Da musste ein schon im Sommer abgeschlossenes Projekt aufgrund eines Computerproblems über Nacht erneut getippt werden, um vom Kunden wei­ter­be­ar­bei­tet zu werden. Das Schreibbüro hat seine Sache gut gemacht, nur mit den Einzügen, die so ein Drehbuch aufweist, hat es nicht so recht geklappt.

Also habe ich meinen Nachtschlaf verkürzt und saß von sechs bis halb neun Uhr morgens am Schreibtisch, las Korrektur und vereinheitlichte das Layout. (Eine Optimierung hät­te wohl noch mehr Zeit beansprucht.) Hier führt die Masse der Arbeit auch nicht ge­ra­de dazu, dass es schneller geht, hier gilt nur der alte und immer wieder gern zitierte Slogan: Put on some appropriate music. Bite down hard. Get it done.

Den Mehraufwand werden wir unserem Kunden nicht in Rechnung stellen, denn niemand kann nachvollziehen, wo und zu welchem Zeitpunkt sich der Virus, der mit Zeitabstand sein unschönes Antlitz gezeigt hat, eingeschlichen hat.

Dass wir Sprachmittler kostenbewusst arbeiten, liegt oft darin begründet, dass wir Einzelkämpfer sind, die sich häufig zu einem Netzwerk zusammengeschlossen ha­ben (oder mit Kollegen Korrekturdienstleistung tauschen). Anders als so manche große Agentur, die mehr Geld in Werbung und re­prä­sen­ta­ti­ve Büros als in die End­fer­ti­gung investiert, bekommen die Kunden bei uns "mehr Sprachdienstleistung" für ihr Geld. Ein kurzes Beispiel mit Zahlen kommt morgen.


Vokabelnotiz:
Pinökel ist ein umgangssprachlicher Begriff für einen winzigen nadelähnlichen Ge­gen­stand (Herkunft: Ostwestfalen bis Norddeutschland).
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Fotos: C.E. (Archiv)

Kommentare:

Vega hat gesagt…

Liebe Caroline,

dass die deutsche Wirtschaft systematisch ausspioniert wird, erwähnen bislang noch zu wenige, die Schäden gehen sicher in die Milliarden, das bedeutet Steuerausfälle für den Bundeshaushalt. Insofern ist das Schweigen der Regierung in diesem Bereich beredt.

Wie wirkt sich das für Dich aus? Gibt's konkrete Beispiele?

Gruß,
Bine

caro_berlin hat gesagt…

Ja, liebe Bine,

wir haben das auch schon zu spüren bekommen. Ein Kunde wollte nicht nur allgemeine Referenzen von uns, sondern Telefonnummern vom Menschen, die über unsere Integrität berichten konnten. Das dauerte eine Zeitlang, weil die Betreffenden in völlig anderen Branchen tätig sind und aufgrund anderer Zyklen nur schwer erreichbar waren.

Dann kamen Dokumente per Kurier, also als Ausdruck. Wir haben einen alten Rechner, der nicht mehr am Netz hängt, wieder in Betrieb genommen (mit Hilfe eines IT-Fachmanns), dann mit zwei Rechnern weitergemacht, was reichlich gewöhnungsbedürftig ist. Mit einem habe ich dann online fehlendes Fachwissen besorgt Kontext recherchiert usw., auf dem Offline-Rechner getippt, außerdem wieder wie früher mit Wörterbüchern und einer mitglieferten Lexik gearbeitet.

Der Aufwand, die Dokumente den Vorlagen entsprechend zu layouten, kostet ja auch mehr Zeit ... Und am Ende wurde wieder gedruckt, wurden Sicherheitskopien für den "Safe" gezogen, die Dateien gelöscht und der Kurier stand vor der Tür.

Diese Mehrkosten hat mehrheitlich die Firma getragen; wir sind ihnen aber ein wenig entgegengekommen.

Voilà ! Andere Kunden gingen wegen geklauter Patente pleite ... oder aber wegen einer geänderten Rechtslage, Stichwort: Solarkollektoren.

Guten Wochen-Endspurt,
Grüße,
Caro