Freitag, 31. August 2012

einnehmend

Willkommen! Sie lesen gerade in meinem digitalen Arbeitstagebuch. Ich bin Übersetzerin und Dolmetscherin, meine zweite Sprache ist Französisch, die dritte Englisch. Wie Sie mich buchen können, steht rechts. Bis dahin denke ich mal weiter nach, derzeit über ein Wort aus meiner Muttersprache.

Gerade fühle ich mich wie eine Studentin. Montag habe ich berichtet, dass ich mich auf die Wiederholung einer Prüfung vorbereite, die ich vor allem aus Gründen der rückwirkenden Nichtanerkennung einer französischen Prüfung nochmal machen darf. (Da sprechen alle von Mobilität und Europa, sowas!) In diesem Zusammenhang sortiere ich Arbeitszeugnisse ... und lasse mir aufwändigere Einsätze bescheinigen.

Was meine Situation von damals unterscheidet: Ich bekomme die Texte vorab zur Einsicht zugemailt. Damit habe ich Zeit, mich in die Geheimsprache in Arbeitszeugnissen einzulesen.

Ganz schön perfide, wie da zum Teil "kommuniziert" wird. Hintergrund ist, dass hier Arbeitgebern ausschließlich wohlwollende Äußerungen gestattet sind, um den zu Beurteilenden keine Hindernisse in den künftigen Berufsweg zu legen. Über die Jahre hat sich daraus eine Art Geheimwissenschaft entwickelt. Die Grundhaltung von Zeugnislesern scheint also der zu sein, den versteckten Malus zu finden. So kommt es, dass ich stutze, wenn in einem Entwuf von einem "einnehmenden Charakter" die Rede ist. Ich kenne "einnehmend" eher in Zusammenhang mit "Wesen".

Einnehmendes Wesen: stoisches Wesen / bei einem Hund

Stoizismus brauche ich bei manchen Einsätzen. Sagt der Begriff aber wirklich etwas über Leistungsbereitschaft, Leistungsfähigkeit und Verhalten aus? Und sind meine Zeugnisse über zwei Mal drei Tage innerhalb von zehn Jahren mit qualifizierten Arbeitszeugnissen zu vergleichen? Wie groß sind hier die Interpretationsspielräume? Wenn ich an meine Verständnisgrenzen stoße, suche ich im Netz erst nach Synonymen, dann nach Vokabeln und Verwendungsbeispielen auf Deutsch, Französisch und Englisch.

Synonyme für einnehmender Charakter: einen Handel machen, einen Einbruch begehen, einen antrinken ... eine hohe Meinung habenBringt auch nicht immer was. Das Internet-Wörterbuch Leo.org schlägt mir z.B. avenant (zuvorkommend) vor sowie captatif (geht in Richtung "fesselnd", "possessiv"), auch auf Englisch wird über eine negative Bedeutung diskutiert. Dieses Mal komme ich also mit den Übersetzungsversuchen nicht viel weiter. Auf Deutsch finde ich im Netz gleichermaßen Zeilen über jemanden, der "einen sehr einnehmenden Charakter mit sehr viel Ego (hat), das Platz braucht", das wäre dann kein Charakterzug, der einer Dolmetscherin ansteht, wie auch, an anderer Stelle, "sonniger, einnehmender Charakter, das muss man einfach mögen."

Dieses schillernde Moment bestätigt mir die Seite helpster: Eine einnehmende Persönlichkeit zeichne sich durch "Freundlichkeit, Selbstbewusstsein, die Fähigkeit zu überzeugen, Warmherzigkeit und Kommunikationsstärke" aus ... aber möglicherweise auch durch egozentrisches Verhalten und dadurch, "dass sich jemand nach vorne drängt, penetrant ist und ständig Aufmerksamkeit sucht."

Eine frühere Studienkollegin, die vor etlichen Jahren in der Personalabteilung eines Konzerns tätig war, beruhigt mich. Sie meint, dass die Aussagen immer im Zusammenhang zu betrachten seien, dass hier, wo alles sehr positiv beschrieben würde, eindeutig die Kommunikationsstärken und das Eingehen auf die unterschiedlichsten Persönlichkeiten gemeint seien.

Gilt das auch weiterhin?

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Illustrationen: Woxikon, Wie sagt man noch?

Kommentare:

Vega hat gesagt…

Liebe Caro,

keine einfache Aufgabe ist das! Ich muss da immer an J. vom Schulhof denken, der nicht nur "einnehmend" im Sinne von "raumgreifend" war, von seinen Eltern stets mit sehr viel Taschengeld ausgestattet wurde und überhaupt sehr "einnahmesicher" bei seinen kleinen Geschäften war, also alles in allem "ein sehr einnehmendes Wesen" hatte.

Sorry, bei mir eindeutig konnotiert!
Grüße und schönes WE,
Bine

Anonym hat gesagt…

Hi Caroline,

"einnehmendes Wesen" finde ich nicht so schlimm, einen "einnehmenden Charakter" würde ich mir schon allein deshalb verbitten, weil die Dich doch nach einer Woche kaum kennen können, oder haben Sie dich sonst auch noch mitgekriegt? Falls ja, steht's nicht im Zeugnis, also nicht relevant.

Also: e. Wesen ... oder ganz streichen.

Gruß,
Th.

caro_berlin hat gesagt…

Résumé: "Einnehmend" fiel komplett durch. Mal sehen, was dem Autor dieser Zeugniszeilen stattdessen einfällt. Fortsetzung folgt.

caro_berlin hat gesagt…

"Freundliches Naturell" fand allgemeinen Zuspruch. So wird es jetzt sein.