Donnerstag, 14. Juni 2012

Chantalismus

Hallo! Hier ist nicht alles Französisch, auch wenn Sie eine Seite des virtuellen Arbeitstagebuchs einer Französischübersetzerin und -dolmetscherin aufgeschlagen haben. Sehr oft denke ich über Sprache nach und beobachte auch meine Muttersprache, die Moden unterliegt. Eine davon ist, wie der Nachwuchs heißt.

Der Trend zu exotischen Namen geht weiter, auch Drehbuchautoren und -übersetzer von übermorgen müssen aufpassen (denn mitunter dürfen wir ja ein Drehbuch von einem in den anderen Kulturraum übertragen). Das, was einst Mittelstand war, nennt seine Kinder jetzt musikalisch Tamino oder Cosima, leicht exotisch Fynn oder Tilda ... oder aber die Minis bekommen die Namen der eigenen Großeltern, August, Oskar, Franz oder Hanna, Therese und Emma.

Die Kids, die besonders gut beim Känguru-Test abschnitten, heißen Carla, Antonia, Milan, Mika, Friedericke, Jean-Pasqual, Franz, Mikka, Carla Marie, Klaus Justus, Luisa, Fabio, Moritz Nepomuk, Greta, Takashi, Luca-Xavier ...
Preisträger der Mathe-Vergleichstests an einer Berliner Grundschule:
weder Kevin noch Chantal sind unter den Besten
So gut wie weg aus den Registern der Standesämter sind derzeit Namen wie Andreas und Bernd, Jürgen und Gunter. (Ich habe schon darüber geschrieben; vielleicht heißt der Nachwuchs der heutigen Kindergeneration dermaleinst (*) so.)

Kenner wissen, dass heute Charlene und Charlotte in der Schule zwar Seit' an Seit' sitzen können, aber allergrößter Wahrscheinlichkeit unterschiedlichen sozialen Schichten angehören. Zu DDR-Zeiten übertrug sich das behinderte Fernweh gern auf die Kinder: Die Namen Marcel und Maribell, wie unsere Nachbarskinder im Vogtland hießen, klingen auf Sächsisch, naja, recht apart. Leider gibt es auch heute in weniger reisenden, |sozial| finanziell schwächeren Schichten seit Jahren den Trend zum besonderen Namen, Charlene, Diana und Chantal ("Schanntall!") auf der einen, Kevin, Dustin und Justin auf der anderen Seite.

Wissenschaftler haben schon vor Jahren beobachtet, dass es Kinder mit diesen Namen in der Schule schwerer haben als jene, die nach Oma und Opa heißen. Die Mittelschicht hat sogar einen Spottbegriff für derlei Benamsung gefunden, die Eltern litten wohl unter Kevinismus (oder Chantalismus), was auf uncyclopedia.org so definiert wird: Es sei "die krankhafte Unfähigkeit, menschlichem Nachwuchs sozialverträgliche Namen zu geben", gerne auch im Doppelpack wie Mandy-Sina.

Die Vorurteile mancher Lehrer gegen bildungsferne Schichten können auch Bürger aus der Migration treffen. Gerade in den letzten fünf Jahren zogen viele aus Frankreich nach Berlin, wobei der Strom der lebenswerten deutschen Hauptstadt wegen wohl so schnell nicht abreißen wird. Neulich rauschte ein besonders exotischer Vorname durch die Medien: Pirschelbär. Ein Kindergartenkind stellte sich so vor. Der Anruf bei den Eltern ergab dann, dass der kleine Mann Pierre-Gilbert heißt.

Lag es an seiner Aussprache oder an den Ohren der Erzieherinnen, die in Deutschland meist Hauptschulabsolventinnen oder, wenn sich Frau von der Leyen durchsetzt, frühere Schlecker-Verkäuferinnen sind? (Nichts gegen Drogistinnen, aber in die Kindergärten und -horte gehören studierte Leute!!)

Und dann gibt's noch die Trends zu kurzen Namen und dominantem Schlussvokal. Nächsten Monat gehe ich mit jungen Kolleginnen auf Fortbildung, die zwischen Mitte 20 und Anfang 30 sind und deren Namen fast alle auf "a" enden: Anja, Andrea, Janina, Julia, Lenka, Lina, Nadja und ... Marie. Der einzige mitreisende Mann aus Deutschland ist ebenso jung und heißt, vielleicht auch schon nach Opa, überraschenderweise Ulrich.


*: "dermaleinst" bezieht sich zwar eigentlich auf die Vergangenheit, aber es ist so wenig gebräuchlich, dass es sich heute vielleicht, analog zu den "Untiefen", auch auf Kommendes beziehen lassen sollte. Ich lernte das Wort bei Morgenstern kennen: "Er fährt in eine in der Nähe | zufällig eingeschlafne Krähe | und fliegt, dieweil sein Bett verdorrt, | wie dermaleinst als Vogel fort."
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Foto: privat

Kommentare:

Uta hat gesagt…

Hallo C.,

dermaleinst – steht als "veraltet" im Duden, leider ohne Begriffserklärung, drunter steht das österreichische "dermalen", was "jetzt" bedeutet, "einst" liegt auch in der Zukunft, also würde ich "dermaleinst" mit "künftig" übersetzen. Vielleicht irrt da der Dichter?

Und wer hat der Berliner Friedericke das "C" verpasst? So hört sich das an wie Bambis Mutter.

In diesem Sinne grüßt:

Uta (nicht mehr 30)

caro_berlin hat gesagt…

Der Duden siedelt "dermaleinst" auch in der Zukunft an. Hm, dann irrte wohl der Großmeister ...

An die Ricke denk' ich da auch immer. Ist in Patensohnematz' Klasse.

Bonne journée,
C

Chantal hat gesagt…

Was ist JÜL?
Gruesse aus Paris,
Chantal ;-)