Mittwoch, 27. Juni 2012

Agenturitis

Hello, guten Tag, bon­jour ... beim Dol­met­scher­blog aus Berlin, dem ersten vir­tu­el­len Ar­beits­ta­ge­buch Deutschlands über Dolmetschen und Übersetzen aus dem Inneren der Kabine (bzw. vom Übersetzerschreibtisch). Hier denke ich über un­se­ren Berufsalltag und seine Veränderungen nach.

Derzeit grassiert eine üble Krankheit in der Welt der Spracharbeiterinnen und Spracharbeiter. Irgendwo muss ein Existenzgründungsberater auf die Idee mit dem Vermitteln von Dolmetschern oder Übersetzern gekommen sein. Er oder sie, viel­leicht Angestellte(r) einer Investitionsbank, sah die für ihn oder sie ver­gleichs­wei­se hohen Stundensätze von unsereinem, dachte sich kurz: "Da ist noch Luft drin!" ... und empfiehlt seither hungrigen, aggressiven Computernerds "in Sprache zu machen".

Wir lieben Dolmetscher! Globish Language Superagentur! Billliger! Besser! Blubb! (auf Landkarte)
So ähnlich wirbt die "Konkurrenz"
Und das soll dann so gehen: Schickes Design auswählen, Fotos schöner Menschen ir­gend­welchen Fotoagenturen abkaufen (wahlweise hübsch gestaffelt alle Hautfarben dieser Welt), Text von der Konkurrenz abkupfern, än­dern und durch eine eigene Idee aufpeppen, die vielleicht ganz originell ist, Vi­si­ten­kar­te, Flyer usw. gestalten und an den Drucker weiterleiten.

Und wenn Büroausstattung und Webseite fertig sind, hier noch kleine Trick­film­chen, da noch gezeichnete Figuren in Auftrag geben, alsdann oder zuvor Grün­dungs­zu­schuss und/oder Venture Capital |einloben| abgreifen (eine Firma habe neulich sogar 100 T€ von privaten Anlegern übers Internet eingesammelt, wie sie online stolz berichtet), bei Mister Google Werbung einkaufen ... fertig!

Denn alle diese Leute, die Berater, Nerds, Zuschussgeber und Investoren, scheinen offenbar der Meinung zu sein, dass wir Spracharbeiter zu viel verdienen würden. Von diesen stattlichen Honoraren ließen sich ihrer Meinung nach gut und gerne mal eben 35, 50 oder sogar 60 % abzwacken, und wenn nur ausreichend viele dieser "Agenturen" den Markt dominieren, auch wenn es am Anfang vielleicht schwierig sein könnte, gute Leute zu finden, mit der Zeit werden die renitenten Freiberufler und Einzelkämpfer schon einknicken. Dann noch schnell ein paar fiese (im Zwei­fels­fall illegale Exklusivitätsklauseln) in den Vertrag gepinselt und ab geht die Luzie.

Einschub, Stichwort "Honorarhöhe": Unsereiner hat nicht unter vier Jahre studiert, gerne eher sechs oder sieben (wegen der nötigen langen Auslandsaufenthalte, Zweitstudien vor Ort), auch sonst viel Zeit in diversen Ländern zugebracht, hat oft nur einen oder zwei, in seltenen Fällen drei Honorartage die Woche und dies ca. auf der Basis von neun Monaten im Jahr, unsereiner versichert, ver­steu­ert, ver­wal­tet selbst ... und ist verglichen mit Anwälten, die einen ähnlich langen, un­pro­duk­ti­ven Vorlauf und verglichen mit den (sichtbaren) Gerichtsterminen ähnlich viele Recherche-/Lese-/Schreibzeiten haben, spottbillig.
Sorry für den langen Satz. Einschubende.

Wenn die also eben erwähnten "Existenzgründer" |Pech haben| nicht ganz so helle in der Birne sind und den digitalen Übersetzungsmaschinen des weltweiten Netzes mehr Vertrauen schenken als uns Dolmetschern, wo sie uns als Quell baldigen Reich­­tums doch lieben, liest sich ihre Webseite dann so: "Wir haben auch aka­de­mi­sche Forscher, Fachmänner und Lautsprecher, die alle Muttersprachler von mehr als 50 Sprachen sind." (Zur Strafe gibt's dann vielleicht weniger venture capital.)

Wenn aber wir Sprachmenschen Pech haben, lesen sich manche "Agentur"web­sei­ten aber richtig klasse, was dann leider oft prompt allerlei Medien finden, die über neue start ups berichten, deren Logos anschließend als |Kunden| Multiplikatoren am Rand der Webseite prangen. (Wer passt schon so genau auf, worin der Un­ter­schied besteht ...)

Die Fixkosten sind vor allem im ersten beschriebenen Fall gering. Es gibt aber auch Großagenturen, die so auftreten, als würden sie weltweit operieren, vielleicht tun sie das sogar, die haben in jeder größeren Stadt eine Adresse, die was hermacht ... und bieten nebenbei noch Dienstleistungen wie Marketing, Sprachunterricht oder Handelskontakte an. Diese Großagenturen werden in der Regel nicht von er­fah­renen Konferenzdolmetschern, sondern von Unternehmern geführt ... oder von Leuten, die zuvor irgendwie auch mit Sprache zu tun hatten: vom Exportchef oder der früheren Fremdsprachenkorrespondentin über den einstigen Call center-Agent bis hin zur Altenpflegerin sind das Leute, die "etwas mit Menschen" gemacht haben und denen rund um die Uhr, modern "24h, 7/7", nicht fremd ist. Das steht dann gerne auf der Webseite mit drauf, direkt neben "alle Sprachen".

Und wo sich der oder die Gründer oder Sprachunternehmer ohnehin nicht mit an­stren­gen­den, zeitraubenden Spracharbeiten das Konzept verhageln lassen, haben sie viel Zeit für klassisches Marketing oder Ehrenamt im Problemkiez oder die Teil­nah­me an Benefizgalas wie ein Kölner Unternehmer (oder ist es eine Dame?), der Dolmetschen und Übersetzen sogar schon als Marke anbietet, per "Franchising" exportiert, man ist ja ein World-Unternehmen. Naja, und etliche Medienvertreter springen wieder nach dem Stöckchen.

Wie sich das für uns auswirkt? Fies. Neulich erhielt ich von einer Agentur eine Anfrage, Termin und Inhalt kannte ich gut, es war der turnusmäßige Termin eines unserer Stammkunden, das ging aus der anonymisierten Beschreibung einwandfrei hervor, wir kennen uns seit Jahren. (Neuer Chef im mittleren Management, er ist am Gewinn beteiligt.) Tja, und die Mitarbeiterin der Agentur hat mir 50 % dessen angeboten, was ich letztes Jahr meinem Kunden in Rechnung stellen durfte. Der "Vertrag", den ich mir aus Gründen der Neugierde vorab zuschicken ließ, be­in­hal­te­te die Klausel, dass ich nicht mehr für den Auftraggeber als Di­rekt­kun­den würde arbeiten dürfen, allerdings ohne Zieldatum, also gleich für immer und ewig. Auf der Webseite der "Agentur" wurde damals mit Preisnachlass für Erstkunden ge­wor­ben. Ich stampfte die Anfrage in den Papierkorb.

Zweiter Exkurs. Vor einigen Jahren haben wir mal bei so einer Großagentur "ja" gesagt, es war ein Sommerlochjob zu einem Thema, das zu unseren Fachgebieten gehört, also mit minimalem Vorbereitungsaufwand machbar. Nach der Mit­tags­pau­se saß in der Spanischkabine eine Berufsanfängerin und kämpfte schwer mit den Tränen. Sie habe bei der Buchung doch gesagt, dass ihr aktives Deutsch noch nicht so gut sei und dass sie nur ins Spanische dol­met­schen wolle. Jetzt sei ihr zweiter Kollege, der wie sie nur für einen halben Tag gebucht war und ins Deutsche dol­met­schen sollte, einfach nicht erschienen: "Der hat wohl kurzfristig einen besser dotierten Job gefunden!" Bei Übersetzungen ist das zum Teil noch krasser mit Mo­ti­va­tion und Preisverfall und nur deshalb möglich, weil diejenigen, die den Job am Ende machen, wie Call Center möglicherweise in Fernost sitzen. Viele Be­die­nungs­an­lei­tun­gen lesen sich ja so.

Uhren auf einem von hinten erleuchteten Glasmosaik, das die Kontinente darstellt. Ein weiblicher Schattenriss eilt aus dem Bild.
Schauspielernagenturen, die mehr als 20 % des Honorars für ihre
Dienste nehmen, gelten als unseriös
. Normal sind 10-15 %
Kurz: Da wird von mancher "Agentur" mal eben hurtig zusammengebucht, was verfügbar erscheint, und niemand kennt niemanden persönlich ... auch nicht die Stärken und Grenzen derjenigen, die den Job am Ende machen sollen. Was nicht heißen soll, dass alle Agenturen so arbeiten, be­wah­re! Es gibt bestimmt irgendwo gute Agenturen, sicher, ja, klar doch, hab ich schon mal gehört.

Also, Rücksprung zum Kernthema, jetzt werden wir praktisch. Wenn Sie si­cher­ge­hen wollen, von Leuten beraten zu werden, die sich auskennen und die Sprach­mittler nur deshalb weiterempfehlen, weil sie ihre Arbeit als Kollegen aus ei­gen­er |Anschauung| Anhörung kennen und die zudem kollegial mit den Honoraren um­ge­hen, weil er oder sie selbst als Dolmetscher/in in der Kabine sitzen, dann be­auf­tra­gen Sie doch einfach jemand, der einem Dolmetschernetzwerk angehört. Auch, wenn diese locker verbandelten Einzelkämpfer ohne Renommieradresse und großes Sekretariat nur zu Bürozeiten leicht erreichbar sind (oder sonst vielleicht mit Kindergeplapper im Hintergrund) und nachts ihren Schlaf brauchen ... eben weil sie Spracharbeiter sind.

Mit der Agenturitis ist es hoffentlich wie mit anderen ansteckenden Krankheiten: Sie grassiert eine Zeitlang, dann ist mal zwischendurch das System K.O. und dann stellt sich in aller Regel wieder Gesundheit ein ... mit Antikörpern gegen besagte Erreger.

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Foto und Montage: C.E.

Kommentare:

RuWe hat gesagt…

Böse, böse, Frau Elias, aber in der Sache richtig beschrieben. Da kann man nur hoffen, dass Sie Ihren regelmäßigen Kunden wiederbekommen!

Ich drücke Ihnen die Daumen,
Gruß aus MUC
R. Werner

caro_berlin hat gesagt…

Danke! Ich hatte schon feed back in diese Richtung :-)
Gruß und schönes Filmfest!
CE

Anonym hat gesagt…

Da ich selber locker verbandelter Einzelkämpfer bin, erlaube ich mir eine kritische Anmerkung: erfolgreiche Selbstvermarktung setzt sich für mich aus klar vermittelten, nicht unangenehm herausgestellten Qualitäten und echten Unique Selling Points zusammen, vermeidet aber unbedingt das Runtermachen der Konkurrenz. Hier in diesem Blog beobachte ich seit längerem das ins schlechte Licht Rücken, konkret beschriebener Anderer, was insgesamt einen extrem schwierigen Eindruck Ihrer angeblichen Stärken hinterlässt. Ich habe auch mitbekommen, dass Kritiker hier nicht gemocht werden, würde aber an Ihrer Stelle wirklich darüber nachdenken. Es ist offensichtlich nötig.

caro_berlin hat gesagt…

Hallo Anonymus,

was Sie beschreiben, entspricht im Grunde meiner Haltung. Leider erlebe ich aber immer öfter, dass branchenfremde Menschen uns Sprachmittler als "Goldgruben" entdecken. Im Extremfall habe ich erlebt, dass unsere (im Vorfeld eigens angeforderte) Referenzliste abtelefoniert wurde. Dies ist uns sogar mit einer sehr unkollegialen "Kollegin" passiert, die dabei dem Kunden gegenüber angab, uns als Kabinenteam zu vertreten. Als der Vertrag unterzeichnet war, bekam der Kunde die kurze Mitteilung, dass wir leider verhindert seien ...

Dass ich hier trotz meiner ursprünglichen Grundhaltung, die Ihrer entspricht, ab und zu doch über derlei schreibe, liegt schlicht daran, dass Kunden und der potentielle Nachwuchs ein Recht darauf haben, auch über die negativen Aspekte des Berufs informiert zu werden. Ich erhalte jede Woche mindestens eine Bewerbung oder Nachfrage darüber, wie ein Berufseinstieg möglich ist; würde ich die Schattenseiten verschweigen, wäre das für mich wie ein Verrat an meiner (selbstauferlegten) Chronistenpflicht. In dieser Haltung bin ich meinem ersten gelernten Beruf, dem der Journalistin, sicher näher als der (von mir sonst auch verinnerlichten) Höflichkeit der Dolmetscher.

Leider wird im Alltag der Buchung von Übersetzern und Dolmetschern oft nicht viel Wert beigemessen, die Zusendung von Infomaterial im Vorfeld gerne vernachlässigt. Mein Beschreiben der "Landschaft" kann wie alle anderen Berichte eben auch dazu dienen, dass uns gegenüber eine größere Achtsamkeit entwickelt wird. Das ist mein Ziel.

Mit freundlichen Grüßen,
Caroline Elias

Bettina hat gesagt…

Hi Caro,

ich bin mit dem Kritiker insofern einverstanden, als dass Dein Blog nicht den Grundtenor des Jammerns bekommen darf. Bislang fand ich Dich sehr gelassen und entspannt, auch wenn Du auch mal mit weniger Distanz über gewisse Sauereien geschrieben hast. Ich denke, die Mischung macht's, wenn also Texte mit negativem Grundtenor mit Sprachartikeln und witzigen Anekdoten abwechseln, finde ich es gut.

Denn ganz offensichtlich verschlechtert sich die Situation von Euch Spracharbeitern ... und Ihr habt ein Recht darauf, anständig behandelt zu werden, was Du ja einforderst! Und Deinen Ansatz, die (potenziellen) Kunden ebenso wie den Nachwuchs zu informieren, finde ich weiterhin sehr gut.

Also: Weiter so! Aber keinen Problemtext auf einen Problemtext folgen lassen. Ich finde es komisch, dass Eure Szene offensichtlich weniger diskussionfreudig ist als andere Berufsgruppen. Gelesen wirst Du aber schon von Deinen Kollegen, oder?

Gruß, derzeit aus dem Schwarzwald,
Bettina

(die mit dem Zopf ab ;-)