Mittwoch, 31. Oktober 2012

Aktuelle Themen II

Bonjour, guten Tag! Sie haben die Seite einer Übersetzerin und Dolmetscherin für die französische Sprache angeklickt. Wenn ich nicht gerade Drehbücher oder Finanzierungspläne von Filmen übersetze, in der Kabine sitze oder mit Kunden Fabriken besichtige, bereite ich mich auf die Termine vor. Lernen ist die zweite Hauptbeschäftigung von Spracharbeitern, und dieses Wissen wird dann regelmäßig auf die Probe gestellt. Kaum vorstellbar, dass ich als Studentin Prüfungsangst hatte.

Wie lerne ich also? Heute das Programm dieser Woche verbunden mit dem hier regelmäßig gewährten Blick auf den Schreibtisch:

Sekretär mit Laptop, Monitor, Uhr, Eiffelturm, Notizbücher, Vokabelkartei ...
Krisensituation in Mali, wie werden Rückkehrer dort integriert? Zu dem Thema steht ein Dolmetscheinsatz an. Ich höre relativ aktuelle Radiosendungen von France Culture und von Deutschlandfunk, lese, was das UNHCR veröffentlicht, außerdem Hintergrundmaterial einer politischen Stiftung (aus dem Archiv einer Kollegin), Zeitungsnachrichten finde ich viele im Netz, unter anderem mit dem News.Feed-Reader.
Die wichtigsten Artikel kopiere ich mir einfach in eine .doc-Datei, wähle meine Lieblingsschrift und -größe, verändere manchmal die Papierfarbe, kurz: Ich stelle einen Vertrautheitsfaktor her.

Im Laufe der Zeit und als Wiederholungsschritt beim Lernen versehe ich den Text mit Randbemerkungen, Übersetzungen, Hinweisen auf andere Quellen. Der Redner hat mir vorab auch schon einige Notizen zukommen gelassen. Seine Sprechweise konnte ich dank anderer im Netz frei verfügbarer Filmaufnahmen kennenlernen.

Beim Erarbeiten verwende ich fast alle Sinneskanäle. Manchmal sehe auch Filmbeiträge zu meinen Dolmetschthemen. Ich mache mir Notizen in Form von Lexiken (für Eigennamen, Bezeichnungen der Organisationen, Parteien usw. sowie für die Vokabeln) sowie als mind map zum Lernen der Zusammenhänge. Hierbei lerne ich zuerst das, was am Häufigsten vorkommt ... und male bis in kleinere Verästelungen unter Quellenangabe auf, was ich finde. Auch zeichne ich weiter an meiner Afrika-Karte in Plakatformat, geografische Situation, Bodenschätze, klimatische Bedingungen usw. Das Plakat hängt an der Arbeitszimmertür (... und das ganze malische Drama steckt in der Speisekammer, ich hatte beim Putzen einige Sendungen mit dem mp3-Player auf den Ohren).

Geplante Obsoleszenz: Ähnlich vertiefe ich das nächste Thema. Hier ein neuer Artikel von Libération und ein ein Jahr alter Film, "Kaufen für die Müllhalde".

Daneben muss ich inhaltlich à jour bleiben: Diskussion über Filmförderung; leistungsgerechte Entlohnung der Dokumentarfilmschaffenden in Deutschland; Finanzkrise.

Durch regelmäßiges Wiederholen kann ich mein Wissen ins Langzeitgedächtnis übernehmen. Ich beuge mich wiederholt auch über diese Lexiken: Sicherheitsempfinden und Sicherheit im Bahnverkehr; energieeffizientes Bauen; Lebensmittelsicherheit vs. -autonomie, Transition, urban gardening.

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Foto: C.E. (Archiv)

Dienstag, 30. Oktober 2012

Die kein Namensschild haben

Willkommen auf den Seiten meines Blogs. Ich arbeite mit Sprache und berichte hier über Dolmetscher und Übersetzer ... aus subjektiver Perspektive. Meine Arbeitssprachen sind (bilateral, also in beide Richtungen) Französisch und Deutsch, zudem arbeite ich in einigen Fachgebieten auch aus dem Englischen. Wenn ich nicht dolmetsche, sitze ich oft am Übersetzerschreibtisch.

Die Subjektive der Dolmetscherin: Vor mir Papier, Stift, Computer, die Redner haben ihre Schilder. Und vom Publikum sehe ich nicht viel, nur das Licht hinter den Fenstern ...
Wenn Filmleute Zeit auf der Bildebene gewinnen müssen, weil im Ton etwas passiert, nennen sie das "metern".
Den Ausdruck habe ich auch schon von Kameramännern gehört, die nicht erfreut waren, im Rahmen von immer knapper werdenden Zeitbudgets mehr zu schneidendes Material am Tag herstellen zu müssen.

Heute habe ich auch gemetert. Auf dem Weg vom morgendlichen Dolmetscheinsatz wurde ich von der Straße weg für den nächsten verpflichtet, per Mobiltelefon, 49 Minuten vor dem Einsatz. (Ich hab mich natürlich über den Auftrag gefreut, aber das war bei weitem mein Buchungskurzfristigkeitsrekord.) So waren dann meine Wege "metern", die konsekutiv verdolmetschten Gespräche bzw. Beiträge auch: Es war durchweg interessant, nur leider höchst anstrengend.

Ich weiß nicht, was diese Woche los ist. Wo ich auch hinkomme, überall schlechte Akustiken. (Die Woche ist noch jung, ich wünsche mir positive Überraschungen).
Ein Einsatzort war eine Kirche, da passten die vorhandenen Kugelmikros nicht zur gesprochenen Sprache. Auch hat mich der Redner beim Sprechen immer angesehen, sich damit vom Mikrophon weggewandt, wie mir nachher berichtet worden ist, weshalb der O-Ton nicht so gut verständlich war. (Das muss ich mir merken, beim nächsten Mal auch darauf achten!)

An einem anderen Ort gab es die ganze Zeit Echos ... es klang wie einst die Hinterbandkontrolle. Bei den alten Bandmaschinen, auf denen das lief, was anno dazumal "Schnürsenkel" genannt wurde, wurden von Toningenieuren für die perfekte Tonüberprüfung oft die "Hinterbandkontrolle" angestellt, also der Ton von einer Stelle hinter dem Aufnahmekopf abgenommen. Da hörten wir in der Sprachaufnahme parallel Ton 1: direkt, durch den kleinen Studiolautsprecher, und Ton 2: zeitversetzt ... Beim Dolmetschen allerdings führte es dazu, dass ich erst ein Wort dachte, es aussprach und es mit minimalem Zeitverzug selbst hören durfte. Die Sache ist als Vorgang ja Silbe für Silbe zu multiplizieren an Sprachbestandteilkonfusion im Dolmetscherhirn.

Ach so, und mir ist noch eine Definition für unseren Stand der Sprachmittler eingefallen, bei öffentlichen Veranstaltungen stimmt das in der Regel: Wir sind jene, die kein Namensschild haben. Dafür gab es schöne Komplimente. Und eine Frau meinte, das hat mir gefallen: "Sie haben mit so viel Liebe übersetzt! Es war zu spüren, dass Sie den Beruf lieben, den Sie ausüben!"

Sowas kommt nur noch selten, daher besonders vielen Dank, und es ist ein schönes, zudem kostengünstiges Treibmittel.

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Foto: C.E.

Montag, 29. Oktober 2012

Schnappschüsse

Hallo! Hier bloggt eine Übersetzerin und Dolmetscherin für die französische Sprache. Rechts finden Sie meine Kontaktdaten, unten lesen Sie Notizen aus dem Alltag von Spracharbeitern. Heute, was ich vom Wegesrand aufgelesen habe.

Schon wieder ist eine Arbeitswoche vorbei und eine neue fängt an. In den letzten acht Tagen habe ich

gesehen: "Geschlossene Gesellschaft" in der Berlinischen Galerie (zum 2. Mal),
gehört: Franz Hessel, Le feuilleton d’un flâneur von Bruno Tackels auf France Culture,
gelesen (nicht fertig): Guy Deutscher: Im Spiegel der Sprache, warum die Welt in anderen Sprachen anders aussieht,
getan: Speisekammer ausgeräumt, geputzt, wieder eingeräumt,
gedacht: was genossenschaftlicher Wohnungsbau und Stiftungen für den Erhalt sozialer Durchmischung (nicht nur) von Berliner Wohnquartieren tun könn(t)en,
gegessen: Tagesgericht N° 1 mit Tofu im Café Hamy,
getrunken: Rhabarberschorle,
(mich) gefreut: darüber, dass der weltbeste Patensohn weiter Französisch und auch begeistert Englisch lernt,
(mich) geärgert: über einen eigenen Fehler und über manches Agenturgebaren,
gelacht: über eine etwas schlichte Komödie nach einem hektischen Dolmetschtag (hier gibt's keinen Link),
geplant: Seminare für 2013,
gekauft: Wildkräutersalat auf dem Maybachufermarkt,
gefunden: Pilze! Parasol im Tegeler Forst, zu bunter Pasta ... (Danke, Tim!)
geträumt: wie ich in eine Sprache dolmetsche, die ich gar nicht kann (kommt öfter mal vor),
geschwänzt: deutsch-französischer Stammtisch "Tandem", ich war letzten Mittwoch einfach zu weit weg,
gedolmetscht: drei Sitzungen bzw. Gespräche
genossen: den Austausch mit Kollegen, der immer wichtiger wird ...

Ich wünsche allerseits eine schöne Woche!

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Fotos: C.E.

Sonntag, 28. Oktober 2012

Märkischer See

Wir Dolmetscher und Übersetzer brauchen einen Schreibtisch, denn hinter dem locker Vorgetragenen oder leicht Lesbaren steckt zähe, kleinteilige Arbeit, die nicht nur im Job, auch an auftragsfreien Tagen geleistet wird, an denen wir einfach nur die Fakten und die Sprache unserer Arbeitsfelder beobachten. Und sonntags (oder an jenem möglicherweise auch Werktag, der der Erholung dient) sollten wir eine möglichst große Entfernung zwischen uns und dem Schreibtisch einlegen. Mein Sonntagsbild ...

... heute stammt von vor acht Tagen. Innerhalb einer Woche kam der Winter. Letzten Sonntag saßen wir stundenlang im T-Shirt in der Sonne im Garten. Danach ging's auf Tour. Dabei gerieten mir viele Motive à la Walter Leistikow vor die Linse. Als Schülerin hatte ich ein Seebild von ihm über meinem Schreibtisch hängen.
Statt 20° C. sind es heute maximal 5°. Natürlich geht es gleich wieder raus (nur die grippalifizierte Mitbewohnerin muss leider das Haus hüten).

Kurz vor Sonnenuntergang: Blick auf einen See durch Bäume hindurch, an denen nur noch wenige Blätter hängen. Im Hintergrund die Baumlinien des Ufers.

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Foto: C.E.

Samstag, 27. Oktober 2012

Phrasenmaschine

Bonjour ! Sie lesen hier im Arbeitstagebuch einer Dolmetscherin und Übersetzerin für die französische Sprache, die in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Kultur und Soziales tätig ist. Samstags präsentiere ich hier meinen "Link der Woche". Dieses Mal führt er nicht auf eine externe Seite, ich habe den nachstehenen Text als Fotografie auf einer Seite der sogenannten "sozialen Netzwerke" gefunden.

Jahrelang hat sich Dr. Wilhelm Schnösel, Beamter in einer EU-Kommission, durch das sprachwissenschaftliche Dickicht geschlagen, bis er auf eine bombensichere Methode stieß, seinen Frust formuliermäßig in Befriedigung umzuwandeln. Das "automatische Schnellformuliersystem" stützt sich auf eine Liste von dreißig sorgfältig ausgesuchten Schlüsselwörtern:


Die Handhabung ist höchst einfach. Denken Sie sich eine beliebige dreistellige Zahl und suchen Sie die entsprechenden Wörter in jeder Spalte auf. Die Nummer 257 zum Beispiel ergibt "permanente Fluktuationspotenz", ein Ausdruck, der praktisch jedem Bericht eine entschiedene, von Fachwissen geprägte Autorität verleiht. 

"Keiner wird im entferntesten wissen, wovon Sie reden", sagt Dr. Schnösel. "Aber entscheidend ist, daß niemand wagen wird, es zuzugeben."

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Wichtig: Falls der Urheber dieses Texts doch namentlich genannt
werden möchte bzw. in dieser Veröffentlichung einen urheberrecht-
lichen Verstoß sehen sollte, bitte ich um eine kurze Mitteilung.

Donnerstag, 25. Oktober 2012

Kinderhandel?

Bienvenue und Willkommen beim ersten Dolmetscherweblog Deutschlands aus dem Inneren der Kabine. Oft arbeiten wir aber auch draußen, bei Gericht, am Set oder auf der Straße .... Die Verwendung im Alltag meiner zentralen Arbeitssprachen Deutsch und Französisch liegt mir dabei stets am Herzen.
 
Am Wegesrand zum Dolmetscheinsatz aufgelesen: Dieser Laden heißt "Säugling". Stehen da menschliche Kleinstlebewesen zum Verkauf? Kinderhandel in Berlin? Oder gibt's hier etwa alles für den Säugling?



Ich schaue auf die Auslagen drinnen und draußen. Im Angebot: Wein, Hautcreme für die reife Haut (ohne Tierversuche), Kaffee und Tee, ohne Pflanzenschutzmittel hergestellt und aus fair trade-Handel, Socken und Hausschuhe für um Größe 40 etc.
Hier gibt's alles für Riesenbabies oder wie?


Es scheint sich nicht um einen Laden ausschließlich fürs Begleitpersonal von Säuglingen zu handeln. Sieht mir eher aus wie ein Französischfehler.

Nourrissant [nouʀisɑ̃] heißt so viel wie "nahrhaft". Klingt sehr ähnlich wie nourrisson [nouʀisɔ̃], für Laien vermutlich sogar gleich.

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Foto: C.E.

Mittwoch, 24. Oktober 2012

verräterisch

Hallo! Absichtlich oder zufällig sind Sie auf der Seite eines Logbuches aus der Arbeitswelt gelandet. Hier schreibe ich als Sprachmittlerin über meinen vielfältigen Alltag. Sollten Sie eine Übersetzerin/Dolmetscherin (DE ⇆ FR und EN → DE) buchen wollen, finden Sie rechts meine Kontaktdaten. Ich schreibe hier nur maximal über ein Viertel dessen, was ich erlebe und anonymisiere die Betreffenden.

Metallkoffer-"Tisch" mit Holztablett, darauf eine Kaffeekanne, eine Teetasse, Honig und ein Schälchen mit Studentenfutter
It's tea time ... und ja, mein coffee table verrät auf den 1. Blick,
was er mal war. Er ruht auf einer Holzplatte mit Rollen.
Ruhige Stunden auf dem Sofa, Dolmetschkater streicheln, und Promenade am Ufer, mehr geht heute nicht. Naja, fast. Ich lese für den morgigen Einsatz, erneut ein Afrika-Thema.

Zwischendurch schalte ich Anzeigen bei freecycle frei, das ist eine Netzplattform zum Verschenken von Dingen, ich zähle zu den Berliner Moderatorinnen.

Und auch hier darf ich gleich wieder etwas lernen. Zum Beispiel, dass Yahoo, dort ist das Verschenknetzwerk freecycle (noch) beheimatet, weder "ě" noch "ř" kennt, Buchstaben, die im Tschechischen vorkommen. Eine andere (mir persönlich nicht bekannte) Anrainerin des Berliner Landwehrkanals (und damit in einer Großstadt so etwas wie eine Nachbarin) verschenkt eine Deutschgrammatik für Tschechisch-Muttersprachler. Die Anzeige ist leider ein wenig html-verstümmelt.

Offenbar hat die Verschenkende vorher noch in dem Buch geblättert. Sie beendet ihre Anzeige mit: "Wusstet Ihr, was "verräterische Wörter" sind?" Und antwortet gleich auf die Frage mit einem knapen "ich nicht", anschließend nennt sie Beispiele: gern, froh, ziemlich, genug, passen ...

OK, ich verrate mich nicht weiter. Heute bin ich nur ziemlich froh, ausspannen zu dürfen, das mache ich gern, ich habe die letzten zehn Tage genug gearbeitet, das passt schon.

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Foto: C.E.

Dienstag, 23. Oktober 2012

Programmtipp

Heute Abend im Deutschlandfunk: Die "Unvermeidlichen" von Kathrin Röggla, ein Theaterstück über Dolmetscher, wird als Hörspiel ausgestrahlt.
Beginn/Dauer der Sendung: 20.10 Uhr, 49 Minuten Produktion: Bayerischer Rundfunk
Regie: Leopold von Verschuer
Mit: Eva Brunner, Kirsten Hartung, Bettina Kurth, Philipp Hauß, Jürgen Wink, Felix von Manteuffel, Karena Lütge, Starc Tobac, Bernd Hörnle
Komposition: Bo Wiget
Über den Theatertext selbst schrieb ich hier: Klick.

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Foto: C.E. (Archiv)

Bildungsoptimismus

Willkommen, bienvenue, welcome auf den Seiten meines digitalen Arbeitstagebuches. Ich dolmetsche und übersetze für Politik und Wirtschaft, Kultur und Medien und Soziales aus dem Englischen und bilateral Deutsch/Französisch. Hier denke ich unter Wahrung der Berufsgeheimnisse über unseren Arbeitsalltag nach ... und was uns Dolmetscher auszeichnet.

Neulich sollte ich mein Motto angeben. Neulich, das war bei der Vorstellungsrunde einer Fortbildung, bei der wir Teilnehmer uns über ein Kinderfoto, eine Handschriftprobe und das Motto vorstellen durften. Motti habe ich einige: life is too short for bad films, "carpe diem" und meinen persönlichen Anker für konzentrierte Dinge, "ginkgo biloba". Die Blätter dieses Baumes mag ich sehr gern, schon mit sieben entdeckte ich bei einer Reise nach Weimar die Verse, die Goethe ihnen gewidmet hat. Zum Glück hatte ich für die Fortbildung ein Kinderfoto von genau dieser Reise herausgesucht.

Kleinkind (noch mit Windelpaket) sitzt auf dem Sofa und liest, die Beine auf den Tisch gelegt. Es scheint dem Fotografen etwas sagen zu wollen. Auf dem Sofarand sitzen Puppen und Teddys.
Das Foto ist noch älter als jene aus
Weimar. Leseratte seit Kindertagen ...
Der Ginkgo-Baum hat mich schon immer fasziniert. Später, in meinen jugendlichen Protestjahren, merkte ich mir prompt, dass nach Abwurf der Atombomben in Japan die Ginkgos die einzige Baumart waren, die im Jahr danach wieder ausschlugen.

Und der weltbeste Patensohn erzählte letztens beim Parkspaziergang ein Detail aus seinen Zeitreise-Krimis, dass nämlich die Früchte der weiblichen Ginkgo-Bäume sehr übelriechend seien.

So kam es, dass der junge Mann Anfang der vierten Klasse erneut mit Goethe konfrontiert wurde. Meine Freude zu sehen, wie er sich darüber freute, war riesengroß (Trick: Lyrik als Rätsel präsentieren).

Dieser Bildungsoptimismus zeichnet mich nach der Einschätzung meiner Freunde aus. Und so kam es, dass ich im Laufe der Fortbildung immer wieder auf die Wand mit den Motti schaute und gar nicht überrascht war, als wir am Ende uns weitere überlegen durften. Ich notierte: "Wenn Du in einem Bereich Meister geworden bist, suche Dir einen anderen, um als Schüler nochmal neu anzufangen."

Warum ich Sie oder Dich hier heute daran teilnehmen lasse? Weil ich diese Haltung bei den meisten Dolmetschern entdeckt habe, die ich kennenlernen durfte. Wir sind Dauerlerner, Wissensjunkies, an sehr vielem in der Welt interessiert (sicher auch, weil es eine Grundvoraussetzung dafür ist, sich ständig in neue Themen einzuarbeiten).

Andersrum gesagt, weil ich weiß, dass hier etliche Schüler und Studenten auf Berufsfindungsweg mitlesen: Wer das nicht so in dem Maße ist, sollte sich in anderen Bereichen umschauen.

Mal sehen, was ich in dieser nicht mehr ganz neuen "Saison" (cf. la rentrée) alles noch berufsbedingt hinzulernen darf. Und privat: Ich habe Malen und Zeichnen wiederentdeckt und finde großartig, wie schwer es mir noch fällt.

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Foto: Privat

Montag, 22. Oktober 2012

Dolmetschkater

Haben Sie sich schon mal einen Arbeitstag lang in einer zwei Quadratmeter kleinen Box (mit Lüftung) aufgehalten? Wenn nicht, dann haben Sie vermutlich im Beruf nicht intensiv mit Sprachen zu tun ... Wir Dolmetscher arbeiten in solchen Kabinen und ich schreibe dort oft Texte für dieses Blog — oder am (großen) Übersetzerschreibtisch. Hier können Sie Einblick nehmen in unseren wechselvollen, spannenden und anstrengenden Alltag. Viel Spaß beim Lesen! 

Anfang August war der Tag der Katze. Ich wusste gar nicht, dass es so einen Tag gibt, aber mein Bruderherz wies mich darauf hin.

Ich habe etwa einmal in der Woche meinen "Katzentag". Als jemand, die nie einen echten "Kater" hatte, ich war vier Mal in meinem Leben mittelprächtig angetrunken, das hat mich jeweils so aus den Latschen gehauen, dass ich alles Weitere, zum Beispiel den letzten Abend des Jahres 2010, verschlafen habe, wusste ich lange nicht, was ein Kater ist.

Bis der andere Bruder für anderthalb Jahre bei mir einzog. Nicht, dass der jetzt regelmäßig dem Besäufnisse frönen würde, aber es kam mindestens einmal vor, dass er mit einem echten, von übermäßigem Genusse alkoholischer Getränke ausgelösten "dicken Kopf" plus Unwohlsein einen Tag in recht mauem Zustand auf dem Sofa verbrachte.

Graue Katze im Beinahe-Gegenlicht vor herbstlicher Blattkulisse
Schreitende Nachbarskatze (bei Freunden)
Jetzt weiß ich, dass ich das auch kenne, nur eben durch geistige Überanstrengung ausgelöst. Was wir in der Kabine machen, ist nicht normal: hören, sprechen und sich selbst zuhören, alles gleichzeitig, zwischendurch analysieren, was da gesagt wird, übertragen und kontrollieren, dass alles, was die Kabine verlässt, sinnvoll und "rund" ist (Stichwort: Punkt mitsprechen). Außerdem atmen, schlucken, ab und zu was trinken, Zahlen aufschreiben, Vokabeln nachschlagen, Dolmetschpult bedienen (lauter/leiser stellen, Ausgangssprache ändern, anderen Ton reinholen, Räuspertaste benutzen (z.B. beim Trinken), richtige Vorlage raussuchen, Namen des Sprechenden aus der Tagesordnung fischen.

Hirnmuskelkater fühlt sich also an wie ein ganz normaler Kater. Unsereiner nennt das Biest einen "Dolmetschkater".

Postdolmetschverkaterte Lebewesen brauchen besonders gute Pflege. Dazu gehört natürlich gesundes Essen, Ruhe, nicht zu viel Aufregung, keine lauten Stimmen, gute Bücher und Filme ... und viel frische Luft.

Ein normaler Dolmetschkater ist mit einem Tag erledigt. Es gibt auch Arbeitstage, nach denen fühle ich mich "beschwerdefrei". Oder aber ich bin nach Einsätzen, die drei höchst anstrengende Tage dauerten, drei Tage lang geschafft.

Deshalb ist alles, was unsere Arbeit erleichtert, gut, von schallisolierten Kabinen angefangen. Ein anderes Beispiel wäre das frühzeitige Zusenden von Arbeitsmaterial. Morgen sitzen wir bei so'nem EU-Dings rum, Fortbildung, und alle, alle, alle, Englisch- und Französischkabine, bekamen die erste Grobinfo darüber, worum es sich denn eigentlich gehen wird, erst gestern Nachmittag zugesandt. Auf das Material selbst, Tagungsvorlagen, über deren Stichworte wir uns reinschrauben in das neue Thema, warten wir zur Stunde noch. Es ist Montag, 10.30 Uhr.

Mittwoch werde ich auf dem Sofa sitzen und den Kater streicheln.

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Foto: C.E.

Sonntag, 21. Oktober 2012

Indian Summer

Bienvenue! Sie sind auf der Seite einer Dolmetscherin und Übersetzerin gelandet. Hier schreibe ich über meinen vielseitigen Alltag. Sonntags werde ich privat.

Nach den Anstrengungen der letzten Woche genieße ich mein Urlaubsgebiet vor dem Haus inklusive Kunstmarkt, Cafés und Sportereignis. Sonntagsbilder!


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Fotos: C.E.

Donnerstag, 18. Oktober 2012

rascherchieren

Hallo! Sie haben eine Seite meines Blogs angesteuert, dem ersten deutschen Weblog aus dem Inneren einer Dolmetscherkabine. Manchmal entsteht er auch am Übersetzer- oder Küchentisch. Kommunikationsprofis wie wir Dolmetscher machen sich natürlich auch Gedanken über die sich verändernde Medienlandschaft und wie das Phänomen verbal abgebildet werden kann.

Einstmals ging jemandem beim Kochen was schief — und heraus kam ein neues Rezept.

Wir Spracharbeiter schauen bekanntlich bei allem Geschriebenen einmal mehr hin ... und erkennen plötzlich in einem Vertipper einen neuen Begriff. Ob es meiner Kollegin Gabriele Zöttl auch so ergangen ist? Die vermeldete neulich auf Twitter, das ist dieser "Kurznachrichtendienst", sie habe eine eine erste Gelegenheit für die Verwendung des neuen Wortes "rascherchieren" ausgemacht. Und fragte sogleich: "Oder ist das ein zu schwaches Wort für Journalisten, die sich von Lobbyisten instrumentalisieren lassen?"

Leider nimmt unter dem Druck sinkender Honorare die Neigung so mancher Vertreter der schreibenden Zunft zu, eilig auf die Vorarbeit jener zurückzugreifen, die wie ihre Auftraggeber wünschen, dass bestimmte Ideen und Meinungen am besten eins zu eins in die Medien eingehen mögen. Bei "rascherchieren" fällt schon mal die Eile auf, das Instrumentalisieren ist allerdings nicht implizit. Ich würde den Neologismus in Verbindung mit dem leider immer häufiger anzutreffenden "PR-Journalisten" verwenden.

PR und Journalismus hatten nach landläufiger Auffassung so viel miteinander zu tun, wie der Teufel mit dem Weihwasser. Nun ändern sich seit einigen Jahren die Gebräuche (nur die Gebräuche, nicht die Sitten) ... und auf so manche Kritik, die ich mir als einstige Journalistin erlaubte, setzte es verschnupfte Kommentare.

Die kamen gar nicht einmal von den/der/dem Betreffenden selbst, sondern von einigen anderen Medienvertretern. Da durfte ich mir anhören, ich wohnte offenbar hinter dem Mond, so gehe "Pressearbeit" eben heute nun mal.

I am still not amused. (Sorry an die treuen Leser, die mein feed back zum Thema bereits kennen, aber ich habe gerade viele neue Leser gewonnen und es war garantiert der einzige Eintrag zu diesem Thema ... dieses Quartal.)

Die Reaktionen der Pressearbeiter konnten mich nicht überzeugen, denn echte Argumente wurden nicht vorgebracht. Ich denke, es wird sich in diesem Bereich ähnlich entwickeln wie in anderen, wo angeblich Moral, Überzeugung, Engagement mit Herz und Hirn als "altmodisch" abgekanzelt werden. Und journalistische Freiheit muss auch Freiheit von anderen Interessen bedeuten. Geht gar nicht anders. Wenn das altmodisch ist, bin ich's gerne. Oder anders gesagt: Wir Altmodischen von heute sind Trendsetter von morgen.

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Foto: C.E. (Archiv)

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Aktuelle Themen

Willkommen auf den Weblogseiten einer Sprachmittlerin für die französische Sprache. Ich lebe und arbeite dort, wo ich gebraucht werde, in Marseille, Berlin, Paris und anderswo. Als Teil eines networks von Dolmetschern und Übersetzern denke ich hier öffentlich über unsere Arbeit nach. Wenn es sich so ballt wie diese Woche, stolpere ich im Geiste ein wenig hektisch durch meine Themen, bin aber doch so souverän, es mir nicht anmerken zu lassen. Hier der Blick auf meinen Schreibtisch, proudly presents: das Programm meiner Woche.

Samstag: Niedrig- und Passivenergiearchitektur, Montag: Energiepreise, Dienstag: Dolmetschen bei der Gründung einer "abhängigen Zweigniederlassung" einer europäischen Medienfirma in Berlin, Mittwoch: Nahrungsmittelkrise, land grabbing, urban gardening und intensive chemische Agrarökonomie. Donnerstag: Erfahrungen mit Lebensmittelverlusten in Afrika. Freitag: Vorbereitung eines EU-geförderten Lehrgangs für Mitarbeiter der Industrie oder der Verwaltung (mehr wissen wir noch nicht). Wochenende: Frei und lernen für die Woche drauf: EU-Einsatz und ein noch nicht bestätigtes Arte-Interview mit einer Persönlichkeit der Zeitgeschichte.

Interviewbild, Zitat: In Natur und Gesellschaft stehen alle Dinge in Wechselwirkungen zueinander.
aus "Voices of Transition"
Programmhinweis: Heute um 19.00 Uhr zeigt das Acud-Kino den Film "Voices of Transition" von Nils Aguilar, den ersten der Reihe AlimenTerre (hier mehr Infos zum Film, hier der Trailer, aus dem auch das Foto stammt). Anwesend sein wird u.a. der Regisseur und eine Bäuerin aus Afrika. Das ist dann auch mein heutiger Einsatz (nach weiteren Terminen in Zusammenhang mit dem Niederlassungskunden). Hier entlang für mehr Infos zur Reihe, in deren Rahmen der Film gezeigt wird. (Mein Donnerstageinsatz ist Teil der gleichen Serie von Veranstaltungen.)

Den Regisseur des Films werde ich übrigens sehr leicht übertragen können, denn erstens bin ich ihm früher schon einmal begegnet, zweitens kann er auch sehr gut Deutsch. So musste ich mich auf YouTube nicht lange in seine Art des Sprechens einhören. (Um ehrlich zu sein, hab ich das Interview nicht mal zu Ende gehört und lieber weitergelesen, das war effizienter).

Und noch ein Replay-Hinweis: Eine knappe Woche lang ist der wirklich sehr empfehlenswerte Film Les moissons du futur ("Die Zunkunft pflanzen") zum Thema Agroökologie von Marie-Monique Robin auf Arte+7 zu sehen. Hier lernte ich gestern Abend, dass der Begriff Push-pull-Technik auch im landwirtschaftlichen Bereich existiert, nur, dass ich zunächst meinte, es mit etwas ganz anderem, einem originär afrikanischen Begriff, zu tun zu haben. Die Regisseurin hörte ich bereits Sonntag in der Sendung C'est pas du vent über das Thema sprechen, und sie hat es bouche-boule ausgesprochen ;-)

Normalerweise ist mein work load nicht ganz so dicht. Vor langer Zeit hatte ich pro bono-Einsätze zugesagt, und kurzfristig kamen dotierte Anfragen hinzu. Voilà ! Und da ich deshalb diese Woche nicht zum Englisch lernen komme, wiederhole ich jetzt in diesem blog post einige Vokabeln. So clustern sich in meinem Kopf zur Stunde etliche der genannten Themenbereiche zusammen, ordnen sich zu neuen Blöcken, nicht nur in Halbschlaf oder Traum. Da bleibt mir jetzt nur noch, Nils Aguilars Protagonisten zu zitieren: "In Natur und Gesellschaft stehen alle Dinge in Wechselwirkungen zueinander."

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Screenshot: Arte. Hier mehr Infos auf Deutsch et en
français
(wirkt auf den 1. Blick etwas umfangreicher)

Dienstag, 16. Oktober 2012

Les Gammas!

Sie haben einen Weblog aus der Arbeitswelt angeklickt (oder erhalten die neuen Postings per Mail). Meine Aufgabe ist das Dolmetschen und Übersetzen in Politik, Wirtschaft und Kultur, darunter auch Medien, Arbeitssprachen Französisch, Deutsch und Englisch (C-Sprache). Heute werde ich privat: Wie die Spracharbeit den Nachtschlaf beeinflusst.

Der Kopf ist eine Wortmaschine. Auf dem Weg an den Ort, an dem ich meinen Kopf zur Nacht bette, hatte ich auf einmal ein Wort auf den Lippen, le parpaing, das kam in den Niedrig-/Plusenergiehäusern eigentlich nicht vor, jedenfalls nicht so, dass es in der Lexik gelandet wäre. Kurz vor dem Schlafengehen schlage ich noch nach, es ist der "Leichtbaustein".

Dann strecke ich mich im Bett aus, die Gedanken kreisen und Vokabeln tauchen auf. Schon mischen sich ins Bauvokabular Begriffe zum Thema Nahrungsmittelsicherheit, Lebensmittelspekulation, ökologischer Landbau, klassische Wechselfeldwirtschaft, der letzte Lernstoff heute, und plötzlich lässt sich, ich bin schon im Halbschlaf, der Maiszünsler auf dem Leichtbaustein nieder, schlägt mit den Flügeln, beschäftigt mich im Schlaf auf Französisch auch zwischendurch beim Aufwachen (la pyrale du maïs [Ostrinia nubilalis]).

Ich möchte auch mal wieder eine Nacht ohne ständige Vokabelwiedervorlage schlafen. Aber trotzdem: Es macht Spaß ...

Das Ganze erinnert mich an eine Frage, die mir mein Vater einst gestellt hat, als als ich noch viel jünger war als der weltbeste Patensohn heute: "Träumst Du in Farbe oder Schwarz-Weiß?" Damals hatten wir den ersten Fernseher bekommen, ein Schwarz-Weiß-Gerät, und ich durfte sehen, was für Fünfjährige geeignet erschien: "Die Sendung mit der Maus" und "Sesamy Street", in Hessen die ersten beiden (?) Jahre nur auf Englisch ausgestrahlt. Das waren die besten Sprachgrundlagen, die ich bekommen konnte, ergänzt durch Frühenglisch in der Vorschule, das eine britische Erzieherin ermöglichte, angewandt mit Kathy, der Tochter eines englischen Soldaten aus der Nachbarschaft.

Einige Jahre später zeigte das 3. Programm, das damals eine Volkshochschule war, das ist jetzt eine (anerkennende) Feststellung, keine Kritik, die Französischreihe Les Gammas, les Gammas, die ich ebenfalls sehen durfte (ORTF/ARD, 74-76).
Der Französischsprachkurs über drei Außerirdische, die in Paris notlanden und Französisch lernen müssen, aber eigentlich die ganze Zeit von zuhause träumen, hatte was von Warten auf Godot (nur, dass ich Beckett natürlich damals noch nicht kannte). Mich hat als Kind noch etwas amüsiert: Die Studioaufnahmen mit ihren gemalten Hintergründen (Bluescreen) und einfachen Kulissen waren schon damals schon zum Lachen komisch in ihrer naiven Anmutung. Das habe ich sogar als "Großkind"(*) gemerkt. Heute erkenne ich zudem viel französische Selbstironie in den Filmchen.

Hier ist gleich noch ein Ausschnitt einer früheren Folge: Klick. Solche Sachen sehe ich mir manchmal an, wenn ich nach den ersten zwei Schlafphasen zwischendurch nicht wieder einschlafen kann. Hier rechts sehen wir die diskussionsfreudigen Franzosen im 70-er Jahre-Dekor aus Pappmaché.

Die Franzosen selbst wirken altmodisch in ihrer Kleidung. Der Außerirdische, die Figur im weißen Gewand, hält einen Vortrag und sagt zu jeder sich bietenden Gelegenheit: "Zu dieser Frage habe ich ein Buch verfasst, das ich nach dem Vortrag verkaufe. Es kostet ..." Dass ich hier Selbstironie feststelle, liegt am Analogieschluss zwischen Franzosen und Gammas. Er, vom Zuschauer sofort als Gamma erkennbar, spricht über die außerirdischen Wesen, stellt sich aber als Franzose vor. Sein zentraler, vom Publikum wiederholter Satz, lautet: Ils sont comme nous! ("Sie sind wie wir!") Das oft stupide Wiederholen von zu lernenden Sätzen wird hier zum Stilmittel erhoben und klingt wie absurdes Theater.

Eine gute Laune und Lachen sind wichtig beim Sprachenlernen. Die bei YouTube gefundenen Aufnahmen, vor allem der Film des zweiten Links, lassen das Schräge der allerersten Folgen, die ihre Zuschauer auf Plot und Serie einschwört, erahnen, nur fehlt leider der charmante Grammatikerklärer, der mich als kleines Mädchen dann wirklich schwer beeindruckt hat. (Heute würde man ihn wohl als cool bezeichnen.)

Und schon fliegt der (schwarz-weiße) Maiszünsler mit der fliegenden Untertasse der Gammas, die aus Leichtbausteinen zusammengesteckt wurde, weiter ins Land der Träume ...

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Foto: Les Gammas! ... (BR-Verweis)
(*) Privatdefinition: Alter etwa 1.-4. Klasse.
Mit elf sind es schon "Pre-Teens".

Montag, 15. Oktober 2012

Grau ist alle Theorie

Hallo! Absichtlich oder zufällig sind Sie auf der Seite eines Logbuches aus der Arbeitswelt gelandet. Hier schreibe ich als Sprachmittlerin über meinen vielfältigen Alltag. Sollten Sie eine Übersetzerin/Dolmetscherin (DE ⇆ FR und EN → DE) buchen wollen, finden Sie rechts meine Kontaktdaten.

Für den letzten Einsatz durfte ich in wenigen Tagen über 100 Vokabeln lernen, zum Teil von Dingen, die ich mir technisch erst gar nicht vorstellen konnte. Da ich hier aus der Werkstatt berichte, werde ich heute konkreter. Zunächst ein kleiner Reminder: Unser Zentralorgan liebt es, mit Bekanntem und bereits Gewusstem zu spielen, das gilt es immer wieder zu betonen, bis eines hoffentlich nicht allzu fernen Tages selbst Schulen sich an diesen (wissenschaftlichen) Erkenntnissen zum Lernen orientieren.

Wasserverbrauch privater Haushalte: Essen/Trinken — alimentation/boisson : 4%, Geschirr spülen — vaisselle : 7%, Putzen — nettoyage : 9%, Wäsche — lessive : 13%, Körperhygiene — hygiene corporelle : 32%, WC — toilettes : 35%, Quelle: Institut bruxellois pour la gestion de l'environnement, 12/2008
Wasserverbrauch in Privathaushalten
Vor dem Lernen von Neuem überfliege ich, was ansteht. Ich lese mich an Stellen fest, an denen ich Bekanntes finde. Ich nähere mich den Fragen des Passivhausbaus über Innenarchitektur. Auf unserem Flohmarkt vor der Haustür fiel mir vor einer Woche ein französisches Buch in die Hand.

Es ist ein übersetztes Werk, schon älter, mit vielen Bauanleitungen. Sein Autor Sir Terence Conran ist mir natürlich ein Begriff. Immer wieder nehme ich es zur Hand, auch zerstreut, blättere darin, mache mich langsam mit technischen Begriffen vertraut, die oft mir bekannte Vokabeln sind, die aber nur anders verwendet werden. Oder aber ich kenne sie zumindest vom Hören ...

Wenn ich technische Themen zu verdolmetschen habe, bitte ich auch schon mal Familienangehörige und Freunde, die mit dem Betreffenden zu tun haben, mir etwas über ihren Bereich zu erzählen. Ihre Begeisterung vermittelt sich mir — und stärkt mein Interesse. Ich weiß so immer auch, dass ich im Zweifelsfall nicht allein mit meinen Fragen bin. Das beruhigt ganz ungemein. Dann lese ich mich (jeden Tag ein Stündchen) in die Grundlagen der Niedrigenergie- und Passivhausarchitektur ein. Ich lese in drei Sprachen, suche nach dem Allgemeinverständlichen, je weiter ich fortgeschritten bin, desto komplexer darf es werden.

Irgendwann geht beim Lesen das Vokabelaufschreiben los: Ganz unten die Pfähle (pieux), dann die Bodenplatte (dalle basse), der Estrich (chape de ciment/béton) wird zum schwimmenden Estrich (chape liquide ciment, seltener: aire flottante), ich schließe Bekanntschaft mit der Fußbodenheizung (plancher chauffant), am Ende kommen die unterschiedlichen Putzarten dran (enduit de plâtre — Gipsputz, crépi de calcaire — Kalkputz oder enduit de terre glaise — Lehmputz).

Terence Conran : Créez votre décor, Paris, Flammarion 1990
Grau ist alle Theorie, und grün des Lebens güldner Baum. Als ich wenige Tage später vor der "Grauwasseranlage" im Keller stehe, es ist nicht bei der "Gas-Absorptionswärmepumpe mit Erdwärmetauschern in Betonpfahlfundamenten (Energiepfählen)" geblieben, weiß ich sofort, wovon die Rede ist. Bereits im Haushalt genutztes Wasser aus Spüle, Wanne, Waschmaschine wird über Sand und eine andere Stufe gereinigt und dann in zusammen mit Regenwasser gesammelt ... bis es am Ende in die Klospülung gelangt. Die Vokabel "Grauwasser" hatte ich leider nie nachgeschlagen.

Ich behelfe mich mit eaux usés, gebrauchtem Wasser, und ergänze: ... bis es zur letzten Nutzung verwendet wird, aux toilettes, zusammen mit dem eau de pluie ... Kurz blitzt der Gedanke auf: 'Ob ich einfach mal eaux grises sage und schaue, wie die Damen und Herren reagieren?' Ich traue mich nicht. Der mitgeführte kleine Taschencomputer, der mich hätte retten können, immerhin sind 26 Wörterbücher in ihm versammelt, ist leider auch von keiner großen Hilfe.

Wieder zuhause suche ich gleich im Netz, finde sofort grey water, suche weiter, werde nicht fündig. Oft entsprechen die gesuchten Begriffe einander eben gerade nicht, trotzdem versuche ich es und gebe kühn meine Vorgabe: eaux grises. Und wunderbar, Frau Gugl kennt viele Fundstellen, das Wort wird indes, wie auf Deutsch auch, überall regelmäßig erklärt.

Samstag war der Tag, an dem ich eaux grises nicht selbst "erfunden" habe. (Es kommt ja vor, dass wir Worte kongenial erfinden und es erst später merken.) Manchmal stellt zu große sprachliche Nähe zwischen den Begriffen in den unterschiedlichen Sprachen schlicht ein Hindernis dar, da erwartet mein auf Lernen ausgerichtete Gehirn einfach eine deutlich andere Vokabel. Sonntag |darf mein Gehirn| dürfen die grauen Zellen mit dem Gewussten spielen, "spült" mir mein Unterbewusstsein immer wieder die Fachtermini und auch das Grauwasser "hoch", das in meinen Arbeitssprachen einfach nur 1:1 übersetzt ist.

Montag wiederhole ich alles auf der Reise, denn (fast) sofort steht ein zweiter Termin zum gleichen Themenbereich an.

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Foto/Grafik: C.E.

Sonntag, 14. Oktober 2012

Postdolmetschhirnvernebelung

Willkommen auf den Blogseiten einer derzeit überwiegend in Berlin lebenden Dolmetscherin und Übersetzerin für die französische Sprache. Als Arbeiterin des gesprochenen Wortes bin ich oft in Paris, Marseille, Köln oder anderswo. Hier berichte ich über diese Arbeit im Bereich Kommunikation ... und wie sie den Rest des Lebens verändert. 

Wer wie ich den halben Samstag auf einer Baustelle verbringt, wird von der lieben Umwelt, sofern es sich um Arbeit handelt, eher bemitleidet. Dabei war ich froh, in den Herbstferien kaum ins Büro zu müssen. Der Grund dafür ist einfach: ich hatte


Und so eilte ich am Morgen des Abreisetag unseres Gasts zum nächsten Einsatz, der Bruder kümmerte sich ums Zum-Bahnhof-Bringen. Das dreistündige Gespräch mit französischen Baufachleuten war recht kompliziert, ging es hier doch um nichts geringeres als um neuartige Gas-Absorptionswärmepumpen mit Erdwärmetauschern in Betonpfahlfundamenten (Energiepfählen). Wir waren zum Glück zwei für den Einsatz und haben im Vorfeld in fünf Versionen am Ende zwei kondensierte Seiten Lexik und eine ausgiebige Linkliste erarbeitet, auch für den nächsten Einsatz in diese Richtung, der gleich Mitte nächster Woche steigt. Die letzten Vokabeln sandten wir uns, da wir zunächst getrennte Kurztermine hatten, per SMS.

Am Nachmittag befand sich der Kopf erstmal im postdolmetscherischen Hirnnebel. Die Umwelt sah für mich so aus wie auf meinem heutigen Sonntagsbild, obwohl der Himmel fast wolkenfrei war. Zwei Nächte vor dem Termin hatte ich schlecht geschlafen, was den Hirnnebel noch dichter machte. Also genehmigte ich mir nach dem Einsatz nur eine kurze Siesta (30 Minuten), dann ein leichtes Mahl und Sonnenspaziergang bei herrlichem Wetter, es folgten tea time mit Freunden, Kinofilm und frühes Zubettgehen nach einem zweiten leichten Imbiss. Nach zehn Stunden Schlaf war heute früh die Welt wieder in Ordnung! Und ein Sonnensonntag obendrein!

Auch wenn ich Samstag Nachmittag oft mit Müdigkeit gekämpft habe, Wachbleiben war entschieden besser als ein ausgedehnter Mittagsschlaf, der sehr wahrscheinlich zu weiteren nächtlichen Schlafstörungen geführt hatte.

Frauchen im schwarzen Mantel und weißer Hund gehen über eine grüne Wiese, die an den Rändern von frühhersbstlich gefärbten Bäumen gesäumt ist. Leichter Nebel hängt im bunten Blattwerk.

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Foto: C.E.

Donnerstag, 11. Oktober 2012

absurd!

Willkommen et bienvenue beim Arbeitstagebuch einer Französischdolmetscherin und -übersetzerin. Meine Arbeitssprachen sind Deutsch, Französisch und Film, denn Film ist eine Sprache für sich. Hier denke ich öffentlich über unseren Arbeitsalltag nach, stets unter Wahrung dienstlicher Geheimnisse. 

Einfach nur absurd, was wir hier manchmal erleben. Doch dieses Gefühl scheint den potentiellen Kunden kaum vermittelbar zu sein.

Deshalb fange ich nochmal anders an: Nehmen wir an, hier liegt ein Pa(c)ket, das eilig per Kurier vom Maybachufer in Berlin in mein Stammkino nach Paris gebracht werden muss. Die Entfernung beträgt laut der alten Tante Gugel 1062 km, die gleiche Quelle befindet, man würde für Zurücklegung die Strecke mit einem Automobil zehn Stunden und 21 Minuten benötigen.

Bei der aktuellen Verkehrssituation wären es allerdings elf Stunden und 23 Minuten, im Durchschnitt also elf Stunden. Nehmen wir ferner an, dass nicht ich diesen Transport veranlassen möchte, sondern ein beratungsresistenter Kunde. Und der fordert nun, dass das Teil in drei Stunden beim Empfänger sein muss, von gleich an gerechnet. Achtung: JETZT! Das geht so hurtig nicht mal mit dem Flugzeug, wenn nicht gerade ein Privatjet zur Verfügung steht. Aber auch den darf ich getrost vergessen, denn jener Kunde, den ich gar nicht kenne, will für diese außergewöhnliche Dienstleistung nur ein Sechstel des Freundschaftspreises, vom Marktpreis rede ich hier gar nicht.

So jedenfalls die Eckdaten einer eiligen Übersetzungsanfrage, zur Verdeutlichung in Autobahnkilometer umgerechnet.

Man könne ja die Nacht durcharbeiten, meinte dieser übrigens nonchalant. Klar, nachts, da sind ja auch kaum Autos auf der Straße. Am besten noch am Wochenende, wo keine LKWs fahren dürfen. Leider kam die Anfrage gestern rein, Abgabe wäre Freitag, also rush hour.

Niemand würde einen Kurierdienst fragen, ob er zu solchen Bedingungen arbeiten würde.

Übersetzer schon.

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Foto: C.E. (Archiv)

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Wasserschloss

Hallo! Sie sind auf den Arbeitstagebuchseiten einer Berliner Übersetzerin gelandet, die daneben als Französischdolmetscherin für Politik, Wirtschaft und Handel, Kino, Medien und Medienökonomie arbeitet. Heute klären wir mal wieder Grundlagen.

Über Château robinet habe schon ich im Februar geschrieben, am 2. Berlinaletag. Dieser Eintrag bringt mich zum Wasserschloss, von dem es genau besehen zwei, für französischsprachige Menschen sogar drei Varianten gibt.

1. Ein Wasserschloss dient dazu, den Druckstoß in der Rohrleitung einer Wasserkraftanlage zu vermindern, der beim Schließen der Armaturen in der Leitung entsteht.

2. Ein Schlösschen inmitten von Wasser. Strenggenommen ist mein Lieblingsschloss des Loiretals eher keins, denn Wasser ist nur an einer Seite vorhanden. Trotzdem habe ich dem weltbesten Patensohn dieses Schlösschen Sommer vor einem Jahr sehr gern gezeigt. Azay-le-Rideau ist übrigens mein Lieblingsschloss, seit ich etwas mehr als acht war, also genauso alt, wie der Mini heute. Letzterer hatte leider auf der Reise den Fotoapparat fallenlassen und der lag dann kurz inmitten von Wasser. Anschließend genehmigte er uns noch eine Serie, dann hauchte sein technisches 'Leben' aus. Daher gibt's dieses Schloss jetzt nur per Link zu sehen.

3. Château d'eau heißt auf Französisch ein Wasserturm. Wirklich und wahrlich ... wenn Sie in Paris also vom Bahnhof kommen und in Richtung île de la cité fahren, hält die métro am Wasserturm. Hier ist ein schleswig-holsteinisches Exemplar zu sehen.

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Foto: C.E.

Dienstag, 9. Oktober 2012

PDKGAK gesucht

Bienvenue und Willkommen beim ersten Dolmetscherweblog Deutschlands aus dem Inneren der Kabine. Oft arbeiten wir aber auch draußen, bei Gericht, am Set, auf der Straße ... oder alles zusammen. Meine Aufgabe ist das Dolmetschen und Übersetzen für Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien.

Eine Hand mit Füller in einem dunklen Kontext, in der Ferne ein Kontrollmonitor, Papier liegt auf dem Tisch, die Dolmetschkabine ist zu erahnen
Menno!, sagt der weltbeste Patensohn, wenn ihm etwas nicht recht ist. Menno, ich komme vom Dolmetschen nach Hause, ein Abendeinsatz, und der Kopf redet einfach weiter. Er überträgt, was die Leute in der U-Bahn erzählen, er greift Schlagzeilen und Buchtitel auf, Werbesprüche und krause Gedanken. Er switcht in die eine Sprache, vergleicht, verdreht, verschraubt sich zurück in die andere, ändert Buchstaben, Wortfolgen wie im Spiel. Erschöpft suche ich den Postdolmetschkopfgeschwätzausstellknopf.

Meistens versuche ich es dann mit französischen Radiosendungen, als Podcast aufgezeichnet, guten Büchern, die ich im Lesesessel genieße, dazu klassische Musik. Mitunter hilft eine heiße Badewanne, oder Massagen und ansteigende Fußbäder, aber so richtig als DER Knopf hat sich nichts erwiesen.

Sachdienliche Hinweise werden gerne entgegengenommen.
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Foto: C.E. (Archiv)

Montag, 8. Oktober 2012

Berliner Salon, die Zwote

Hallo auf den Seiten eines Logbuchs aus der Dolmetscherkabine. Regelmäßig texte ich die Blogeinträge aber auch am Schreibtisch — nach getaner Arbeit. Meinen letzten Dolmetscheinsatz hatte ich Ende letzter Woche, hier ein kurzer Rückblick.

Rote bequeme Sitzgelegenheiten, dunkelbraune Stühle und Tische, viele Gäste am Molkenmarkt ...
Rechts: Wilfried N’Sondé und Christina Gumz (las auf Deutsch)
Heute abend habe man sich von den alten Berliner Salons inspirieren lassen, sagte Dorothée vom Infocafé Berlin-Paris des deutsch-französischen Jugendwerks letzten Donnerstag. Der Raum war mit Sitzgruppen locker möbliert, auf das rote Sofa nebst Sessel an der Stirnwand waren Strahler gerichtet, "oder eben so wie bei einer TV-Literatursendung ...".

Dorothee machte eine kurze Pause und ergänzte dann: "... chez Michel Drucker avec son cultissime canapé rouge ..." was Ihre Kollegin Claire konsekutiv verdolmetschte ... nur beim Namen des französischen Starmoderators zögerte sie. Hm, gab es einst bei Marcel Reich Ranicki auch ein rotes Sofa? Mir fiel auf die Schnelle nur das "blaue Sofa" der aspekte-Redaktion auf den Buchmessen in Leipzig und Berlin ein. Sie blieb dann bei Drucker und ergänzte das Gesagte um einen Nebensatz.

Vorab hatte ich mir einen Stuhl leicht außerhalb der Gesprächs"runde" hingestellt. Im literarischen Salon am Molkenmarkt wurde das Buch Fleur de béton vorgestellt ("Betonblume" von Wilfried N'Sondé, bislang nur auf Französisch bei Actes Sud). Erst wurde auf Französisch und Deutsch im Wechsel gelesen, anschließend folgte eine Diskussion mit den Veranstaltern, daraus ergab sich ein sehr munteres Gespräch mit dem Publikum, das, untypisch fürs Jugendwerk, eine sehr altersgemischte Gästeschar war, Menschen von zehn bis 80 Jahren hatten sich eingefunden, der Raum war voll. Vorne saßen auch Christina Gumz mit dabei, sie las die von ihr selbst übertragenen deutschen Ausschnitte, und Borris Diederichs, der sich beim dfjw um Integration und Chancengleichheit kümmert.

Die simultane Verdolmetschung in beide Sprachen für insgesamt vier Hörer war ein Vergnügen! Aber typisch, ohne die Notizen, die ich sonst mir beim konsekutiven Dolmetschen mache, kann ich anschließend nicht mehr viel über die Diskussion berichten. Zusammengefasst geht es im letztes Frühjahr erschienenen Buch um ein junges Mädchen, das mit seinen Schwestern in einer Trabantensiedlung im Vorort von Paris lebt. Ihr Bruder kam unter ungeklärten Umständen ums Leben, der Vater ist ein arbeitsloser, verstummter Patriarch, die Mutter arbeitet als Putzfrau und entwickelt damit erstmals ein Leben außerhalb des Familienkreises. Dann werden noch die anderen Gleichaltrigen mit ihren Hoffnungen und Taten beschrieben. Eine ursprünglich harmlose Konfrontation mit der Polizei spitzt die Handlung zu, durch die sich das Leben nicht nur des Mädchens grundlegend verändert.

Der Autor N'Sondé lebt seit Jahrzehnten in Berlin und ist in Charlottenburg als Sozialarbeiter tätig. Seine Beschreibung der trostlosen, engen Verhältnisse der französischen Banlieue folgt jedoch einem positiven Impuls: Der Mensch braucht Hoffnungen und Ziele, dann kann er auch die Kraft entwickeln, etwas zu verändern. Auf den Einsatz habe ich mich unter anderem durch das Hören eines Hörfunkinterviews vorbereitet, das noch online ist. (Link zum Interview auf RFI.)

Nach Lesung und Gespräch gab's für alle die anderen Canapés, diverse Häppchen, sowie ein Glas Wein. Merci beaucoup, Claire et Dorothée !

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Foto: C.E.

Sonntag, 7. Oktober 2012

Herbstfarben

Bienvenue, welcome, hallo ... beim Dolmetscherweblog. An dieser Stelle denke ich über unseren Arbeitsalltag nach, wir übersetzen und dolmetschen aus der französischen und in die französische Sprache — sowie aus dem Englischen. Sonntags werde ich hier privat. Da ich gerne fotografiere, zeige ich hier regelmäßig (m)ein Sonntagsbild. 

Das hier stammt von Samstagabend, in manchen Gegenden heißt es auch Sonnabendabend, was für mich immer leicht nach Stottern klingt ...


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Foto: C.E.

Donnerstag, 4. Oktober 2012

TelKo → ViKo

Hallo! Absichtlich oder zufällig sind Sie auf der Seite eines Logbuches aus der Arbeitswelt gelandet. Hier schreibe ich als Sprachmittlerin über meinen viel­fäl­tigen Alltag. Sollten Sie eine Übersetzerin oder Dolmetscherin (DE ⇆ FR und EN → DE) buchen wollen, finden Sie rechts meine Kontaktdaten. Heute berichte ich über sich verändernde Arbeitssituationen.

TelKo war gestern, es lebe die ViKo!

Eine Leinwand, acht Orte mit Menschen an Konferenztischen oder im Büro ...
Die Welt von Industrie und Medien hat ihren eigenen Jargon, der auf unseren Alltag abfärbt. Da wir regelmäßig für Wirtschaft und Sendeanstalten dolmetschen, wissen wir, dass TelKos (Telefonkonferenzen) zu dolmetschen schon ziemlich anstrengend ist, weil das Bild fehlt.

Also sprechen wir abwechselnd mit jenen, für die wir arbeiten, dolmetschen also konsekutiv.

Nun haben wir also die erste große Videokonferenz (la visioconférence) ver­dol­metscht. In verschiedenen Städten saßen Journalisten beisammen, in Paris gab es den Mann mit dem Regler, der Kanäle öffnete, lauter machte oder ge­schlos­sen hielt, damit nicht alle gleichzeitig sprechen konnten. Der Ton war zwar frei von anderen Stimmüberlagerungen, aber es schepperte, pfiff und zirpte in der Leitung. Ergänzend zum Ton warf der Beamer Bildsignale auf die Leinwand. Und während die TelKo noch konsekutiv war, bot sich an, die ViKo simultan zu verdolmetschen. Springen wir rein in die Situation.

Computer mit Textdatei (unleserlich), kleines Pult mit zwei Kopfhörerausgängen, vorne die Leinwand mit der Bitte "Stellen Sie ihr Mikrofon erst an, wenn Sie dazu aufgefordert werden!"
10, 9, 8, 7, 6, ... der Count­down läuft, alle sind gespannt wie die Flitzebogen, wir erleben eine Premiere. Erst stellen sich alle vor: Hier ist Berlin, da Rom, Gruß aus Athen, « bonjour » de Paris, Hello from London ... quer durch Europa sitzen wir jetzt an einem riesengroßen Konferenztisch, an jedem Ort sind Dolmetscher mit dabei.

Auch wenn wir dank der Bildübertragung endlich nicht mehr nur hören, ganz ein&shy:fach gestaltet sich das simultane Dolmetschen in dieser Situation trotzdem nicht. Irgendwo sitzt eine Bildregie und beschließt, welche der Städte jeweils groß ins Bild kommt, oft gibt's jeweils nur eine Kamera im Raum, so dass mehr als die Totale selten drin ist. Wir Dolmetscher lesen aber, weil wir uns ja selbst "rein­quat­schen", auch immer einen Teil der Informationen von den Lippen ab. Das Mundbild auf der Leinwand ist am Ende gefühlt nicht viel größer als das Objektiv der Kamera direkt daneben, die Bildrate ist gering, manchmal hinken die Signale fürs Visuelle dem Ton auch etliche Frames hinterher.

Wir sind heilfroh, dass wir zu zweit hier sitzen und am Vortag ein Script des Haupt­bei­trags bekommen haben. Der Job, diese Konferenzschalte zu verdolmetschen, ist deutlich anstrengender als andere Einsätze vergleichbarer Länge.

Und noch was. Mir fällt auf, denn ich kenne den Auftraggeber aus anderen Si­tua­tio­nen, dass hier die Zwischentöne wegfallen. Das Medium ist noch zu neu, zu ungewohnt, es zieht viel Aufmerksamkeit auf sich ... und damit sich die Töne nicht überlagern, müssen alle sehr diszipliniert nacheinander sprechen. Niemand traut sich, Anspielungen zu machen, reinzuquatschen, Humor auszudrücken, alles ist völlig explizit.

Rücksprung in die Metaebene. In einer wirklichen Gesprächssituation sehen die Beteiligten ihr Gegenüber, das fällt hier weg. Kommunikationswissenschaftler schätzen, dass der nonverbale Anteil menschlicher Kommunikation 65-90 % aus­macht. Hier erleben wir, dass die Reduzierung auf den kleineren Teil alles sehr trocken macht, fast hart; reiner Zahlenaustausch ließe sich mit dem Medium bestimmt bestens bewerkstelligen, die Weitergabe von Befehlen sicher auch. Redner müssen künftig die veränderte Natur der Informationsweitergabe in einer ViKo berücksichtigen. Noch weiß ich nicht ganz, wie, habe aber erste Vor­ahn­ung­en.

Eins scheint mir von grundlegender Art zu sein: ViKos als Teil längerer Projekte, bei denen mehrere Partner zusammenarbeiten, haben nur dann Zukunft, wenn sich die Beteiligten bereits kennen und/oder regelmäßig zu längeren Arbeitsphasen, Work­shop­wochen oder derlei, zusammenkommen. Dann wird eines Tages auch wieder das Feld des Vagen, Ungefähren, Subtilen möglich sein, das notwendig ist, um in einem gemeinsam erlebten Moment auf kreative Lösungen zu kommen.

Und, liebe Techniker, wir brauchen relle oder virtuelle "ViKo-Pulte", mit denen sich jeder Teilnehmer aus der Menge der Gesprächsteilnehmer selbst jene "ranzoomen" kann, die er oder sie sehen möchte.

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Foto: C.E. (Bilder verändert, Datenschutz!)

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Sprachdienliche Hinweise

Bienvenue, welcome, hallo und guten Tag! Sie sind auf den Seiten des Blogs einer Dolmetscherin und Übersetzerin gelandet. Hier denke ich über diese anspruchsvollen Berufe nach, über Vokabeln und Unterschiede zwischen "meinen" Ländern. Meistens arbeite ich bilateral, also gleichberechtigt ins Deutsche und ins Französische, immer öfter aber auch unilateral, also aus dem Englischen in meine beiden Hauptsprachen.

Flüsterdolmetscherin hochkonzentriert bei der Arbeit
Manche Menschen haben, wenn sie unsere Spracharbeiterberufe benennen möchten, große Schwierigkeiten. Der Klassiker ist folgender Anruf: "Guten Tag, ich suche eine Dolmetscherin!" Ich: "Ja, erzählen Sie mir mehr!" Anrufer: "Also ich habe hier einen Text, der soll übersetzt werden ..."

Was ich darauf antworte, freundlich, ruhig und immer, immer wieder, können Sie sich denken, wenn Sie dieses Blog kennen. Wenn nicht, lesen Sie meine Logline ...

Manche Menschen haben, wenn sie sprechende Spracharbeiterberufe benennen sollen, sogar massive Wortfindungsstörungen.

Das allerdings, das Fischen nach dem richtigen Begriff, kennen wir auch. Es hat etwas Beruhigendes, dass es nicht nur uns so geht, allerdings ist die Wortsuche zum Glück erst nach langen Arbeitstagen ein kleines bisschen erschwert.

Zugegeben, wir heißen für die große, weite Welt manchmal eher ungewöhnlich. Aber den richtigen Begriff erwischen trotzdem nicht alle. Die "Synchrondolmetscher" sind ein alter Hut, sehr schön finde die "Simulantdolmetscherin", als die ich neulich angefragt wurde. Auch schön: "situatives Dolmetschen", stimmt oft sogar, wir arbeiten aus der Situation heraus, simultan ist aber dann nochmal leicht anders.

Ebenso hübsch, passend und trotzdem leicht vorbei ist "konstruktives" Dolmetschen (statt konsekutives) ... "Sprachdienliche Hinweise" für das Kuddelmuddel (le tohubohu) fand ich bei einem englischen Zitat, das vor allem für das dolmetschverkaterte Hirn gilt: On the left side there's nothing right and on the right side there's nothing left!

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Foto: privat (Achiv)

Dienstag, 2. Oktober 2012

It's private

Hallo, Sie haben (absichtlich oder zufällig) das Weblog einer Dolmetscherin und Übersetzerin für die französische Sprache angesteuert. Hier denke ich über unseren Berufsalltag nach. Dabei respektiere ich natürlich gewissenhaft die Schweigepflicht, die uns auch auszeichnet.

Heute daher heute nur:

"conference is private" auf einer Leinwand (Datensignal vom Beamer)

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Foto: C.E.

Montag, 1. Oktober 2012

Dolmetschzwang

Willkommen auf den Seiten einer Französischdolmetscherin und -übersetzerin. Hier berichte ich aus Berlin, Paris und Cannes oder Marseille, München und Marburg über besondere Momente des Arbeitslebens, aber auch darüber, wie uns der Beruf möglicherweise so konditioniert.

Flohmarktfund: Grüner Koffer, Aufschrift: Blauer Koffer, VB 12 €
Beim gesternmorgendlichen |Früh|Spätstück durfte ich mir auf Nachfragen überlegen, warum ich eigentlich auf die tollen Flohmarktschilder so abfahre, die ich hier gestern gezeigt habe. Natürlich gefällt es meinem Gehirn sehr, auf Absurdes und Bekanntes zu stoßen; es liebt Wortspiele, Comic-Schrift oder Anklänge an Literatur.

Farbstörungen wie die hier erinnern mich immer an "Die kahle Sängerin" (Moi aussi j'ai une petite fille, elle a deux ans, un oeil blanc et un oeil rouge, elle est très jolie et s'appelle aussi Alice, cher Monsieur!, La Cantatrice Chauve, Eugène Ionesco, deutsch hier).

Vermutlich handelt es sich bei diesen Vorlieben um die Überkompensierung eines zwanghaften Verhaltens. Am Rande des BDÜ-Kongresses traf ich mich mit Kollegen, und Franziska aus Leibzsch meinte prompt beim Abendessen ganz nonchalant: "Ich glaube, die meisten von uns sind zwanghafte Narzisten. Was mir machen, ist doch nicht normal, da muss was sein."

"WOW" in Comicschrift und ein einem Sternchen über einem der Marktstände
Hm, darauf gehe ich vielleicht ein andermal ausführlicher ein, aber Zwängen unterliegen wir allemal. Natürlich kommt bei der Schildersammelei mein Lesezwang zum Tragen: Seit ich lesen kann, komme ich an keinem Schild mehr vorbei, ohne es möglicherweise auch nur in Teilen und unbewusst wahrzunehen. Der Kopf macht das völlig selbsttätig.

Weil ich meine |Brötchen|Croissants mit Wörtern verdiene, kommen aus den Myriaden Eindrücken und Statusmeldungen, die der Körper so verzeichnet, die mit Sprache vermutlich schneller durch. Selektive Wahrnehmung heißt das, oder: Wir konstruieren uns die Welt, die wir um uns herum erleben, selbst. Einem Ingenieur und Brückenbauer fallen vermutlich im Straßenbild vor allem Brücken und tragende Formen und Materialunterschiede auf.

In der 13. Klasse, die es damals gab (wunderbar!, wir hatten Zeit, wir spielten Theater, wir belegten Psychologie als Schulfach), hatte ich auch einen Literaturkurs, dort schrieben wir. Einmal sollten wir einen Text über erlernte Fähigkeiten verfassen, ich schrieb über das Lesen und über den Versuch, sich dem Lesezwang zu entziehen, am Beispiel meines in der DDR aufwachsenden Cousins (die politischen Parolen) und meiner Wenigkeit (die überall präsente, oft Intellekt und Realitätsbewusstsein ebenso beleidigende Produktwerbung). Diesen Text, es setzte hier und nur hier in meinem Schülerleben regelmäßig die maximale Punktzahl, würde ich gerne mal wiederlesen.

Und noch einem Zwang entkomme ich kaum: dem Dolmetschzwang. Eigentlich ist das, was in meinem Kopf passiert, ganz einfach. Seit ich Sprachen lerne, fragt der Kopf immer nach den anderen Vokabeln. Irgendwann fiel mir auf, dass in mir wie bei einer analogen Filmcassette immer die "zweite Tonspur" mit dem Sound der anderen Sprache mitläuft. Durch meine Erwerbsarbeit bin ich mir dieser zweiten Tonspur bewusst. Dolmetschen besteht im Wesentlichen dadurch, diesen Sprachstrom bewusst rauszupicken, die Hemmschwelle für öffentliches Reinquatschen runterzudrücken und Maulfaulheit zu überwinden, die selbst so gesprächige Menschen wie ich erleben und auch genießen können. (Ach, an Tagen nach Einsätzen, ist das schön! Kriegt nur keiner mit, wenn ich allein arbeite oder mich allein erhole.)

Wie also den inneren Sprachstrom wieder unhörbar machen und nicht immer aufmerken, wenn ich mal einen Begriff auf Französisch nicht sofort weiß? Seit ich intensiv Englisch lerne, feuert es auch aus dieser Richtung. Ja, ich liebe meinen Beruf, aber ich will auch nicht die Karikatur einer Sprachmittlerin sein, deren Finger gewissermaßen mit dem Stift verwachsen sind fürs sofortige Notieren.

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Fotos: C.E. (Archiv)