Montag, 23. September 2013

Wahlen sind sexy

Willkommen auf der Seite einer Französischdolmetscherin und -übersetzerin aus Berlin. Hier können Sie Einblicke nehmen in unseren Alltag. Dieses Ar­beits­jour­nal ist der Ort, an dem ich über die Hintergründe unserer Arbeit nachdenke. Heute: Sex und Politik.

Wahlkabine auf Schultisch, darunter blickdichte, schwarze Strümpfe und schwarze Stiefeletten.Ganz neue Erfahrungen macht Deutsch­land: Wahlen können auch sexy sein. Da hebt ein Kan­di­dat den ausgestreckten Mit­tel­fin­ger, als er nach Beleidungen der eigenen Person ge­fragt wird, und plötzlich gerät die Geste ge­trennt von allem in Umlauf und die "Rau­te" der Amtierenden wird als sexuelles Symbol gedeutet, der Finger als Ko­a­li­tions­an­trag in­ter­pre­tiert.

Dann höre ich auf einer deutsch-fran­zö­si­sche Diskussion, dass hierzulande wohl die "Enthaltsamkeit" das Hauptproblem sei. Wofür? Für die geringe Geburtenrate? Aber nein: für die in den letzten Jahren geringe Wahlbeteiligung.

Der Prozentsatz jener Wahlberechtigten, die gestern wirklich wählen gingen, ist im mathematischen Mittel wohl leicht angestiegen, nur in meinem Neuköllner Wahl­lo­kal lag er bei schlappen 51,3 %. Die Einwohner des Arbeiterbezirks, Renter, Mi­gran­ten und Hipster aus aller Welt sowie Normalos wie wir, erwiesen sich als deutlich "enthaltsamer" als der Restbezirk.

Gehen wir davon aus, dass außerdem die Hälfte der Einwohner ausländischen Ur­sprungs ist und sich deutlich zahlreicher re­pro­du­ziert als die Passinhaber, war vielleicht jeder Fünfte derjenigen bei der Wahl, denen ich täglich auf dem Markt oder der Uferpromenade begegne. Es ist höchste Zeit, un­ser Wahl­ge­setz der Wirk­lich­keit anzupassen. Die Demokratie ist noch nicht 'in der Mitte der Gesellschaft' angekommen.

Weitere merkwürdige Worte vernehme ich. Bei einem anderen "Rundtischgespräch" zur Wahl (den reichlich komischen Begriff kenne ich noch aus der DDR) wird be­klagt, die Deut­schen seien sehr "nabelbezogen". Bei "Bauchnabel" muss ich im­mer an die "Blech­trom­mel" denken, Stichwort: Nabelbrause. Der Vokabel "na­bel­be­zo­gen" liegt le nombrilisme als Nomen zugrunde, also alles, was mit Nabelschau zu tun hat.

Zum Glück war es am Wahltag noch nicht richtig herbstlich kalt. Bauchnabelfrei war jedenfalls nicht angesagt, die Dame in der Kabine trug ein gestricktes Woll­kleid.

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Foto: C.E.

Kommentare:

caro_berlin hat gesagt…

Hier lassen sich die Wahlergebnisse detailliert prüfen: Link zur Berliner Morgenpost


Erschreckend: In den Wahlergebnissen lässt sich die Mauer noch heute ablesen!

Anonym hat gesagt…

Zum "Wahl gehen" habe ich zum ersten Mal-(nach über 20 Jahren Einbürgerung mit unter anderen politischen Engagements bis zum Stadtrat-Aktivitäten)- sehr lange gezögert; nicht wegen des "Wählens" als wichtiges bürgerliche Tun, auch nicht wegen Ermüdung immer wieder Partei zu ergreifen und am Ende (manchmal sogar vorher) in einer depressiven Entäuschung zu landen. Diesmal die ENTAÜCHUNG war schon vorher da: Es war fast schmerhaft zu erleben,wie manche "wichtige Akteure" das Land, bewusst und auch unbewusst, in einer politischen, alternativlosen Situation mamoevrierten.
Ich habe gewählt und prophezeite, dass Angela Merkel diiedmal eine absolute Mehrheit erlsngen wird; was sie knapp verpasst hat. Es wird hier nicht nach der Wahl beschönigt. Diese Prognose stand seit dem Fernsehduel zwischen den beiden Kontrahenten, wobei einer nur den Weg für den anderen geglättet hatte