Dienstag, 16. November 2010

Alltag einer Dolmetscherin

Dolmetscher leben zwischen zwei oder mehr Sprachen, egal, wo sie sich gerade aufhalten. Bei mir sind es Französisch und Deutsch, und die Orte sind wahlweise Berlin, Köln, Hamburg, München, Paris ... oder irgendwo sonst in Frankreich. Im Gegensatz zu Brüsseler Kollegen - ich denke da an den alten Schulfreund Albrecht, der sieben und sicher bald acht Sprachen versteht, aus denen er in seine Muttersprache arbeitet - lebe ich mit und in zwei Sprachen, die aber in Alltag und Beruf nahezu den gleichen Stellenwert haben.

Schon beim Aufstehen läuft ... französisches Radio. Gerne unterhalte ich mich schon, bevor ich die Arbeit aufnehme, in diesem Idiom. Dann lese, schreibe, lektoriere, recherchiere und lerne ich in beiden Sprachen. Immer, wenn mir etwas unklar ist oder mich nur überrascht, ganz gleich, ob auf Deutsch oder Französisch, notiere ich das in mein kleines Notizbuch und arbeite es später nach.

Soviel zur allgemeinen Beschreibung. Und wenn ich 'immer' sage, meine ich immer, bis in die Nacht. Das kann wie gestern im Kino sein (ich sehe vorzugshalber alles, was in meiner zweiten Sprache in Berlin im O-Ton läuft), aber das geschieht auch, wenn ich beispielsweise an einem Samstagmorgen um halb zwei bei einer Freundin in der Küche stehe und jemand eine seltene Redewendung verwendet. Ich habe ganze Ordner voller Alltagsworte, Hintergrundinfos und fachbezogener Lexiken, die immer wieder durchgenommen und aktualisiert werden.

Vor Dolmetscheinsätzen führe ich eine Art Lernkalender. Seit dem Studium liebe ich es, einen durchgeplanten Alltag mit festen Uhrzeiten zu haben, denn dann findet alles fast automatisch, als Routine statt. Die Kunst liegt, auch hier, in der Abweichung.

Zum Beispiel heute: Ich wache statt um zwanzig nach sieben erst um zehn Uhr auf, weil ich, was nur etwa einmal im Monat vorkommt, unter der Woche sehr lange auf einer Party war. Das Kurzfilmfestival Interfilm wurde gestern eröffnet und  auf der Eröffnung war ich noch nach dem Kinoabend. In den ersten Stunden des Tages fegten wir etliche Youngster von der Tanzfläche weg, wir Oldies (bezogen aufs Durchschnittsalter dessen, was sich da im roten Salon vorsichtig zu bewegen versuchte) ... und bekamen dafür ein Kompliment nach dem anderen. So kann’s kommen  ;-)

Entsprechend spät schlief ich ein. Aber hier gilt: Nicht aus dem Takt kommen, ausgeschlafen wird am Wochenende! Morgens lese ich in beiden Sprachen Zeitungen, Brancheninfos, dann ist Post dran, Absprachen mit Kollegen, Termine machen, Tagesplan sichten.

Die Vormittage gehören normalerweise dem Schreiben und Übersetzen. Heute nicht. Da muss ich zwei Kostenvoranschläge schreiben, eine Kollegin für die Übersetzung eines Filmkommentars suchen, eine Geburtsurkunde übersetzen und dann, da im Dezember die französische Filmwoche in Berlin ansteht, mich bei den Verleihern um Dolmetscheinsätze bewerben. In veränderter Form findet das Festival seit dem Jahr 2000 statt - anfangs habe ich das Event viele Jahre allein gedolmetscht, beim letzten Mal waren wir ein Team von vier Leuten, denn die Anzahl der Vorführungen, auch parallel, ist sprunghaft angestiegen. Das Programm liegt seit gestern Abend vor.

Später am Tag werde ich nachlesen/-hören/-sehen, was der französische Präsident gestern abendfüllend dem Volk erzählt hat sowie die Reaktionen dazu, eine alte Lexik weiter wiederholen, Thema: Klimawandel und last but not least am Dolmetschthema für Samstag weiterarbeiten. Da geht's um Filmproduktion, ein mir durchaus bekanntes Thema, aber ich möchte für für die zweite Dolmetscherin einige Fachtermini ihrer Häufigkeit nach neu sortieren und Begriffsabgrenzungen texten. Dazu Hintergrund lesen - und einfach nur lernen.

Meine Lernphasen sind immer eher kurz, dafür gibt's davon mehrere über den Tag verteilt. Ich konzentriere mich volle 45 Minuten lang, dann lockere ich den Kopf auf: komische Filme sehen oder Nachrichtensprecherversprecher hören, denn wer lacht, lernt besser. Sehr gerne räume ich auch zwischendurch die Küche auf und kümmere mich um die Waschmaschine (wobei ich Internetradio höre). Andere Pausenaktionen sind an diversen Blogtexten weiterschreiben, fotografieren oder Motive ausdenken wie z.B. einen Weihnachtsgruß der Agentur. Einen Schwung Belege einzuheften wäre auch nicht schlecht (Routine, Konzentration auf Zahlen), Klassik zu hören oder Autogenes Training zu üben.
Was immer es auch heute sein wird - bei der Pausenbeschäftigung geht es darum, komplett andere Hirnareale anzusprechen - und intensiv etwas anderes zu tun. Meine Pausen dauern gerne mal eine halbe Stunde, mindestens aber 15 Minuten.

Oder aber ich lege eine Lernphase direkt vor die Mittagspause ... für die ich mich heute mit einem Kameramann verabredet habe - in der Kantine auf der anderen Uferseite. Bei der Gelegenheit werde ich auch Zeitungen kaufen gehen: In Frankreich erscheinen mittwochs die Filmkritiken, parallel zu den Neustarts. Dann werde ich noch schnell das im Netz entdeckte und bei der Kiezbuchhandlung bestellte Buch abholen. Derzeit bin ich in meinem Arbeitsalltag vor allem zu Hause, was zwischendurch auch mal gut tut.

Zur Routine meines Arbeitstages gehören eindeutig definierte Momente, in denen ich nur eine Sache erledige. Gerade als Multitaskerin liebe ich derlei Monotasking. Die Mailbox öffne ich auch nur in verschiedenen Phasen und arbeite dann rasch ab, was anliegt: Will ich morgen auf die nächste Filmfestivaleröffnung - in Berlin gibt es jede Woche mindestens ein kleines - oder gehe ich lieber zum Franzosenstammtisch? (Der ist dieses Mal zwei Straßen weiter ...) Gibt es schon eine Antwort von Filmproduktion XYZ? Ist mein Korrektorat gut eingetroffen? Außerdem nachfragen, ob sich Jacob und Uli zum Untertiteln verabredet haben. Und wann gehen Katia und ich Kaffeetrinken? Die kleinen Kinder der Kollegin sind größer, wir können sie jetzt öfter in die Arbeit der Agentur einbinden.

Außerdem für heute vorgesehen: Meine Drehbuchübersetzung der letzten Woche nochmal lesen, einen grafischen Auszug malen, unter den Szenennummern die Stimmungen, die Figuren und die "Farben" vermerken. In den nächsten Tagen wird mich der potentielle Koproduzent zur Dramaturgie befragen, da will ich mir vorher "ein Bild" machen.

Ach, das ist zu viel für einen Tag, die Drehbuchvisualisierung 'bau' ich mir morgen. Denn da ist doch die alte Managementweisheit: Immer nur den halben Tag verplanen, die andere Hälfte füllt sich von allein.

Das wichtigste für den Tag kommt am Abend, da geh ich beizeiten ins Bett, um die halb durchgetanzte Nacht nicht erst am Wochenende aufzuholen. Denn, wo ich grad schon bei den Weisheiten bin: Wer viel lernt, braucht ausreichend Schlaf, sonst kann das Hirn die Infos nicht dauerhaft verarbeiten.

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- Und auch mit dem Fotoapparat kreise
ich derzeit um den Lernschreibtisch ...
- Typischer Berlinale-Alltag hier

Kommentare:

writingchick hat gesagt…

Caroline, ich wollte mich nur kurz für Ihren Blog bedanken. Ich lebe als Deutsche in den USA und habe vor kurzem ein Übersetzer- und Dolmetschertraining angefangen. Dieser Blog hilf mir sehr, mir ein konkretes Bild von meiner eventuellen Zukunft zu machen, und ich lese diese Seite jeden Tag zuerst. Vielen Dank, und machen Sie bitte weiter so!

Dina T.

caro_berlin hat gesagt…

Danke fürs Dankesagen :-)
You made my day!
Gruß nach Seattle,
Caroline