Dienstag, 6. August 2013

Barrierefreiheit im TV

Will­kom­men beim ersten Web­log Deutsch­­lands aus dem In­­ne­ren der Dol­­met­sch­er­­ka­­bine. Im Som­­­mer­ ist das Bü­­ro be­­­setzt. Heute: Blick in den Brief­­kasten.

Die Oberfläche von Software, bestehend aus Filmbild, Time Code, Titelgenerator und Auswahltafeln
Untertitelungssoftware
Seit dem 1.1.2013 müssen Fil­me, die öffentliches För­der­geld erhalten haben, "barrierefrei" sein, also mit Audiodeskription und Untertiteln aufwarten. Das ist natürlich auch für Menschen, die wie ich mit Film und Spra­che arbeiten, interessant. Und da ich bereits erste Erfahrungen in dem Bereich habe, schaue ich doppelt hin.

Auch deshalb, weil mich über einen Filmverband Fragen zum Thema erreichen. Den Filmherstellern geht es zu­nächst einmal um die Höhe der Kosten und um die Überlegung, welcher der an Filmproduktionen Beteiligten (koproduzierender Sender, Filmförderer, Produzenten ...) für diese aufzukommen hat.

Erstellt werden die Fassungen in den Fällen, die mir bekannt sind, von einem vom Sender ge­nann­ten Anbieter oder inhouse. Der Produzent schrieb, die Chose sei recht teuer. Weiter: "Das Problem ist, dass die Anstalten keine preiswerteren, selbst gemachten Audioscriptionen akzeptieren", worauf er fragt: "Was eine Ton­fas­sung für Schwer­hö­ri­ge sein soll, verstehe ich nicht."

Erstens ist es nicht einfach, mit Worten zu (be)schreiben, was andere sehen, daher die Warnung vor dem Selbstgemachten. Dialoge dominieren die meisten Filme. Die wenigen, knappen und nicht selten kurzen Pausen müssen mit Geschick genutzt werden. Zweitens gibt es für Schwerhörige natürlich keine "Ton­fas­sung", wie der Produzent schreibt, sondern eine Untertitelfassung, die den klas­si­schen Un­ter­ti­teln, die Sprache aus einer in eine andere Sprache übertragen, nicht unähnlich ist. Die Version für Hörgeschädigte kennt wohl jeder, der mal mit einer Fernbedienung rumgespielt hat: Unterschiedliche Sprecher sind durch un­ter­schied­li­che Farben gekennzeichnet, es gibt Einblendungen wie *Musik* oder *Te­le­fon­klin­geln*.

Zurück zur Entstehung von "Hörfilmen". Idealerweise werden diese "Film­be­schrei­bun­gen" von zwei Sehenden und einer blinden Person erstellt. In den letzten Jah­ren wurden viele Erfahrungen in Sachen Audiodeskription gemacht, aus­ge­wer­tet, publiziert. Die Frage ist, wann wer Schulungen anbieten wird und nach wel­chen Kri­terien und wie transparent die Sender künftig jene Firmen oder Mit­ar­bei­ter aus­wäh­len werden, die Hörfilmfassungen erstellen dürfen.

Es gibt bereits einen Hörfilmverband, der sehr engagiert ist. Die eben erwähnten Regeln, die in Deutschland gelten, sind mustergültig und in anderen Ländern, so erfuhr ich es letzten Herbst auf der Konferenz "Languages & The Media", leider nicht immer üblich.

Monitor mit zu verdolmetschenden Untertiteln, Mikrophon, Kinoleinwand
Auch eine Art Hörfilm: Hier wird ein Werk
von Billy Wilder simultan verdolmetscht

Für mich, die ich jahrelang untertitelt habe, ist die Sache auch deshalb extrem spannend, weil ich mit den neuen Ver­pflich­tun­gen Qualitätsverlust und Preis­verfall fürchte, wie sie für Untertitel mit dem Massenaufkommen der DVDs ein­ge­treten sind. Denn mit dem tech­ni­schen Übergang von analoger VHS zu digitalen Scheiben konnte auch eine Un­ter­ti­tel­aus­wahl angeboten werden, ein Massenmarkt für "home movies" enstand, die Nachfrage explodierte, die Zahl der Untertitler zunächst nicht. Indes, anders, als es die Gesetze des Marktes hätten vermuten lassen, rauschten die Preise für Untertitel in den Keller.

Das war nur durch extreme Ausweitung des infragekommenden Personals möglich.

Studierende, Hausfrauen, Fremdsprachenkorrespondenten usw. wurden in den 1990er Jahren in Schnellbleichen "fortgebildet", Agenturen gewannen an Macht (denn sie liefern geräuscharm die benötigte Masse in vielen Sprachen), die Höhe des den Urhebern der Titel gezahlte Honorar wurden einige Jahre in Folge jährlich jeweils halbiert, das Honorardilemma färbte auf die reine Kino- und Festi­val­un­ter­ti­te­lung ab. Damals nahm ich in diesem Bereich den Hut.

Die Frage mit den Hörfilmen muss also intensiv beobachtet werden, am besten besprechen sich diverse Film- und Filmsprachverbandsmenschen dazu mal intensiv. Denn im Grunde ist der Bereich der barrierefreien Filmfassungen auch für andere (oft schlecht bezahlte und nur mit Unterbrechungen beschäftigte) Filmmitarbeiter interessant, denn der Übersetzungsvorgang fällt ja weg, es geht "nur" darum, was unsereiner nebenbei noch machen muss: Sinnvolle Reduktion des Gesagten, Aus­wahl einfach zu lesender Begriffe (niemand außer Profis wird wohl "zu­rück­blät­tern"), das Ungesagte "zwischen den Zeilen" mitschwingen lassen. Kurz: Ein be­son­ders hohes sprachliches Empfinden, Gefühl für das Medium Film und Rhyth­men, Stilsicherheit und Vielfalt im Ausdruck müssen vorausgesetzt werden.

Noch eine Gruppe, die hier auf­mer­ken wird: Die vielen Studierenden, die, Iro­nie­mo­dus an, dank der wie Pilze aus dem Boden schießenden Aus­bil­dungsstätten für Film­über­setzer, -untertitler und -dol­metscher bald auf den Markt drängen. (Auf einen Markt, der vielleicht zwei Leute jährlich in den Ruhestand ver­ab­schi­edet und nun mit dem Zehnfachen an Absolventen allein in Deutschland über­for­dert ist.) Diese Generation, die wie ihre Vorgängergeneration "was mit Medien" machen möchte, aber von der Sicherheit einer Festanstellung träumt, ist "hungrig, ent­schlos­sen und braucht das Geld". 

Ich werde weiter berichten.

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Fotos: C.E.  (Archiv. Das Kinobild kann, in ei-
nem 2. Fenster geladen, durch erneutes An-
klicken vergrößert werden.)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Chere Caroline,
zum drittenn Mal versuche ich hier meine Gedanken zum Papier zu bringen, mit der Hoffnung, dass es diesmal veröffentlicht wird.
Es ist mehr als ein Genuss aus deinem Blogset sich zu informieren. Nicht nur deine "pfiffige"Art etwas zu vermitteln viel Beifall ernt und Gefallen tut; sondern auch-und besonders die Fülle an Informationen, besser gesagt: die tiefgründige daran enthaltenen "Cogitationen" sind nicht ausser Acht zu lassen. DANKE. Hut ab.! MaNiTou ...a suivre..

caro_berlin hat gesagt…

Danke für die Blumen! (Einen anderen Kommentar sah ich, aber verstümmelt ... einen dritten nicht.)
... oui, à suivre.
C.

caro_berlin hat gesagt…

Und über Marco (via facebook) habe ich von gemeinsamen, verbindlichen Untertitelrichtlinien erfahren, die für den deutschen Sprachraum gelten:
www.untertitelrichtlinien.de
Vielen Dank!