Donnerstag, 30. Juni 2011

geballte Fäuste

Andre Länder, andre Sitten, das Sprichwort kennt wohl jede(r). Ich ergänze: Andre Sprachen, andre Bilder.

Neulich sah ich die kleine Frida so süß im Schatten einer gelben Markise in der Kinderkarre schlafen, da fielen mir ihre Fäustchen ins Auge, die waren so fest geballt, als wollte sie gleich loskämpfen.

"Seine Fäuste ballen" heißt auf Französisch serrer oder fermer les poings. Und dormir à poings fermés, ist also wörtlich übersetzt 'mit geschlossenen/geballten Fäusten schlafen'. Die Redewendung bedeutet aber ganz unkämpferisch einfach nur "tief und fest schlafen".

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Foto: C.E.

Mittwoch, 29. Juni 2011

Für Togo

Hier schreibe ich als Übersetzerin und Dolmetscherin für die französische Sprache über das, was ich im Beruf erlebe, aber auch darüber, was mir im Alltag auffällt. Auch wenn meine Fachgebiete Medien, Film, Gesellschaft, Kulturwirtschaft und Politik sind, so beschäftigt mich eines immer wieder besonders: Das Ar­beits­ma­te­ri­al, die Sprache.

In Berlin-Kreuzberg
"Kaff Togo oda für hier?", fragt der Mann mit leichtem türkischem Akzent, als ich meine aufsteigende Nach­mit­tags­müdigkeit mit etwas Cof­fe­in bekämpfen will. Dass er die norddeutsch an­mu­ten­de Abkürzung für Kaffee ver­wen­det, ist in Ber­lin schon ein wenig irritierend, dass sich aber noch immer nicht he­rum­ge­spro­chen hat, dass im afrikanischen Togo kein Kaf­fee angebaut wird, sage ich jetzt nicht. In Togo ist es ist zu heiß und zu feucht für Kaffeeanbau.

Überhaupt finde ich die Inflation des togolesischen Türkentranks ein wenig er­schreckend. Den hatte ich in den 1990-er Jahren in den USA kennengelernt, wo der COFFEE ja auch sehr oft TOGO ist, obwohl die Amis ihren Kaffee ja zu 90% aus Ko­lum­bien und Brasilien beziehen sollen. Böse Zungen übersetzen Kaffee Togo auch als Kaffee "zum Davonlaufen“. Nein, keine Qualitätskritik. Monsieur, ich hätte doch Liberté. Hä? (Tein ist auch Coffein.)

Alles unklar heute?

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Foto: C.E. (Nicht mit dem Ort des Geschehens
identisch)

Dienstag, 28. Juni 2011

Klärung

Bonjour ! Sie haben das Arbeitstagebuch einer Französischdolmetscherin und Übersetzerin mit Wohnort Berlin und Einsätzen und unterschiedlichen Arbeits­orten wie Paris, Cannes, Marseille, Hamburg, München usw. aufgeschlagen. Was und wie wir arbeiten, geschieht meist außerhalb des Gesichtsfeldes der Öffent­lich­keit. Auch, um möglichem Nachwuchs die Berufswahl zu erleichtern, gewähre ich hier kleine Einblicke in unsere Berufswirklichkeit.

Oft erleben wir Einsätze, die ziemlich technisch geraten. Das, was wir ver­dolmetschen müssen, steckt voller Fach­termini, und die Sachverhalte sind komplex. Einige Wochen vor dem Termin erhalten wir üblicherweise dazu Material, so dass wir uns einlesen und Vokabellisten erstellen konnten.
Dann lernen wir Dolmetscher für bilaterale Einsätze  in denen es aus beiden Sprachen in beide Sprachen geht — Vokabeln. Nach dem Lernen kommt das Üben, geht es doch darum, aus dem frisch übergestreiften, passiven Wortschatz einen arbeitsfesten, aktiven zu machen.

Später, im Einsatz, sind Vokabelzettel und Notizblock immer in Reichweite und werden auch benutzt, zum Beispiel bei Abkürzungen. Die Arbeit ist anstrengend. Ich höre "mit" bei dem was ich sage, aber diese Kontrolle ist formaler Art: Gab es einen Punkt am Ende? Passt das Verb zum Rest des Satzes? usw. Alle Energie geht in die Spracharbeit und es fehlt an Kraft, um den eigenen output aus der nötigen Distanz kritisch zu durchleuchten. Wie gut ich die Fachtermini wirklich beherrsche, erschließt sich mir nur aus den Antworten und den Rückfragen.

Neulich, auf Delegationsreise, stellte einer der Verantwortlichen besonders viele Rückfragen. In den kurzen Arbeitspausen blitzt mir eine Frage ins Hirn: Wollte er es besonders genau wissen, oder hat sich ein Fehler eingeschlichen in meine Lexik? Das ist eine gute und zugleich gefährliche Frage. Denn in diesem Augenblick hebt die Selbstkritik an. In der Situation als Solo-Dolmetscherin, die eine Delega­tion begleitet, fehlt jegliche kritische Distanz zur eigenen Arbeit, ich habe nicht einmal den Schutzraum einer Dolmetscherkabine, und auch eine Kollegin für feed back ist dieses Mal eben auch nicht an meiner Seite.

Selbstzweifel sind eine Mühle, deren Betrieb viel Energie abzieht, also trete ich die Flucht nach vorn an und frage in einer kleinen Pause mal möglichst beiläufig einen meiner französischen Kunden: "Und, ist alles verständlich?" Die Antwort folgt auf dem Fuße: "Tja, das ist doch alles recht technisch, meine Deutsch­kenntnisse aus der Schule helfen da wirklich nicht weiter!"

Super. Das war mal wieder die richtige Antwort, nämlich die falsche; auf diese Sprache hatte sich meine Frage gar nicht bezogen.

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Foto: C.E.

Montag, 27. Juni 2011

Fünf Prozent

William Wires malt Kreuzberg
"Die letzten fünf Prozent sind immer entscheidend", sagt Maler William Wires, als er am frühen Mittag am Kottbusser Damm sein Vormittagswerk beendet. Vor jedem Pinselstrich denkt er lange nach, betrachtet sein Bild, vergleicht es mit dem Original. Er steht einfach da, und für einen unwissenden Beobachter sieht es so aus, als geschähe gar nichts.
Dann setzt er hier etwas Licht, dort vertieft er Schatten oder verbessert einer Fläche.

Interessant, dass es uns literarischen Übersetzern genauso geht. Letztens hatte ich mich ja bereits vom Pareto-Prinzip distanziert, das möglicherweise in anderen Arbeitsbereichen angewendet werden kann.

Beim Übersetzen von Drehbüchern sind die letzten Schritte immer unglaublich zeitaufwändig, und dieser Zeitaufwand ist für Außenstehende oft nicht ersichtlich. Für Mitarbeiter von Filmproduktionsfirmen: Übersetzen hat viel mit Produktionsleitung gemein. Wenn es nicht gut gemacht ist, fällt es allen auf; verläuft alles reibungslos bzw. liest sich das Buch, ohne dass Rhythmus-, Wortwahl- und Grammatikprobleme auffallen, scheint das ein Ding der Selbstverständlichkeit zu sein. Ich ergänze: Für Maler, die realistisch arbeiten, gilt das mit den aufwändigen, für Außenstehende oft nicht verständlichen, letzten Handgriffen auch.

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Foto: C.E.

Gefahr

Dolmetschen war einst ein sehr gefährlicher Beruf. Folgende Begebenheit erzählte mir letzte Woche ein Kunde.

Churchill und Stalin treffen sich zu einem Gespräch. Sie unterhalten sich länger, es wird Abend, dann Nacht, man isst und trinkt zusammen, auch einen über den Durst, redet Tacheles.

Am nächsten Morgen sehen sie sich wieder. Churchill fragt Stalin besorgt: "Und der Dolmetscher? Weiß er jetzt nicht zu viel? Wird er schweigen?"

Darauf Stalin: "Keine Sorge, wir haben den Dolmetscher letzte Nacht exekutiert."

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Dolmetschen ist für manche bis heute lebensgefährlich. 
Reporters sans frontières führt auch eine Liste der in
Kriegsgebieten im Einsatz ermordeten Kollegen.

Merci beaucoup, Monsieur Weill, pour l'anecdote !

Sonntag, 26. Juni 2011

Im Kino

Ein Bretterverschlag aus Bauholz mit Fenster und Gardine, innen mit Teppichboden ausgekleidet, dazu ein Pustefix mit Kippschälterchen für die (laute) Lüftung, eine Tischplatte mit Dolmetschtechnik und Licht, ein Stuhl, ein Monitor für den Bildschirm in Kino 2, falls aus dem mal was zu verdolmetschen ist — so sieht ein Berliner Arbeitsplatz von Filmdolmetschern aus. Plus Merkzettel ... den habe ich irgendwann zu Beginn des letzten Jahrzehnts bei einer sehr ausführlichen Maurice Pialat-Retrospektive dort hingehängt und freue mich jedes Mal, ihn dort wieder vorzufinden.


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Fotos: C.E.

Samstag, 25. Juni 2011

Gruppendolmetscher

Wer beide Sprachen exzellent spricht, keine Kinder- oder Teenagerallergie hat, am besten auch über Erfahrung als Mitarbeiter im Jugendfreizeitbereich verfügt und sich auch noch für Dolmetschen interessiert, der/die kann selbst ausprobieren, ob das was ist für sie/ihn, und zwar hier: dfjw/ofaj.


Diese vom deutsch-französischen Jugendwerk geförderten Seminare bilden dazu weiter, als Gruppendolmetscher/Teamer in der Jugendarbeit sprachmittelnd tätig zu sein ... und natürlich kann das kein Studium ersetzen! Ist eher ein Schnupperkurs, der aber einen realistischen Eindruck vermittelt. Ich war 1988 in Nürnberg dabei und kann den Kurs wärmstens empfehlen, durch ihn ging ich selbst danach in Richtung Dolmetschen.

Freitag, 24. Juni 2011

Wort und Klang

Referenzen, letzter Teil. Der Text von gestern wird nachgetragen, wenn es mir die Arbeitsrhythmen erlauben.

Zum Dolmetschen kam ich, weil ich über Interferenzen nachdachte. Ich war auf dem Weg zur spät erworbenen Zweisprachigkeit und merkte, wie immer wieder das andere Idiom in den jeweils einen Sprachfluss 'reinfunkte', wenn ich sprach. Ich wollte der Sache auf den Grund gehen und mir außerdem in Ruhe ansehen, womit ich in den hektischen Mauerfall- und Wendejahren als Studentin von einem Tag auf den anderen begonnen hatte: Kulturvermittlung mit Sprache als Grundlage.

In einem ersten Schritt stieß ich auf Wissenschaftler, die es als größte Leistung Zwei­spra­chi­ger darstellten, die beiden Sprachen nicht zu vermischen. Kritische Stimmen über Zweisprachigkeit waren zu hören, dass es die geistige Energie vermindere zum Beispiel, weil doch jedes Wort auch gleich noch seine Zusatzinformation mitbringen müsse, zu welchem Idiom dieser oder jener Begriff denn nun gehöre. Die Forscher meinten Vokabeln wie im Fall meiner Sprachkombination hier für auf Deutsch "hier und jetzt", in der gleichen Schreibung heißt auf Französisch hier aber "gestern". Ein anderes Beispiel wäre rat, auf Deutsch ein konjugiertes Verb : "rat' mal", auf Französisch das Substantiv le rat für "Ratte".

Ich hörte mir die Theorien an und zog weiter, in Richtung Dolmetschabteilung der Humboldt-Universität eben, denn mir schien das zu verkopft, eine Projektion einsprachiger Wissenschaftler auf die mehrsprachige Welt zu sein. Bei den Interferenzen störten vielmehr grammatische Strukturen, Rhythmen, die in der einen Sprache so, in der anderen aber ganz anders klingen, was nicht in Übereinstimmung zu bringen war und was mich manchmal fast körperlich geschmerzt hat.

Nun hat ScienceDaily dem Thema Zweisprachigkeit einen kurzen Betrag gewidmet und dabei festgestellt, dass Forscher neuerdings herausgefunden hätten, dass Zweisprachigkeit "no big deal for the brain" sei. Der Psycholinguist Mike Vitevitch aus Kansas nannte die "den Worten innewohnende Eigenschaft des Klangs als ausreichend großen Informationsträger darüber, zu welcher Sprache ein Wort gehört." Die Idee mit der (leistungsschwächenden) Verkupplung mit Sekundärinformationen gilt damit als verworfen.

Meine Rede! Nicht die Vokabeln sind das Problem, denn ich nehme die gleich aussehenden, aber komplett anders klingenden Worte als das wahr, was sie sind: zwei unterschiedliche Worte. Das geschieht allein durch Klang und Gebrauch, also den Kontext. Es ist genauso wie mit gleich geschriebenen Eigennamen in den verschiedenen Sprachen, die ich auch als zwei Namen wahrnehme, weil sie wie im Fall von "Anne" und "Anne" (hier fehlt die Phonetiktastatur) zwei unterschiedliche Personen bezeichnen.

Und während ich darüber nachdenke, merke ich, dass ich sogar in ein- und derselben Sprache gleiche Eigennamen bei unterschiedlichen Personen anders wahrnehme, je nachdem, auf welchen Träger sie sich beziehen. Ich habe mich schon sehr gewundert, als in meinem Umfeld mal jemand feststellte, dass der Cutter mit den raspelkurzen Haaren und der Kulturwissenschaftler aus der Kantine doch den gleichen Namen hätten ....

Es sind also die Klänge der jeweiligen Sprachen und der Kontext, in denen die Begriffe aufgerufen werden, die uns Gleichgeschriebenes unterscheiden lassen, und das mühelos.


Programmhinweis (leider erst sehr spät entdeckt):
Lieber Deutschlandfunk, bitte wiederholen Sie diese Sendung und/oder veröffentlichen Sie das Manuskript! Vorab vielen Dank!
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Foto "the": C.E. Seit wann schreiben Engländer Fraktur?
Keine Angst, die Buchstaben stammen aus "Apotheke".
Ein Wort, dem Kontext entrissen ...

Mittwoch, 22. Juni 2011

Dolmetschen und Übersetzen

Diese Woche sind alle Einträge des Blogs einer Berliner Französischdolmetscherin und literarischen Übersetzerin einem einzigen Thema gewidmet: Referenzen.

Hm, ich wurde um Referenzen gebeten. Und Klappern gehört wohl zum |Hand|Mundwerk, daher heute nur drei kurze Sätze. Die Langfassungen auf LinkedIn oder gern auch auf Anfrage.

“Caroline Elias ist die beste Deutsch- und Französischdolmetscherin für Film und Medien, die ich je in Aktion erleben durfte." Donat F. Keusch, Produzent,
DFK FILMS LTD.

"Sie zeichnet sich durch profunde und detaillierte Kenntnis der Kulturen Frankreichs und Deutschlands aus." Régis Présent-Griot, Redakteur und Herausgeber,
La Gazette de Berlin

“Caroline ist eine hochgradig professionelle, kompetente und talentierte Dolmetscherin und Filmkennerin." Rose-Marie Couture, Production Executive,
Road Movies

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Foto: privat

Dienstag, 21. Juni 2011

Geschichte und Musik

Diese Woche widme ich mich in meinem öffentlich geführten Arbeitstagebuch als Übersetzerin und Dolmetscherin dem Thema "Referenzen". Weiter geht's mit Geschichte und Musik.

Mein Sprachberuf beeinflusst auch das Privatleben, denn um gut zu sein, muss ich meine Arbeitssprachen täglich pflegen. Also gehe ich abends oft ins Kino (oder in die gutsortierte Videothek) und sehe französischsprachige Filme. In Berlin gibt's sogar französisches und englisches Theater, außerdem zahlreiche französischsprachige Konferenzen, Stammtische, Freundeskreise, Alumni-Clubs und Abende am Molkenmarkt in den Räumen des deutsch-französischen Jugendwerks. Jeden Werktag (außer in der Sommerpause) gibt es in Berlin irgendwo mindestens ein französischsprachiges Ereignis, an manchen Tagen stehen sogar mehrere zur Auswahl, so dass ich manchmal erst zur Konferenz gehe und mir dann noch einen Absacker beim Stammtisch genehmige.

RFI-Hörerclub
Berlin ist auf dem besten Weg, eine französische Stadt zu werden. Grund dafür ist auch die unerfreuliche Tatsache, dass es in Paris immer schwieriger wird, einen normalen Alltag zu leben, was schlicht mit bezahlbarem Wohnraum losgeht. So erlebt die französischsprachige "Community" Berlins derzeit den stärksten Zuzug von Franzosen seit dem Widerruf des Toleranzedikts von Nantes durch Ludwig XIV. (1685), in dessen Folge sich in Berlin und Brandenburg viele Hugenotten ansiedelten.

Heute fliehen gerade viele junge Franzosen aus einer Gesellschaft, die ihnen oft versteinert vorkommt. Berlin sei so viel offener, durchlässiger und neugieriger auf das, was sie mitbringen, höre ich immer wieder. Oft ist der Zuzug nur auf Zeit. Gerade unter bildenden Künstlern gehörten ein bis drei Berliner Jahre inzwischen zu einer anerkannten Biografie, bestätigte mir ein Pariser Kunsthändler bei 48 Stunden Neukölln meine Vermutungen. Und für die Franzosen gilt, was auch für die Deutschen gilt: Berlin ist das Atelier, verkauft wird woanders.

Als Übersetzer und Dolmetscher bekommen wir das übrigens auch schlicht und ergreifend darüber mit, was im (virtuell werdenden) Büro angefragt wird: Übersetzung und Beurkundung von Ausweisen, Ehefähigkeitszeugnissen und Kaufverträgen von Wohnungen, die wir allerdings an eine Fachübersetzerin für Juristisches aus dem Netzwerk weiterleiten. Denn so manche(r) findet in Deutschland seine bessere Hälfte und richtet sich hier häuslich ein ...

Diese neuen Deutschfranzosen sind also aus ganz praktischen Gründen auf die Schienen des Deutschfranzösischen gelangt, sie haben die Kultur nicht "inhaliert", die noch meine Generation der Kriegsnachgeborenen geprägt hat: Die Kultur der Wiederannäherung nach "WW2", wie anglophone Menschen sagen, die Völkerverständigung mit dem einstigen "Erbfeind", die Frühzeit der deutsch-französischen Beziehungen, die unsere Lehrer mit begründet hatten.

Tandem Berlin
Das wurde mir letztens bei einem deutsch-französischen Stammtisch deutlich. Ich spreche mit Julien, der meine Generation ist, und zwei Endzwanzigern. Was einst für Pariser Salons galt, hat heute in Berlin nichts von seiner Aktualität verloren: Es ist chic, sich mit knappen, an Aphorismen erinnernden Worten vorzustellen, die Witz und esprit beweisen. Bislang hat bei mir der die Situation vereinfachende Satz ganz gut funktioniert: "Meine Familie ist seit Generationen ziemlich kosmopolitisch, und meine Eltern haben sich in Göttingen kennengelernt." Meine Vorfahren waren mehrsprachig und betrieben ihr Handelsunternehmen über mehrere Ländergrenzen hinweg; und "Göttingen", das Lied von Barbara, verweist auf eben diese Grundlagen der deutsch-französischen Freundschaft nach dem Zweiten Weltkrieg.
Dieses Mal aber sitze ich Leuten gegenüber, denen ich erklären muss, was das Lied von 1968 für Frankreich bedeutet hat. Hier ist es, leider "nur" mit französischen Untertiteln:




Und noch einige der Netzwerke:
Connection emploi, die deutsch-französische Jobbörse bzw. auf XING
Tandem Berlin, deutsch-französischer Stammtisch
Hörerclub von RFI Berlin (meistens französischsprachige Events)
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Illustrationen: C.E. und Tandem Berlin

Montag, 20. Juni 2011

Profile und Orte

Diese Woche widme ich mich in diesem öffentlich geführten Logbuch von den Arbeitsplätzen einer Übersetzerin und Dolmetscherin dem Thema "Referenzen". Los geht's mit Profilen und Arbeitsorten.

Ein Dolmetscher ist ein Dolmetscher ist ein Dolmetscher (und unterscheidet sich von seinen Kollegen durch Sprachkombination und Interessensgebiete). Ein literarischer Übersetzer ist ein literarischer Übersetzer und ein Fachübersetzer für Kulturwirtschaft ist kein Fachübersetzer für Informatik. Ein Übersetzer von Urkunden und Firmenkorrespondenz ist nochmal was anderes, obwohl das viele Kollegen (gerade in den ersten Berufsjahren) nebenher auch noch erledigen. 

Ja, es tut mir leid, dass mein Berufsstand auf viele Menschen so verwirrend wirkt, aber es sind die gleichen Menschen, die sich detailliert damit auseinandersetzen, ob sie nun zu einem Arzt der Inneren Medizin, zu einem Augenarzt oder einem Ohrenarzt gehen sollten. Und die, bevor sie das Haus verlassen, in der Regel telefonisch einen Termin ausmachen.

Klingelbrett (verfremdet)
Heute Nachmittag, ich sitze in ein Drehbuch vertieft, um einen Kostenvoranschlag zu erstellen, klingelt das Mobiltelefon. Eine männliche Stimme ist dran: "Ich bin vor Ihre Gebäude. Ich nicht weiß, welche Knopf ich muss drücken."

Große Irritation auf meiner Seite. Ich bringe in Erfahrung, dass er einen Dolmetscher braucht, für wann und wozu? "Ja, sofort, ich ... wir sind vor Ihre Haus."

Wir? Sind andere Gesprächsteilnehmer gleich mitgekommen? Ich frage weiter. "Es ist meine Frau, sie ist auch gekommen. Ich hier habe eine Text zu dolmetschen. Und welche Klingel bitte führt zu Ihre Büro? Haben Sie eine Dolmetscheriene, die Zeit hat für uns?"

Ja, da ist sie wieder, die Verwechslung von Übersetzern und Dolmetschern (siehe Untertitel des Blogs). Eine Verwechslung, die auf zu wenig Phantasie oder Erfahrung mit unsereinem zurückzuführen ist, der/die ja auch oft unterwegs ist, sich wie gesagt über die Jahre immer mehr spezialisiert, zumindest beobachte ich das bei allen Kolleginnen und Kollegen, die in großen Städten leben.

Der gute Mann hat vermutlich kurz im Netz recherchiert, gesehen, dass in unmittelbarer Nachbarschaft zu seiner Wohnung eine Fachkraft verzeichnet ist und dann wohl gemeint, hier ein Büro mit vielen emsigen Menschlein vorzufinden, die ohn' Unterlass akkurat Texte in verschiedene Gerätschaften tippen oder in diversen Kämmerlein sitzen und sprechen oder wie?

Doch es sieht alles anders aus. Ich arbeite im Arbeitszimmer zu Hause. Kundenverkehr hatten wir für die wenigen Dokumente, die anfielen, viele Jahre in einem externen Büro, das jetzt aber aufgegeben wird, auch, weil genau diese Situation zu selten vorkam bzw. das Übersetzen und Beglaubigen von Dokumenten für Leute, die viel auf Konferenzen, in Kinos oder Archiven sitzen, mühselig ist, denn die Kunden erscheinen zur Abholung nicht immer zum verabredeten Zeitpunkt. Oder sie suchen ungefragt vor der Haustür nach der Klingel ...

Daher unsere Bitte, und ich komme auf das Motto der Woche, Referenzen, zurück: Informieren Sie sich vorab über die Fachrichtung der "Dolmetscheriene", die Sie interessiert, so wie bei Fachärzten ja auch. Und machen Sie dann einen Termin aus.

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Foto: C.E. (für alle, die sich bei der Story an die
Kurierdienstankedote erinnert fühlen, der Beweis,
dass mein Name inzwischen gut auffindbar ist.)

Sonntag, 19. Juni 2011

Neukölln

Wer dieses Blog hier verfolgt, weiß, dass einer meiner Schwerpunkte als Dolmetscherin der Bereich Soziales, Migration, Integration und Chancengleichheit ist. Meine Heimatländer Frankreich und Deutschland haben hier zum Teil unterschiedliche Ansätze und tauschen sich oder ihre Mitarbeiter regelmäßig aus. Projekte wie der Fachkräfteaustausch zwischen Neukölln und Clichy-sous-bois, die Methode der Elternforschungsgruppen (université populaire des parents), zu der in Berlin-Mitte Fortbildungen stattfanden und mit der nun u.a. im Wrangelkiez gearbeitet wird, die Städtepartnerschaft des Kreuzberger Wassertorkiezes mit einer banlieue (Vorort) aus Lyon oder aber die Umsetzung der Migrationserfahrung in Literatur — mich begleiten diese Themen seit Jahren. Die einzelnen Einsätze sind wie Steinchen eines Puzzles, sie fügen sich zusammen zu einem großen Ganzen. Und weil ich selbst am Rand von Neukölln wohne, habe ich das Glück, noch mehr zu sehen.

So beobachte ich den Wandel des Kiezes und des Bezirks gewissermaßen |aus der Loge heraus| vom Balkon und bei alltäglichen Gängen, die mich, ganz anders als vor 14 Jahren, als wir hier einzogen, oft auch nach Neukölln führen.

Dieser Tage findet hier wieder das Kunst- und Kulturfestival "48 Stunden Neukölln" statt, das heute Abend zu Ende geht. Ich genieße es, mittendrin zu sein. Und beobachte. Aus Neukölln stammt mein heutiges Sonntagsfoto.


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Foto: C.E.

Samstag, 18. Juni 2011

le rétro-futur

Die futuristischen Ideen der Vergangenheit nennen die Franzosen le rétro-futur. Mich faszinieren die Utopien alter Zeiten, daher heute dazu unter dem Titel L'oeil de demain ('das Auge von morgen') ein wunderbares Beispiel vom französischen Fernseharchiv INA, das der Wirklichkeit überraschend nahekommt.

In den letzten 30 Sekunden wird vorgestellt, was passiert, wenn jemand seinen Bildempfänger zu "laut" einstellt: alles dringt zum Nachbarn rüber.



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Film: INA (Institut National de l'Audiovisuel)

Freitag, 17. Juni 2011

Dolmetscherwitze II

Bonjour! Hier lesen Sie den Weblog einer Dolmetscherin und Übersetzerin für die französische Sprache mit Wohnsitz in Berlin. Ich führe an dieser Stelle mein Arbeitstagebuch in der Absicht, den Beruf sowie seine Möglichkeiten und Schwierigkeiten bekannter zu machen. Daneben notiere ich ernste und unernste Fundsachen zu meinen Fachgebieten Kultur, Wirtschaft, Politik, Medien, Landeskunde, Bildung und Geschichte.


In der Tierhandlung: Ein Mann möchte einen Papagei kaufen. Der Verkäufer preist ihn an: "Dieses wunderbare Exemplar hat nicht nur ein schön gezeichnetes Gefieder, es ist auch noch zweisprachig!"

Darauf der Kunde: "Das ist ja spannend. Und wie wähle ich die Sprache aus?"
"Sehr einfach", antwortet der Tierhändler. "An jedem Füßchen hängt ein Fädchen. Ziehen Sie am rechten Faden, spricht er Französisch, ziehen Sie am linken, Deutsch."

Der Mann staunt und besieht sich den Papagei genauer. "Und was geschieht, wenn ich an beiden Fäden gleichzeitig ziehe?", will er wissen.
Da schaltet sich der Papagei ein: "Wehe! Ich flieg sonst auf die Fresse!"

Donnerstag, 16. Juni 2011

Ultimativer Lerntipp

Eine junge Frau namens Jule schrieb mir aus Hamburg. Sie fragte nach dem "ultimativen Lerntipp".

Ich kann mir schon vorstellen, dass sie den von Dolmetschern erwartet, denn Sprachen sind ja unser Werkzeug. Und ja, es gibt einen, nur ist seine Anwendung nicht richtig ... beeinflussbar. Ich zitiere unseren Pariser Prof, der wiederholt sagte: "Wer sich nicht seine(n) Liebste(n) aus dem anderen Sprachraum sucht, dem/der spreche ich jede Ernsthaftigkeit im Studium ab." (Ich glaube, er sagte "der spreche ich ...", denn wir waren fast nur Frauen im Seminar.)

Diesen Satz brachte er zwar augenzwinkernd vor, aber ich fürchte, er hat ihn im Grund ziemlich ernst gemeint. (Die Dame, die sein Leben teilte, hatte übrigens einen Pass in der gleichen Farbe wie er.)

Ja, es geht nichts über bedtime teaching. Denn wer in den letzten Momenten des Tages noch die andere Sprache übt, der fängt bald an, in ihr zu träumen. (Die Umkehrung des Satzes ist später nicht mehr zwangsläufig richtig. Ich kann heute auch ganz selbständig im Traum die Sprache wechseln.) Außerdem bringt einen die Liebe in Hochstimmung; die Begegnung mit einem anderen Menschen ist eine existentielle Erfahrung, die viele "Fenster" öffnet, auch sprachliche.

Mit oder ohne privates Sprachkuddelmuddel: Wer im Alltag beginnt, in der anderen Sprache zu denken, der oder die ist auf dem richtigen Weg!

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Foto: privat

Mittwoch, 15. Juni 2011

Tischvorlage

Redundanz! ... für die treuen Leser, ich weiß. Aber auch die kritischen Momente wiederholen sich in einem Dolmetscherleben.

Neulich, auf einer zweisprachigen Arbeitssitzung, alle hängen wie ein Schluck Wasser in der Kurve, dies- und jenseits der Dolmetscherkabinenglaswand wird das Mittagessen kollektiv verdaut. Es ist heiß und ohnehin draußen so viel schöner. Wir sind mitten in einer Präsentation, als mit etwas fahrigen und lauten Bewegungen einer der Teilnehmer den Raum betritt (um nicht zu sagen: Er platzt herein.) Der Mann hat sich einen Stapel Papier unter den Arm geklemmt, setzt sich geräuschvoll hin, beteiligt sich sofort am Gespräch.

Dann reicht er, kurz, bevor er dran ist, seine Tischvorlage rum, die er soeben dem Fotokopierer entrissen hat. Es sind 15 Leute im Raum, er hat 14 Kopien von seinem Ausdruck gemacht. Wir zwei Dolmetscherinnen in unserem Kabuff sind ja nicht sichtbar.

Muss ich jetzt noch weitersprechen?

Hm, sicherheitshalber.

Liebe(r) zu Verdolmetschende(r): Es ist sehr gut, dass Sie von Ihrer Arbeitszeit so intensiv Gebrauch machen und bis zur letzten Minute noch an Kommata und grammatikalisch richtiger Zeitenfolge schleifen. Dass Sie uns aber im Vorfeld keine Möglichkeit bieten, wenigstens Ihre Gedanken kennenzulernen (gern auch nur in Konzeptform), ist nicht gut. Ebenso wenig, uns am Ende nicht mit Ausdrucken des Fertigen zu bedenken.

Die Sache mit dem Papier ist ähnlich wie andauernd zu vergessen, aufs Mikroknöpfle zu drücken, bevor Sie das Wort ergreifen. Aber vermutlich halten Sie die Dolmetscherei ohnehin für Hexerei, da können wir unsere Blicke dann auch durch die Glaswand, die die Dolmetscher vom Konferenzraum trennt, teleportieren und die Ohren gleich mit, oder?

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Foto: C. Elias (das Foto zeigt nicht
den Ort des Beschriebenen)

Dienstag, 14. Juni 2011

Dolmetscherwitze I

Die Dolmetscher, die ich kenne, lachen sehr gerne, weil es unsere oft stressgeplagten Hirne entspannt und gerade auch interkulturelle Unterschiede ein großes Feld für Humor bieten. Doch in der Kabine gefriert uns mitunter fast das Blut, wenn sich ein Witz ankündigt, denn meistens sind sie kurz vor (oder vollendet) unübersetzbar. Daher gilt als eine Art Dolmetscherwitz in unseren Kreisen folgende Begebenheit: Ein Mann aus Deutschland hält in Asien eine Rede, die verdolmetscht wird. Dabei lässt er es an humorvollen Einlassungen nicht mangeln. Die Dolmetscherin überträgt anscheinend das Gesagte, alle lachen.

Nach dem Vortrag bedankt sich der Redner bei der Dolmetscherin: "Ich bin ja schon sehr weit gereist und meistens kommt mein Humor nicht so an in der Welt. Sie haben es aber kongenial vermocht, das Publikum an meinem Witz teilhaben zu lassen, und dafür möchte ich Ihnen danken!"

Die Dolmetscherin errötet kurz, schnappt nach Luft ... und tritt die Flucht nach vorn an: "Ihr Humor ist doch recht deutsch und das Wortspiel, das Sie machten, unübersetzbar, zumindest in unsere Sprache. Es ist aber ein Gebot der Höflichkeit, alles dafür zu tun, damit Sie sich hier willkommen fühlen, deshalb habe ich gesagt: Der Redner macht einen Witz, der leider nicht übersetzt werden kann. Ich bitte Sie freundlich, bei 'drei' zu lachen: eins, zwei ..."

Und irgendwie kennt in unseren Kreisen auch immer jemand jemanden, der das genau so (oder ähnlich) erlebt hat.

Montag, 13. Juni 2011

Reinreden

Nicht nur Dolmetscher sprechen oft rein, heutzutage kann das auch die Technik.

Wir sitzen zu dritt im Auto und diskutieren angeregt. Thema: Autorität und Respekt gewinnen und behalten. Wer uns von außen beobachtet, ahnt, dass wir wissen, wo es hingeht.

Das Navi (in der kurzen Form auf Französisch le tom-tom) weiß das aber nicht. Es hat sein Menu aufgerufen. Nach einiger Zeit ruft es mit autoritärer Stimme uns Reisende zur Raison. "Sprechen Sie einen Befehl!" platzt ein uns unbekannter Mann in unser Gespräch rein.

Der große Mensch am Lenkrad ist kurz verdutzt, fängt sich wieder, antwortet schlagfertig: "Ich will aber nichts befehlen!" Wir lachen. Der kleine Mensch tönt von der Rückbank: "Du hättest auch sagen können: Halt' die Klappe!" (Was seine erwachsenen Begleiter nie sagen, nur das Kind manchmal ... Schulhof!)

Angesichts des Themas ist das wirklich komisch.

Nur die Dolmetscherin auf dem Beifahrersitz sagt gar nichts. Sie genießt und schweigt.

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Fotos: C. Elias

Sonntag, 12. Juni 2011

Intensität

Vor und nach der Arbeit, die mich als Übersetzerin und Dolmetscherin über Stunden und Tage pausenlos geistig fordert, entspanne ich mich ebenso intensiv.

Work hard, party hard? Nein, ich kompensiere lieber auf die ruhige Art. Hier einige Schülerinnen und Schüler, die wir beim Kunstunterricht beobachtet haben. Sie zeichnen die Wasserspiele von Niki de Saint-Phalle zwischen IRCAM und Centre Georges Pompidou in Paris, vulgo Beaubourg. Und ein Sonnenbad.
Idylle mitten in der Großstadt.


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Fotos: C. Elias / J. Straßburg

Samstag, 11. Juni 2011

Es hat "puff" gemacht!

Den folgenden Sketch lieben meine französischen, deutschkundigen Freunde besonders. Ab jetzt ja wohl ein Filmchen fürs Museum!



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Film: Loriot

Blauhimmeldenke



Jede Sprache hat ihre eigene Poesie. Ich erweitere meine |Kenntnisse| Genüsse durch englische Schlaglichter, die ich einer Webseite verdanke. Link der Woche: one word a day! Der Dienst liefert bei Wunsch jeden Tag per Mail ein neues Wort.

Zum Beispiel "blue sky thinking", meine Blauhimmeldenke, die OWAD als kreatives, visionäres Denken ohne direkten praktischen Anwendungsbezug defininiert wird.

blue sky thinking = befreites Denken, grenzenloses Phantasieren

Wochenende, ich mach jetzt mal 'ne Runde ...

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Illustration: www.owad.de

Freitag, 10. Juni 2011

Scheitern

Alles Übersetzen scheint mir schlechterdings ein Versuch zur Auflösung einer unmöglichen Aufgabe. Denn jeder Übersetzer muss immer an einer der beiden Klippen scheitern, sich entweder auf Kosten des Geschmacks und der Sprache einer Nation zu genau an sein Original oder auf Kosten seines Originals zu sehr an die Eigentümlichkeiten seiner Nation zu halten. Das Mittel hierzwischen ist nicht bloß schwer, sondern geradezu unmöglich.
Wilhelm von Humboldt in einem Brief an August Wilhelm Schlegel vom 23.07.1796, zitiert nach Werner Koller 1992: 159f. Veraltete Rechtschreibung im Original.

Donnerstag, 9. Juni 2011

Sendepause

Nein, nicht ich und hier, aber der Kunde, mit dem ich letzte Woche kurz und heftig an einem Dreh rumgeplant hatte, der lässt nichts mehr von sich hören. Und der dann erst, als wir längst handelseinig waren, meinte, die Dolmetscherin solle doch bitte nicht nur Drehplanung (und Aufnahmeleitung) und Fragestellerei übernehmen, sondern auch noch den angemieteten Produktionswagen steuern.

Da konnte ich mir dann nicht verkneifen, gestern unter der Überschrift juste pour info (nur zur Information) zu schreiben: Dolmetschen ist eine derart anstrengende Arbeit, dass wir uns bei Konferenzen meistens alle 20 bis 30 Minuten abwechseln, und das hat seinen Grund. Diese intellektuelle Arbeit wurde, das liest man allenthalben, von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum drittstressigsten Beruf erklärt (nach Jetpilot und Fluglotse)*, denn dabei wird sehr viel Adrenalin ausgeschüttet. Normalerweise arbeiten wir also immer zu zweit, um ein gleichbleibend hohes Niveau garantieren zu können.


klarer Blick nach dem Dolmetschen
In den Erholungsphasen ist deshalb die Aufmerksamkeit stark eingeschränkt. Sicher auch deshalb fahren die meisten von uns mit dem Taxi oder mit anderen öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit. Ich hätte Angst, müsste ich nach einem anstrengenden Tag, in dem mein Gehirn immer wieder kurz den Schlafzustand anstrebt, mich selbst oder weitere Menschen befördern.

Anders gesprochen: Wenn eine Nacht ohne Schlaf das menschliche Reaktionsvermögen so stark mindert, als hätte man 1,0 Promille im Blut, weiß ich nicht, in welcher Größenordnung sich die Folgen wiederholter kurzzeitiger Überbeanspruchung des Gehirns auswirken.

So, mein Kopf geht jetzt auch auf Sendepause. Ab in Richtung Balkon, dem Sommergewitter zusehen, die Luftperspektive und das Verwackelte passen jedenfalls zum Blick, den unsereiner nach einem Stressjob mitunter hat.


(*) ... indes, die Quelle dafür findet sich nirgends. Wenn Sie mehr wissen, würde ich mich über einen Hinweis sehr freuen.
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Foto: C.E.

Mittwoch, 8. Juni 2011

Konferenzdolmetscher

Zunächst muss ich meine eigene Überraschung eingestehen: Mein Berufsalltag als Dolmetscherin ähnelt zumindest abends dem Leben, das ich als Schülerin geführt habe. Eine jugendliche Leserin bat mich, einen typischen Arbeitstag zu beschreiben. Erste Beobachtung: Wie damals fängt der Tag am Vorabend an, denn abends wiederhole ich kurz, was ich tags gelernt habe. Auch in auftragsfreien Zeiten (die sind deutlich in der Überzahl) lerne und übe ich; die nächste Konferenz, das nächste politische Hintergrundgespräch kommen bestimmt. Es geht darum, à jour zu bleiben.

Dolmetscher verfolgen, was in ihren Fachgebieten passiert, aber auch tagesaktuelle Themen. Oft arbeite ich alte Unterlagen erneut durch und betrachte eingehender, was mir beim letzten Mal anstrengend erschien. Denn ich kann darauf wetten, dass die Schwierigkeiten so lange in Serie auftreten, bis ich sie im Schlaf meistern könnte, und dass einer "meiner" nächsten Redner auf die Nachrichtenlage anspielt, selbst unter Historikern. Also gilt es, sich vorher darüber zu informieren, wie das EHEC-Bakterium auf Französisch genannt wird (E.coli).

Dann lege mir mein Arbeitsmaterial für den nächsten Tag bereit bzw. packe die Tasche. Und hier endet die Parallele zum Schülerleben, bis auf eine Ausnahme: die vielen Prüfungen.

Käseprobe
Wenn ich in eine andere Stadt gereist bin, um dort auf einer Konferenz (oder bei Dreharbeiten) zu dolmetschen, übernachte ich nicht selten in Hotels. Hier ist rechtzeitiges Eintreffen für mich wichtig, um Stress zu vermeiden. Anschließend genieße ich ein leichtes Abendessen, vielleicht noch einen Saungang oder etwas Sport.

Oft wohnen Kollegen im gleichen Hotel, wir sprechen nochmal jene Punkte durch, die trotz guter Vorbereitung unklar blieben und tauschen Vokabeln aus. Oder aber es kommen in letzter Minute noch Informationen zum Programm in die Mailbox geflattert oder völlig neue Texte ... Wir Dolmetscher führen übrigens ein recht maßvolles Leben. Zu Probehäppchen vom Käse gibt's ein, zwei Schlückchen Wein. Nur die Menge dessen, was wir an Inhalten in uns reinschaufeln, ist manchmal ein wenig zu groß. Dann geht's beizeiten ins Bett. Da ich schlecht schlafe, habe ich immer mein eigenes Kopfkissen und Baldriantabletten dabei ...

Morgens weckt mich das Handy, das nachts ausgeschaltet war. Nach der Morgengymnastik ab unter die Dusche! Ich verwende geruchlose medizinische Seifen und Cremes und nur eine Winzspur Parfum, denn später, auf der Konferenz, teile ich mir in der Regel über Stunden mit einer Kollegin oder einem Kollegen die wenige Quadratmeter |große| kleine Dolmetscherkabine. Dann frühstücke ich leicht (Obst, Müsli, Vollkornbrot). Für den kleinen Hunger zwischendurch gibt's in der Tasche einen kleinen Vorrat von Müsli- oder Fruchtriegeln aus dem Bioladen.

Mit ausreichend Zeit im Gepäck gehe ich los. Unterwegs und in den Pausen lese ich Zeitung(en), notiere hier noch einen allgemeinen Begriff, dort ein Zitat. Dafür ist nur Wachheit nötig und Fragen wie: Hat Frau Merkel in den USA was Prägnantes verlautbart? Denn besonders gern wird in Einleitungen oder Moderationen Bezug auf Aktuelles genommen.

Vor Ort begrüße ich Veranstalter, Kollegen und den/die Menschen von der Technik, dann prüfen wir zusammen kurz die Anlage. Die meisten Dolmetscher reisen heute mit Laptops an, die Techniker stellen sich immer öfter darauf ein und kennen nicht selten schon den Zugangscode für das örtliche W-Lan. Noch einmal rasch "Hände waschen" gehen, kohlensäurefreies Wasser einschenken und die Namen der Teilnehmer üben. (Im Zweifelsfalle Veranstalter fragen.)

Dann beginnt etwas, was mir auch nach Jahren noch wie eine Prüfungssituation vorkommt. Die Situation selbst hat sich kaum verändert, im Vergleich zur Abiturszeit ist aber mein Umgang damit inzwischen viel entspannter. Doch selbst heute noch können mich manche Redner in leichte Nervosität versetzen: Schnellsprecher, die ihr Typoskript runterrattern, Hektiker, Nuschler, Leute, die vergessen, dass ein Mikrophon ihnen gar nicht auf Schritt und Tritt folgen kann ...

Dolmetschen bedeutet vereinfacht gesagt, gleichzeitig zu hören, zu begreifen und zu reproduzieren. Das ist sehr anstrengend. Daher wechseln wir uns meistens alle 20 bis 30 Minuten ab.

In den Pausen tauschen wir letzte Dokumente aus, fragen vorsichtig nach fehlenden Texten für den Folgetag (so es einen gibt), trinken und essen etwas, nein, mehr noch: genießen, was es gibt, entspannen uns, telefonieren mit zu Hause, gehen ans Licht.

Ruhige Hände ...
Und wenn der Tag rum ist, klären wir die letzten Fragen, sammeln unsere Siebensachen zusammen, bedanken uns bei den Beteiligten und versuchen, den Schalter umzulegen. Dazu höre oder mache ich Musik, lese, beschäftige mich mit Kunst oder den Balkonpflanzen oder aber ich gehe laufen oder schwimmen. Ohne Ausgleich kann ich mir selbst dabei zusehen, wie ich immer nervöser werde. Und das ist nicht gut. Ich muss in der Kabine, wenn ich nicht spreche, im ersten und übertragenen Wortsinne meine Hände ruhig halten, denn störende Begleitgeräusche lenken die Zuhörer vom Inhalt ab.

Und irgendwann im Laufe des Abends sammeln sich auch die Gedanken wieder, um den nächsten Tag vorzubereiten, und sei es auch nur damit, kurz die Schwierigkeiten des Tages zu überfliegen und in einer oder mehreren Arbeitssprachen die Abendnachrichten zu sehen.


Ein Tag im Büro kann so aussehen.
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Fotos (C.E.) ... aus Frankreich, bien sûr !

Dienstag, 7. Juni 2011

Portfolio *Aktualisiert*

Ob ich ihm denn mein Portfolio zusenden könne, will ein potentieller Kunde wissen. Dieses neudeutsche Wort bezeichnet die Bandbreite dessen, was ein Freiberufler anbietet. Hier meine Übersicht.

Von Hause aus Journalistin (mit Schwerpunkt Radio), habe ich viele Jahre mit unterschiedlichsten Aufgaben an der Herstellung von Reportagen Dokumentarfilmen mitgewirkt. Da ich meistens grenzüberschreitend tätig war, gehörten Übersetzen und Dolmetschen was ich im Aufbaustudium vertieft hatte, meist mit zur Arbeit. Seit mehr als fünf Jahren übersetze und dolmetsche ich nun hauptberuflich, denn mein Erststudium (inklusive "mitgenommener" Sprachmittlerqualifikation) fand in Paris statt. Und so wurde rückblickend aus einer mehrjährigen Nebentätigkeit für Festivals (Film, Theater, Literatur) der glasklare Karriereweg einer (im weitesten Sinne) Mediendolmetscherin mit Schwerpunkt Frankreich und Deutschland.

Daher biete ich an:
— Dolmetschen im Bereich Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur, z.B. für Industriekunden, (Delegations-)Reisen, bei fiktionalen und non-fiktionalen Drehs, am Schnittplatz, bei Festivals, live, z.B. Radio Eins, 'Zwölf Uhr mittags' und Mauertag von Radio France, 9.11.2009 (und mit Kollegin über Akzént Dolmetscherteam)
— Übersetzungen ins Deutsche (im Netzwerk haben wir inzwischen eine lange Liste kompetenter Kolleginnen für fast alle Sprachen ... außer Somali)
— Untertitelung und Übertitelung (Theater, Oper) z.B. für spielzeit'europa
— Recherche (vor Ort, im Netz, per Telefon, in Archiven) z.B. für Radio Canada
— Texten oder Rewriting von vorgegebenen Projekten, Rerchercheergebnissen, Artikeln, Präsentationen
— Stoffentwicklung, Schreiben
— Zweisprachige Moderation (im Erstberuf bin ich ausgebildete Journalistin)
— Führen von Interviews für elektronische Pressemappen (EPKs)
— Sprechen (ausgebildetete Sprechstimme, Alt mit sonoren Momenten, Deutsch und Französisch akzent- und dialektfrei)
— Sprachcoaching
— VIP-Betreuung incl. Dolmetschen (z.B. bei Filmstarts)
— Programmauswahl und/oder Moderation für Festivals (Französische Filmtage Tübingen 2003, 05, 06, Djerba International TV-Festival 2006 bzw. Achtung Berlin Festival und Berlinale (Mod.))
— Second Unit-Regie (Dokumentarfilm)
— Lehre: Französisches Kino, Französisch für Filmschaffende, Lerntechniken (HFF, Uni und FH Potsdam, dffb, Humboldt Universität zu Berlin u.a.)

Interessensgebiete: Kino, Medien, Kulturwirtschaft, Literatur, Kultur, Stadtgeschichte und -planung, Sozialwissenschaften (Migration, Integration, Bildung), Politik (Schwerpunkt Frankreich, Deutschland, Europa), Landeskundliches, Geschichte, Portraits, bunte Themen.

Preise: auf Anfrage. Da ich einen gesunden Mix aus Vollzahlern und (meist schlecht finanzierten) Kulturprojekten anstrebe, kann ich bei Einsätzen, die mich interessieren, Rabatte einräumen oder Honoraranteile bedingt zahlbar in Rückstellung ausweisen.

Außerdem erschien Frühjahr 2011 mein erstes Kinder- und Jugendbuch, ein Französischlernkrimi, im Langenscheidt-Verlag.

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Foto: privat

1. Person Singular

Auf der Bühne steht einer, der überträgt. Oder vielmehr: er übersetzt gesprochene Sprache in gesprochene Sprache. Richtig, das Verb müsste eigentlich "dolmetschen" heißen. Trotzdem kann ich das nicht so einfach schreiben. Vorne steht einer, der überträgt. Er dolmetscht nicht. Das hat er nicht gelernt.

Wir Sprachprofi-Statisten
Nach einem Tag in der Buchhaltung und im Drehbuchlektorat habe ich am Abend aus eigenem Interesse eine Autorenlesung besucht — oder ist es eine Vernissage oder die Premiere eines Films? Nicht so wichtig. Wir befinden uns jedenfalls an einem renommierten Berliner Kulturort, und ich bin froh, das neue Kleine Schwarze einweihen zu dürfen.

Der Mann, der vorne steht und überträgt, paraphrasiert und sagt: "Der Redner findet" ... "er denkt" ... "er meint". Profidolmetscher schlüpfen immer in die Haut des Sprechers. Sie sagen "ich", wenn der Redner "je" gesagt hat. Sie verstecken sich hinter den Worten des Hauptredners, indem sie sie wiedergeben. Sie stellen sich in den Dienst der S(pr)ache eines anderen. Oder, um mal in der 1. Person Plural zu sprechen: Wir fungieren als Medium.

Der Mann, der auf der Bühne steht und überträgt, hat es nicht nur nicht gelernt, er fühlt sich vermutlich selbst als Star. Er stellt auch die Fragen, auf die der ausländischer Gast antwortet. Der Fragen- und Wortnachsteller ist seiner Kulturszene ein bekanntes Gesicht - und er lässt gefühlte 40 % weg, darunter alles, was er in der Eile nicht mitbekommen hat. Notizen macht er sich nicht.

Profis nutzen Notizentechnik, um sich Anhaltspunkte aufzuschreiben. Sie müssen nicht parallel schon an die nächste Frage denken oder überspielen, dass ihnen ein Begriff oder ein Nebensatz schwer verständlich vorkam. Sie lassen sich ein auf den Redner, geben nicht nur grob vermittelt den Inhalt wieder, sondern auch die Nuancen, das Sprachniveau und am besten sogar den individuellen Sprachgebrauch.

Dieser Mann, der auf der Bühne überträgt, nimmt sich selbst viel zu wichtig und hat kaum Abstand zu dem, was er tut. Oder fehlt ihm trotz eigener Bedeutung schlicht der Mut? Es könnte sein, dass er sich schlicht nicht traut, "ich" zu übersetzen, wenn der ausländische Gast "je" sagt. Damit bleibt er unverbindlich und distanziert — und verschiebt die Perspektive. Der Star des Abends wird zum Objekt, dabei ist er doch das Subjekt dessen, was hier gesagt wurde.


P.S.: Nicht nur mich hat der Abend mal wieder mittelprächtig schockiert, es kommen gleich drei Kulturarbeiterinnen verschiedener Einrichtungen zu mir und schnappen empört nach Luft. Zwei von ihnen sprechen die beiden Sprachen perfekt. Sie teilen meine Einschätzung der mangelhaften Übertragung. Genervt sind alle drei. Lokale Helden oder solche, die sich dafür halten, können wir nicht mehr ab. Aber wir sind hilflos, zur Statistenrolle verdammt, solange sich das Publikum nicht beschwert. Wir flüstern uns beruhigend zu, ja wenigstens für den Sch... keinen Eintritt bezahlt zu haben, und sichern uns hurtig die pole position am Kalten Buffet.
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Foto: C. Elias

Reinhauen

Heute kam wieder ein Drehbuch mit zerschossener Formatierung rein. Abgegeben werden soll aber ein sauberes Final Draft-Dokument.

Put on some appropriate music. Bite down hard. Get it done.
Das zu reparieren, bevor ich Korrektur lesen kann, kostet mich so viel Zeit, als müsste ich ein Dokument von Celtx auf Final Draft umformatieren. Und da fällt mir immer der Abschnitt dazu aus dem CeltxWiki ein: Leg' passende Musik auf. Hau' in die Tasten. Bring's hinter dich!

Vokabelheft immer dabei
Diese Trias hat hier Sprichwortcharakter. Und genau das werde ich jetzt auch tun. Obwohl ich ja der Meinung bin, dass 90 Minuten (siehe oben) nicht ausreichen. Und das Ganze für eine Arbeit, bei der ich zwar hochgradig wach, aber nicht hochgradig studiert sein muss. Naja, läuft übers Konto der "in Naturalien" gezahlten Korrekturarbeiten, also im Tauschverfahren.

Die "passende Musik" ist heute übrigens argentinischer Tango (das wechselt). Später geht's weiter mit Ablagesortieren, in der Krisenzeit blieb manches liegen, aber die ist jetzt hier überwunden, juhu!

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Foto: C. Elias, Textillu: CeltxWiki

Montag, 6. Juni 2011

dépanner quelqu'un

Jemanden zu 'dépannieren' heißt, jemandem aus der Patsche zu helfen. Und eine panne d'oreiller liegt vor, wenn das Kopfkissen (l'oreiller) zu weich war und sein/e Eigentümer/in darob den Wecker überhörte.

Meine Panne von vorhin war verbaler Natur. Bei meiner Recherche fand ich sogar eine sehr umfangreiche Datenbank mit sprachlicher Pannenhilfe aus Québec: banque de dépannage linguistique.

Leider war mein Lieblingswort der französischen Sprache québecer Prägung nicht darunter, es ist le char ("der Panzer") für la voiture ("das Auto"). Auch hübsch (und wert, in die Datenbank aufgenommen zu werden): une converse für das gesendete Kollegengespräch unter Journalisten.

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Foto: C. Elias (garantiert kein char, sondern ein 'typisch
französisches Auto', wie's bei uns um die Ecke steht.

Der ganz normale Wahnsinn

Bin zu müde (*) zum Kopfschütteln. Also nur in Stichworten. Filmproduktion ruft an, sucht jemanden für den Abschluss von Recherchen, das Bauen eines Drehplans und schließlich fürs Fragen stellen und Antworten dolmetschen. Das Honorar, das da je Arbeitstag ausgelobt wird, ist, naja, nicht grade super, eher maximalmögliche Minimalunterkante. Zum Ausgleich werden alle Recherche- und Reisetage voll bezahlt, was ja bei manchem Thema der kritische Punkt ist, wenn sich die Drehvorbereitung als überaus zäh erweist, die dafür vorgesehenen Honorartage aber gedeckelt sind.

Mit der Mietdroschke zum Drehort
Ich lese mich ein, spannendes Thema. Wir mailen hin und her. Mein KVA (Kostenvoranschlag) kommt zurück: genehmigt! Ich plane die kommenden Wochen ab Drehbeginn rückwärts, flechte zeitig meine Recherchetage ein, damit Puffer bleibt, und gehe ins lange Himmelfahrtswochenende.

Sonntagabend kommen die Fragen: Welches der drei nachstehend aufgeführten Hotels ich fürs Team auswählen würde? (Ganz normale Frage. Ich hab schon erste Ideen zum Drehplan, Filmleute lieben einfache Abläufe, wo immer sie möglich sind, denn auch dieses Arbeitsfeld ist kompliziert genug.) Bei welchem Dienstleister ich normalerweise das Produktionsauto anmiete? (Auch noch normale Frage, ich hab schon oft Autos gemietet.) Ob ich da als Stammkundin Prozente bekäme und wie hoch die seien? (Naja, so oft auch wieder nicht ... oder war da nicht noch was über den Berufsverband? Muss nachsehen.)
Und ob in der Nähe meiner Wohnung ein Parkhaus wäre, damit ich abends schneller ins Bett komme. (Moment mal, ich hab aber niemandem vom Team mein Gästezimmer angeboten ...!)

Langsam schwant es mir. Ich frage direkt und erhalte eine ebenso direkte Antwort: Natürlich soll ich nicht nur recherchieren, die Interviews führen und dolmetschen, sondern auch noch den Wagen lenken. Ob man das am Anfang vergessen hätte zu sagen?

Hm, ich antworte sicher ebenso unterkühlt wie wahrheitsgemäß, dass ich bei all den Studien und während spannender Berufsjahre vergessen habe, meinen Führerschein zu machen und dass ich den in der Regel auch gar nicht brauche. Die Antwort kommt wieder postwendend: Keine Angst, man werde schon eine Lösung finden. Und wer sonst fahren würde? Also: Bei mittelgroßen Reportagedrehs der aufnahmeleitende Kamera- und Materialassi in Personalunion mit Fahrer, bei kleinen Newsproduktionen die Damen und Herren Mietdroschkenkutscher.

Jetzt bin ich gespannt, wie das weitergeht.


(*) Die Müdigkeit bezieht sich ebenso aufs Feilschen wie auf die Verkennung dessen, was den Dolmetscherberuf ausmacht, und last but not least auf die Entspannung eines viertägigen Wochenendes, das seeeehr erholsam war (paradoxerweise steigt dabei erstmal der Müdigkeitspegel).
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Foto: C. Elias

Sonntag, 5. Juni 2011

Sommer

Die |Grill|Kreidemalsaison ist eröffnet!

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Foto: C. Elias

Freitag, 3. Juni 2011

Ein Schnitzel zur Probe

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen im Restaurant. Sie haben Hunger und ihr Magen signalisiert Ihnen: "Am liebsten äße ich jetzt so ein richtig schönes, großes Schnitzel"!

Bis jetzt ist der Hypothalamus im Zwischenhirn verantwortlich. Schon schaltet sich das Vorderhirn (?) ein. Es vermeldet Zweifel: Ist dieses Restaurant wirklich gut? Es steht ja „Restaurant“ auf dem Ladenschild. Auch die Speisekarte sieht wie eine echte Speisekarte aus. Den Gästen am Nebentisch scheint's jedenfalls zu munden.

Da fällt Ihnen etwas ein. Sie bitten um ein Gratisschnitzel! Einfach mal so zum probieren und zum testen, ob der Einkäufer dieses gastronomischen Betriebes auch den richtigen Fleischer kennt, ob der Koch es drauf hat, ob der Kellner flink genug serviert. Da sollte doch der Gastronom nichts dagegen einzuwenden haben! Denn schließlich, wenn ihr Magen am Ende der Mahlzeit zufriedengestellt ist und sich so eine wohlige Mattigkeit einstellt, werden sie sich ja sicher beim nächsten Mal an diese Adresse erinnern … und nicht nur das, der Gastwirt darf sicher auch auf ihre freundlichen Empfehlungen zählen.

Donnerwetter! Auch Snacks gibt's nicht zur Probe
Sie finden die Geschichte absurd? Ich  auch. Leider erleben wir Übersetzer es immer öfter, dass uns potentielle Kunden um eine unbezahlte Probeübersetzung bitten. Und dem Vernehmen nach lassen sich manche Übersetzer darauf ein, und nicht einmal der Umfang solcher "Probe" und die Existenz eines festen Abgabetermins machen sie stutzig.

Ich denke, dass wir uns da an anderen Branchen orientieren sollten. Oder haben Sie schon mal etwas von der Probesitzung beim Psychologen oder dem Probeberatungsgespräch beim Anwalt gehört?

Eleganter ist es, Beispiele von echten Übersetzungsarbeiten zu senden (von Aufträgen, die zur Veröffentlichung bestimmt sind: Pressetexte). Ich führe inzwischen sogar auf meinen Kostenvoranschlägen einige Namen von Auftraggebern auf, die — mit ihrem Einverständnis — meine Referenzen sind.

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Foto: C. Elias (gesehen in Marseille)

Donnerstag, 2. Juni 2011

Fehler

„In der Politik ist es manchmal wie in der Grammatik: Ein Fehler, den alle begehen, wird schließlich als Regel anerkannt.“ André Malraux

Mittwoch, 1. Juni 2011

80:20

Letztens bekam ich Post vom Coach. Ein Unternehmen, das sich auf die Beratung von kleinen Firmen spezialisiert hat, bot mir drei Stunden Coaching für den Sonderpreis von 150 Euro an. In einem Newsletter konnte ich eine Vorahnung davon bekommen, was mich erwarten würde.

Schauen Sie morgens nicht in den Mailbriefkasten, lautet eine der goldenen Regeln, die auf blütenweißem Büttenpapier mit aufgedruckter Goldkordel stehen.

Da ich im Team arbeite, immer irgendwelche Termine, Kostenvoranschläge oder Buchungsbestätigungen anstehen, muss ich morgens immer eine Viertelstunde verwalten, sonst läuft gar nichts. Wer an den kleinen Rädchen internationaler Projekte mitdreht, kann den Rat wirklich knicken. Aber nach der ersten Übersicht wird bei mir das Mailprogramm ausgeschaltet, und zwar für einige Stunden, ebenso bei nachmittäglichen Arbeitsphasen. Dann gibt's nur noch Monotasking!

Fangen Sie den Tag stattdessen gleich mit Problemlösungen an

Mal ehrlich, wenn ich morgens mit Problemen anfange, ist nicht nur der Schwung draußen, ich habe mir dann möglicherweise Ärger aufgehalst und Verwaltungsdeutsch inhaliert, so dass ich nur erschwert mit der Hauptarbeit anfangen kann. Meine ersten Arbeitsstunden gehören der Übersetzungsarbeit, da bin ich frisch, kreativ und nicht aus der Ruhe zu bringen.

Entdecken Sie die 80/20-Regel ...
... auch Pareto-Prinzip genannt. In 20% der Zeit wird 80% der Arbeit erledigt, und oft reicht es aus, Dinge zu 80% zu erledigen.

Wer das erfunden hat, ist Chef und hinter ihm (in Deutschland seltener: hinter ihr) wird aufgeräumt. Logisch, dass meine ins Deutsche diktierten Drehbücher nach einer Woche stehen, aber mit Tipp- und Logikfehlern, Gallizismen usw.
Bei mir reicht es im Kerngeschäft nicht, Dinge zu 80 % zu erledigen, die Bücher wären dann ohne Groß- und Kleinschreibung oder ohne Regieanweisungen.

... und für die restlichen 20% der Arbeit brauchen Sie 80% der Arbeitszeit.

Hier stimmt's ... fast. Ich würde sagen, fifty-fity, die Zeit der Korrektorin, die ich mit Korrekturzeit bezahle, die ich ihren Texten zugute kommen lasse, inbegriffen. Und genau für diese Arbeitsschritte sind wir bekannt: Schleifen, schmirgeln, noch mal nass machen das (hölzerne) Werkstück und weiterschleifen ...

Deshalb können wir mit unseren Preisen meist nicht runtergehen, denn Handwerk braucht Zeit. Zwei Produktionsfirmen lassen hauseigene Mitarbeiter gegenlesen, das hat sich eingespielt, so wird's günstiger. Was die Arbeit noch verteuern kann: Viele Änderungen, die erst mitten im Arbeitsprozess kommen, und Softwareprobleme, denn am Ende soll das übersetzte Buch ja zu 100 % so aussehen wie das Original. Aber Software ist jetzt wirklich eine andere Baustelle.

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Foto: C. Elias