Mittwoch, 14. November 2012

gender vs. sex

Guten Tag! Sie sind mitten im Arbeitstagebuch einer Berliner Übersetzerin gelandet, die außerdem als Französischdolmetscherin für Wirtschaft und Gesellschaft, Medien und Politik arbeitet. Daher verfolge ich die Politik aufmerksam. Heute kam aus Brüssel die Information, dass sich auf Initiative der EU-Kommissarin Viviane Reding die Kommission mehrheitlich für eine Frauenquote für Aufsichtsräte in börsennotierten Unternehmen ausgesprochen hat.

Die Gender-Thematik ist hochaktuell. Gender, en anglais dans le texte (wie wir 'auf Deutsch' sagen), bezeichnet laut Wikipedia "als Konzept die soziale oder psychologische Seite des Geschlechts einer Person im Unterschied zu ihrem biologischen Geschlecht (engl. sex).

Ein Mann im Anzug und mit grauen Schläfen blickt aus einem höheren Stockwerk des Abgeordnetenhauses auf den Reichstag.
Indes, mit dem Thema Gender bin ich hier fertig, noch ehe ich richtig angefangen habe: Die Mehrzeil der Dolmetscher ist weiblich, die Mehrzahl der Kunden aus Industrie und Politik männlich. Also synchronisieren im Alltag Frauenstimmen Männer in Maßanzügen mit grauen Schläfen. Ja, ich verallgemeinere jetzt durchaus sehr, aber dieser Tage weht es mich schon komisch an.
Hintergrundgespräche in der Politik sind etwas, für das ich regelmäßig gebucht werde. Ich finde diese Arbeit spannend, weil es eine Arbeit außerhalb der Kabine ist. Oft arbeite ich halbe Tage auch allein, weil ich viele kurze Meetings dolmetsche.

Anders als im Konferenzbetrieb, wo wir unsere "Klienten" nur aus der Ferne mitkriegen, sitze ich dann in der Mittagspause mit den zu Verdolmetschenden am selben Tisch. Und wenn ich nicht gerade Essenstermine dolmetsche, werde ich nicht selten über Berlin ausgefragt.

Da ich aus einem Historiker- und Germanistenhaushalt stamme und schon als Kleinkind in die DDR gereist bin, kann ich viel über Berlin, deutsche Geschichte und die Wende vermitteln. Und wenn es sich einrichten lässt, zeige ich den Berliner Gästen auch noch einige Besonderheiten der Stadt wie das wunderbare Neue Museum (siehe zweites Foto), in dem ich seit der Renovierung durch David Chipperfield inzwischen zum fünften Mal war.

Meine Stadtführungen am Rande sind der Mehrwert, mit dem ich aufwarten kann. Auch wenn ich nicht in Berlin geboren bin, fühle ich mich als Berliner Gastgeberin — und diese Art von persönlicher Betreuung durchbricht das starre Protokoll. Die Gäste freut's. Ich denke schmunzelnd an den berühmten französischen Regisseur, der einst meine Andeutungen in Sachen Stadt richtig interpretiert hat ... keine Namen! ... und so waren wir nach der Filmpremiere, nach dem letzten Vorhang und vor dem Eintreffen in der französischen Botschaft, wo viele wichtige Menschen zum Empfang zusammenkamen, einfach mal für über eine Stunde in der großen Stadt "verloren" gegangen.

Vom Kino holte uns eine Limousine ab und es hat einiger Überredungskünste bedurft, den Chauffeur von der Route abzubringen. Auf die Frage des Botschafters, wo wir denn geblieben wären, hat mir die Kinolegende so erfrischend zugezwinkert, dass sich keiner der Außenstehenden getraut hat, weiterzufragen. So geht das also: Seinen Ruf als französisches Mannsbild zementieren. Ich habe einfach nur zurückgelacht. Mir doch egal, was die denken ... Komisches Moment. Als Dolmetscherin bin ich grundsätzlich identitäts- und körperlos, lebe nur als Stimme; und hier erntete ich plötzlich schräge Blicke.

Wir ließen die Situation eine Weile in der Schwebe. Dann nickte mir Monsieur zu, dites-le leur ! Zunächst bat ich darum, den Fahrer zu entschuldigen, ihm sei kein Vorwurf zu machen.

Ich sagte, der arme Kerl habe keine Chance gehabt gegen unsere Bestimmtheit. Ob man uns nun glaube oder nicht, sei egal, wir seien nur einen kleinen Umweg gefahren, um einigen historischen Bauwerken unsere Aufwartung zu machen. (Ich bin nicht sicher, dass man uns geglaubt hat. Diese Episode ist ganz und gar nicht gender ...)

Aber ganz im Ernst, über das schöne Moment hinaus, Wissen und Bildung mehren zu dürfen, indem ich sie teile, fällt mir nach Jahren im Dolmetscherbetrieb (auch) für VIPs der Politik und Kultur auf, dass sich dieses gender-Thema in unserem Feld keinen Deut verändert hat. Gut, es scheint so zu sein, dass Frauen die Mehrgleisigkeit der mehrsprachigen Kommunikation aufgrund der Tatsache leichter fällt, dass das Corpus callosum bei Frauen dicker sein soll als bei Männern, also der auch "Balken" genannte Bereich, der die beiden Hemisphären verbindet, weshalb Wissenschaftler annehmen, dass die beiden Hirnhälften weiblicher Gehirne besser miteinander kommunizieren.

In der Ferne ein Mann im Maßanzug zwischen den Ziegelsteinwänden des Neuen Museums inmitten von Schaukästen mit Büsten darin ...Der Text, auf den der Link verweist, Gehirn und Verhalten: Ein Grundkurs der physiologischen Psychologie, Pritzel, Brand, Markowitsch (bei Spektrum Heidelberg), stammt von 2003. Diese Interpretation habe ich auch an der Uni gehört. Neuere Forschungsergebnisse lassen vermuten, dass die Unterschiede geschlechtsunabhängig erworben sind (Dossier "Gender", Goethe-Institut, 2009).
Wie dem auch sei, mir gefällt, dass zur Not dann eben per Gesetz mehr Frauen in Aufsichtsräte aufsteigen sollen. Mal sehen, wo ich doch ohnehin das halbe Jahr pauke, mache ich vielleicht doch noch einen MBA und wechsle die Seite ...

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Fotos: C.E.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Tatsächlich haben Frauen im Durchschnitt eine deutlich höhere Wortgewandheit, aber auch noch eine Reihe anderer an die Gehirnfunktion gebundener überragende Eigenschaften.
Das Gehirn ist das größte „Geschlechtsorgan“. Dort finden sich die wichtigsten, prägendsten und auch bereicherndsten Unterschiede zwischen Frau und Mann in den Bereichen „physiologische Abläufe“, „zentralnervöse Informationsverarbeitung“ und „genuinen, also angeborenen Denk- und Bewertungsprinzipien“. In Denk- und Bewertungsprinzipien, welche sich eben nicht einfach beispielsweise mit unterschiedlichen sozialen Erfahrungen in der Kindheit oder sonstigen sozio-kulturellen Einflüssen erklären lassen.
Frauen haben z. B. mehr graue Gehirnzellen und weniger verknüpfende Nervenfasern im Gehirn: „Frauen können die einen Dinge besser, Männern die anderen; wir müssen lernen, einander zu helfen“.
Damit und mit weiteren Unterschieden in den männlichen und weiblichen Gehirnen ist eine optimale Ergänzungsmöglichkeit der beiden Geschlechter trotz Konfliktstoff gegeben; Gleichheit kann sich höchstens addieren, Verschiedenheit kann wesentlich mehr erreichen (siehe Buch: „Vergewaltigung der menschlichen Identität; über die Irrtümer der Gender-Ideologie“)

caro_berlin hat gesagt…

Hallo Anonymus (oder sind Sie eine Anonyma?), Danke für diesen Kommentar! Ich selbst habe aufgrund meiner Erfahrungen keine abgeschlossene Meinung zum Thema, sehe aber, dass Kinder beider Geschlechter, die in ihrer Entwicklung möglichst wenig im Hinblick auf geschlechtstypisches Verhalten beeinflusst werden, ganz natürlich Eigenschaften entwickeln, die traditionell bestimmten Geschlechtern zugeschrieben worden sind. Was für eine Freude ist es mitzuerleben, wie die kleinen Personen sich so zu sehr komplexen, "vollständigen" Persönlichkeiten entwickeln. (Als Frau, die in den ersten Jahren fast mehr vom eigenen Vater als von der Mutter erzogen und geprägt worden ist, habe ich einen geschärften Blick dafür.)

Ja, ich kann nachvollziehen, dass es müßig ist, hier das "letzte Wort” zu sprechen. Die Unterschiedlichkeit der angeborenen oder erworbenen Fähigkeiten und Kompetenzen von Frauen und Männern sollten sich im Alltag harmonisch ergänzen.

Die Idee der addierten Gleichheit gefällt mir, wenn damit beiden Geschlechtern ermöglicht wird, ihr Wissen und Engagement in die Gesellschaft einzubringen. Genau deshalb bin ich vehement für eine Frauenquote! Ich selbst gehöre z.B. verschiedenen Berufsnetzwerken an und kann nach Jahren unterschiedlichster Erfahrungen feststellen, dass in einem reinen Frauennetzwerk eine andere Atmosphäre der Kooperation und des Achtens auf die Schwächeren und Andersartigen herrscht. Und wenn etwas unsere Konzerne dringend brauchen, um zukunftsfähig zu bleiben (zu werden), dann das!

Das erwähnte Buch werde ich mir in der Bibliothek ausleihen, um auch diese Position kennenzulernen (selbst wenn ich den Titel, genauer: das Wort "Vergewaltigung", in diesem Zusammenhang abschreckend finde).