Mittwoch, 13. März 2013

Vom Blatt singen

Bonjour ! Sie lesen hier auf den Seiten des ersten deutschen Blogs aus der Dol­met­scher­ka­bine. Wir sitzen dort für Menschen, die beruflich mit Politik, Wirtschaft und Forschung zu tun haben ... und für Kulturfans. Oder aber wir dürfen mit ans Set. Heute Teil zwei zum Thema "Filmdolmetschen", denn das Thema wird derzeit sehr oft im Netz gesucht: Ob hier ein neuer Traumberuf entsteht?

Gestern schrieb ich kurz über die Müdigkeitszustände, die unsereinen bei Dreh­ar­bei­ten ereilen können und warum es dann nicht angeraten ist, anschließend ein KFZ zu lenken (sofern ein gültiger Führerschein vorliegt, ich hab ja keinen, nie ge­macht.)

Filmdolmetscherin in Aktion
Vorab dies: Dolmetschen und Übersetzen für Filmleute ist kein eigenständiger Beruf. Wir müssen gute Übersetzer und Dolmetscher sein, können uns dann (als eines von mehreren Fachgebieten) auch auf Medien und Film spe­ziali­sie­ren. Wer ausschließlich davon leben möchte, hat heutzutage keine guten Karten ... außer einige wenige an der Spitze.

Es ist sehr schade, dass die sich in den Medien verschlechternden Ar­beits­be­ding­ungen unsereinen dabei hindern, mit Freude seinem Tagewerk nachzugehen. Das manchmal auch ein Nachtwerk ist. Zum Beispiel im Kino: Ja, ich liebe meinen Beruf. Ich bin verzückt von Herausforderungen wie Filme, zu denen kaum noch Dokumente existieren (bzw. nicht auf die Schnelle greifbar sind), zu denen ich mich durch effiziente Netzrecherche einlese, vielleicht finde ich irgendwo eine umformatierbare fremdsprachige Un­ter­ti­tel­liste ... und dann dolmetsche ich den Film "vom Blatt weg" oder ohne jegliche Textunterlage simultan in die andere Sprache. Das ist eine besondere Herausforderung, bei der ein Gefühl für Stil, hohes Sprachvermögen und Marathonqualitäten gefragt sind.

Hier ein Beispiel vom vergangenen Jahr aus einer Billy Wilder-Retrospektive. Sel­te­ne Filme des Filmerbes bekommen wir oft vorab zu sehen. Bei gut vor­be­reiteten Festivals ist das auch so. Aber es ist leider nicht die Regel. Mitunter müssen wir uns mit unserer Filmerfahrung, einer unvollständigen Dialogliste und Untertiteln in einer dritten Sprache behelfen. Den Untertiteln lässt sich immerhin entnehmen, wann es eng wird mit dem Atmen. Bei Untertiteln in einer Dritt­sprache ist die Kopf­gymnastik eine andere, denn natürlich schleichen sich auch Zweifel an den Übersetzungen anderer ein. Bahnt sich hier ein Witz an? Ein Wortspiel gar, das in den Untertiteln der anderen Sprache eventuell nicht erkennbar ist?

Hoteluhr
Oder ist die vorliegende Un­ter­ti­tel­liste einfach nur (zu) schnell entstanden? Hier wer­den Feh­ler­quel­len eingebaut, die nicht nötig sind, denn oft handelt es sich um neue Filme, die auf wichtigen Festivals laufen. In Zeiten von VHS, DVD, Blue Ray und Screening hätten diese "Sollbruchstellen" seit Jahr­zehnten beseitigt sein können.

Andere Gewerke bekommen im Vorfeld natürlich Zugriff auf neueste Filme ... warum Dolmetscher nicht? Stehen wir unter Generalverdacht, illegale Film­down­load­seiten mit Filmen zu bestücken? Dabei ist es doch heute möglich, die Streifen mit schlechter Auflösung und Wasserzeichen zur Verfügung zu stellen.

Ein anderes Beispiel, noch eine angedeutete Unappetitlichkeit. Dolmetschen am Set kann großartig sein — und die größte Pein. Es hängt immer davon ab, mit wem ich's zu tun habe. Die größten Stars sind pflegeleicht, Menschen wie du und ich, die glücklich sind, wenn sie auch so behandelt werden. Manchmal ist es nicht leicht, ihre Interessen zu erfahren, falls doch, z.B. eine große Liebe für den Delfter Maler Jan Vermeer, suche ich mir schnell die Museen heraus, in denen Wer­ke hängen ... und bei sich bietender Gelegenheit, Drehpause oder früher Dreh­schluss, setze ich einen Blitzausflug in Sachen Kunst an. Oder ich zeige schon mal nachts Berliner Sehenswürdigkeiten ... und hoffe darauf, dass die Gastgeber von Empfängen Verständnis für die kleinen Verspätungen haben.

Jetzt zum nicht so schönen Teil. Je weniger (oder je schneller) erfolgreich (ge­wor­den), desto zickiger sind manche Kräfte der darstellenden Gewerke. Kurz: Uhr­zei­ten einhalten, wenn ein Team wartet, sich gut vor­be­reiten, regel­mäßig es­sen etc. sind offen­bar nicht für alle selbst­ver­ständ­lich. Auch nicht das Fernhalten von be­wussst­seinserweiternden Substanzen, zu dem sie sich vertraglich verpflichtet haben. Als Dolmetscherin kann ich natürlich nicht Kindermädchen spielen, bin aber diejenige, der die Schuld zugeschoben wird, wenn was daneben geht.

Heute gibt es wieder zwei Enden. Der erste Schluss ist für die jene, die kein Fran­zö­sisch können: Nein, beim Concierge warten und überlegen, ob wir die Polizei anrufen oder nur "einfach so" ins jeweilige Hotelzimmer "einbrechen" müssen, wenn sich der/die Betreffende stundenlang nicht meldet, das macht definitiv keinen Spaß.

Das zweite Ende ist eine Sprachnotiz für die Lernenden unter uns: Ich kann es niemandem verdenken, wenn er oder sie am Ende "das Handtuch wirft" und sich einer ernsthaften Beschäftigung zuwendet. Wo auf Deutsch ein Handtuch durch die Luft fliegt, ist es auf Französisch übrigens der Schwamm: jeter l'éponge. "Vom Blatt" singen Chormitglieder, wenn sie ein neues Stück einüben, sie lesen Noten und singen dabei. Wir Filmdolmetscher "singen" beim "simultanen Einsprechen" auch vom Blatt. Auf Französisch fehlt dieses knappe Bild. Der Ausdruck wird ziemlich wortreich übersetzend erklärt, z.B. mit déchiffrer les notes en chantant oder savoir lire la musique et jouer à vue une partition, verkürzt (wenn der Kontext klar ist): déchiffer à vue.

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Fotos: privat

Kommentare:

Annette hat gesagt…

Liebe Caroline,

mit Freude verfolge ich seit Wochen Deinen Blog, nachdem Du mir auf einer Konferenz über Deine "Parallelexistenz" berichtet hattest.

Mir gefällt gut, wie Du Dich schreibend Deiner Tätigkeiten versicherst, wie Du spiegelst und fragst ... und auch Missstände aufzeigst.

Jetzt ein kurzes feed back zum Notenblatt, verzeih: Drehbuch, aus dem Du dolmetschst. Kennst Du Hönig? Er war in Germersheim und verglich traduction à vue mit dem Singen vom Blatt. Vermutlich hast Du sein "Übersetzen lernt man nicht durch Übersetzen" (Berlin 2001) längst rezipiert. Du schreibst ja oft genug von Intuition ...

Dir und Deinen Lieben ein schönes Frühjahr! Wir sehen uns dann im Mai.
Viele Grüße,
Annette

caro_berlin hat gesagt…

Liebe Annette,

nein, diesen Herrn habe ich leider verpasst, da ich die Studienjahre ja mehr in Frankreich als in Deutschland verbracht habe ... und dann das sich vereinende Berlin zu spannend fand.

Danke für den Lesehinweis. Das, was ich bei Wikipedia fand, ist alles höchst anregend ... Wie traurig, dass er so früh gestorben ist!

In den Studien- und ersten Berufsjahren habe ich kaum Theorie gelesen, sondern eher die handwerklichen Seiten geübt. Mehr Hintergründe kann ich jetzt nachholen, das Buch ist bestellt! (Nein, nicht bei Amazon, beim Buchhandel im Kiez!)

Dir auch schöne Frühlingstage. In Berlin ist es kalt und sonnig über dem Restschnee, die Stadt wirkt wieder mal wie ein Wintersportreiseziel, fehlt nur noch ein zugefrorener Kanal und Skifahrer drauf. (Das hatten wir vor drei Jahren wochenlang, hier der Beweis:
Klick!

Viele Grüße aus dem hohen Norden!
Caroline