Freitag, 30. September 2011

Normseiten

Weil wir es oft gefragt werden: Die Normzeilen von Publizisten und Übersetzern sind unterschiedlich lang. In der Publizistik rechnen wir mit 60 Anschlägen je Zeile, bei Übersetzungen sind es nur 55 Anschläge je Zeile.

In der Publizistik zählen Franzosen und Deutsche auch die Normseiten unterschiedlich. Journalisten in Deutschland gehen von 30 Zeilen aus, französische journalistes von 25 Zeilen je feuillet. Das ergibt 1.800 bzw. 1.500 Anschläge je Seite.

Das entsprechende Zettelchen hängt bestimmt seit zehn Jahren neben meinem Schreibtisch, ich weiß nicht mal mehr, welches Periodikum mit "Druckseite: 3.300 Anschläge" gemeint war. Das kann dann wohl mal weg.

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Foto: C.E.

Donnerstag, 29. September 2011

faire (la) grève

Zur rentrée gehört in Frankreich traditionsweise noch etwas: Der Streik, la grève, und die Demo, die gern auch in den Tagen vor Weihnachten oder an den ersten Sommerferientagen angesetzt werden. Das Wort "Demonstration" klingt recht französisch, doch zählt diese Vokabel zu den "falschen Freunden" (faux amis), den vermeintlich verständlichen Worten, die aber etwas anderes bedeuten. La démonstration könnte im Zusammenhang mit einem Schullabor gebraucht werden, wo zum Beispiel etwas in naturwissenschaftlichen Fächern "demonstriert" wird.

In Blois lotste ich die Kids um die Demo rum
Wenn Protestierende auf die Straße gehen, sagen sie in Frankreich manifestation zu dem Vorgang, und ähnlich wie mit dem deutschen Zweisilber "Demo" gibt's die Sache auch auf Französisch ganz kurz: la manif.  Vorgestern waren Lehrer und Erzieher auf der Straße, denn wenn nächstes Jahr die Neuwahl für das Präsidentenamt ansteht, wird der Amtierende in einer fünfjährigen Amtszeit 80.000 Stellen abgeschafft haben.

Besonders betroffen ist auch der Fremdsprachenunterricht. So wurde z.B. in der Oberstufe die Kurse in Deutsch als erster und zweiter Fremdsprache zusammengelegt und die Stundenzahl ebenso wie die Anzahl der Lehrer empfindlich gekürzt. Zynisch könnte ich als Dolmetscherin sagen: "Prima, die ziehen unsere Kundschaft von morgen heran!" Als "Kind" der deutsch-französischen Freundschaft ist mir letztere aber wichtiger.

Der Begriff faire (la) grève für "streiken" stammt übrigens aus Paris: Place de grève hieß der Rathausvorplatz, Zielort vieler Protestmärsche, bis 1803. Denn hier war einst ein flaches, sandiges Ufer, la grève, das als Hafen genutzt wurde. Der Begriff grève kommt in Frankreich jedenfalls heute öfter vor als die manif, die ja eine Teilveranstaltung einer Streikbewegung ist.

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Foto: C.E. (Archiv, Oktober 2010)

Mittwoch, 28. September 2011

Berufseinstieg

« BONJOUR! » Keine Angst, hier geht es nicht auf Französisch weiter! Sie sind auf eine Seite des öffentlich geführten Arbeitsjournals einer Dolmetscherin und Übersetzerin mit Wohnsitz Berlin gestoßen. Hier gewähre ich Einblicke in unseren Arbeitsalltag — und bemühe mich, auch Fragen der geneigten Leserschaft so gut ich kann zu beantworten.

Auf eine Leserfrage in den Kommentaren geht meine Recherche in der Frage zurück, wie Nachwuchsdolmetscher heute am besten ihre freiberufliche Karriere starten. Ich schrieb einige Nachwuchsleute an und muss zugeben, dass ich leider bislang nur Antworten von geringer Vielfalt erhalten habe, weshalb dieser Eintrag noch auf sich warten lässt.

Dolmetschen auf der Messe scheint noch immer eine Option zu sein, schrieb mir ein Nachwuchsdolmetscher, aber eine weniger oft genutzte als noch vor einigen Jahren, wie meine Marktbeobachtungen ergaben, was allerdings am Angebot liegt: Die Geiz-ist-geil-Mentalität hat hier offenbar die Sitten und Gebräuche etwas verdorben.

Eine andere junge Frau, Absolventin eines Dolmetscherstudiengangs, hat sich von einer Institution festanstellen lassen, in der sie nun mit konkreten Verwaltungsaufgaben ihre Sprachen täglich anwendet. Etwas Ähnliches beobachte ich bei Idiomen mit weniger Nachfrage, wenn eine Übersetzerkollegin zum Beispiel für die Öffentlichkeitsarbeit einer Botschaft verantwortlich zeichnet. Nicht zielführend, aber vermutlich aussagekräftig für die derzeitige Stimmung, waren Mails mit süßen Anhängen: Die Absenderinnen befinden sich (in mindestens einem Fall deutlich früher als geplant) in der Elternpause und zeigten stolz ihre Babies vor. Eine andere Kollegin blieb noch einige Jahre länger in der Dolmetscherausbildung ... als Dozentin.

Die Absolventen der renommiertesten Ausbildungsstätten finden, so hörte ich, weiterhin bei den europäischen Institutionen rasch Anstellung oder Gelegenheit zur freiberuflichen Mitarbeit. Hier werden auch von Hause aus mehrsprachige Akademiker anderer Fächer ausgebildet, z.B. Agrarwissenschaftler, Juristen, Verwaltungswissenschaftler etc.

Gerne würde ich an dieser Stelle ausführlicher über dieses Thema schreiben. Wenn Sie in dieser Situation sind oder jemanden kennen, die/der sich gerade mitten im Berufseinstieg befindet, würde ich mich über eine Nachricht (hier oder als Mail) sehr freuen. Ich kann Ihnen zusichern, nur nach Rücksprache, anonymisiert und in Auszügen aus Ihren Zuschriften zu zitieren.

Vorab ein Rechercheergebnis: Hier stehen Überlegungen zu Ausbildung und Arbeit von Dolmetschern im Justizbereich.

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Illustration: Interpreting for Europe

Dienstag, 27. September 2011

Baden gehen

In Berlin macht der Spätsommer im Frühherbst nochmal einen Boxenstopp. Nicht in dem Moment, in dem ich diese Zeilen hier niederschreibe; da haben die zehn sonnigen und leicht bewölkten Tage, die wir laut Meteorologen gerade erleben, eine kurze Regenpause. Ansonsten war der Anlass wunderbar, am Wochenende Kleider und T-Shirts wieder zu Ehren kommen lassen. Wir waren fast nur draußen, gestern auch.

Eine Dolmetscherin |paukt| liest und lernt auch an diesen arbeitsfreien Tagen, die wie Frankreichurlaub anmuten. Sogar die bunten Filzer für die Vokabeln stecken in der Tasche. Einkaufen müssen wir auch. Plündern erst den Buchladen, das Kind liest viel und gern und bei Büchern sitzt mir das Geld locker.

Dann stehen wir im Lebensmittelgeschäft in der Kassenwarteschlange. Da steht, als Begrenzung der Gassen, ein riesiger Turm aus Flaschen südwestdeutschen Weins, von großen, perforierten Kartonbögen gehalten. Durch dessen Löcher wurden jeweils die Flaschenhälse gesteckt. So richtig stabil sieht das in meinen Augen nicht aus. Das Kind steht neben den Flaschen und fängt in einem Anflug übertriebener Ordnungsliebe an, die Etiketten so zu drehen, dass sie alle nach vorne ausgerichtet sind. Die erwachsene Begleitperson, in dieser Rolle stehe ich leichter zu meinem (über-)vorsichtigen Wesen, warnt: “Du, ich weiß nicht, wie stabil die sind, nicht dass sie dir entgegenkommen und wir hier noch ein Weinbad kriegen.” Da zeigt der weltbeste Patensohn aufs Etikett, bemüht sich um Ernsthaftigkeit und sagt doch mit feinem Schmunzeln: “Steht hier aber drauf, dass es zum Baden ist!”

Wein aus Baden halt ...

Mich freut es sehr, dass le jeune homme Sprache so wunderbar wörtlich nimmt und dass ich in ihm schon einen Sparringspartner für Wortspiele und sonstige Albernheiten habe. Diese Art von Wortwitz und Beschäftigung mit Sprache, die ich auch als Kind schon geliebt habe, war die beste Vorbereitung auf meinen Beruf.

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Foto: C.E.

Montag, 26. September 2011

Hobby?

Willkommen auf der Seite eines Arbeitstagebuchs. Hier schreibt eine Übersetzerin und Dolmetscherin für die französische Sprache, und zwar über bemerkenswerte Augenblicke der Arbeit ebenso wie über wiederkehrende Momente des Alltags, die vielleicht nicht so viel Spaß machen, das Ganze stets unter Wahrung dienstlicher Geheimnisse.


Ist schon mal jemand auf die Frage gekommen, beim Steakkaufen den Metzger zu fragen, ob er gerne arbeitet? Ob es ihm großen Spaß macht? Eine Lebensaufgabe ist? Oder hat schon mal einer einen Anwalt gefragt, ob er nicht vielleicht in der Freizeit seinen Beruf auch als Hobby ausüben möchte (aber bitte 2,5 Tage lang, von 10.00 bis 16.00 Uhr, von 9.00 bis 15.00 Uhr und von 9.00 bis 13.00 Uhr)?

Absurde Fragen. Wir Dolmetscher und Übersetzer hören sie oft. Gerne auch im Zusammenhang mit: "Ist ein spannendes Thema!" oder: "Sie können dann auch ABC (irgendeinen berühmten Star) kennenlernen!" Anwalt oder Metzger werden nicht um kostenlose (oder beinahe kostenlose) Dienstleistungen geben.

Oder den da: "Wir sind ein Kulturverein mit sozialem Engagement, und uns gibt's erst seit fünf Jahren. Wir veranstalten zum ersten Mal einen Kongress und sind selbst überrascht, wie viele Ministerien uns dabei helfen wollen. Wir konnten durch die Förderung sogar den kleinen Kongress um einen weiteren Tag verlängern. Leider reicht das Geld nur für die Panelgäste, ihre Reise und Unterbringung. Dummerweise haben wir vergessen, Dolmetscher zu kalkulieren. Könnten Sie nicht für ein Drittel des Sonstigen kommen? Sie haben doch eben erst zum Thema was für die Zeitung XYZ übersetzt, Sie sind doch eingearbeitet?"

Die Bemerkung stimmte. Ich finde es nach wie vor bemerkenswert, wie genau die Arbeitsbiographien der potentiellen Dolmetscher studiert worden sind. Doch wäre auch diese Konferenz nicht ohne ernsthafte Vorbereitung zu stemmen gewesen. Das Hauptproblem: Die Konferenz findet an 2,5 Tagen in der Hauptsaison des Debattiergewerbes statt. Für den Zeitraum habe ich bereits zwei weitere Anfragen.

Schick sind auch die staatlich finanzierten Einrichtungen, die einen "Freundschaftstarif" erbitten — "... und außerdem machst Du das doch mit links, Du beschäftigst Dich doch in Deiner Freizeit intensiv mit dem Thema!" — und einen danach nicht mehr kennen.

Eine Kollegin antwortet ganz schlicht auf Fragen, die mit: "... und wir haben kein Geld" enden: "Und ich bin nicht das Sozialamt, ich muss meine Miete auch zahlen!"

Zum Glück sind das Ausnahmen, aber sie kommen leider oft genug vor, um hier Erwähnung zu finden.

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Illustrationen: Archiv

Sonntag, 25. September 2011

Essen(d) dolmetschen

Wenn wir bei Mahlzeiten dolmetschen, kannte ich bislang zwei Varianten: Entweder das sprachmittelnde Personal isst gar nichts, das gilt für z.B. für diplomatische Frühstücke, die eine, maximal anderthalb Stunden dauern, oder aber wir sind den ganzen Tag mit einer Delegation zusammen und sitzen mit am Tisch ... und dolmetschen zwischen der Nahrungsaufnahme. (In der Regel kann sich dann niemand von uns abends mehr daran erinnern, was es am Mittag gab.)

Hier die 3. Variante: Politisches Arbeitsessen mit Dolmetschkabine, und die Dolmetscher essen ebenfalls im Wechsel mit Sprechzeiten, wie die Politiker.

Hier noch ein "Filmszenentext", der so in dieser Situation nicht zu hören war. Da einem die guten Sprüche immer erst hinterher einfallen, hier Szene und Text fürs nächste Mal.
Dolmetscher eins (ist gerade dran) und Dolmetscher zwei (in seiner Sprechpause) sitzen vor dampfenden Tellern, die eine Kellnerin soeben reingetragen hat. Dolmetscher zwei schaut einen Moment lang stumm auf den Teller. Da sagt Dolmetscher eins in eine kurze Saalpause hinein (betätigt zuvor die Räuspertaste, damit der "floor" nichts hört): "Ich merke schon, Du hast exzellente Tischmanieren, aber warte doch bitte nicht mit dem Essen auf mich."

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Foto: C.E.

Samstag, 24. September 2011

Spracheffizienz

Dolmetscher brauchen mehr Zeit, wenn sie Vokabeln wie die Schultüte, mein gestriges Beispiel, im gesprochenen Kontext übertragen wollen. Begriffe wie dieser sind aber die Ausnahme. Im Normalfall verfügen die meisten Sprachen etwa über die gleiche Spracheffizienz, wie die Informationsdichte pro Silbe dividiert durch die Anzahl der Silben pro Sekunde genannt ist.

Diese Information ist Ergebnis einer Forschung, über die gestern der österreichische Standard berichtet hat. Kurz: Schnellere Sprachen liefern weniger Informationen je Silbe, um die hohe Geschwindigkeit auszugleichen.

Der Artikel geht auf die Forschungsarbeit eines Teams aus französischen Sprachwissenschaftlern zurück, die am Forschungsinstitut CNRS und an der Universität Lyon die Sprechgeschwindigkeit von 60 muttersprachlichen Sprechern von sieben Idiomen getestet haben: Französisch, Deutsch, Spanisch, Englisch, Italienisch, Japanisch und Chinesisch (Mandarin). Die untersuchten Sprachen waren, wenn die Faktoren Zeit, Inhalt und Silbenanzahl zugrunde gelegt wurden, im Schnitt alle gleich "effizient", nur das Japanische trat mit einem geringeren Inhaltswert verglichen mit den vielen Silben, die zu seiner Vermittlung gebraucht wurden, hervor.

Hier geht's zum Abstract der Forschungsergebnisse.

Freitag, 23. September 2011

Keine Schultüte

Will­kom­men auf den Blog­seiten einer Fran­zö­sisch­dol­met­scherin und -über­setzerin. In meinem vir­tu­el­len Ar­beits­ta­ge­buch be­rich­te ich über den Be­ruf und auch über Be­son­der­hei­ten meiner "Heimatländer".

Französische Kinder kennen keine Schultüte. Und in Deutschland hingegen ist la rentrée so gut wie unbekannt.

Der französische Bücherherbst 2010
La rentrée ist ein jährlich auftretendes Ritual, das alle Gesellschaftsschichten erfasst, zumindest sprachlich: Es gibt jeweils einen Saisonauftakt für die Literatur, fürs Theater, einen Wiederbeginn des gesellschaftliche Lebens nach der Sommerpause, den Semesterbeginn an der Uni und eben das Schulferienende — la rentrée littéraire / théâtrale / sociale / universitaire / scolaire — und etliche weitere Deklinierungen.

La rentrée heißt übersetzt "Rückkehr" oder "Nachhausekommen". Los geht es Anfang September, wenn alle Schüler an ein- und demselben Datum wieder in die Stätten ihrer Bildung zurückkehren. Dem gehen natürlich die grandes vacances voraus, die "großen Ferien", die zurecht so heißen, weil sie in Frankreich zwei Monate dauern. Anders als bei den kürzeren Ferien gibt es im Sommer keine Staffelung der Schulferien je nach Region. In Frankreich gilt seit Men­schen­ge­den­ken: Juli und August sind Sommerferien, viele Betriebe und Behörden verbinden damit ihre congés annuels, den Jahresurlaub, und machen einfach dicht.

Franzosen verbringen anscheinend ihre Ferien am liebsten gemeinsam im Stau, an überfüllten Stränden und Restaurants. Parisbesuchern bietet sich im August hingegen eine nahezu himmlische Stille, wenn nicht überall die viele Touristen wären. Dass die Stadt wie ausgestorben wirkt, schließt stundenlange Wanderungen auf der Suche nach einer geöffneten Bäckerei ein.

Wie gesagt, Anfang September ist das alles zuende. Dass infolgedessen auch das Jahr häufig als "Saison" gedacht wird, also die rentrée wie ein kleines Sylvester, überrascht viele Deutsche.

In Deutschland gibt's zu diesem Zeitpunkt etwas, das anders ist als in Frankreich, und es ist sogar sichtbar: Die Schultüte. Und weil dieses bewährte und beliebte Einschulungsmöbel in Frankreich unbekannt ist, bietet das digitale Wörterbuch LEO auch mehr eine Erklärung als eine Übersetzung an: cornet offert aux enfants qui rentrent à l'école primaire, rempli de sucreries et de petit matériel scolaire, zu Deutsch: "Eine spitze Tüte, die Kinder geschenkt bekommen, die in die Grundschule eintreten, gefüllt mit Süßigkeiten und kleinerem Schulmaterial." Und offensichtlich, siehe Foto, gibt's in Deutschland die Schultüte auch noch nicht lange für alle Kinder.

Streng dreinblickende junge Dame mit "Tornister" und Schiefertafel
(Noch) Schultütenlose Deutsche vom
Beginn des  20. Jahrhunderts
Das haben Frankreich und die DDR gemeinsam: Schulanfang nach den großen Ferien ist/war immer gleich Anfang September. In der Bundesrepublik von heute sind mit den Bayern die letzten Südlichter jetzt auch seit zehn Tagen wieder in der Schule.

Dies nicht nur als landeskundlicher Beitrag, sondern etwas für die Liste im Rahmen der Diskussion, warum in Deutschland Übersetzungen in der Regel nicht mit dem Wortpreis, sondern entsprechend der Zahl der Anschläge (inklusive Leerzeichen) berechnet werden.

Und ganz rituell schreibe auch ich im Herbst über die rentrée, hier der Eintrag von 2010.

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Altes Foto: Flohmarktfund, leider ist
das Jahr unleserlich

Donnerstag, 22. September 2011

Berufsverbildung

Obwohl ich diesen Monat bewusst einen ruhigen Saisonauftakt erlebe, war ich heute dolmetschend unterwegs. Nein, nicht Papst, sondern Wirtschaftspolitik. Nach zehn Stunden auswärts war ich am Ende meiner Kräfte. Sah nach einem leichten Abendessen noch einige Bilder vom Tage, den früheren Kardinal Ratzinger im Bellevue-Garten, der Bundespräsident ergreift das Wort. Mein Kopf zeigt sich irritiert: Warum klingt der Dolmetscher von Wulff wie Wulff persönlich?

Berufsverbildung! Und wegen dieser szenischen Bild-/Ton-Verschiebung erfolgt die Schlussredaktion meines für heute angekündigten Blogeintrags frühestens morgen, möglicherweise sogar erst im Laufe der nächsten Woche. Sorry!

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Foto: C.E.

Mittwoch, 21. September 2011

"to catch up", erste Folge

Neben der Frühstückszeitung liegt das Vokabelheft. Dolmetscher lernen täglich, als hätten sie in wenigen Tagen eine Prüfung zu bestehen. Der Grund dafür ist: Sie haben immer wieder in wenigen Tagen eine Prüfung zu bestehen.

Willkommen auf dem Blog einer Dolmetscherin und Übersetzerin für die französische Sprache. Hier schreibe ich über unseren Berufsalltag, wobei ich typische Momente und Probleme hervorzuheben versuche. Dabei schildere ich auch, in wiefern sich unser Berufsalltag von dem anderer Leute unterscheidet. Übrigens, wer diese Alltagsbeschreibung "durchhält", wird am Ende mit einer Pointe belohnt.

Artikel aus Le Monde vom 17.09.2011
Beim Abräumen des Frühstückstischs läuft französisches Radio (RFI, in Berlin im UKW-Band). Wenig später notiere ich mir die ersten Vokabeln des Tages auf meine "Tafel", eine Milchglasscheibe, die an eine Wand im Arbeitszimmer direkt neben dem Schreibtisch geschraubt ist (und über die mein Blick oft auch unwillkürlich streift). Dann schneide ich aus einer Tageszeitung zwei Artikel aus, sie kommen in einen der Ordner für aktuelle Texte zu Themenbereichen, die meiner Spezialisierung entsprechen. Heute habe ich einen Bericht über die Finanzkrise und einen über Fernsehwirtschaft am Wickel. Ich unterstreiche, prüfe Bedeutungen, schreibe Redewendungen auf den Rand des Blattes, auf den ich meinen jeweiligen Ausschnitt geklebt habe. Einige Vokabeln wandern in die digitale Vokabelliste zum Thema.

Ein anderer Ordner enthält die abgearbeiteten ausgedruckten Vokabellisten. Ich nehme eine Film- und Fernsehwirtschaftsliste zur Hand. Die Ergänzungen und Änderungen, die sich bei einem Dolmetschtermin ergeben hatten, sind längst in die digitale Liste eingearbeitet, aber nochmal zu sehen, was die alten Worte sind, was mir wann noch Probleme bereitet hat, mich gezielt in die Situation von einst zurückzuversetzen, hilft mir, an diese Situation anzuknüpfen ...

Wir können dabei zusehen, wie Worte geboren werden. Mancher Fachbegriff ist zunächst noch an den Rändern 'unscharf', wenn er für uns zum ersten Mal in Erscheinung tritt. Solche Begriffsunsicherheit klärt sich meist nach einigen Jahren, wenn sich im jeweiligen Land der Gebrauch eines bestimmten Ausdrucks verfestigt und sich ein Parallelbegriff wieder erledigt hat. Kurz: Wir arbeiten oft mit Vokabeln, die noch kein Wörterbuchautor aufgearbeitet hat.

Nach dem nächsten Einsatz kann diese Liste ins Altpapier wandern, ich male mir dafür ein Symbol auf das Blatt. Ich sehe das Wort "Catch-up-TV" wieder, télévision de rattrapage, diese Vokabel bezeichnet TV-Angebote, die im Internet noch einige Tage nach der Ausstrahlung abgerufen werden können. Der Begriff hebt sich von "Video-on-Demand" dahingehend ab, dass "Catch-up-TV" kostenlos ist. Das Wort tauchte in meiner Vokabelliste von 2007 das erste Mal auf (die ich trotz Markierung nicht weggeworfen habe). Auch Lexikalisten verzeichnen, wann ein Wort das erste Mal verwendet wird, nur können wir Dolmetscher das in der Regel nicht mit der gleichen akribischen Genauigkeit wie Wissenschaftler tun, die ausschließlich dieses machen.

Bei all der Arbeit geht es mir vordergründig um Vokabeln, aber die Inhalte sind ebenso wichtig. Ich muss nicht nur wissen, wie die Begriffe verwendet werden, ich möchte mich in meinen Fachgebieten auf dem Laufenden halten. Einmal schlage ich etwas in einem Handbuch nach, das Fernsehwirtschaftlern zur akademischen Ausbildung dient, dann prüfe ich den Punkt nochmal im französischen Pendant dieses Werks.

Anschließend höre ich noch eine der Radiosendungen zum Thema an, die ich bewusst als Podcast aufbewahrt habe, und schreibe noch ein halbes Dutzend Vokabelkarten für die Problemfälle. Dabei sortiere ich natürlich erst den Bestand an Fachwörtern zum Thema um, der schon lange aus dem Arbeitsbestand an Karteikarten "herausgewachsen" war. Dann ist der halbe Vormittag rum.

Was ich mit meinem Arbeitsprogramm lerntechnisch genau gemacht habe und was anschließend folgt, beschreibe ich nächste Woche. Ziel des ganzen Aufwandes ist es, die kopfschüttelnden Kolleginnen und Kollegen schnell mit Wissen versorgen zu können, wenn im Gang der Dolmetscherkabinen jemand vor der Veranstaltung fragt, was es mit diesem "Ketchup-Fernsehen" oder so auf sich habe, von dem er/sie im Radio gehört hatte. (Wir scherzen, es gebe ja auch schließlich Ehrensenf als Web-TV-Format). Naja, und um natürlich später Situationen wie diese da zu vermeiden.

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Illustration: Le Monde

Dienstag, 20. September 2011

Nur kurz

Meine Kürzesthonorarverhandlungen liefen so: Mein Angebot lag ca. 8 % über den zuletzt aufgerufenen Honorarsätzen.

Die Dame am Telefon: Aber das ist ja teurer als üblich! Es sind doch immer nur XYZ Euro. Das waren immer XYZ Euro, seit ich hier arbeite, also seit acht Jahren! 
Die Dolmetscherin am anderen Ende der Leitung: Madame, könnte es eventuell sein, dass Sie soeben Ihre Frage selbst beantwortet haben?
Die Dame am Telefon: Stimmt, da haben Sie aber Recht!

Montag, 19. September 2011

Mithörmuschel

Wir Spracharbeiter müssen Wortarchäologen und -konservatoren sein. Wir graben in Büchern, in alten Lexika, Zeitschriften und auf Flohmärkten. Wir heben Schätze, legen sie frei, polieren sie wenn nötig. Was besonders oder besonders schön ist, wandert ins Museum. Heute eröffne ich eine neue Reihe, das "Sprachmuseum", das unter der Kategorie "Sprachschatz" ablege.

Ein Film, der in den 80-er Jahren des 20. Jahrhunderts spielt, zeigt andere Kommunikation als heutige Filme, vor allem dann, wenn sie mit Hilfsmitteln stattfindet. Beispiel: Truffauts La femme d'à côté ("Die Frau von nebenan"), wo zwei Nachbarn, die sich heimlich lieben, zeitgleich zum Telefonhörer greifen und es besetzt tutet. Dann warten sie am Telefon. (Hier bereits von mir beschrieben.)

Mithörmuschel an der Rückseite
Oder Bilder wie dieses, auch aus vergangenen Zeiten: Ein verliebter Teenager wartet auf den Anruf. Das Mädchen sitzt fast auf dem Telefon. Die Telefonschnur bestimmt ihren Aktionsradius. Auch das Wort Schnurlostelefon gehört ins Sprachmuseum. (Wie zeigen heutige Regisseure dieses verzweifelte, untätige Warten, wo jede(r) ein Handy mit sich trägt?)

Zur Schnur des Telefons gehört bei ganz alten Modellen die Wählscheibe. Das Sich-Verwählen bei der letzten Nummer. Die Abwesenheit einer Wahlwiederholungstaste. Für Westkinder gehört auch das Telefongespräch dazu, das in den Städten der 70-er Jahren und länger noch in Westberlin nur eine Einheit kostete. Wir haben oft Hausaufgaben gemacht, der direkte Draht zur besten Freundin lag per Telefonhörer daneben. Sätze wie: "Die Kinder blockieren das Telefon."

Erinnert sich noch jemand an das "Fasse Dich kurz?" auf postgelben Telefonhäuschen?

In Frankreich gab es noch die Mithörmuschel, sie klemmte an der Rückseite des Telefons hinter dem Telefonhörer. Bei manchen Gesprächen konnte man sich nicht sicher sein, dass nicht auf der anderen Seite, vom Gesprächspartner geduldet, jemand mithörte.

Die Recherchearbeit, die wir Übersetzer bei historischen Stoffen machen müssen, ist übrigens vergleichbar mit dem Mehraufwand, den Filmausstatter und Kostümbildner haben. Daher ist die Übersetzung von Drehbüchern, die in der Vergangenheit spielen, auch etwas teurer als von zeitgenössischen.

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Foto: privat (Archiv)

Sonntag, 18. September 2011

Die im Schatten

Bei der ersten Probe sitzt noch der Aufnahmeleiter unter den Treppenstufen, beim Interview ist es dann die Dolmetscherin, denn eine weitere Studiokamera fängt die Totale ein, den luftigen Raum mit seiner frei schwebenden Treppe, und hier darf die Dolmetscherin nicht im Bild sein. (Wir arbeiten nicht im Studio ...)


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Foto: C.E. (nicht der beschriebene Dreh,
aber Filmaufnahmen am gleichen Ort)

Samstag, 17. September 2011

Höfliche Dolmetscher

Heute habe ich gleich zwei Links der Woche. Der erste führt zu einer Studie, die vom Wall Street Journal zitiert wird, der zweite zu einem Kongress.

Für interessierte Sprachmenschen, die gerade in Wien sind, hier rasch eine Info, die mich selbst zu spät ereilte (ich wäre sonst hingereist): In der österreichischen Hauptstadt findet derzeit ein Kongress über Dolmetscher und ihre Rolle in Literatur und Film statt. Dazu nächste Woche mehr, dann werte ich Texte aus, die als Ergebnis der den Kongress begleitenden Pressearbeit entstanden sind. Journalisten scheinen im Vorfeld gut mit Infos versorgt worden zu sein, anders als die Zielgruppe außerhalb der österreichischen Grenzen ... (schluchz!)

Hier geht's zur Konferenz und zum Programm
Für die Leser, die jetzt nicht gleich zur Konferenz aufbrechen, hier noch ein Thema, das in der Sommerpause durch verschiedene Blätter rauschte und das diese Woche wieder in Frankreich hochkam: Freundliche Menschen bekommen weniger Geld für die gleiche Arbeit als unfreundliche Menschen.

Den aktuellen Link finde ich nicht mehr online, dafür den Artikel des französischen Magazins L'Express. Dort gab man wieder, dass unfreundliche Männer 18 % mehr Geld für ihre Arbeit bekommen als ihre netten Kollegen, bei Frauen sei der Unterschied nur 5 %. Diese Ergebnisse förderte eine Untersuchung verschiedener nordamerikanischer Universitäten zutage, die über 20 Jahre lang in vier großen Studien die Einkommenssituation von knapp 10.000 Angestellten verschiedener Alters- und Berufsgruppen hinterfragte. Als ein Grund dafür wird genannt, dass "Nettsein nicht unbedingt dem männlichen Image entspricht", so die Autoren dieser Studie, ein freundliches Wesen sei auch an harten Gehaltsverhandlungen hinderlich.

Nicht sehr überraschend, das wusste schon der Stammtisch: Unfreundliche Männer sind tough, unfreundliche Frauen sind Zicken. In anderen Artikeln lese ich, dass harte, raue Charaktere erforderlich seien, um Hierarchien aufrechtzuhalten, um sich am Markt durchzusetzen, um das Beste aus den Mitarbeitern herauszuholen. Jetzt ist dieses 'gefühlte Wissen' also leichter zitierbar.

Einige Fragen blieben für mich offen: Liegt der geringere Gehaltsunterschied bei Frauen nun daran, dass von Frauen eher eine umgängliche Art erwartet wird, oder vielleicht auch daran, dass Frauen im Durchschnitt weniger Geld bekommen als Männer, dass der "Spielraum nach unten" damit geringer ist? Wird von weiblichen Managern mehr Härte und mangelnde Freundlichkeit verlangt? Wie sind die Unterschiede nach Berufsgruppen sortiert?

Und wie gehe ich damit als Dolmetscherin um, wenn ich in Honorarverhandlungen allein "meinen Mann stehen" muss? Ich übe mich weiter darin, tough und freundlich zugleich zu sein. Nicht einfach ist es für mich, dass ich oft Hierarchien gegenüberstehe, die ich als Freiberuflerin nicht kenne und verstehe.

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Die ganze Studie wurde im Journal of Personality
and Social Psychology veröffentlicht (wie oft bei
amerikanischen wissenschaftlichen Texten nur
im Bezahlbereich zu lesen. Muss ich mal machen ...)
Hier der Bericht im Wall Street Journal.

Freitag, 16. September 2011

Licht!

Das mit dem Dolmetschen und dem Verb im Deutschen ist so: Jemand spricht, wir müssen uns merken, was erzählt wird und warten, bis das Gesagte durch das Verb seine Aussage erhält. Die Stellung dieser Wortgruppe im Deutschen ist einzigartig, die anderen Sprachen wirken "aktiver" auf mich, denn die Verben kommen früh.

Vor einziger Zeit fiel mir ein Bild zu dem ein, was wir machen (und zur Rolle des Verbs)! Bei abendlichen Empfängen gab ich es bereits zwei oder drei Mal zum Besten. Heute also auf dem Dolmetscherblog ...

Jemand fängt an zu sprechen. Es ist, als würde er lauter große und kleine Möbelstücke in ein Haus hereintragen und im Halbdunkel an bestimmten Stellen absetzen, dann eine Kiste, dann noch eine, anschließend betritt eine Person den Raum, alles ist unscharf, aus der Nähe lässt sich mit bloßem Auge nur erahnen, wie sich was zu wem verhält, wobei wir Dolmetscher alles wahrnehmen und uns merken müssen, bis dann am Ende jemand den Raum betritt, das VERB, und damit das Licht angeht. Jetzt ist alles deutlich, klar und eindeutig zu erkennen, also endlich wiederholbar in der Zielsprache.

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Foto: C.E.

Donnerstag, 15. September 2011

Sauerei

Geht's nicht auch billiger?" Auf diese Frage reagiere ich mittlerweise allergisch. Und da wir hier im Spätsommer noch so schön unter uns sind, lass' ich ein wenig die Sau raus. Nee, klappt nicht, aber das Ferkelchen darf mal ein wenig Frischluft schnuppern, wenigstens das.

Weil's so schön war und für alle, die im August
im Urlaub
diese Schweinerei verpasst haben ...
Denn manchmal bin ich versucht zu sagen: Ja, welches Schweinderl hätten's denn gern? Wieviel billiger als üblich möchten sie's denn? Und soll ich dann gleich auch an Qualität sparen? Was darf ich denn einsparen? Die Kommata oder gleich jeden zweiten Vokal?

Ich schüttele noch immer über den Kopf über den Kunden, der offenbar nicht logisch denken kann.

Wäre ich eine Autowerkstatt, dann hätte ich in etwa das Folgende erlebt.

Am 1. April kommt ein Auto samt ausländischem Besitzer, letzter will einen Kostenvoranschlag für Arbeiten, damit das Auto in Deutschland zugelassen wird. Ziel ist es, das Gefährt in Deutschland zu verkaufen. Er bekommt sein Angebot, es sind mindestens 2750 Euro da ich, wie jeder Autoschrauber auch, die Kostenvoranschläge aufgrund des Vorhandenen erstelle, für die Rechnung aber das erst entstehende Ergebnis zugrundelege.

Er bittelt und bettelt, das Auto sei so besonders schön und so kulturell wertvoll, kurz: er handelt mich auf 2500 Euro runter ... und nimmt das Auto wieder mit.

Zwei Monate später bringt er die Karre zur Reparatur. Sie hat sich verändert, der Arbeitsaufwand ist um 10 % höher. Ich schreibe, dass ich 2500 Euro plus 10 % berechnen müsste. Er schreibt einen Halbzeiler: Och nöö, 2500 ist so eine schön runde Summe.

Seine Mitarbeiterin am Telefon sagt: Machen Sie nur, wir finden schon einen Weg. Ich fange an zu arbeiten. Entdecke grobe technische Probleme, die vorher nicht da oder nicht erkennbar waren (*). Ich schreibe das dem guten Manne und sage, dass wegen der technischen Probleme nochmal 20 % hinzukämen.

Keine Reaktion. Zwei Tage später nur ein: Arbeiten Sie? Alles Gute!

Ich nehme das als Einverständnis, arbeite, gebe ab, stelle in Rechnung 2500 + 30% =  3250 Euro.

Er antwortet, ob's nicht auch eine Runde billiger sein dürfte. Ich erinnere ihn daran, dass die Berechnungsgrundlage des Ganzen schon günstiger ist. Er sagt: Bitte noch billiger.

Ich schreibe ihm eine Rechnung, in der die Reparatur des Autos und der 10 % neuen Probleme sofort, aber das fette Technikding, das zunächst nicht zu erkennen war, erst dann zu bezahlen sein würde, wenn er seine Kiste erfolgreich in Deutschland weiterverkauft hätte — mit dem Unterton, dass diese Summe entfalle, sollte ihm dieses nicht gelingen.

Die Zahlungsfrist verstreicht mit Beginn der Urlaubszeit. Ich hake nach. Geld sei unterwegs, heißt es.

Stimmt aber nicht. Dafür erhalte ich einen Monat später einen Einzeiler, geschrieben hat ihn die Mitarbeiterin: Bitte ändern Sie Ihre Rechnung so, dass 2500 Euro jetzt und der Rest beim erfolgreichen Weiterverkauf fällig werden.

Ich hab mich tierisch über diese Sauerei geärgert und schon jetzt zwei volle Arbeitstage mit Ärgern, Nachdenken und dem Umschreiben von Rechnungen zugebracht.

Zum Glück ist dieser Kunde die absolute Ausnahme, und dass ich für ihn gearbeitet habe, wird auch eine bleiben.

Was nun?


(*) Der Text kam in der Drehbuchsoftware Final Draft (FD) und sollte auch so wieder abgegeben werden. Ich habe die allerneuste Fassung (kostet um hundert Euro) erst kurz davor angeschafft, aber die gelieferte Textfassung ließ sich nicht ohne grobe, zusätzliche Formatierungsprobleme hochladen. Beim dritten Versuch sah es halbwegs OK aus, ich musste aber jede vierte Zeile von Hand nachformatieren. Das gleiche Problem entstand beim Versuch, die Datei wieder zu exportieren. Meine Korrektorin, der ich auch die Software gekauft habe, bekam den Text also ausgedruckt zugeschickt, ich übertrug ihre Verbesserungen per Hand. Daher der Mehraufwand.

Befragte Leute, die sich mit der Software auskennen, sagten, dass diese Probleme auftreten könnten, wenn zwischendurch eine illegale Version dieses Textverarbeitungsprogramm verwendet wurde.
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Foto: C.E. (Archiv)

Mittwoch, 14. September 2011

Literaturfestival

Von Samet, 6 Jahre alt
Dieser Monat gehört mir, ich lasse die neue Saison langsam angehen. So genieße ich den Restsommer, so gut er sich eben genießen lässt, treibe viel Sport, habe die Aquarellfarben wieder ausgepackt, bekomme ein Coaching, sortiere mich und meine Ablagen, schreibe Rechnungen und Mahnungen und vergebe Aufträge.

Heute früh war ich für zwei Stunden für das Internationale Literaturfestival bei einer Schülerlesung. Hier las die belgische Autorin Kitty Crowther vor Erst- und Zweitklässlern, und ich durfte in den Sprechpausen die deutschen Kinder in ihren Worten direkt ansprechen, mit denen sie daraufhin sehr rasch ins Gespräch kam.

Die Illustratorin und Kinderbuchautorin begeisterte mich nicht nur durch ihre Vielsprachigkeit, sondern durch ihre sensible Phantasie und die Art, wie sie auf die Kinder einging. Sie stellte Fragen über Fragen an die kleinen Mätze, die sehr zutraulich waren — und die anschließend selbst malten und zeichneten.

Eine der französischsprachigen Zuhörerinnen
Kitty Crowther und ich sprachen, als wären wir ein- und dieselbe Person. Als die Autorin anschließend weg musste und ich noch zum Essen mit den Schülern eingeladen wurde, machten die Kids mit mir genau dort weiter, wo sie zuvor mit uns zusammen aufgehört hatten. Ihr Vertrauen, ihre Fragen und Zeichnungen haben viel Spaß gemacht! Wenn so die Vormittage losgehen, steckt der restliche Tag voller Energie.

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Illustrationen: Kreuzberger Schüler in
der gelben Villa (Sorry für die schlechte
Qualität, bald gibt's die neue Knipse)

Dienstag, 13. September 2011

Fußballdolmetscher die Zwote

Beim Dolmetschen geht's um Feinheiten. Und das englische "interpreter" kommt in der Tat vom Interpretieren.

Die Ruhr-Nachrichten geben heute unter dem Titel "Wenn der Dolmetscher die Aufstellung macht" folgendes Moment zum Besten:
Internationale Pressekonferenz vor dem Auftakt in die Königsklasse am Dienstagabend gegen den FC Arsenal. Klopp wird gefragt, wie denn die Chancen stehen würden, dass Sebastian Kehl (31), Dortmunds Kapitän, in die Startelf rutscht. Klopp, ganz Diplomat, antwortet, was alle Trainer auf der Welt geantwortet hätten: „Die Chance besteht.“ Kehl, der mit auf dem Podium neben seinem Trainer sitzt, grinst.
Dann ist der Dolmetscher am Zug, der für die englischen Kollegen übersetzen soll. „The chances“, sagt er, „are very high!“ Die Chancen seien also sehr hoch. Klopp stutzt, Kehls Grinsen wird immer breiter. Und die versammelten Journalisten, zumindest die Kollegen, die des Englischen und Deutschen mächtig sind, haben ihren Spaß.
(...) Klopp nahm den Übersetzungsfehler mit gewohnt trockenem Humor: „Der Kollege ist also kein Übersetzer, er interpretiert die Antworten!“
Schön, wie elegant das "abmoderiert" wurde.

Die "sportliche" Fortsetzung des Artikels hier.

Dolmetscherwitze VI

Im Post Scriptum des letzten bislang hier veröffentlichten Witzes über Sprache und/oder Sprachmittler bat ich um die Zusendung weiterer Witze für meine kleine Reihe. Hier kommt der erste Gastbeitrag. Merci beaucoup, Chantal !

Hilfe!                            .

Auf einem Segelboot befinden sich zwei Dolmetscher. Sie sind  ins Gespräch vertieft.
Der Seegang ist gering.
Doch in der Ferne zieht eine dichte Wolkenfront auf.

"Können Sie schwimmen?", fragt der eine den anderen.

"Nein", antwortet dieser, "aber dafür kann ich in sechs Sprachen 'Hilfe!' rufen!"
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Foto: C.E.

Montag, 12. September 2011

Messedolmetschen

Willkommen beim Arbeitstagebuch einer Französischdolmetscherin aus Berlin! Hier schreibe ich über unseren Berufsalltag, wobei ich typische Momente und Probleme herauszuheben versuche, in allen anderen Dingen bin ich an das Schweigegebot gehalten. Dabei fällt mir auch auf, wie sich Beruf und Berufseinstieg in den letzten Jahren verändert haben.

Die Autorin dieser Zeilen 2007 auf der Messe von 
La Rochelle inmitten der Auftraggeber
Letzte Woche ging in Berlin die Internationale Funkausstellung (IFA) zuende. Obwohl ich nicht dort war, habe ich das deutlich mitbekommen. Nahezu täglich klingelte das Telefon: Ob ich ins Englische/Italienische/Russische dolmetschen oder jemanden vorbeischicken könne? Ich alarmierte, sofern sich die Sache nicht schon erledigt hatte, die Netzwerkkollegen.

Denn meistens musste es von jetzt auf gleich sein, akuter Bedarf also. Das erleben wir manchmal, aber in so einer Häufung bei ein- und demselben Event ist das noch nie vorgekommen. War dieses Jahr mehr los auf der Messe? Oder hat das Internet die Arbeitsplanung noch mehr |versaut| verändert, wo ständiges Online-Sein so manchem suggeriert, alles sofort und überall bekommen zu können?

Ich denke, es rächt sich hier vor allem die Geiz-ist-geil-Mentalität. Die Gesprächspartner auf der Messe merken, dass sie mithilfe des angeheuerten Personals nur bedingt miteinander kommunizieren können. Hintergrund ist das Folgende: Was einst häufig Einstiegs- und Übungsjob für Dolmetscher war, als Messe- oder Standmitarbeiter die im Studium gelernten Fertigkeiten anzuwenden und zu verfestigen, wurde immer mehr zum Studentenjob nicht nur für künftige Sprachmittler. Oder aber es bieten auf Alltagsniveau mehrsprachige Menschen als "Nebenjob" Fähigkeiten an, die sie gar nicht haben.

Belege? Unten einige Anzeigen und Diskussionen, die ich in den letzten Wochen und Monaten gesammelt habe.
Ich kann Ihnen helfen bei Verstendigungsproblemen in 5 Sprachen als simultan Dolmetscherin – zum Beispiel bei Eigentümmerversamlung oder auch privat – Amtsgenge uä. Beherrsche Deutsch,Polnisch,Rusisch und etwas Katalan. Sie können mich über Handies erreichen mit die Nummern: XXX und SYZ (Frankreich/Nizza und Monaco)
Frage in einer Newsgroup:
Sind 12.5 € / Stunde für Dolmetscher-Studentenjob auf der Messe gut? ich hab mit bisschen mehr gerechnet, da ich auch das Fachwissen hab und es um meine 2 Muttersprachen handelt.. was meint ihr? hat schon wer gemacht?
Darauf kam die Antwort eines anderen Studenten:
ähm mein Freund rackert sich für schlappe 7 euro die Std mit körperlicher Arbeit ab also ich sag mal JA. Fürn stundenten geht das wirklich.
Ein anderer Leser stellte klar:
€12,50 ist ein bisschen mager für diese Aufgabe so ab € 15,00 ist üblich.
Und mit weiteren Vergleichen wurde auch nicht gegeizt:
ich bin für 4€/h für akkordarbeit arbeiten gegangen...ich würd mich um sowas reißen
Wir sehen den Vergleichsmaßstab und sind not amused (wobei manche Dienstleistung im Sprachensektor ja auch Züge von Akkordarbeit trägt).
Da ist nur zu hoffen, dass so mancher sprachliche Misserfolg auf der Messe die Geschäftswelt wieder dazu bringt, Berufsanfängern aus der Dolmetscher- und Übersetzerwelt eine Gelegenheit zum Einstieg in den Arbeitsalltag zu bieten.

Manche Kunden begleite ich auch heute noch auf Messen, das bedeutet dann hocheffizientes Arbeiten, viele Termine in kurzer Zeit. Während langer Monate, die ich (zusammengezählt) als Marketingbeauftragte eines Filmverbandes an Messeständen zugebracht habe, konnte ich mich darauf vorbereiten.

Messe Paris (zum Vergrößern Bild anklicken)
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Fotos: Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm,
C.E.

Sonntag, 11. September 2011

Komparativ



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Foto: C.E. (Im Südgelände war ich im
im Frühjahr schon mal: hier.)

Samstag, 10. September 2011

Gegen blabla

Wer wissen möchte, ob die eigenen Texte auf den Punkt geschrieben sind oder ob sie Füllworte enthalten, wie sie in der Werbung, schlechten Wirtschafts- oder Politiktexten vorkommen, der kann dies mit dem BlaBlaMeter tun. Der von Web-Entwickler Bernd Wurm aus Frankfurt/Main entwickelte Algorithmus hinter der Webseite prüft, in welchem Maße der Autor oder die Autorin der geprüften Zeilen zu den verbalen Schaumschlägern zählt oder nicht.

Wer das Bild anklickt, kommt zu den FAQs der Webseite

Die Anzahl der Füllwörter und Worthülsen wird mit der Länge des eingegebenen Textes verglichen, am Ende steht ein Bullshit-Index zwischen Null und Eins. (Es soll aber auch schon Ausreißer bis hin zum Faktor Zwei gegeben haben.) Außerdem auf der Don't-Liste: Der Nominalstil, auch bekannt als Kanzlei- oder Behördendeutsch. Danach wird das Geschriebene auf das Vorhandensein von einem oder mehreren von 60 Ausdrücken geprüft, die gerne zum Eindruckschinden verwendet werden, so zum Beispiel das Wort "effizient". Last but not least sind lange Worte und Schachtelsätze für Bernd Wurm ein Indikator für heiße Luft.

Meine Blogeinträge der letzten zwei Wochen liegen zwischen 0,1 (Balkonien) und 0,37 (der Ankündigungstext über den Produkttest eines "Taschendolmetschers"), die meisten Texte liegen im Feld zwischen 0,15 und 0,18, "nur geringe Hinweise auf 'Bullshit'-Deutsch". Ouf !

Der Test wird auch für die englische und spanische Sprache angeboten.

Das Testergebnis für den vorliegenden Text

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Illustrationen: BlaBlaMeter

Freitag, 9. September 2011

Welsche Nuss

Nein, die Wallnuss ist keine Berliner Spezialität, die mit der Berliner Mauer zusammenhängt. Das habe ich erst den Bruchteil einer Sekunde lang vermutet in einer Epoche, in der die Stadt immer touristischer wird, weshalb allen Berlinern der Begriff "Berlin Wall" geläufig ist ...

Gestern sah ich in Kreuzberg auf der Schiefertafel vor einem Restaurant und in den Auslagen eines Bäckers zwei Mal diese eigenwillige Schreibung.

Die Läden liegen 15 Meter auseinander, es ist denkbar, dass die Bäckerin sich vom griechischen Koch inspirieren ließ.

Die Enzyklopäden meinen, dass der Begriff Walnuss aus dem Französischen oder Italienischen ins Deutsche gekommen sein könnte. Wikipedia zitiert das Buch "Die deutschen Pflanzen- und Tiernamen: Deutung und sprachliche Ordnung" von Helmut Carl, aus dem hervorgeht, dass der Name möglicherweise auf "welsche Nuss" zurückgeht.

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Fotos: C.E., hier gibt's Walnussrezepte.

Donnerstag, 8. September 2011

Qualitätsfragen

Dieser Tage höre ich mir diverse Aufzeichnungen von Konferenzen an, die verdolmetscht worden sind, und denke über Qualitätsstandards nach. Dabei fällt zunächst auf, dass die Qualität des Dolmetscheroutputs grundsätzlich vom Input abhängt, also von dem, was der Redner/die Rednerin von sich gibt. Hier gibt es, wie jeder weiß, der bei derlei Übungen aufmerksam hinhört, erhebliche Unterschiede. Eigentlich können wir Dolmetscher mit unserer Performance nie besser sein als der Originalton (O-Ton), denn wir sind ja gehalten, genau das wiederzugeben, was wir hören.

Ohne Kabine mit mobilem Flüstersystem
Einmal verfolge ich einen kreuzschlechten Sprecher, der hörbar seine Gedanken zusammensucht, sortiert und sie nur zögerlich formuliert. Was die Kabine verlässt, mutet indes fast literarisch an. Da wir ja gehalten sind, exakt wiederzugeben, was wir hören, ist das theoretisch leider ein Fehler, selbst wenn jene, die dem Dolmetscher zuhören, diesen Fehler sicher sehr schätzen.

Kleinere Glättungs- und Straffungsarbeiten gehören allerdings zum Alltag und werden nicht gleich als Verstoß gegen die ehernen Regeln des |Mundwerks| Handwerks verstanden. So erhielt ich erst zu Beginn des Sommers wieder das — der geneigte Leser begreift nun der Worte ganzes Ausmaß — leicht fragwürdige Kompliment, meine Verdolmetschung sei so glasklar und die Argumente schlicht und überzeugend gewesen, während die geneigte Zuhörerschaft, die mit dem O-Ton Vorlieb nehmen musste, diesen Aspekt des Vortrags bei der Auswertung deutlich weniger hervorhob.

Zu meiner Entschuldigung darf ich hier noch vorbringen, dass es im Rahmen einer Fortbildung geschah, als nämlich am Ende die Ergebnisse diverser Arbeitsgruppen zusammengetragen wurden, und dass ich schon zwischendurch hin und wieder dieser binationalen, dreisprachigen Gruppe verbal weitergeholfen hatte. Ich konnte also gar nicht mehr kompliziert werden.

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Foto: C.E.

Mittwoch, 7. September 2011

Mit Worten spielen

Willkommen auf der Seite einer Französischdolmetscherin aus Berlin. Hier können Sie Einblicke nehmen in unseren Alltag. Dieses Arbeitsjournal ist aber auch der Ort, an dem ich nach anstrengenden Einsätzen über das Material unserer Arbeit nachdenke, die Sprache. Dieses Nachdenken kann sehr privat sein.

Onomatopoetisch, dieses Wort kannte ich schon mit sieben Lenzen. Ich fand es so schön ...poetisch, und ich wusste, dass splash und "platsch" gute Beispiele dafür sind. Oft zeichnet sich eine spielerische Lust an Sprache schon bei den ganz Kleinen ab. The big hippopotamus stuck in the door, eine Zeile aus einem Gedicht über die Arche Noah, fällt mir jetzt wieder ein, weil der weltbeste Patensohn die englischen Bezeichnungen für Tiere in der Schule lernt.

Internet sei Dank können wir das gleich nachlesen. Nicht dort wiedergefunden habe ich das herrliche Gedicht über die Rokokokommode, der aus Gründen, die ich vergessen habe, ein O nach dem anderen verlorengeht, am Ende ist es nur noch eine Rkkkmmde. (Kennt das außer mir jemand?) Das ist zwar alles andere als lautmalerisch im ersten Wortsinne, aber Ausnahmen helfen auch, Regeln zu verstehen.

Gestern stolperten wir über das amerikanische hodgepodge, zu Deutsch "der Mischmasch". Mischmasch und Durcheinander heißt auf Französisch pêle-mêle, micmac oder méli-mélo, das klingt auch alles super.

Wir haben weitergemacht mit "durcheinanderigem" Essen (O-Ton Patensohn) und Kochrezepten für Hoppelpoppel, Scheiterhaufen, Ratatouille ... und landeten bei Gerichten mit merkwürdigen Namen: verlorene Eier, pain perdu und was derlei mehr ist. Letzteres heißt wörtlich übersetzt "verlorenes Brot", auf Deutsch ist das der "Arme Ritter", der im Kochbuch seinen ewigen Begleiter hat: den kalten Hund.
(Ergänzungsvorschläge und Rezepte sind auch willkommen!)

Wir hatten einen sehr lustigen Abend.

Dienstag, 6. September 2011

papivore

Bonjour! Sie sind auf einer Seite des Arbeitstagebuch einer Übersetzerin und Dolmetscherin für die französische Sprache gelandet, die vorwiegend in Berlin, oft aber auch in München, Hamburg, Paris, Cannes oder Marseille für Kunden aus Wirtschaft, Politik und Kultur tätig wird. Hier können Sie Einblicke in die Vielfalt der Sprachmittlerberufe nehmen. Dabei werden die beschriebenen Momente mit größter Sorgfalt so redigiert, dass Arbeitssituation und Auftraggeber nicht mehr erkannt werden können.

Letztens chattete ich mit einem jungen Mann, der in Jena lebt und von dem ich weiß, dass er Dolmetscher werden möchte. Er äußerte nebenbei, dass er ungern lese. Das ist keine gute Voraussetzung für diesen Beruf.

Dolmetscher müssen papivore sein, schönes französisches Wort, analog zu carnivore gebildet, "fleischfressend". Und mit papi- ist weder der "Daddy" noch der auf Französisch le papi heißende "Opi" gemeint, sondern le papier.

Menno!, würde jetzt der weltbeste Patensohn sagen, menno, jetzt hab ich die Pointe vermasselt, denn dieses Wortspiel hätte auch la chute ("Umkehrung", "Ende" und eben auch "Pointe") eines bitterbösen Textes über diverse liebe unlautere Konkurrentinnen auf meinem Weg über Studium, Journalismus und Kulturmanagement hin zum Dolmetschen sein können, die nicht davor zurückschreck(t)en, sich trotz moderner Zeiten zwecks Förderung der eigenen Karriere ... naja, für die andere papivore-Variante entschied, die mit dem sugar daddy. Nun sind die letzten |20| gefühlten zwölf Jahre nicht spurlos an uns vorübergegangen, da sollte die eine oder andere hinzugelernt haben. Mit Entsetzen ließ ich mir indes neulich zutragen, dass wieder ein fesches junges Weib (meiner Generation halt) aus Karrieregründen, hm, nun, die nächste Variante von le papi. Die Generation unserer Väter ist ja zumeist in den Großvaterstand vorgerückt.

Manchmal haben schon die Kleinsten
die Gesten der Alten drauf
Wie Sie sehen/Du siehst, schnitze ich heute meine Sätze weder sprachlich noch grammatisch restlos fertig, die Nebengedanken dürfen sich die Leser selbst machen, und so wäre es auch zu viel verlangt gewesen, dazu ein lustiges, nettes, launisches Textchen zu fabrizieren, das schön stringent und gebildet auf nämliche Pointe zusteuert. Denn bei diesem Thema bleibt mir das Lachen im Halse stecken. Da bin ich nicht mehr nett und lustig. Demnächst aus der Distanz vielleicht an dieser Stelle mehr über besondere "französische Verführungskünste", die seit DSK (wie die Franzosen Strauss-Kahn immer abkürzen) nicht nur unter französischen Frauen wieder heiß diskutiert werden.

Nein, mein Eintrag heute ist auch kein galliger, blaustrumpfiger Emanzentext, sondern das Verweigern jeglichen Feuilletons in dieser wichtigen Thematik. (Feuilleton bedeutet laut Karl Kraus auf einer Glatze Locken zu drehen, da ist der Opa ja schon wieder!)

Es muss noch mehr Licht ins (gar zu feudale) Dunkel gebracht werden! Und La chute, siehe oben, war übrigens auch der französische Filmtitel für den deutschen Film "Der Untergang". Das mal so nebenbei. Möge dieses alte, auf die Ausnutzung sexueller Unterschiede basierende System bald untergehen!

In der Zwischenzeit fangen wir, und ich spreche jetzt für einige aus sich selbst heraus erfolgreiche Frauen meiner Generation, schon mal mit dem Ändern an, mit einer möglichst nicht geschlechtsorientierten, dafür auf den Werten der Menschenrechte basierenden Erziehung der Söhne und Töchter bzw. der kleinen 'angeliebten Familienmitglieder', getreu dem afrikanischen Sprichwort: Es braucht nur zwei Menschen, um ein Kind zu zeugen, aber ein ganzes Dorf, um es großzuziehen.

Montag, 5. September 2011

Parallele

Wer Übersetzungen in Auftrag geben möchte, sollte sich zuvor seine Erinnerungen an den letzten Autokauf wachrufen. Billige Autos sind meistens Schrott, eine Panne und Folgekosten sind programmiert.

Dann sind da noch Oldtimer. Sie sind oft besonders schöne Beweise alter Handwerks- und früher Industriekünste, dafür kosten sie mehr in Sachen Energie und Instandhaltung. Die Beschaffung nötiger Ersatzteile ist manchmal kompliziert. Das gilt auch für historische Stoffe, die verfilmt werden sollen. Die zu übersetzen dauert wegen aufwändiger Recherche meist länger.

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Foto: C.E.

Sonntag, 4. September 2011

Schäfchenweide

In diesem Jahr und in unseren Breiten ist dieser Sommerhimmel eine Publikation wert. Sonntagsfoto!

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Foto: C.E.

Samstag, 3. September 2011

Mir kennet elles

Die genialste Werbung des Schwabenländles vor x Jahren wir: "Wir können alles, außer Hochdeutsch" (Mir kennet elles ausr Hochdeitsch).

Und für Flugreisende einer Berliner Fluggesellschaft gab's neulich sogar die Verdolmetschung der Sicherheitshinweise bei der Ankunft in Stuttgart ...




Für den Fall auftretender Sprachprobleme: Wörterbuch hier.
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Film: gefunden bei YouTube

Freitag, 2. September 2011

Nuklear

gesehen in Marseille
Eins hab ich nie richtig verstanden an meiner Wahlheimat: die in Frankreich sehr weit verbreitete unkritische Haltung dem Nuklearen gegenüber.

Mit Grausen erinnere ich mich an die TV-Elefantenrunde zwischen Nicolas Sarkozy und Ségolène Royale im letzten Wahlkampf ums Präsidentenamt, wo beide nach der Atomenergie gefragt wurden und ähnlich unrealistische Zahlen zur "friedlichen Nutzung des Atoms" brachten — "irgendwas im Bereich von 20 %" sagte sie und er fiel mit gestrenger Mine ein: Non, Madame, c'est 35 % ! (Zahlen aus der Erinnerung wiedergegeben, sie spiegeln nur die Größenordnungen wider.)

In Wirklichkeit sind es erschreckende knapp 80 %, denn in Frankreich gibt es so viele Kernkraftwerke wie sonst nirgendwo in Europa. Nach Fukushima wächst auch in Frankreich die kritische Haltung an dieser gefährlichen Art der Energiegewinnung.

Noch findet man dort Schilder wie dieses hier von einer Zeitarbeitsfirma. Und ja, Arte brachte vor einiger Zeit dazu einen Film von Alain de Halleux, der auf Französisch "R.A.S. nucléaire, rien à signaler" heißt (*), aus dem hervorging, dass ein Großteil der Wartungskräfte in Frankreich wandernde Zeitarbeiter sind. (Leider war der Film zweisprachig nur sieben Tage im Netz sichtbar, ich hätte ihn gerne für meine Vokabellisten ausgewertet.)

Ich bin mal gespannt, wie sich die Dinge entwickeln. Und über die Ursachen der grundlegend technikeuphorischen Geisteshaltung vieler Franzosen werde ich weiter nachdenken.


(*) etwa: "Nukleares, nichts zu vermelden", bei Arte unter "Alles im Griff? —Arbeiten im Atomkraftwerk" ausgestrahlt. Hinter dem französischen Titel verbirgt sich das Datenblatt in deutscher Sprache des DVD-Händlers, der den Film in der Originalfassung vertreibt. Hier die französischsprachige Arte-Ankündigung des Films. Auf Deutsch gibt's den Film (unter dem deutschen Titel) derzeit bei YouTube.
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Foto: C.E.

Donnerstag, 1. September 2011

Drehbücher übersetzen

Heute hatte ich wieder zwei Kostenvoranschläge für Drehbücher in der Mache. Ich liebe es, Drehbücher von einer in die andere Sprache zu übertragen, auch wenn mir das immer viel Disziplin abverlangt.

Als Übersetzerin habe ich fast ich einen nine to one-job, genauer: ich übersetze von 8.30 bis 13.30 Uhr. Ich bin nach Stundenplan kreativ, was mich viel Konditionierungsarbeit gekostet hat.

Ein durchschnittliches Drehbuch ist 100 Seiten oder 110.000 Anschläge lang. Die Übersetzung macht stunden- und wochenlanges Sitzen notwendig. Die ersten Tage merke ich dabei immer, dass ich eigentlich ein motorischer und kommunikativer Typ bin. Wenn ich erstmal drin bin, entsteht der Flow jeden Morgen, sobald ich mich an den Schreibtisch setze.

Dolmetschen beim Dokumentarfilmdreh
Ich liebe das Schreiben, bin fast eine Art Schreibjunkie, daher geht's morgens immer beizeiten los, ich arbeite dann konzentriert bis zum frühen Nachmittag. Dabei korrigiere ich auch immer selbst, was ich am Vortag übersetzt habe. Nach zehn Tagen steht die Rohfassung.

Danach nehme ich Abstand und das Buch wandert zu einer Kollegin, mit der ich Lektorate tausche. Anschließend arbeite ich mich an den Notizen der Kollegin ab, das ist das Schleifen, was wieder einige Tage lang dauert. Je weiter ich vorankomme, desto öfter lese ich Passagen laut. Am Ende lese ich das Buch noch einige Male laut, bis es so klingt, als wäre es auf Deutsch geschrieben.

Insgesamt brauche ich so für eine durchschnittliche Übersetzung drei Wochen. Die Bücher ringe ich mir selbst ab, es ist harte Arbeit, auch wenn ich das Schreiben so liebe, dass ich ohne diese Tätigkeit gar nicht mehr leben könnte. Aber auch das Schreiben nach einer Vorlage, die Reproduktion von Bestehendem in einem anderen Idiom und möglicherweise mit anderen kulturellen Konnotationen, ist kreative Arbeit, und die geschieht eben weder en passant noch als nine to five job.

Dass ich ebenso kontrolliert wie konzentriert kreativ sein kann, liegt ebenso an der Erfahrung wie am Studium. Diesen Etappen verdanke ich Wissen und Methodik. Wichtig ist auch mein einstiges Training als Radiojournalistin, damals lernte ich "mit den Ohren" zu schreiben. Und bei meinen Ausgangstexten kenne ich nur bei Argot oder anderen Soziolekten Verständigungsschwierigkeiten. Damit ich diese Stolperer nicht wiederhole, notiere ich mir viel und lerne die Begriffe dann nachmittags und in den Wochen zwischen den Einsätzen. Mein Französisch wächst täglich ... und verfestigt sich in der Nacht. Ich habe in Frankreich studiert und träume meistens auf Französisch, da ich vor dem Schlafengehen gern französische Bücher lese oder französischsprachige Radiosendungen höre.

Regelmäßig muss ich raus an den Set oder in die Kabine oder auf Delegationsreise, denn so viel im heimischen Büro zu hocken tut mir nicht gut.

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Foto: Peter Elias