Montag, 22. August 2011

Das Tanzbein

Kundenpflege in schwierigen Zeiten. Im Frühjahr durfte ich einen VIP betreuen, und dessen deutscher Presseagent kam mit mir an diesem langen PR-Tag zweimal länger ins Gespräch, als französischsprachige Journalisten den Star interviewten. Währenddessen saßen also der Agent, der nicht aus Berlin kommt, und ich im ersten Raum der Hotelsuite beim Tee zusammen, und wir parlierten angeregt. Es war eine angenehme Begegnung.

Dann, kurz vor der Sommerpause, erhielt ich von diesem Herrn eine freundliche Mail mit einer recht bestimmt gehaltenen Einladung zum Abendessen, Tanzbein schwingen inklusive. Die Lokalitäten waren vorgegeben, sie entsprachen meinem Geschmack.

Aber sofort war ich hellwach, obwohl mich das Schreiben in der Stunde nach dem Mittagessen, also mitten im Suppenkoma, erreichte. Eine Frage jagte die nächste: Was mache ich nun? Ohne ein Zögern zusagen? Oder doch sofort oder nach einiger Bedenkzeit Arges mutmaßen?

In Frankreich sind déjeuner d'affaires, das mittägliche Geschäftsessen, ein übliches Mittel, um Arbeitsbeziehungen zu verfestigen. Doch in Deutschland?
Und dann auch noch abends?

Ich ging hin. Wir |spiesen| saßen herrlich in Mitte in einem alten, renommierten Restaurant mit Weinkeller, danach gingen wir wie vereinbart in eins der ältesten Berliner Ballhäuser zum Tango. Und es begann, was ich befürchtete, ein subtiles Spiel der Rollen- und Verführungsmuster, das weit über das bei diesem Tanz Übliche hinausging.

Ich brauchte nicht lange nachzudenken, meine Signale und Worte waren eindeutig: Ich setzte ebenso freundlich wie bestimmt Grenzen. Ob ich es jetzt mir mit einem Auftraggeber verscherzte oder nicht, war mir in dem Moment egal. Ich fühlte mich gut dabei. Es gab Zeiten, in denen ich zwar ebenso reagiert habe, aber stärker darunter litt, der entgangenen Jobs wegen. Und ich sehe noch heute, wer sich damals auf Kundenpflege besser verstand.

Und ja, wir leben im 21. Jahrhundert, und zudem mitten in einer Wirtschaftskrise, in der sich selbst anerkannte Profis ihre Jobs nicht aussuchen können.

Was ich hier beschreibe, habe ich übrigens in Frankreich in den 1990-er Jahren noch viel öfter erlebt ⎯ mit dem Ergebnis, dass ich mir etliche Arbeitschancen vermasselte. Und wenn ich in meinem Freundeskreis rumfrage und bei den Herren der Schöpfung nachhake, so kennen wir in diesem Bereich noch keine Gleichberechtigung.

Die Episode mit Monsieur Tanzbein ist wieder aktuell. Für den Oktober wurde ich heute angefragt von besagtem Herren, der entschuldigend einleitete: "Ich hoffe, Sie wollen noch mit mir zusammenarbeiten ..."

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Illustrationen: Kinowerbung aus den 20-ern. 
Zeiten und Orte sind verändert, Kundenschutz!

Kommentare:

H hat gesagt…

Hallo C, in Amerika ist das angeblich so: Erst die Verabredung des dritten Dates ist eine Zusage für mehr, die beiden ersten sind absolut unverbindlich. Mehr als einmal muß sich der Kerl schon bemühen, gleich am ersten Abend kann er gar nichts erwarten und am zweiten auch noch nichts. So viel Bedenkzeit muß sein. H

caro_berlin hat gesagt…

Nicht schlecht als System. Klar lernen sich Menschen bei der Arbeit auch mal näher kennen, aber die fast systematischen Verführungsversuche in manchen Branchen nerven sehr, da fühlt frau sich nicht gemeint ...
Caro

Vega hat gesagt…

Und wie oft fliegst Du nach dieser Art von Casting raus? Gruß, Bine

caro_berlin hat gesagt…

Du hättest auch fragen können: Wie häufig kommt derlei vor? Mit zunehmender Professionalisierung und Alter nimmt derlei natürlich ab. Allerdings erlebe ich das schon noch drei Mal im Jahr oder so.

Und rausfliegen nach eindeutiger "Absage"? In mehr als 50 % der Fälle. In Paris war das in meinen 20-ern allerdings in 90 % der Fälle das Ende.

Also viiiiel besser heute :-)