Mittwoch, 30. Juni 2010

Noch eins drauf!

Als Kind hörte ich immer: Sprich nicht zu schnell! Heute, wenn ich auf der Bühne als Dolmetscherin neben Filmstars stehe, hänge ich mir meine gedachte "Langsam!"-Inschrift in roten Schreibschriftbuchstaben in den Bühnenraum, gleich über die Rampe. (Das hilft! Meistens.)

Es gibt Orte, wo ich schnellsprechen darf, ja muss und sogar am Ende auch noch Lob dafür bekomme: In der Dolmetscherkabine. Das fiel mir neulich ein, als ich off mike (ohne Mikro, also Eigentext!) mal wieder ins Superschnellsprechen verfiel, weil mir wie früher alles auf einmal einfiel. Einst war's ein Problem, heute ist's ein Pluspunkt, mein Mundwerkzeug eine Runde schneller als der Durchschnitt bedienen zu können (und im Vergleich - aber den kann ich nicht wirklich anstellen - geht dem Schnellerquatschen vermutlich auch Schnellerdenken voraus.)

Außerdem spreche ich richtig gern. So war ich als Kind schon. Auch heute neige ich eher zur verbalen Kontaktaufnahme als zur Stummfischerei, um's durch die Blume zu sagen. Und so, wie ich manchmal augenzwinkernd sage, dass ich aus meinem größten Fehler, der Neigung zum Vielsprecherei, meinen Beruf gemacht habe, kann ich ab jetzt noch eins draufsetzten: auch aus dem zweitgrößten Fehler, der Schnellsprecherei.

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Foto: "etwas durch die Blume sagen" - eine Kritik indirekt ausdrücken, oft unter Verwendung eines Bildes

Dienstag, 29. Juni 2010

Alle Wetter!

Gu­ten Tag! (oder gu­­ten Abend, gu­­te Nacht ...) Ab­­sicht­­lich oder zu­­fäl­­lig sind Sie auf den Blog­­sei­­ten ei­ner Sprach­­ar­­bei­terin gelandet. Wie sich der Alltag in einem der stressigsten Berufe der Welt anfühlt (WHO), erzähle ich hier.

"Alle reden übers Wetter, nur wir nicht!" lautete vor Ewigkeiten ein Slogan des deutschen Eisenbahnunternehmens, als es noch Bundesbahn hieß. Diese Zeiten sind vorbei, jetzt sind es wirklich alle, die übers Wetter reden, was nicht nur am Klimawandel liegt.

Nach Wochen der Kälte und des instabilen Wetters ist es endlich schön geworden. Ich habe prompt einen hochoffiziellen Arbeitstag mit Ex-Ministern und anderen hochrangigen Politikern, da sind die schönen Schühchen vonnöten, das Per­len­kett­chen (Koralle, rot!) und die fein manikürierten Krallen — ein schickes Outfit also, das vielleicht das eine oder andere Suchen nach dem richtigen Wort zu über­spielen hilft.

Soweit, so gut. Ein gewisses Maß an ritueller Vorbereitung, Aufrüschen und An­pin­seln, mag mir ja noch einleuchten. Ich schlüpfe in die Haut der Dolmetscherin, werfe mir mit der Robe den dazu passenden Habitus über, sehe nur wenig später, dass man mir die Rolle abnimmt, glaube dadurch selbst besser daran. (1. Ab­schwei­fung: Die Zahl derjenigen, die sich in diesen dauernden Prü­fungs­si­tu­a­ti­o­nen, die das Dolmetschen nun mal darstellen, immer wieder fehl am Platze fühlen, ist Legion.)

Aber an den Tagen wie heute ist der Rest eine Qual. Es ist heiß. Wann darf ich das Jäckchen ablegen und die Herren die Jacketts? Wann dürfen die Letztgenannten auch noch die Krawatte lockern? Sie tragen enge, geschlossene Schuhen - meine haben vorne eine kleine Öffnung, die sich schuhinnenraumklimatisch indes leider gar nicht bemerkbar macht. Oft sitzen wir in vollklimatisierten Räumen, ich denke an den Klimawandel, dann geht es raus an einen anderen Ort, der kurze Weg vom Eingang zur Limousine reicht angesichts der hohen Luftfeuchtigkeit aus, um uns wieder ankommen zu lassen in der Wetterwirklichkeit. Zwischendurch Altbauten, keine "clim'", wie die Franzosen sie nennen, ich beobachte mich, wie ich mir beim Dolmetschen die Wangen am Mineralwasserglas kühle, lasse das gleich wieder sein, es könnte unerzogen wirken.

Überhaupt regiert in diesen Kreisen stets eine gewisse Steifheit, die an alte Kin­der- und Schulzeiten erinnert. Unterschwellig schwebt immer ein schlechtes Ge­wis­sen mit ... wie wegen nicht gemachter Hausaufgaben oder vergessener Sport­sachen. Nach etlichen Stunden fängt es im Raum an zu dampfen, ein Parfum wie in der Turnhalle entschlüpft dem Jackett des Sitznachbarn, als dieser Mineralwasser nachschenkt. Dann, endlich, gibt der Ranghöchste ein Zeichen und zieht seufzend das Jackett aus.

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Foto: C.E. (Die Sprayer waren noch im
vergeigten Frühjahr unterwegs.)

Montag, 28. Juni 2010

Le hinterland

Als ich Schülerin war, fand ich übersetzen super doof. Ich empfand das alles nicht vergleichbar und im Grunde eine Zumutung, ohne ausreichendes Wissen schon in jungen Jahren Inhalte übertragen zu müssen. Denn mir war früh aufgefallen, dass la baguette (das berühmte Stangenweißbrot) schon in Frankreich selten gleichbedeutend ist mit le pain (wie eine andere Brotform genannt wurde), und dass dieses schon gar nicht gleichbedeutend sein konnte mit der kulinarischen Wirklichkeit in Deutschland, wo die Auswahl der Brotsorten von Anisbrot über Pumpernickel bis hin zu Zwiebelbrot bis heute riesig ist.

Zeitgleich wurde ich von allen copines ständig in den Pausen beansprucht, um in Sachen Schüleraustausch zu übersetzen (Briefe im Vorfeld!) oder zu dolmetschen (vor Ort!) Es gab in meinem Leben also schon früh eine Diskrepanz zwischen Theorie bzw. eigenem Beobachten einerseits und Praxis bzw. der kommunikativen Notwendigkeiten andererseits.

Heute, da ich les hinterlands der jeweiligen sprachlichen Begriffe halbwegs überblicke, habe ich Spaß daran, mit den Zwischenräumen zu spielen - und Redewendungen zu prägen, die eine sich verändernde Realität wiedergeben. Erklärung: Schule ging in Frankreich immer von morgens bis abends, daher ist das deutsche Wort der Ganztagsschule auf den ersten Blick unübersetzbar. Vier Silben für eine Lebensform, die für viele Schüler auch hierzulande zunehmend Wirklichkeit wird - das klappt nur, wenn in dem Kontext erzählt wird, dass die Schule in Deutschland traditionell bis zum Mittagessen ging - die Mahlzeit natürlich ausgeschlossen. Ich bringe also die journée d'école courte ein, den kurzen Schultag, wobei la journée das französische Wort für "der Tag" ist, das auf die Dauer abzielt. Und im Gegensatz dazu komme ich jetzt zur journée d'école longue, zum langen Schultag, fünf Silben auf Französisch für Ganztagsschule, das, wir zählen es nach, mit nur vier Silben auskommt.
Nun tendieren alle Sprachen immer zur kürzeren Variante eines Ausdrucks, das wissen nicht nur Leute, die als Untertitler mit Anschlägen am unteren Bildrand von Filmen knausern müssen. Mein Lieblingsbeispiel ist hier, dass in fast allen Sprachen die Kurformel der Affimation, der Bestätigung, lediglich eine Silbe hat (über "igen" [igänn] auf Ungarisch wundere ich mich, seit ich zwölf bin - gibt's noch ein Beispiel?)

Rücksprung ins sprachliche Hinterland. Als ich noch zur Schule ging, gab es in Deutschland keine cantines scolaires, keine Schulkantinen, zumindest nicht an den Schulen, die ich besuchte (und das waren doch einige). So war das Wort Schulkantine ein wörtlich übersetzter Begriff, der keine Anbindung in meiner deutschen Schulwirklichkeit hatte. Ich verwende ihn bis heute manchmal und übe inzwischen, ihn zu vermeiden, denn ein mir sehr gut bekannter kleiner Mann sieht mich dann immer strafend an und sagt: "Mensa heißt das!" Wie war das noch gleich mit der Neigung zum kurzen Wort?

Das mit den strafenden Blicken geht schon ein (Schul-)Jahr so. Ich fand diese Vorstellung am Anfang super komisch, sah vor meinem inneren Auge die ganzen Minis seiner Schulklasse auf den großen Stühlen unserer Unimensa rumhocken und mit den Beinchen baumeln ... Langsam gewöhne ich mich dran, das Wort Mensa bekommt ein neues Hinterland. Und dieses Wort heißt auf Französisch wirklich so, ohne jedes Übertragungsproblem.


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Foto: Die Minis von heute machen früh ihre
ersten Erfahrungen mit Computern - üben
in der ersten Klasse z.B. das Erkennen von
Buchstaben, Worten und Zahlen.

Sonntag, 27. Juni 2010

Excuse us, we're french!

Excuse us, we're french, it's very complicated", sagt Christophe aus Lyon, als wir im Hofrestaurant zum zehnten Mal durchzählen müssen, wer welches Gericht essen möchte ... Die Bedienung nimmt's gelassen: "Ich bring' ihnen alles, was sie wünschen, sofern sie sich entscheiden können!"
Wir sitzen in den Ritterhöfen und essen zu Mittag, als ich mein erstes kleines Résumé ziehe: So schöne Tage hatte ich noch nie mit einer Delegationsreise! Ich sitze inmitten einer Gruppe von starken Persönlichkeiten, warmherzigen Menschen, die mich am ersten Tag mit ebenso offenen Armen empfangen haben wie ich als Teil des deutschen Teams natürlich alles gegeben habe, um nicht nur eine gute Dolmetscherin zu sein, sondern auch eine guten Gastgeberin für ihren Berlinbesuch.
Nach zwei langen Arbeitstagen war Samstag ein wenig Tourismus angesagt, und so, wie ich in meinen Pariser Jahren niemals auf den Eiffelturm geklettert bin, hatte ich mich bislang noch nie am Checkpoint Charly fotografieren lassen. Premiere!

Nächste Woche heißt es Wortfelder nachbereiten und die Masse an Fotos durchschauen, die an diesen Tagen geschossen worden ist ... Für in drei Monaten ist der Gegenbesuch geplant. Au revoir en septembre, j'espère !

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Fotos: Die Dolmetscherin ist unschwer am Mikro erkennbar ...

Samstag, 26. Juni 2010

Link der Woche: Wohnungstausch

Urlaubsankündigung: Vom 1.-21.8. sind wir in Frankreich. Wir fahren zu Freunden, nutzen aber parallel eine Wohnungstauschplattform, damit wir mehr Platz haben. Eine französische Familie ist bei uns, wir sind bei ihnen. Die Seite, über die solcher Wohnungstausch läuft, heißt Homelink.

Freitag, 25. Juni 2010

Kiezdolmetscherin

Etwa einmal im Jahr habe ich das große Vergnügen und darf französische Urbanisten, Sozialarbeiter, Jugendrichter, Erzieher oder bürgerschaftlich Engagierte und Eltern aus französischen Vorstädten begleiten, wenn diese in einen meiner Kieze kommen, um vor Ort auf ihre Kollegen zu treffen. Da habe ich als Dolmetscherin mein Heimspiel, brauche nur vor die Tür zu treten und lese im Vorfeld deutlich weniger Hintergrundmaterial, als bei fremden Themen.
Ich wohne in der ersten Straße Neuköllns, dem Maybachufer am Landwehrkanal, auf der Karte ganz unten bzw. direkt über diesen Zeilen. Diese Lage ist gleichbedeutend mit einem Logenplatz mit Blick auf Kreuzberg. Ich führe sonst hier in Wassernähe ein eher nachbarschaftsorientiertes, dörfliches Leben mit drei, vier größeren Ausflügen in der Woche.

Nachdem vor kurzem Journalistikstudenten aus Bordeaux im Kiez waren, ist es jetzt die zweite Delegation binnen dreier Monate, die hier Quartier bezieht; jetzt finden außerdem sämtliche Termine im Umfeld statt. Ich freue mich schon auf die neuen Erkenntnisse über mein Viertel, die ich sicher gewinnen werde.

Parallel dazu bereitet der regionale öffentlich-rechtliche Fernsehsender rbb das nächste "Heimatjournal" über den Norden Neuköllns vor (der süd-südöstlich von der Unterkante des Stadtplanausschnitts anfängt). Bislang liefere ich nur Hintergrundinformationen zu, dann war die Rede davon, dass ich vielleicht selbst darin meine Eindrücke zum Kiez zum Besten geben sollte. Mal sehen, ob sich diese beiden Momente verbinden lassen - als Kiezdolmetscherin im doppelten Wortsinn.

Donnerstag, 24. Juni 2010

Happy birthday, Claude!

Seit der Berlinale 2007 besteht dieses Blog. Bislang gab es die eine oder andere inhaltliche Wiederholungen, und zwar stets dort, wo sich in unserem Alltag als Sprachmittler auch etwas wiederholt. Heute erlaube ich mir, zum ersten Mal einen ganzen Beitrag zu wiederholen, und zwar aus einem ganz besonderen Anlass.

Claude Chabrol wird heute 80 Jahre alt!
Toutes mes félicitations, Monsieur !

Eintrag vom 8. Februar 2009

Claude Chabrol, der heute Abend die goldene Berlinale-Kamera bekam, weil er seit 50 Jahren auf der Berlinale Filme präsentiert, war am Nachmittag mein Dolmetsch-Opfer. Er hat dabei auch viel Mist erzählt. Ich hab versucht, das zu übertragen. Ich darf das so schreiben, was ich hier schreibe. Denn bei allem, was er sagt, bricht Claude Chabrol der Schalk aus den Augen und ich hab manchmal Mühen, nicht loszulachen. Wie wir uns beide das Lachen verbeißen, ist hier gut zu sehen:

Seit etlichen Jahren bin ich seine angestammte Dol­met­scherin in Berlin. Es ist immer wieder eine große Ehre und Freude, Teil seiner Inszenie­rung zu werden. Denn Monsieur Chabrol ist jeden Augenblick Regisseur, auch in der eigentlich recht dummen Übung, die Pressearbeit genannt wird. Dumm ist sie, weil sie dumm macht – normalerweise.

Vor einem sitzen im Wechsel von zwanzig Minuten bis zu einer Handvoll neuer Journalisten und stellen die altbekannten Fragen, denn das Spektrum möglicher Fragen nach Inaugenscheinname eines Films ist offenbar begrenzt. Regisseur und Dolmetscherin müssen nun jedes Mal so tun, als seien sie absolut angetan von Originalität und Frische dieser Fragen, ja als sähen sie in dieser Äußerung zum Werk nachgerade die kongeniale Steilvorlage, derer es bedurft hat, um die eigenen Gedanken so zu sortieren, dass sie für die feindlichen Außenwelt mitteilbar werden.

Oder sowas in der Art.

Auf jeden Fall ist das bei Claude Chabrol natürlich ganz anders. Die letzte Runde besteht aus vier muntere Herren, sie waren ebenfalls Wiederholungstäter und stellten die Fragen andersherum. Daher verdrehte Monsieur seine Antworten, und ich musste mir höllisch Mühe geben, die Übersetzung nicht auch noch zu verzwirbeln.

So war das. Drei Essenzen, hier die erste: Wie rechtfertige er seine schlechten Filme?, wurde Chabrol gefragt. Es gebe keine Rechtfertigung, nur eine Erklärung. Man müsse so viel drehen, wie möglich, um in Übung zu kommen/bleiben, sich einen Namen zu machen und die Chance zu haben, dass der Zuschauer einen durch sein Interesse überrasche. Manchmal sei man auch selbst nicht klug genug, die Güte seiner Filme zu erkennen, diese Erkenntnis stelle sich mitunter erst mit zeitlichem Abstand ein. Außerdem drehe er, um zu leben, und während er drehe, vergesse er zu sterben. (Den letzten Satz hab' ich hier reingemogelt, den hat er beim letzten Berlinbesuch gesagt.)

Zweite Essenz: Wann habe er aufgehört, Angst zu haben? Antwort: Vor etwa zehn Jahren. Vorher sei noch Angst vor dem künstlerischen Scheitern dagewesen, jetzt wäre alles nur noch eine große Freude und die Dreharbeiten ein Fest.

Dritte Essenz: Claude Chabrol liebt. Liebe sei das Gegenteil von Leidenschaft, und er sei glücklich. Das Verhältnis des Inspektors zu seiner Frau in seinem neuen Film "Bellamy” (dargestellt von Gerard Depardieu und Marie Bunel) spiegele ziemlich genau das Verhältnis der Eheleute Chabrol wider.

Nachwort der Dolmetscherin: Claude Chabrol ist ein glücklicher Mann. Das ist sein Rezept.

Mittwoch, 23. Juni 2010

Seminarankündigung! Dokumentarkino ...

Ein- bis zweimal im Jahr unterrichte ich an Hochschulen, meist im Rahmen von Blockseminaren. Seit dem letzten Jahr reisen wir mit Studierenden, aber auch mit Praktikern und Berufseinsteigern aus Frankreich und Deutschland zum Dokumentarfilmfestival von Marseille. Das Seminar heißt deshalb 'Lehrgang' — und da die Anmeldefrist Ende der Woche abläuft, auch hier eine Information und
Spot an: 
Standpunkte des dokumentarischen Films

Veranstalter: Peuple & Culture Marseille, in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Dokumentarfilmfestival Marseille "FIDMarseille"

Zeitgleich mit dem Dokumentarfilmfestival FID (8.-13.07.200) findet in Marseille ein Lehrgang über "Dokumentarisches Kino" statt. Der Kurs bietet im Zeitraum vom 7. bis 14. Juli 2010 umfassende Einblicke in unterschiedliche Formen und Handschriften dokumentarischer Kinofilme an, die ergänzend zu den Sichtungen in einer deutsch-französischen Seminargruppe vertieft werden. Fragen der Filmästhetik, -herstellung und -vermittlung (darunter Verleih/Vertrieb, Programmplanung, Seminargestaltung) diskutieren die Teilnehmer in der Gruppe sowie mit Gästen. Dabei besteht auch die Gelegenheit, eigene Erfahrungen der Teilnehmer in diesem Feld miteinander zu konfrontieren. Französisch- und Englischkenntnisse sind erwünscht. (Die Filme sind meistens englisch untertitelt.)
   
gefördert vom dfjw
Der Lehrgang steht grundsätzlich allen am Dokumentarkino interessierten Menschen offen, die bereits einen praktischen Bezug zum Thema haben oder diesen noch planen, also künstlerischen Mitwirkenden, Dozenten und Filmpädagogen, Verleih-/Vertriebsprofis sowie (auch ehrenamtlichen) Mitarbeitern von Festivals. Die Arbeitsbereiche können sein: Vertrieb, Programmplanung, Produktion/Regie. Voraussetzung für die Teilnahme ist eine Auswahl durch die Veranstalter.

Mehr hier: klick!

In eigener Sache

Gestern Abend erhielt ich zusammen mit 160 Journalisten, Redakteuren und Programmmitarbeitern den deutsch-französischen Journalistenpreis für den Berliner Mauertag Radio France fait le mur, gesendet am letzten 9. November. Da ich einst bei France Culture einen Teil meiner journalistischen Ausbildung genossen habe, ist mir dieser Preis   hier war ich als Dolmetscherin dabei  eine besondere Ehre. Mehr an dieser Stelle über den Radiotag, sobald ich von Radio France, dem Mutterhaus, die Rechte zur Wiedergabe der Fotos des Radiotags habe.


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Foto: Die Intendanten nehmen stellvertretend
den Preis entgegen.

Dienstag, 22. Juni 2010

Sparen!

Nur einer von vier Deutschen sei, so schreibt es DER SPIEGEL dieser Woche, noch nie in einem Ramschladen gewesen. Einige Straßen von unserer Uferwohnlage entfernt, in der Neuköllner Sonnenallee - in der die Sonne nicht überall scheint - steht bei einem dieser Ein-Euro-Billigheimer als Unterzeile auf dem Ladenschild: "Viel kaufen, viel sparen". Mein Blick fällt auf den Straßenbelag neben diesem Haus. Ich fange an zu zählen. Sieben unterschiedliche Arten von Pflaster, Steinen und Platten, Asphalt, Bitumen und Macadam. Dazwischen große Löcher, die im strengen Winter noch größer geworden sind. Schon in den letzten Jahren wurde hier offenbar kräftig gespart.
Sparen scheint das geheime "Wort des Jahres" zu sein, nicht nur im Berliner Bezirk Neukölln. Die Zeitungen sind voll davon - Bund, Länder und Gemeinden sparen an Kulturausgaben, die ja nur freiwillige Leistungen sind, denen also kein Rechtsanspruch zugrunde liegt. Die Industrie, allen voran der Motor der deutschen Wirtschaft, die Automobilindustrie, spart derzeit, wo sie nur kann, um nicht Mitarbeiter entlassen zu müssen. Und die Hochschulen sparen Geld durch KW-Vermerke auf Stellenplänen in der Lehre.

KW-Vermerk – „kann wegfallen“. Die Professur in der Geisteswissenschaft kann wegfallen – dass das nicht nur zunehmende geistige Verarmung bedeutet, sondern auch die Karrierepläne von Nachwuchswissenschaftlern zerstört, ist keines Nebensatzes wert. Da hat sich jemand 12 Jahre lang von Zeitvertrag zu Zeitvertrag gehangelt, zu Facharbeitereinkommen (und weniger) halbierte oder gedrittelte Stellen innegehabt und Studenten ausgebildet, Nachwuchs geprägt, Wissenschaft betrieben. Jetzt heißt es "KW", auch das kann wegfallen. Sparen wir uns Wissen und Erfahrungen dieser Jungen, die zu alt sind für eine "Juniorprofessur", die wir uns bald auch sparen. Wir sparen uns auch das Wissen der späteren Jahre: 70 % der 60jährigen sind nicht mehr im Beruf, da können Unternehmen richtig sparen. Die fehlenden Renditen dieser Art von Kapital, nämlich dem geistigen, berechnet niemand.

Arbeitnehmer, also Menschen, werden auf „Kostenfaktoren“ miteinander konkurrierender „Standorte“ zusammengeschrumpft. Die dann perfide den Konsum verweigern und die Reproduktion der Spezies. Nicht nur in den Werkhallen und Büros der Autoindustrie überlegt jetzt der oder die eine oder andere, ob jetzt der Zeitpunkt für den Erwerb einer neuen Karre ist - oder das Geld lieber gespart werden sollte. Die gestern in den Tagesthemen der ARD vermeldete sich belebende Nachfrage in der Automobilindustrie sei vor allem auf Exportnachfrage zurückzuführen, hieß es.

Das Wort "sparen" hatte mal einen anderen Sinn. Sparen war etwas Schönes, wir steckten die Extramark von der Oma ins Sparschwein, deponierten es vor dem Börsenboom auf dem Sparbuch und später im Aktienportefeuille. Am Ende hatten wir ein hübsches Sümmchen beisammen, mit dem wir dann in den Sommerurlaub fuhren, ein neues Sofa erwarben – oder eben besagtes Kraftfahrzeug. Auch Sprache kann durch Sparen ärmer werden.

Auf Neusprech kommt "sparen" praktisch nur noch in der semantischen Begriffsverengung vor, die der Präfix "ein-" mit sich bringt, "ein-sparen", also wenn eigentlich "kürzen“, "streichen“, "mit dem Rotstift drübergehen“ gemeint ist.

Was aber, wenn man in der Kultur zu viel spart? Zurück zu den Autoherstellern, Beispiel Volkswagen, diesmal in den östlichen Teil des Landes, nach Westsachsen. Dort, so wurde mir vor Ort glaubhaft versichert, sei die werte Gattin des managenden Chefs in die westliche Heimat zurückgekehrt, weil es in der westsächsischen Provinz zu wenig Kulturangebote gibt. (Das sei zwar schon vor einiger Zeit passiert, ist aber wohl heute noch gültig.) Volkswagen hätte sicher gern das Trennungsgeld gespart, das der Manager danach bekam.
Volkswagen – das klingt genauso alt und unzeitgemäß wie Volkswirtschaft. Also sparen wir, damit dem Volk noch ein wenig Wirtschaft übrigbleibt? Oder glauben Sie etwa, „Bausparen“ heißt „Bausparen“, weil man sich das Bauen sparen will?

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Foto: Kein Sparschwein ...

Montag, 21. Juni 2010

Sprachschlurigkeiten

Beim Lektorieren und leider auch bei der Zeitungslektüre fallen mir immer mehr Sprachschlurigkeiten auf, die sich offenbar breitmachen (da etliche Zeitungen ihre Lektoren "gespart" haben). Zum Beispiel: Das Ereignis ist "vorprogrammiert" - programmiert reicht völlig aus, denn das geschieht ja per definitionem im Voraus. Er hat jene Maßnahme "aufoktroyiert" - hier weiß offenbar der Autor nicht, dass ein octroi etwas ist, das von oben diktiert wird. Ein "exklusives Monopol" ist einfach nur Quatsch.
Mir fällt auf, dass oft Unsicherheiten und Fehler oft dort entstehen, wo Fremdworte verwendet werden.
Auf Französisch finde ich derzeit immer häufiger falsche Ausdrücke, wo es um Raum und Zeit geht (derlei kommt in Drehbüchern öfter vor). Beispiele: "monter en haut" und "descendre en bas" - monter heißt hochsteigen, descendre das Gegenteil, also bedarf es keines "en haut" oder "en bas" (nach oben, nach unten), um die Information zu übermitteln. Ebenso verhält es sich mit "reculer en arrière", reculer heißt zurückweichen, also muss ich nicht 'nach hinten zurückweichen'.
Ganz böse finde ich auch "au jour d’aujourd’hui" - das ist Kanzleifranzösisch für "mit dem heutigen Tage", das auf Deutsch ja auch nicht besser ist!

P.S. "Sparen" ist die größte kollektive Sprachschlurigkeit, denn eigentlich müsste es "einsparen" heißen (Syn. kürzen). Und "schlurig" ist südhessisch für schludrig.

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Foto: Wohl dem, der ein Wörterbuch besitzt
und es auch benutzen kann.

Sonntag, 20. Juni 2010

Sonntag am See

Eigentlich wollten wir schwimmen gehen, dann war anderer Sport angesagt ... selber machen ist besser als Fernsehen.


Die Dolmetscherin sitzt lange am Spielfeldrand und liest Zeitung, um sich auf die nächsten Einsätze in der Politik vorzubereiten, der alte Kalauer halt: Was bedeutet es, selbständig zu arbeiten? ... Ganz einfach, selbst arbeiten und ständig.

Nach zwei Stunden Zeitungslektüre ist wieder Wochenende angesagt - und die fette Regenwolke ist auch weitergezogen, ohne uns zu ärgern. Und was machen wir je-hetzt?

Freitag, 18. Juni 2010

Babylonien im Film, die Zweite

Heute fällt mein Thema "Sprache im Film" mit dem Link der Woche zusammen.

Schon vor einiger Zeit lief in den deutschen Kinos der Film "Willkommen bei den Sch'tis", noch immer suchen Leser Informationen darüber im Netz und stoßen auf mein Foto von Dany Boon. Und zufällig entdecke ich (erst jetzt) auf YouTube, dass Arte einen Beitrag dazu im Programm hatte. Interessant das Interview des Verleihchefs Stefan Hutter über die Art und Weise, wie der deutsche Schti-Dialekt 'gebaut' wurde sowie zu den Kosten der Synchronisierung, die hier mit über 150.000 Euro (statt üblicherweise 40-60.000) zu Buche schlug.

Hier geht's zum Beitrag. Leider wird in der Name des Autors/der Autorin nicht genannt, schade!

Donnerstag, 17. Juni 2010

Faaste fuude à(t) Paris

Erst seit wenigen Jahrzehnten gibt es sie, die restauration rapide, wie Franzosen die Schnellgastronomie nennen. Selbst, wenn faaste fuude inzwischen manch' französische Zunge erreicht, so kommt es doch in Frankreich als Wort nur selten jemandem über die Lippen.

Kritiker dieses Phänomens gibt es auch hierzulande. Mancher wirft zu diesem Thema kalauernd ein, dass 'fast food' ja schon fast ein Essen sei, aber eben doch nicht ganz. Indes, im stärker amerikanisierten (West-)Deutschland fällt es uns leichter, mit derlei Anglizismen zu leben, als den linksrheinischen Nachbarn. Der dortige sprachliche Einbürgerungsversuch, bouffe-vite, etwa "Schnellmampf", verfing auf Dauer nicht. In Frankreich gilt: eine Mittagspause ist eine Mittagspause, und mal kurz was hinter die Kiemen schieben ist nicht, und schon gar nicht bei Dreharbeiten, so meine Arbeitserfahrungen.
Mit deutschen Teams in Paris zu drehen wie letzte Woche, ist dann schon was anderes. Nein, wir sind nicht im Schnellrestaurant, wir nehmen uns Zeit. Mein Team lobt die französische lange Mittagspause, wird nach 25 Minuten im Bistrot an der Ecke (Salat-Wasser-Kaffee) aber schon wieder unruhig, um rasch noch eine Fassade zu drehen, wenn die Sonne rumkommt (siehe oben, die Trikolore ist bunter, so direkt im Licht).

Also stehe ich in an der Ecke der rue de l'Université in der Sonne, drücke kurz auf den Auslöser, schließe die Augen - und genieße meine Pause. Und denke an meine ein paar Straßen weiter verbrachte Studentenzeit, wo der Kunstgeschichtsprof mal unverständlicherweise von Allôvährpähntingse sprach, wieder und wieder dieses komische Wort in den Mund nahm, das ich nicht die Bohne verstand. Er hielt sich in seinem Vortrag epochenmäßig in den 1950-ern auf, ich hörte zum ersten Mal den Name Jackson Pollock, und irgendwann baute sich mein Kopf die mögliche englische Form des Worts zusammen ... All-over-Paintings. 

So viel zu assoziativen Momenten in Mittagspausen. Schöne alte Zeiten waren das damals. Als ich zum Studium in Paris ankam, in den Achtzigern, gab es nicht einen einzigen McDoof in Paris. Vorbei! Wie die Pause jetzt. Wir rennen weiter!

Mittwoch, 16. Juni 2010

Die Konkurrenz schläft nicht/doch (Unzutreffendes bitte streichen)

Bon­jour und gu­ten Tag! Hier bloggt eine Dol­metsch­erin und Über­setzerin für die fran­zö­si­sche Spra­che. Ich beschreibe an dieser Stelle die Besonderheiten unseres Berufs, stets unter Wahrung dienstlicher Geheimnisse.

Die Konkurrenz schläft nicht, davon bin ich bislang immer ausgegangen. Gestern wurde ich eines Besseren belehrt.

Unter den Berliner Filmjournalisten, die oft französischsprachige Regisseure und Schauspieler interviewen, bin ich in­zwi­schen persönlich bekannt. So passiert es regelmäßig, dass ich, wenn ich mal nicht für einen Gast aus Frank­reich ge­dol­metscht habe, anschließend Tonschnipsel zugemailt bekomme mit der Bitte, doch mal kurz zu sagen, was denn in diesem oder jenem O-Ton erzählt worden sei oder aber wie jener Regisseur denn nun heißen würde, in dessen Namen jemand aus Versehen hineingeräuspert hat.
Dass mir ein Lieblingseinsatz entgeht, kommt schon mal vor. Letzte Woche war ich in Paris, also nicht greifbar für Berliner Kunden, und ja, es gibt Konkurrenz sowie etliche, die frisch diplomiert oder selbstberufen in die Haut eines Kon­se­ku­tiv­dol­met­schers von Stars schlüpfen möchten. Und da auch die Kinobranche von der Krise betroffen ist, vermittelt der eine oder andere Verleihmitarbeiter vielleicht sogar mal den Spez'n.

Was wir gestern in den Tonschnipseln hörten, sorgte immerhin für beste Laune im Büro. Wie mir nachher der Journalist erzählte, war der fürs Übersetzen An­ge­heu­er­te schon in der Vorstellungsrunde derart wortkarg gewesen, dass der Regisseur die englische Sprache als lingua franca des Gruppeninterviews vorschlug. Dann warf der Journalist unseres Vertrauens die Bandmaschine an oder ein Gerät aus dem späten 19. Jahrhundert (Wachsplatten?), dessen Grundrauschen die Auf­schlüs­selung des Aufgezeichneten kurzweilig erschwerte.

Interviewraten 
 ein neues Spiel. Aber auch vor Ort wurde oft nachgefragt. Wie­der­holt stellt dort ein deutscher Journalist eine Frage in wärry dschärmen Inglisch, und der Franzose bittet um Übersetzung. Diese wird geflüstert, den Antworten zufolge hat das noch mehrheitlich geklappt. Dann aber sucht der Gast aus Frank­reich nach englischen Begriffen. Ob er politisch sei, wird er von den Journalisten beim Press Junket gefragt, und antwortet sinngemäß und auf Französisch, dass er auf den Politiker warte, der sein Amt mit Leib und Seele und aus Überzeugung ausfülle, ja quasi wie ein Priesteramt, und den nicht nur und vor allem das Ego antreibe. Der Künstler wandte sich mit seinem französischen Satz hörbar an eine im Raum befindliche dritte Partei ... die aber schwieg.

Nun sind Begriffe wie "le sacerdoce" und "être mu" beileibe kein All­tags­fran­zö­sisch 
 aber jener Regisseur ist auch ein Ausnahmeregisseur, und ein solcher darf schon mal in einem Interview gehobenes Französisch sprechen. Dafür gibt's ja Dolmetscher. Eigentlich. Hier saß ganz offenbar "ein Dolmetscher/eine Dol­met­scherin" als schmückendes Beiwerk im Raum. Die Konkurrenz schläft leider manch­mal wohl doch. Und bei näherem Hinhören kann es auch ein Hör­funk­jour­nalist gewesen sein, der so ganz OK Französisch spricht (und offenbar noch nicht in die Funktionsweise eines Wörterbuchs eingeführt wurde).

Ich gelobe, mich fortan mit nachträglichen, ehrenamtlichen “Reparaturarbeiten” zurückzuhalten. Ja, ich gebe zu, ich wurde in den letzten Jahren wiederholt in diese Richtung tätig, aber nur, damit die Worte der Filmschaffenden bestmöglich übertragen werden, weil es schnell gehen musste und überhaupt.
|Nicht einfach, wenn | Schon doof, wenn man mit Leib und Seele Sprachmittlerin ist, oder?

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Foto: natürlich eine andere Dolmetschsituation, 

in der mir das Bild misslungen ist, daher hab 
ich mit der Grafik experimentiert!

Kurz gesagt

Kaffeetrinken mit einer Arbeitskollegin aus Paris. Wir kennen uns bislang nur vom Telefon und von Mails. Jetzt also erstmaliges persönliches Beschnuppern kombiniert mit dem schnellrednerischen Erzählen der Berufsvitae in Beantwortung der Frage, wie wir beide dahingekommen sind, dort, wo wir jetzt sind. Oh weh, den (indiskret lauschenden) Menschen am Nachbartischen wackeln die Ohren dabei, so schnell und auf Stichworte hin sprechen wir Begriffe an, die für uns Worte mit Hinterland sind, Referenzpunkte, an denen wir immer rasch abklären, ob wir auch das Gleiche meinen. Tun wir. Also noch einen Gang zugelegt (auch, um unter uns zu sein).
Diese Art von Nescafé-Gesprächen (in Konzentratform also) kann ich mit etlichen Übersetzern/Dolmetschern, Medien- und Filmleuten sowie Pädagogen führen, die im Bereich Medien, Film oder interkultureller Kommunikation tätig sind. Die Pariser Kollegin und ich sprechen zunächst über den gemeinsamen Arbeitsbereich. Dann möchte die sie wissen, was ich sonst noch mache - und durch meine Antwort wird eben diese Bandbreite deutlich. Die Kollegin überrascht diese Vielfalt, ist sie doch stets in ihrem angestammten Feld geblieben.

Mich wundert das eigene Spektrum nicht, denn ich habe eine Art Doppelstudium hinter mir, eine praktische Ausbildung genossen - und bin von einer Aufgabe in die nächste hineingewachsen, meistens betreut von guten Lehrmeistern. Ich bringe es im Gespräch auf den Punkt: Mein Alltag hat mit zwei Sprachen zu tun und einigen Ländern, in denen diese Sprachen gesprochen werden, mit Inhalten, die gespiegelt werden durch Medien und Film oder vermittelt an Hochschulen. Noch kürzer geht nur: Frankreich - Deutschland - Film.

Im Bereich der Spezialisierungen gibt es kein "richtig" oder "falsch", meine Kollegin hat in ihrem Feld die viel größere Bandbreite. Es sind eben unterschiedliche Wege, die zum gleichen Ziel führen: zu Professionalismus.

Immer fröhlich und nie beleidigt sein

Gestern rappelt das Telefon gnadenlos in die Abgaben hinein, die mich beschäftigen. Wir lesen zu mehreren die Übersetzung eines Buches gegen, dazwischen muss die Juli-Planung laufen, dann Fragen: Hat die Agentur aus Lyon schon unterschrieben? Ist die Technik fürs Monatsende gebucht? Muss ich mich zur Medienpreisverleihung anmelden, wo ich doch als Teil des Teams mit ausgezeichnet werde? Dazwischen klingelt Yvonne an und fragt meine Preise ab - für Kultur- und Theatereinsätze.
Meine Preise sind - anders als mein Geburtsdatum - deutlichen Schwankungen unterworfen. Denn der  Berliner Kultursektor kennt die Krise nicht erst seit 2008. So berechne ich meine Honorare in diesem Bereich Pi mal Daumen in Abhängigkeit des des jeweiligen Projektbudgets, und zwar so, dass meine Honorarwünsche möglichst keine Einsätzen verhindern, aber auch so, dass ich anerkannt werde, davon leben kann und mich nicht am Unterbietungswettkampf beteilige, der in einigen Ecken des Kulturbereichs derzeit angesagt ist. (Mancher Kunde, der ging, um zu "sparen", kam schon zurück.)

Denn Qualität hat ihren Preis, egal, ob ich mir zur Honorierung meiner Arbeit nur eine Flasche Wein schenken lasse oder eine Rechnung schreibe: Meine Arbeit folgt immer den gleichen Standards, meinen eigenen, denn Arbeitszeit ist Lebenszeit und ich arbeite ungern unterhalb meiner Möglichkeiten. Kurz, für ein Nachwuchsprojekt, das über knappe Hochschulmittel hinaus gänzlich unfinanziert ist, bereite ich mich genauso intensiv vor wie für Einsätze im Bereich der Bundespolitik.

Auf diese Erklärungen hin meint Yvonne, meine Anruferin, die mich vom Schreibtisch weggerissen hat, dass sie jetzt verstanden habe, wie der Kulturbetrieb funktioniere:
Immer fröhlich und nie beleidigt sein. Das ist das einzige, was zählt! ... 
Ich muss zugeben, dass mir das oft nicht leicht fällt. Wenn mich jemand aus einer großen Institution anfragt und um einen "Freundschaftspreis" bittet, da wir in der Tat schon viele Jahre zusammenarbeiten, ich diesen gewähre - und ich beim nächsten Mal nicht mehr angefragt werde, dann fühle ich mich angefasst. Hat da etwa der Gedanke reingespielt, dass, wer sich so günstig verkauft, nichts wert sein kann?
So geiht dat nich, würde man im Norden auf dem platten Land jetzt sagen, nee, so geht's wirklich nicht. Und dann klingelt mir Isabelle aus Paris wieder im Ohr mit ihren Worten: Nie über Geld sprechen! In gewissen Kreisen spricht man darüber gar nicht, niemals ... (endet der Satz, wenn ihn aus der Luft auf den Boden hole, dann auf: "man hat es ..."?)

Ich zähle am liebsten zu diesen Kreisen. Sollen sich die Leute und die eigene Leistungsfähigkeit doch selbst einschätzen! Meistens klappt das gut, so wie einst beim legendären Pariser Restaurant « les temps des cerises ». Da legte jeder in die Schublade, was ihm/ihr der Abend wert war - und der Gastronom fand, so hörte man, spätabends mehr Geld darin vor, als wenn er seine Preise branchenüblich kalkuliert hätte.

Das, so fürchte ich allerdings, klappt nur in Zeiten relativen Wohlstands. Dann hau ich mal rasch weiter in die Tasten, um den meinen aufrechtzuerhalten. Und natürlich übersetze und dolmetsche ich für einige NGOs kostenlos, auch für Studentenfilmfestivals, und für ein Bildungsprojekt in Haiti schon seit vergangenem Jahr. Habe ich das hier nicht schon mal erzählt?

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Foto: Mein Rechner nach 4,5 Jahren Einsatz.
Im Spätsommer folgt die nächste Generation.

Dienstag, 15. Juni 2010

Hals!

Selten bekam ich so viele direkte Zuschriften wie auf meinen Eintrag von gestern! Der Hals, diese einzigartige Verengung der Linie des menschlichen Körpers, ist offenbar bei vielen eine Schwachstelle.

Was für Tricks habe ich als Dolmetscherin, damit umzugehen? Auf Berlinale-Parties, auf denen leider zum Teil noch immer geraucht wird (Privatveranstaltungen! Tabakkonzerne als Sponsoren - igitt!, aber Wirklichkeit!), bleibe ich dann nicht lange. Oft bemühe ich mich nach einem Flop im Folgejahr gar nicht mal mehr um eine Einladung. Denn den ganzen Tag labern, abends in einer Waschküche, in der heftig geraucht wurde, am besten noch tanzen - da kann ich am Folgetag meine Stimme vergessen, da spricht dann nicht mal mehr Zarah Leander aus dem Jenseits.

Trinken, währenddessen maßvoll, hinterher viel, weil ich, wenn ich zum Beispiel bei der Berlinale einen Film alleine einspreche, eben nicht mal kurz austreten kann. In diesem Zusammenhang sei noch angefügt, dass alle Regisseure, die einen Film herstellen, der auf internationalen Festivals laufen soll, sich doch bitte Geräusche fließenden Wassers in den letzten zwanzig Spielminuten verkneifen sollten, so schön dramatisch Bäche, Schleusen, Flüsse, Wasserhähne und Wasserfälle auch mitunter sein mögen! Denkt an die Dolmetscher!

Ist der Film erst abjeblendt, Caro schnell zum Wasser rennt. So stürze ich zum Beispiel im Delphi-Filmpalast nach Berlinalefilm und Diskussion immer ausgetrocknet an die Theke und verlange nach einem Glas Wasser. Alle Ästheten bitte weghören: Ich erbitte stets ein großes Bierglas lauwarmen Wassers. Das fließt schön sanft und streichelzart an den Stimmbändern vorbei und der Körper muss es nicht erst mühsam anwärmen. Das zweite Glas ist dann, bitte weiter weghören, eine Apfelsaft'schorle' aus Apfelsaft und lauwarmem Wasser. Zum Glück kennt mich das Thekenteam inzwischen und ist ganz diskret, so dass ich mit meinen (leise vorgetragenen) Ansagen kaum noch jemanden schockieren muss. Alkoholika fasse ich in solchen intensiven Arbeitswochen übrigens gar nicht an.

Räuspern ist an solchen Tagen auch nicht angeraten, denn jedes derartige Ereignis strengt den Sprechapparat aufs Neue an. Stattdessen lutsche ich Emser Salz, Isländisch Moos und derlei, was mich jedes Jahr auf der Berlinale rettet - oder nächsten Monat retten wird, beim Festival International du Documentaire de Marseille (FIDMarseille). Am Ende krächze ich aber doch meistens. Macht nichts, weil nach acht Tagen Festival bin ich ohnehin leer im Kopf.

Sonntag, 13. Juni 2010

Interviews dolmetschen

Nicht räuspern, jetzt nur nicht räuspern!, sag ich zu mir kurz vor Panik, um gleich umzuschwenken. Laut Autogenem Training ist der bessere Satz jetzt: "Ich atme ruhig und leicht. Halzkratzen gleichgültig."
Neulich, wir sitzen mitten im Fernsehinterview, spüre ich, dass ich vor einigen Wochen eine böse Grippe hatte, anlässlich derer sich mein Hals an eine leichte Keuchhustenform erinnerte, die ich einst als Teenager durchgemacht hatte. Der Hintergrund dazu ist rasch erzählt: Als meine Geschwister auf die Welt kamen, waren die Impfseren nicht sauber; eine Nachbarin, die Impfärztin war, informierte meine Mutter - und meine Eltern ließen die Kinder erstmal nicht impfen. Jahre später rächte sich, dass dann durch einen Umzug die ausstehende Impfung in Vergessenheit geraten war: Die ganze kleine Großfamilie hustete über ein Jahr lang. Und nun kommt also manchmal dieser blöde Hustenreiz zurück!

Überhaupt darf ich, wenn ich neben der Kamera sitze, nur flach atmen und leise Notizen fürs Dolmetschen machen. Rückmeldungen, die das Gespräch aufrecht erhalten - ja? ... hm! ... soso - sind verboten, denn derlei lässt sich ja später nicht vom Interviewton trennen, und dieser Ton muss sauber sein. Manchmal sitze ich in diesen Fällen vor, manchmal hinter dem Journalist oder Redakteurin. Und da ich in Dolmetschsituationen die Fragen stelle, ist es nur natürlich, dass der Interviewte mich anschaut. Auch das sind Themen, die wir vor dem Dreh besprechen, nicht, dass sich nachher Kamerafrau oder -mann beschwert, weil der Blick zu weit weg von der Kamera wandert.

Hustenreiz flach zu halten ist nicht einfach, l'amour et la toux ne se peuvent cacher, sagen die Franzosen da, Liebe und Husten lassen sich nicht verheimlichen. Noch schwerer fällt es mir manchmal, bei langen Gesprächen immer hellwach zu bleiben: Sagt er oder sie die Sache so, dass wir später schneiden können? Passt es zu dem, was wir im Vorgespräch erfahren haben? Das Dolmetschen gerät so manchmal zur Nebensache.

Und was ist, wenn die oder den für den Inhalt Verantwortliche(n) die Energie verlässt? Alles schon gehabt ... Das Dolmetschen ist für alle anstrengend, nicht nur das Gedolmetscht-Werden, sondern auch das Gedolmetscht-Bekommen. Da ich gelernte Journalistin bin und in der Regel gut eingearbeitet in die Themen, übernehme ich zur Not auch diese Aufgabe, ohne viel Aufhebens darum zu machen. Auch aus Respekt vor dem Beruf des Journalisten, den ich sehr geliebt habe und der in den letzten zwei Jahrzehnten immer mehr in den Bereich der unmöglichen Traumberufe geraten ist, weil die Honorare oft nicht nur nicht gestiegen, sondern mancherorts sogar gekürzt worden sind.

Noch ein Aspekt des Interviewdolmetschen sei hier erwähnt, der für Sehbehinderte ungefähr so grundlegend ist wie die Geschichte mit dem Hustenreiz für das Gespräch an sich: Fremdkörper im Raum. Ich bin Brillenträgerin, erbte von den Eltern leider die Summe deren Fehlsichtigkeit. Ohne die Kunst meines Optikers, mir die richtigen Gestelle zu liefern und die passenden Gläser dazu, trüge ich bei fast minus zehn Dioptrien Flaschenböden auf der Nase spazieren! Oder Panzerglas ...

Nun lässt sich durch eine schusssichere Substanz hindurch, die mich von der Außenwelt trennt, nur schlecht ein Gespräch im Fluss halten, zumal ja dazu zweckdienliche Worte und Geräusche - siehe oben - verboten sind. Also antworte ich mimisch, schaue hin, kommentiere, frage, spreche mit den Augen. So dass mir die richtige Brillenauswahl des Optikers hilft, in schwierigen Fällen und vor allem bei Interviews die richtigen Kontaktlinsen!

Samstag, 12. Juni 2010

Auf den Champs Elysées

Weiter geht's heute mit den Sonntagsbildern.
Diese hier stammen noch von meinem Spaziergang von vor acht Tagen: Paare, Promenaden - und Plakate im Anschnitt. Denn zum Dolmetscherberuf gehört es auch, sich seine Kräfte einzuteilen, für ausreichende Ruhezeiten zu sorgen und zu wissen, wo die Quellen der eigenen Kreativität sind.

Link der Woche: Zweisprachigkeit

Von nun an bringe ich hier samstags immer meinen Link der Woche, diesmal geht es um die Fragen, welches Sprachengewirr zwei- oder mehrsprachig aufwachsende Kinder erleben? Und wie schätzen sie das Erlebte als Erwachense ein?

Heute möchte ich auf den Artikel einer Schülerin aufmerksam machen, der gestern auf der Jugendseite der Frankfurter Allgemeine Zeitung erschienen ist. Unter der Überschrift "Lustig klingende Wörter" berichtet Lisa Kramer, wie spielerisch Kinder mit dem Erlernen von Sprachen umgehen, wenn dies nur früh genug geschieht - und außerhalb der Schule, in der Familie, verbunden mit Emotionen, eingebunden in den Alltag.

Fazit des Artikels: Zweisprachig aufwachsende Kinder lernen zwar langsamer und erleben manche Sprachverwirrung, sind aber früh aufs Erkennen sprachlicher Systeme geeicht, lernen die Sprachen insgesamt besser und haben es auch später mit dem Erlernen weiterer Fremdsprachen leichter. Zweisprachigkeit bedeutet nicht, in beiden Sprachen am Ende gleichermaßen gut zu sein, die Kinder selbst werden eine Sprache bevorzugen, was am großen Glücksfall, früh eine zweite (oder gar dritte) Sprache zu erlernen, nichts ändert.

Der Artikel gefällt mir sehr gut, denn er beschreibt das Phänomen Zweisprachigkeit aus verschiedenen Perspektiven - und vor allem aus dem Alltag heraus. Nur eins ist schade: dass die jungen Autorin nicht noch mehr Beispiele von "lustig klingenden Wörtern" gegeben hat, die sie in ihrer Überschrift ankündigt.

Donnerstag, 10. Juni 2010

Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt

Hallo beim Weblog aus der Dolmetscherkabine. Hier schreibe ich über meinen sehr abwechslungsreichen Alltag, aber auch über die Themen, die mich als Übersetzerin und Dolmetscherin aus dem Französischen und Englischen beschäftigen. 

Also, die Bahn ... Eigentlich wollte ich kein Bahn-bashing machen, das war mir zu einfach. Aber mein Plan von gestern ging nicht auf, und Vielreisende wissen: das ist mindestens bei jeder zweiten Reise so. Nix war's mit einem entspannten Arbeitstag in Sachen Drehbuchübersetzung! Der Stress ging schon kurz nach der Abfahrt los.

Ich fing in der Gare de l'est schön mit dem Tippen an, kurz darauf macht es flupp!, und der Bildschirm ist schwarz. Hintergrund: vorletzte Woche ging mein Akku kaputt und ich schwanke noch zwischen Ersatzteilkauf und ganz neuem Rechner; mein PowerBook kann gut und gerne ein Bürorechner werden. Der befragte Schaffner bestätigte kurz darauf: Der Strom auf den Steckdosen der Reisenden verschwindet immer mal wieder für eine halbe bis zwei Minuten, und zwar bei der Anfahrt, wenn es auf die Schnellfahrtstecke geht und dann noch ungefähr drei Mal, bis wir in Deutschland ankommen.

Also Siesta.

Hätten mich nicht diese penentranten, dreisprachigen Ansagen immer wieder aus dem Schlaf gerissen. Der Zug in Gegenrichtung ist nicht "frankreichfähig", wie sich später herausstellt, so wird in Saarbrücken gependelt: Sämtliche Insassen zweier Züge raus und wechseln! Das Chaos, das auf dem Bahnsteig entsteht, erinnert mich wie das Vorgehen selbst verschärft an den desolaten Berliner S-Bahn-Verkehr.

Da der Gegenzug Verspätung hat, haben wir jetzt auch welche. Weil Berlinreisende ihren Anschluss in Frankfurt/Main nun nicht erreichen werden, dürfen wir bereits in Mannheim in den Anschlusszug umsteigen, hier kriegen wir ihn noch, vielleicht aber nur deshalb, weil der Zug dort sechs Minuten verspätet ist. Wieder Chaos in den Zügen und auf dem Bahnhof: Kleinkinder, Geschäftsleute, gruppenreisende Rentner, eine Schülergruppe mit eidottergelben I-Dötzchen-Mützen, eine indische Großfamilie, die die denglishen Durchsagen nicht versteht: Die Dolmetscherin ist im Dauereinsatz. Dann noch eine Jugend-Fußballmannschaft, ein schreiendes Baby, Musiker mit ihren Instrumentenkoffern, das blonde Biest vom Amt, ein Gipsbein ... im tableau hat nur der Korb mit dem Huhn gefehlt!

Indes, im Zug erfahre ich, dass die Info mit dem vorfristigen Umstieg in Mannheim für mich nicht gegolten hätte, da mein Ticket eine Zugbindung hat, ich demnach für eine spätere Fahrt gebucht habe und in Frankfurt erneut umsteigen soll. Ich protestiere, wehre mich gegen dreimaligen Zugwechsel anstelle von einem, darf, weil ich das Maul aufreiße, im Zug bleiben. Zum Glück finde ich einen Sitzplatz mit Tisch.

Im Laufe der Reise wächst auch die Verspätung dieses Zuges von sechs auf fast dreißig Minuten, es gibt weitere Probleme auf der Strecke, der Zug nimmt eine andere Route und fährt Hildesheim nicht an. Trotzdem erreiche ich Berlin früher als geplant, denn ich sitze ja im früheren Zug. Ruhig gearbeitet habe ich auf der Fahrt etwa vier Stunden lang statt acht, denn auch in Deutschland fiel wiederholt der Strom aus. Wie sagte schon der olle Brecht: Erstens kommt es anders, zweitens ...

Oder, um's mit den Worten des Bahnschaffners zu sagen: Wie wisch juh a plässent dschörnie!

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Foto: Noch im Pariser Bahnhof und schon im Berliner Büro,
denkste! En Internetmedienthema auf dem Titelblatt — bei
meiner Presseschau, gestern las ich drei Zeitungen, hab ich
damit angefangen.

Mittwoch, 9. Juni 2010

Unterwegs arbeiten

Reisezeit ist Arbeitszeit - das stimmt oft, aber nicht immer. Manchmal sind es einfach nur verlorene Tage, beim Schlangestehen an der Sicherheitskontrolle, beim Warten auf den Check in, beim Stress, wenn es zu Turbulenzen kommt. Da ist dann kein Buch spannend genug, um mich abzulenken, da gehe ich in den Stromsparmodus und sammle bestenfalls Energien für den nächsten Dolmetscheinsatz.
Inzwischen nehme ich lieber den Zug. Sehr gerne fahre ich nachts, doch manchmal buche ich zu kurzfristig und der Nachtzug fährt auch nicht an allen Tagen. 8,5 Stunden Berlin-Paris, das ist tags ein Nachmittag und ein Abend, verglichen mit den sechs Stunden von Haus zu Haus die ich brauche, wenn ich den Flieger nehme, Pufferzeiten und Reisezeiten von und zum Flughafen eingerechnet. Wenn ich Glück habe (wie auf dem ersten Bild im April), kann ich arbeiten. Gegen Hockeymannschaften und Kinderlärm helfen Ohrstöpsel und Kopfhörer, die mir Klassik oder als Pausenprogramm meine Lieblingssendungen von France Culture bringen. Denn das, was da zwischen den Sitzreihen lautstark verhandelt wird, muss ich nicht mit anhören, nein danke!
Es bleiben Fragen offen. Wieso hat die Bahn noch keine Arbeitswagons eingerichtet, in die definitiv keine Reisegruppen zugebucht werden UND in denen Handy-Ruhezone ist? Großraumwagen, in denen vielleicht bei den Stops in den Bahnhöfen sogar kostenloser Internetzugang angeboten wird? (Länger wäre sicher für viele praktisch, also gerne auch länger ... - Ich aber genieße die Zeit im Off, die ich zuhause auch immer wieder herstelle, wenn ich konzentriert monotasken möchte). Warum gibt es nicht mehr Kinderabteile, von denen einige auch für größere Kinder ausgestattet sein könnten? (Ganz offensichtlich fahren ja nicht nur Geschäftsleute und erwachsene Touristen auf den internationalen Linien ...) Wann gibt es die TGV-Verbindung Paris-Berlin?

Von Paris aus geht es in knapp drei Stunden nach Marseille, das sind 660 km Luftlinie.
Von Paris nach Berlin ist es mit 880 km nur ein Fitzelchen weiter, OK, ich untertreibe, aber in viereinhalb Stunden sollte das doch mit einer TGV-Linie zu schaffen sein, oder?

Dienstag, 8. Juni 2010

Lichtdouble

Wenn mir ein Einsatz unheimlich wird, rette ich mich in den Gedanken: "Ich bin hier nur das Lichtdouble!"

So auch gestern Mittag, als wir ein Interview einrichten. Ich sitze auf dem Platz des Arztes und halte meine Haut hin, während der Kameramann das Licht setzt. Ich versuche, an gar nichts zu denken. Weil das nicht klappt, konzentriere ich mich auf die Fragen der Regisseurin und die Fachbegriffe.

An diesem Montag haben wir dem Tod in die Augen geschaut. Für Arte drehen wir über das Botulinum-Toxin, ein Bakteriengift, das Muskeln entkrampft und zur Behandlung von Schielfehlern, Muskelspastiken oder in der Schönheitsmedizin verwendet wird. Ärzte, die sich auf derlei Anwendungen spezialisieren möchten, können in Paris eine besondere Ausbildung absolvieren, die zum Teil in der Anatomie stattfindet. Damit die Mediziner nicht an lebenden Patienten ihre ersten Erfahrungen sammeln müssen, wird hier geübt, mit farbigen Lösungen gespritzt und anschließend seziert. Die Subjekte, an denen gearbeitet wird — so jedenfalls die Sprache der französischen Fachleute — sind allesamt Menschen, die zu Lebzeiten ihre sterblichen Überreste der Wissenschaft übereignet haben.

Die Subjekte also — bis auf einen waren sie allesamt sehr, sehr alt beim Eintritt des Todes — sehen anfangs aus wie Wachsköpfe oder wie Marat in seiner Badewanne, die Münder sind indes allesamt wie bei Edvard Munchs "Schrei" geöffnet. Das Ergebnis der Präparation, die oft zart verästelten Nerven- und Muskelstränge, sehen so aus wie im Anatomielehrbuch meines Großvaters.

Es ist die Etappe dazwischen, die mir Schwierigkeiten macht, wenn ich nicht hochkonzentriert dolmetsche und Zeit für eigene Gedanken habe. Denn wir dokumentieren diesen Tag, debattieren daneben immer wieder die Grenzen dessen, was in Bildform wiedergegeben werden kann und staunen über diese Welt, mit keiner vom Filmteam bislang in Berührung gekommen ist. Zugleich begleitet wohl alle von uns ein flaues Gefühl im Magen.

Am Mittag und am Abend drehen wir Interviews in der klassischen "sitzenden" Weise. Sie sind hochgradig informativ, das Filmteam ist super, auch die Ärzte um uns herum sprechen mich immer wieder an, wollen wissen, wie es uns geht, fragen nach Details zur Filmarbeit, wundern sich, dass es so lange braucht, bis alles "im Kasten" ist.

Ja, zum komischen Gesichtsausdruck steh' ich
Im Vorfeld hatten mich Freunde vor derbem Humor gewarnt, mit denen etliche Weißkittel in dieser Situation kontern. Aber alles ist ruhig, sanft, konzentriert — und sehr respektvoll. Auch unser Humor fiel sanft aus. Mit den Ärzten hier verbindet uns, dass es um eins geht, um "sujets" (siehe oben, aber auch le sujet: "das Thema"), die Hauptarbeit findet am "Schneidetisch" statt.

Lichtdouble, bitte Platz nehmen!

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P.S.: Nächste Woche besorge ich mir einen Organspenderausweis.
Für die Entscheidung, ob ich einen Schritt weitergehen möchte, die
Freigabe für "Wissenschaft", brauche ich noch Zeit |zum Nachdenken|
fürs Vergessen. Aber hochgradig wichtig ist das auf jeden Fall!

Sonntag, 6. Juni 2010

Film(dolmetschen) als Broterwerb ... oder so

Dieser Tage drehe ich in Paris als Dolmetscherin. Wir sind für Arte unterwegs und ich bin froh, dieses Mal nicht mit der Produktionsleitung betraut gewesen zu sein. Viele Jahre habe ich zwei- bis dreierlei parallel gemacht, Inhalt (als Journalistin) und Form (als Dolmetscherin) verantwortet und dafür gesorgt, dass die Sache überhaupt stattfand (als Produktionsassistentin oder Aufnahmeleiterin).

Von diesen Zeiten profitiere ich noch heute. Und von meinem Sammelfleiß, denn bei jedem Drehtag habe ich nebenbei ganz entspannt nach Fachtermini gefragt und gelernt, zum Beispiel la mandarine für ein kleines Kameralicht. Dieser Begriff kommt daher, dass in Frankreich ein Unternehmen Marktführer mit kleinen, runden, orangenfarbenen Kameralämpchen war (ist?). Die Dinger sahen ebenso typisch nach Seventies aus wie die ebenfalls runden, orangefarbenen Lautsprecher in den Studios von Radio France, die indes viel größer waren. (Ich muss mal Catherine fragen, ob die Teile auch einen Spitznamen haben, vielleicht potiron? ... Kürbis ...)

Noch etwas |Essbares| aus dem Bereich des eigentlich Essbaren: la gélatine. Die bezeichnet kurioserweise auf Französisch jene Farbfilter, die bei Dreharbeiten vor Lampen geklemmt werden, da die Kamera das Tageslicht anders "sieht" als das natürliche Licht draußen.
Dieses Wort habe ich eher im Stress gelernt. Am Vorabend eines Berliner Drehtags mit französischsprachigem Team ging ich raus, meinen Feierabend zu genießen. Als ich wieder zu Hause eintraf, blinkte der Anrufbeantworter gar sehr nervös, denn das Team hatte les gélatines im Kofferraum des Taxis vergessen. So bat man mich, derlei doch mal eben zu organisieren — und morgens um 8.00 Uhr am Drehort zu sein. Es war die Zeit, als das Internet noch nicht alltägliches Arbeitsmittel war.

Wie ich das geschafft habe? Aus der Erfahrung, wer Technik verleiht, Schneideplätze anbietet und gelegentlich Kunden aus dem Ausland hat. Dort erwischte ich einen Kameramann, wir rätselten kurz (Kofferraum, leicht vergessbar, Drehbedarf) — und schlussfolgerten offenbar richtig. Eine nächtliche Spritztour mit dem Taxi ans Lützowufer später, und war ich für den drauffolgenden Drehtag vorbereitet.

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Foto: C.E.

Sonntag am Meer

Am Sonntag pausiert die Dolmetscherin - wenn nicht gerade eine dead line ansteht, eine Livesendung oder derlei. Und wenn montags Einsatz ist, steht sonntags auch noch Pauken auf dem Programm.
Und Erholung. Heute ging ich aufs Fest des Meeres, versuchte, die Wolken zu überlisten und ein paar Sonnenstrahlen aufs Bild zu bekommen - und unterhielt mich lange mit einer Mitarbeiterin von Ifremer, einem Forschungsinstitut, das ich durch einen früheren Dreh bereits kennenlernen durfte. Und so wurde auch der Nachmittag zum Wiederholen von Vokabeln und Inhalten genutzt ... ganz nebenbei.

Freitag, 4. Juni 2010

In Paris vom 5.-9.6.2010

A Paris entre le 5 et le 9 juin 2010. Déjà sous contrat les 7 et 8 (matinée), on tourne pour Arte - am 7. und den Vormittag des 8. bereits unter Vertrag, ein Arte-Dreh.

Donnerstag, 3. Juni 2010

Sprachschatz

Ein, nein, zwei Worte noch für den deutsch-französischen Kulturaustausch: Feierabend und Biergarten.

Biergärten gibt's nicht nur in München, sondern auch in der deutschen Hauptstadt, und hier lässt sich wunderbar der Abend feiern.


Als ich als Studentin in den 1990-er Jahren mit einem französischen Wissenschaftler in (ehedem) ost- und westdeutschen Filmarchiven saß, am Schneidetisch dolmetschte und Filme einlegen übte, war das Wort "Feierabend" eines der ersten, das der Prof aus Paris gelernt hat: Lafayèreabènde, c'est sacré !, wusste dieser, denn der Feierabend war so heilig, dass wir nur die Nähe desselben kommen mussten und uns keiner der Archivmitarbeiter mehr Nachschub fürs Sichten holte ... Indes, in den letzten Jahren ist mit den verlängerten Ladenöffnungszeiten diese Hochheiligkeit ein wenig geschwunden.

Den Gedanken, dass jeder Abend nach einem langen Arbeitstag ein kleines Fest (wert) ist, kenne ich nur aus der deutschen Sprache - und Idyllen wie die abgebildete gibt's im Herzen von Berlin am Neuen See.

Den ersten Sommerabend des Jahres feierten wir angemessen. Umständehalber endet der Blogeintrag hier auch gleich.

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© Caroline Elias

Mahlzeit, Kulturbeutel!

Neulich wurde wie alle Jahre wieder das schönste deutsche Wort gesucht. Zarte Schöpfungen wie Augenblick, etwas für Freunde des rollenden Rs wie Rhabarbermarmelade oder der Bilderreisenauslöser Lichtspielhaus wurden in den letzten Jahren vom Deutschen Sprachrat erwähnt oder gar gekürt.

Ich genieße auch gerne schöne Worte und kann sie zelebrieren wie erlesenen Wein. Selbst Handfestes wie Mahlzeit!, den Schlachtruf der deutschen Arbeiter, Angestellten und Beamten in der Kernarbeitszeit zwischen 10 Uhr morgens und zwei Uhr mittags. Vielleicht muss man länger im Ausland gelebt haben, um die Besonderheit dieser deutschen Sprachkostbarkeit angemessen würdigen zu können. Stellen wir uns doch mal vor, die Franzosen begrüßten sich fast morgens schon mit einem « repas! » oder die Briten mit "meal!"


Ja, ich weiß, das "... ich wünsche Dir eine gute Mahlzeit" muss ich jedesmal mitdenken, der Begriff entspricht also dem "Guten Appetit!" Aber ein Begrüßungsruf, der « appétit » lautet, ist aus französischer Perspektive ebenso kaum vorstellbar. Womöglich könnte das als Anzüglichkeit missverstanden werden - Appetit worauf? Oder sind wir jetzt unter die Kannibalen gegangen?

Eine weitere deutsche Sprachbesonderheit ist der Kulturbeutel. Der Beutel für die Körperkultur, das Nécessaire fürs Bad oder auch "Mäppchen für die Morgen-/Abendtoilette", wie trousse de toilette etwas freier übersetzt lautet. Ist es im Französischen die Toilette, die da sprachdominiert, ist es im Deutschen die Kultur! Wie schön! Das wollten wir doch schon lange wieder sein, eine Kulturnation!

Manchmal tut es mir dann doch leid, dermaleinst von meinem erfolgversprechenden Karrierweg als Fernsehredakteurin abgezweigt zu sein, dann wäre ich bald Fernsehdirektorin und würde die Kultursendung "meines" Senders schlicht und ergreifend "Kulturbeutel" nennen.

Und jetzt steigern wir die Chose noch: "Mahlzeit, Kulturbeutel!"

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Foto: Traubensaft statt Wein, lautet die Devise in intensiven Arbeitswochen.

Mittwoch, 2. Juni 2010

Untragbar!

Gestern hatte ich es schon von Tragbarem und nicht Tragbarem. Am Nachmittag dann Terminplanung für die nächsten Einsätze, und neben dem gemeinsamen Analysieren der Bedürfnisse eines Kunden parlierten Rebecca, die Chefin einer befreundete Agentur aus Frankreich, und ich ein wenig miteinander. Wir planten einen "ambulanten Einsatz". Nein, wir operieren nicht, selbst wenn genau das der geheime Schlachtruf der Sorbonne-Profs war, wenn diese in die Hörsäle eilten: bon, allons opérer (so jedenfalls mein Lieblingslinguistikprof damals). Wir versuchen doch nur, operativ zu sein ... Ein Hilfsmittel unserer Berufsausübung ist das Mikrofon, ein anderes der Kopfhörer. Die gibt's fest installiert, ersteres mit Kabine drumherum, zum Beispiel in Kongresszentren. Wenn der Kongress tanzt, pardon!, auf Delegationsreise oder Betriebsbesichtigung geht, muss eine mobile Anlage mit. PFA oder "Personenführunganlage" heißt die (und bin ich die einzige, die hier immer an den GröFaZ denken muss?), wiegt im Normalfall so um die zehn Kilo (oder mehr? ... reichen zwei Säcke Katzenstreu? ... kurz: noch schleppbar!) und ist ein größerer Koffer.

Leider fiel es dem Marktführer von derlei in den letzten Jahren ein, die Empfänger und Kopfhörer kompakter und damit mobiler zu machen — und im Gegenzug die Dolmetscherkoffer zu vergrößern. Gegen kleinere Endgeräte habe ich nichts, aber die Kiste, was heißt vergrößern, das ist schon fast gigantomanisch, was uns da beim Fachlieferanten an die Ausgabe geschleppt wird, wenn wir mal wieder selbst für Technik sorgen. Das machen wir gelegentlich bei knapp Budgetiertem, aber immer seltener. Denn da, wo einst ein Kofferraum reichte, wird jetzt ein Kombi fällig - und wenn das Wachstum so weitergeht, ist es in wenigen Jahren ein Leichenwagen. Nee, nee, nee.

Früher gingen die Probleme erst dann los, wenn man mehrere Dolmetscherkoffer brauchte, mit Grausen erinnere ich mich an eine Frankreichreise mit berufsbedingtem Übergepäck. Heute, und jetzt komme ich wieder auf mein Gespräch mit der Kollegin gestern zurück, sind vier Hände für den Transport zu empfehlen. Rebecca lobte die Qualität dieser Kisten, die übrigens ein deutscher Hersteller zu verantworten hat, und meinte dann verschmitzt: "OK, wenn mir der Hersteller je Kiste noch einen deutschen Träger mitliefert, dann will ich die gern ordern." Aber gutaussehend, bitte.

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Foto: Das wäre auch eine Möglichkeit, liebe Hersteller von mobiler Dolmetschtechnik. Unserem Dienstleister ging mal einer der Koffer alter Prägung kaputt, da hat er die Schaumstoffeinsätze kleinergschnippelt und mit einem neuen, noch tragbareren Koffer, wiederverwendet. Das ist ein Köfferchen! :-)
Einer meiner Reisebegleiter letztes Jahr nach Marseille ...

Dienstag, 1. Juni 2010

Profis halt

Unverhofft musste ich im Büro an meine Oma denken. Als sie einst mit mir Kinderkleidung einkaufen ging, sagte sie zu manch schlecht verarbeitetem Stück: "Wir haben zu wenig Geld, um uns so billige Sachen leisten zu können." Das mit dem wenigen Geld war relativ, aber Krieg und Nachkrieg saßen dieser Generation noch in den Knochen. Ansonsten verstand ich einen Wortsinn: Das sieht billig aus, so arm wollen wir nicht aussehen. Heute verstehe ich noch einen zweiten, der sogar naheliegender ist: Das Billige ist oft von schlechter Qualität und damit im doppelten Wortsinn nicht tragbar. Neulich klingelt das Telefon. Ein potentieller Kunde fragt mich an für eine Verhandlung, ein französischer Miteigentümer käme aus Paris nach Berlin, beim Termin gehe es um Investitionsförderung, staatliche Gelder, eine Art Banktermin. Kreditanstalt für Wiederaufbau, schießt es mir durch den Kopf, Marshall-Plan? Ob's das war, weiß ich nicht, deshalb darf ich hier mutmaßen. Der Termin dauere eine Dreiviertelstunde. Was denn wohl eine Stunde Dolmetschen koste? Ich frage nach dem Thema, erfahre es; ja, das liegt im Bereich des Machbaren. Ich schlage einen halben Tag zu 500 Euro vor. Am anderen Ende der Leitung höre ich betretenes Schweigen. Nein, nicht einen halben Tag wolle man mich buchen, eine Stunde reiche. Ich erkläre mich, sage wahrheitsgemäß, dass mir das Thema nicht ganz fremd ist, ich daher nur einen halben Tag veranschlage statt eines ganzen, mich aber auf jeden Fall gründlich vorbereiten müsse.

Das Schweigen des Gesprächsteilnehmers wird nervöser. Er hüstelt. Also ob ich denn Profi sei, will er wissen, und er hätte so mit 60 Euro gerechnet, um mal eine Vorstellung zu vermitteln. Ohne auf die Ehranfechtung einzugehen - das ist seine Baustelle, nicht meine - , frage ich, um welche Investitionssumme es denn gehe. Nach der Antwort bin ich es, die schweigt ...

Ich steig hier mal aus dem unerfreulichen Szenarium aus, das leider von der Wirklichkeit abgekupfert ist. Ich erfuhr später, weil wir die Verträge übersetzen (lassen) dürfen und zwar zu vollen Tarifen, dass es wohl nicht ganz so optimal gelaufen sein muss mit einer Studentin der Anglistik, Stichwort: Englisch kann doch jeder.

Da fällt mir böserweise eine renommierte, große Filmproduktionsfirma ein, die einen Lizenzvertrag von mir ins Deutsche rübergewuppt haben wollte. Das ist eine kleine Ewigkeit her, und die Ewigkeit und drei Tage früher hatte ich für einen anderen Kunden einen Autorenvertrag aus dem Französischen übersetzt, beides stammte aus der gleichen französischen Quelle, einer Verwertungsgesellschaft. Das war ich so ehrlich, zu erwähnen, um mich qualifiziert zu zeigen. Die Produktionsfirma meinte daraufhin, ich könne doch jeweils nur per copy & paste die Worte "Autor" und "Lizenzinhaber" austauschen und dann sei ich mit 500 Mark (waren das damals noch) mehr als fürstlich entlohnt. Ich machte sie auf die vier Seiten aufmerksam, die in den "drei Tagen" Altersunterschied zwischen Version A und Version B entstanden seien. Na gut, 200 Mark mehr, das könne ich doch jetzt nicht mehr ausschlagen. Dazu muss man wissen, dass ich den Autorenvertrag auch schon unzumutbar billig übersetzt hatte, es war mein allererster Vertrag, ich hatte mir Zeit genommen und diesen Umstand mit wenig Honorar bezahlt. Langer Rede kurzer Sinn: Irgendwann fiel die Forderung, dass ich, wenn ich 1200 DM verlange, die Übersetzung aber auch juristisch gewährleisten müsse. Über die Steilvorlage bin ich noch heute dankbar: Anwältin sei ich nicht, leitete ich ein, um dann auszuführen: "Leider haben Anwälte im Gegensatz zu Sprachmittlern feste Sätze, und hier wäre mindestens das Vierfache von dem zu zahlen, worüber wir jetzt sprechen! Wenn das mal reicht!"

Nachdem mich besagte Firma einige Tage telefonisch nahezu belagert hatte, machte mich die daraufhin einsetzende Funkstille misstrauisch. Meine Nachfrage ergab, dass die Praktikantin den Vertrag hatte übersetzen dürfen - juristisch gewährleistet, oder? Alles Profis in dieser Firma, selbst die Praktis schon!

Und ich konnte nur schadenfreudig grinsen, als mir später zugetragen wurde, dass bei der gleichen Produktionsfirma eine Kameraassistentin, die, damit die Firma Lohn "sparen" konnte, diesen Job bei einem aufwändigen und teuren Dreh als Praktikantin machte, nach einem besonders technik- und personalintensiven Drehtag aus Versehen beim Filmnachlegen die falsche Filmbüchse erwischt und damit belichtetes Material vernichtet hatte!

Zur Ehre nämlicher Firma sei das Ende der Kolportage indes nicht verschwiegen: Die Praktikantin hätte an anderer Stelle im Team weiterarbeiten dürfen. Diese Entscheidung ist wenigstens professionell. Schade, dass ich das meiner Oma nicht mehr erzählen kann.
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Foto: Filmlicht von einem Interviewdreh