Mittwoch, 23. Dezember 2009

Schöne Feiertage!

Ruhige und entspannte Tage wünsche ich - und einen guten Start in ein friedliches, gutes neues Jahr!

Freitag, 20. November 2009

Filmdolmetschen - ein Interview

Dieses Wochenende findet in Berlin die große Ausstellung zum Erlernen von Fremdsprachen statt, die Expolingua, deren Sonderthema "Dolmetschen und Übersetzen" ist. Die Veranstalter haben einige Kollegen interviewet, darunter auch mich. Da ich im letzten Vierteljahr als Dozentin und Journalistin gearbeitet habe und dieses Blog hier ein wenig ruhen musste, nutze ich die Gelegenheit, das Interview hier vorab zu veröffentlichten.

Wie kamen Sie auf den Arbeitsschwerpunkt Medien und Theater und was bedeutet das konkret?
Von Hause aus Journalistin, die Kino und Theater schon immer faszinierten, bin ich da reingeschliddert. Ich arbeite wie andere Profis der Informationsvermittlung, kurz: lesen, bewerten, lernen - und Filme sehen. Da ich an Berichterstattung, Filmherstellung oder Gastspiel mitwirke, muss ich die Sprache der Medien und ihre Darstellungsformen aus dem Effeff beherrschen, denn je nach Verwendung fasse ich mal mehr zusammen, wenn ich beim Reportagedreh im Arbeitsprozess für den Redakteur konsekutiv dolmetsche, oder bin wörtlicher, wenn ich für Journalisten ein Interview übertrage - und wieder ein andermal sitzt mir der deutschsprachige Radiohörer im Kopf, für den muss ich auf den Punkt texten. Last but not least brauche ich Ausdauer, wenn ich einen ganzen abendfüllenden Spielfilm oder ein Theaterstück alleine "bestreite". Zur Vorbereitung erhalte ich Texte und oft auch DVDs, dennoch: hier ist Routine das wichtigste Gepäck.

Welche Herausforderungen erwarten Dolmetscher am Filmset?
Am Set muss ich wie die Schauspieler geduldig sein, gemäß dem Bonmot: "We're paid for waiting, performance is for free!" Von einem Moment zum anderen geht's dann los und voller Einsatz ist gefragt, weil ein Team von bis zu 60 Leuten auf die Verdolmetschung wartet. Am besten wartet aber niemand: Weil ich die Abläufe kenne, habe ich längst en passant alles für meinen Schauspieler Wesentliche gedolmetscht und flüstere ihm simultan rasch die Ergänzungen zu. Denn verstünde er, was am Set gesprochen wird, er hätte immer mal wieder das Ohr gespitzt, um über den Fortgang der Dinge auf dem Laufenden sein. Das sind zum Beispiel das Wetter, das möglicherweise den Drehplan ändert, oder aber die Umsetzung des Buchs in Bilder ("Auflösung") wird überarbeitet, wodurch ein Requisit oder eine Geste entfällt, die vielleicht beim Textlernen als "Anker" von Bedeutung gewesen sind. Ich muss nicht nur Abläufe kennen, sondern auch Arbeitsweisen und Fachjargon.

Braucht man für die Arbeit als Dolmetscher und Übersetzer im Medienbereich eine zusätzliche Ausbildung?
Ich wüsste nicht, welche Schule das unterrichtet. (Sie lacht.) Im Ernst, der Markt ist überschaubar, da würde nicht mal ein Viertel eines einzigen Abschlussjahrgangs unterkommen. Wer bei uns landet, hat definitiv mit beidem zu tun - entweder lag der Ausbildungsschwerpunkt auf Dolmetschen, oder aber auf Medien. Dann kommt Berufserfahrung im eigenen, aber auch im jeweils anderen Feld hinzu, ich denke, das ist das schwierigste. Oder aber jemand hat großes Interesse, sich alles selbst angelernt, viel übersetzerische Erfahrung im Feld, eine geschulte Stimme. Mit den Jahren kommt dann die Routine. Das ist wie mit Wein, der muss auch reifen. Selbst die Routiniertesten von uns lernen stets weiter. Es gibt Dinge, die mir heute noch ihren gehörigen Respekt einfordern, bei denen ich noch zurückschrecke ...

... das wäre?
Ich habe erst wenige TV-Livesendungen gedolmetscht.

Warum haben Sie sich auf die Medienwelt spezialisiert? Was ist besonders spannend in diesem Bereich?
Die Spezialisierung war nach zehn Jahren im Beruf einfach da, derlei kann man nicht planen, sondern das Talent entdecken, so es einem beschieden ist, neben schwierigen Klienten in Momenten öffentlicher Rede zu überzeugen. Das klingt jetzt unbescheiden, war aber so. Anfangs habe ich gelitten, weniger wegen der Stars, sondern wegen des Publikums, aber Lampenfieber lässt nach. Ich sehe inzwischen nur noch mein Gegenüber, den Menschen hinter Maske oder klingendem Namen, und das scheint sich auch zu vermitteln. Nicht selten essen wir vorab gemeinsam oder ich spiele die Stadtführerin; manchen haben wir schon zu Hause bekocht. Mitunter muss ich dann bei Publikumsgesprächen aufpassen, dass es nicht zu vertraut wird, zum Beispiel bei Nachwuchsstars, da hab ich schon Antworten sacht abgebrochen um jemanden vor sich selbst zu schützen. Hier kommen mir mein Beruf als Journalistin zugute: Interviewroutine und ein Bewusstsein für das, was Öffentlichkeit bedeutet.

Gibt es ein besonderes Erlebnis bei Ihrer Arbeit, das Ihnen immer in Erinnerung bleiben wird?
Et oui, mon ami Claude ! Chabrol dolmetsche ich seit zehn Jahren, und es ist immer ein Spaß, weil Monsieur vom ersten Moment an Regie führt und die ganze Situation nicht richtig ernst nimmt. Einmal hab ich offenbar bedröppelt ausgesehen, da hatte ich Liebeskummer, und Monsieur hat in den Pausen versucht, mich wieder aufzubauen. Im Lauf des Tages fing er an, von seinem Sohn zu schwärmen, der oft in seinen Filmen mitspielt, so auch hier, und er habe auch grad Herzeleid. Und in der Pause lungerte der plötzlich im Flur bei den Getränken rum und fragte mich: "War es sehr peinlich, als mein Vater mich angepriesen hat?" Wir haben herzlich darüber gelacht ... Einen Berlinale-Film später kam von einem Journalisten die Frage, warum Chabrol fast jährlich einen Film mache. Um zu vergessen, dass er eigentlich mit dem Sterben dran sei, sagte er darauf. Und weil er immer auflebe, nein, wirklich lebe, wenn er Filme mache, umgebe er sich immer mit seiner Familie. Etliche Gewerke seien daher von Familienmitgliedern besetzt, so auch hier, die Dolmetscherin gehöre auch dazu.

Und was haben Sie da gesagt?
Ich? Als Dolmetscherin bin ich Sprachrohr und muss übertragen, was der Interviewte sagt, und darf es nicht durch Grinsen oder Richtigstellung kommentieren. Der Journalist kannte den Chabrol-Modus, Monsieur ist berühmt dafür ...

Mittwoch, 14. Oktober 2009

Umschalten

Wir sitzen in den Vorzimmern der Macht. Eben noch geht es um Fragen der aktuellen Politik, da wird, als die Getränke hereingebracht werden, die Runde ein wenig privater. Der Gastgeber erzählt, dass seine Lebensgefährtin seit einigen Wochen lebensbedrohlich erkrankt ist, es fallen Worte wie Hinterhauptsloch, drohende Querschnittslähmung, Intensivstation. Alle schweigen, sind in sich gekehrt. Ich muss sprechen. Für mich als Dolmetscherin ist der Wechsel des Themenfelds von Koalitionsthemen und Verfassungsrechtlichem hin zu medizinischem Fachvokabular hart. Mein Hauptproblem: eines dieser Worte, eben jenes Hinterhauptsloch (le trou occipital), kenne ich nur vom Lesen; ich zögere wegen Unsicherheiten in der Aussprache.

Auch den anderen fällt es offensichtlich schwer, umzuschalten, die vertraulichen Informationen bewegen alle Beteiligten. Zumal, wie sich später herausstellt, jeder der Anwesenden an einen Menschen in seinem Umfeld denkt.

Im Gespräch konzentriere ich mich auf die richtigen Worte aus einem ungewohnten Bereich. Erst beim Verlassen des Raumes erfasse ich die Bedeutung richtig, die Gefühle zum Gesagten überfallen mich wie eine kalte Dusche. Geschützt im dunklen Dienstwagen, auf der Fahrt in ein anderes Ministerium, weine ich leise.

Freitag, 25. September 2009

Wahlkampfreden

Schön, dass Sie hier gelandet sind, beim 1. deutschen Weblog aus der Kabine einer Dolmetscherin. Mitunter dolmetsche, übersetze und texte ich aber nicht auf den klaustrophobisch engen zwei Quadratmetern einer solchen Kabine, denn gerade der Schwerpunkt Medien bringt mich immer wieder an besondere Orte. 

So wenig Platz war selten — vor dem Brandenburger Tor drängen sich die Menschen. Der Wahlkampf geht in die Zielgerade, und bevor wir morgen weiterfahren zur Kanzlerin, stehen wir auf der Pressetribüne auf dem Pariser Platz und hören dem Vizekanzler zu. Auch hier ist es eng: Wenig Podeste wurden rasch zusammengeschoben, darauf zwei Reihen Kameras, dahinter die Journalisten. Neben uns macht die Dame von Phoenix ihren Aufsager, einen halben Ellenbogen weiter steht Spanien, dann Kanada, also wir, direkt hinter dem ZDF. Ich bin für die Zeit des Wahlkampfes in meinen alten Beruf zurückgekehrt und dolmetsche auch dabei.

Während ich rede, merke ich, dass der spanische Redakteur immer näherkommt. Schön, jetzt hören zwei mit. Wenig später tritt noch ein ausländischer Journalist hinzu, der offenbar kein Deutsch versteht ... Die unerwarteten Dolmetschkunden stören mich nicht, ganz anders die Spaßfraktion im Publikum, die alle paar Minuten ihre Jubelsalven gröhlt, daneben winkt sie mit Pappplakaten à la "MEHR ARMUT, MEHR STASI, MEHR DEMO, MEHR KRATIE". Beim ersten Mal finde ich es zumindest originell, beim zehnten Mal stört es massiv, ab dann muss ich versuchen, mich nicht aufzuregen. Die Gruppe, ein knappes Dutzend Leute, überbrüllt immer wieder kurz die Rede — und ich kann nicht richtig hören, was gesagt wird, muss die Gedankensprünge Steinmeiers mitmachen, was ohne Dolmetschtechnik (hier wäre das vor allem: Knopf im Ohr für die Rede) schon recht anstrengend ist, erahne aber seine Wortspiele, bei denen er stellenweise alte politische Schlachtrufe als Strickmuster für halbwegs ironische Kommentare von heute verwendet.

Diese Anstrengung steigert den 'Durchlaufeffekt' im Kopf, so dass ich wenige Minuten später nicht mehr weiß, wie er diese Wortspielerei betrieb, nur, dass vermutlich aufholen, ohne zu überholen (richtig rum?) der alte DDR-Slogan dazu war. Hoffentlich entwickelt sich am Schneidetisch morgen nicht der Wunsch, dass wir genau dieses Zitat nehmen, denn ich kenne nichts, das als Folie für die Kanadier funktionieren könnte.

Immer wieder mal drückt sich zwischendurch ein weggehender Kollege durch die Menge. Wir müssen aufpassen, weder einem Kameramann ins Gehege zu kommen, noch mit dem Fuß in die Spalte zwischen den Tribünenbausteinen zu geraten oder den Kollegen am Geländer über dasselbe zu schubsen.

In eine Pause hinein kommentiert Maxence, der kanadische Redakteur, meine Verdolmetschung. Was mir nicht bewusst war: Ich scheine auch meine "Sprünge" zu machen, analog zu den Gedankensprügen, und zwar immer wenn ich komplizierte Worte gefunden habe oder eine nachdrückliche Bewegung mache, um ein Satzende nonverbal zu unterstreichen.

Es geht natürlich nicht an, wenn in Spanien oder Kanada wegen der Dolmetscherin das Kamerabild bebt ...

Im zweiten Teil der Rede konzentriere ich mich also darauf, meine expressive Körpersprache flachzuhalten, die Brüller zu überhören, das Gedränge zu akzeptieren und natürlich die Müdigkeitsanfälle zu überwinden. Nach gefühlten vierzig Minuten ist die Sache zu Ende. Und ich mische mich mit dem Kameramann unters Volk und gebe wieder die Pressefrau: micro-trott' oder vox pop. Morgen geht's zur nächsten Veranstaltung, und die Nacht auf Montag wird kurz: durch die Zeitverschiebung arbeiten wir bis spät in die Nacht, um auch Kanada wissen zu lassen, von wem in den kommenden vier Jahren Deutschland regiert wird.

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Foto: Das sah mir dann doch zu sehr wie mit der Quadriga
gekrönt aus ;-) ... also verwerfen oder weiter an der
Schraube drehen. Letzteres tat ich mit be funky.

Freitag, 18. September 2009

Autorenlesung für Schüler

Als meine Generation Kind war, lange vor der Internet-Ära, gab es nur wenige Fernsehsendungen für unsereinen. Die Programmschiene hieß demnach auch "die Kinderstunde" und ist heute ebenso wie das Testbild aus Fernsehalltag und Sprachgebrauch verschwunden. Also wurde oft gelesen.

Lesende Kinder sind heute nicht mehr selbstverständlich. Daher hat sich das Internationale Literaturfestival Berlin (ILB) verdienstvollerweise auch der jungen Leser angenommen. Vor- und Nachmittags gibt es im Haus der Festspiele in der Schaperstraße, aber auch in einigen Schulen, Begegnungen mit echten Autoren. Der Ablauf der Veranstaltungen ist wie sonst auch: Einleitende Worte, Lesung von Ausschnitten aus dem Buch, Diskussion mit dem Publikum. Viele Autoren kommen aus dem Ausland, also sind auch Dolmetscher mit von der Partie.

Von allen Lesungen des ILB sind mir die Kinderlesungen am liebsten. Bei diesen Veranstaltungen ist auch noch eine "Gastgeberin" mit von der Partie, die moderiert und den Überblick über die vielen Kinderfragen behält. Shelly Kupferberg heißt die meistbeschäftigte Kollegin, die mit bewährt guter Laune auch jene zum Fragestellen anstiftet, die sonst eher in der Ecke sitzen. Die Themen der Lesungen sind breit gefächert und spiegeln die Lebenswirklichkeit der Kinder und Jugendlichen wider. In "Was ist bloß mit Opa los?" thematisiert Wally de Doncker die Alzheimererkrankung eines Großvaters. Nach den Lesungen findet im Foyer eine Autogrammstunde statt. Zwischen den Lesungen steht das Team dort manchmal rum und plaudert ... und mein Auge fällt auf ein liegengebliebenes Stück Papier ... ganz offensichtlich hatten wir heute wieder Leseanfänger zu Gast. Wie schön!

Donnerstag, 17. September 2009

Perspektive und Details

Noch ein P.S. zu improvisierten Dolmetschern.

Auch hier bin ich Zuschauerin und beobachte: Der Mann, der da vorne übersetzt, sagt die ganze Zeit "sie meint", "sie findet", "sie beabsichtigt", wenn es an die Übertragung des Gesagten geht. Wir befinden uns auf einer Autorenlesung - oder ist es eine Filmpremiere? Auf jeden Fall steht neben der Künstlerin jemand, der kein gelernter Dolmetscher ist.

Hier arbeitet einer, der sich nicht traut, das "je" des ausländischen Gasts mit "ich" zu übersetzen. Damit bleibt er auf Distanz, wie seine Perspektive - und er macht die zu dolmetschende Person zum Objekt, dabei ist sie doch das Subjekt des Gesagten.

Ein Dolmetscher ist ein Sprachrohr, ein Medium. Dolmetscher sollen eins zu eins übertragen, damit derjenige, der die fremde Sprache eigentlich nicht versteht, sie eben doch versteht. Außerdem sind Nuancen wichtig, denn sie geben den Aussagen ihren ganz individuellen Charakter. Damit das klappen kann, haben wir Dolmetscher unsere eigenen Techniken, angefangen bei der richtigen Perspektive bis hin zur Kunst, die richtigen Notizen zu machen (und sie danach richtig zu interpretieren) ...

Dann fasst der Mann, der da vorne übersetzt, zusammen, lässt Details weg, belanglos wirkende Nebensätze, die schmucklos und bescheiden daherkommen, zarte Worte in der Schwebe, die auch jemand, der die Sprache des weiblichen Gasts versteht, möglicherweise zunächst überhört. Aber am Ende haben wir Sprachkundigen diese so vielsagenden Wortchen eben doch wahrgenommen, sie geben dem Gesagten sein Parfum, das Lokalkolorit, den künstlerischen Eindruck - und vermitteln Stil.

Dem improvisierten Übersetzer sind sie möglicherweise nicht entgangen, er hat sie aber vielleicht im Stress für nicht übersetzenswert erachtet. Jenen, die auf die Übertragung in eine andere Sprache angewiesen sind, wird dabei zu viel vorenthalten, finde ich. Schade.

Und am Ende doch noch ein Beispiel: Eine Dame erzählt von ihrem Mann, der nach einer langen Krankheit verstarb. Sie sagt: "Für mich war der Strauch im Garten immer wie ein Symbol für ihn. Er wuchs und wuchs, selbst, wenn wir ihn radikal zurückschnitten, was wir manchmal mussten: Er kam immer wieder. Er war so stark."
Der Mann, der da vorne übersetzt: "Immer, wenn sie den Strauch im Garten sieht, muss sie an ihn denken, den haben sie immer zusammen beschnitten."

Mittwoch, 16. September 2009

Schuster, bleib bei deinen ...

Dieser Tage bin ich viel beim ILB, dem internationalen Literaturfestival Berlin. Dort sind mal mehr, mal weniger Zuschauer zugegen, die Bücher der Autoren wurden gerade oder schon vor längerem veröffentlicht, je nach Thema des Abends, und Fachleute moderieren, Schauspieler sprechen, Dolmetscher dolmetschen. Das Publikum schwankt von 30 Menschen im Clubraum des Institut Français mit Marie Darrieussecq bis zu gefühlten 400 950 (!) in der fast vollen früheren Freien Volksbühne bei einer Schülerlesung mit Azouz Begag. Und vor Beginn und manchmal auch zwischendurch gibt es musikalische Akzente, die Berufsmusiker setzen.

Dann verirrte ich mich gestern Abend in einen Buchladen, weil man am Eingang mit einer französischen Autorenlesung zu einer Neuerscheinung lockte. Nun, Buchladen nennt sich das Geschäft nicht, eher etwas mit Kaufhaus, aber der Besitzer macht im Leben noch was anderes, und zwar das, was mal auf Österreichisch (früher?) eine "Aufräumerin" nannte, das ist eine Dame, die vor allem putzt - das betreibt jener Ladenbesitzer hauptberuflich im großen Stil.

Die Veranstaltung steuerte schon aufs Ende zu. Drei Menschen saßen auf der Bühne: Autor, Moderator, Schauspieler. Der Schauspieler sprach und machte seine Sache hervorragend, er ist ja ein Profi. Dann sprach der Autor, auch er kann seinen Job, und mehr noch, er spricht auch sehr gut. Dann war der Moderator dran. Er fasste die Worte des Autors zusammen, stellte auf Deutsch eine neue Frage und resumierte dann auf erweitertem Schulfranzösisch (Frankreichurlaub?) seine Frage.

Das Gespräch schien abgesprochen zu sein, Stichworte genügten dem Autor und lösten neuen Redefluss aus. Der Moderator schrieb sich dazu nur ein, zwei Worte auf, was mich ein wenig verwunderte. Woher denn seine Nähe zu Märchen käme, war eine der letzten knappen Fragen. Die Antwort indes fiel höchst differenziert aus. Er habe, so der Autor, als Student der Psychologie im Studium, sich an langatmiger Fachliteratur überfressen, zum Beispiel an Werken von Lacan. Da hätte er die Märchen von Montesquieu und Voltaire immer als Erholung empfunden, nicht zu vergessen das Buch "Der kleine Prinz", das ja hier sicher auch alle kennen würden.

Und der Moderator "übersetzte" etwas wie: "Er hat viele Bücher gelesen von einem gewissen Lacan, wenn ich den Namen richtig verstanden habe, und von Montesquieu und Voltaire und 'Der kleine Prinz' kennen Sie ja alle auch ..."

Monsieur Lacan kommt also in Berlin als Märchenerzähler zu unverhofften Ehren. Der Raum war übervoll, die Leute standen zum Teil oder hockten auf der Treppe. Niemand protestierte. Dann bildete sich eine Schlange für die Autogrammstunde.

Donnerstag, 10. September 2009

Autorenlesung vs. Signierstunde

In deutschen Kultureinrichtungen und in vielen Buchläden werden regelmäßig Autorenlesungen veranstaltet. In Frankreich ist derlei fast unbekannt, dafür ist die Signierstunde dort sehr beliebt. Beim ILB, dem Berliner Internationalen Literaturfestival, erlebe ich die Verbindung aus beidem.

Wir sind im Berliner Kino Babylon am Rosenthaler Platz, einem wunderbaren Haus aus den späten 1920er Jahren, von Hans Poelzig im Stil der Neuen Sachlichkeit erbaut und um die letzte Jahrhundertwende mit viel Liebe zum Detail restauriert. Hier ist heute Philippe Djian angekündigt, der einst wilde und vom literarischen Estabishment wenig anerkannte Schriftsteller, auf den die Buchvorlage für den legendären Film "Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen" von Jean-Jacques Beineix zurückgeht.

Wir Beteiligten sind gehalten, spätestens zwanzig Minuten vor der Lesung am Ort des Geschehens einzutreffen. Doch diesmal warten wir vergebens - wer nicht erscheint, ist Djian. Wir warten zehn Minuten über die Zeit, dann hilft es nichts: Wir müssen anfangen! Erst wird live etwas Musik gespielt, dann folgen einleitende Worte, an dritter Position wäre unser Gast dran. Die Chose mutiert kurzzeitig zum Gespräch im Hause Poelzig über den abwesenden Herrn Djian, da tut sich die Tür auf und mit großem Aplomb erscheint der Erwartete auf der Bühne ... Effekt garantiert. Lesung und Gespräch geraten erwartungsgemäß friedlich und unspektakulär, wenn ich davon einmal absehe, dass ich meine liebe Mühe mit dem Dolmetschen hatte, weil etliches des Gesagten mir nicht immer logisch erschien.

Wie bekannt und beliebt der Autor ist, merke ich spätestens bei der anschließenden Signierstunde. Für jede Form sprachlicher Unterstützung sitze ich neben dem Literaturstar und assistiere. Eine Schlange aus über 100 Menschen bildet sich, am Ende stehen etwas über sechzig Minuten Lesung neunzig Minuten Signier"stunde" gegenüber. Und was die Leute nicht alles dabeihaben! Einer lässt sich sogar sein Lesezeichen signieren, ein anderer den abgelaufenen Reisepass. Etliche halten fast sämtliche auf Deutsch erschienene Ausgaben des Autors unterm Arm sowie Exemplare, die Freunden oder Bekannten gehören, die "heute leider nicht kommen konnten" ... und für alle Fälle hat ein Buchladen auch noch einen Büchertisch aufgebaut, an dem die Wartenden vorbeimüssen.

Am Ende war die anderthalbfache Signierstunde deutlich anstrengender als das Stündchen Lesung plus Gespräch! Die Einladung einiger Fans, ihm das nächtliche Berlin zu zeigen, hat Djian denn auch ausgeschlagen. Auch einstige Wilde brauchen ihre Erholungsphasen!

Sonntag, 6. September 2009

Pause

Aufgrund zahlreicher, intensiver Einsätze und der Schuleingewöhnungsphase meines Patenkindes, die ich auch begleite, pausiert dieses Blog einige Tage länger als ursprünglich vorgesehen! Auf bald ...
Caroline

Montag, 3. August 2009

Urlaub

Vom 01.-28.08. sind wir im Urlaub. Sie erreichen uns weiterhin mobil für Anfragen außerhalb dieses Zeitraums.

Mittwoch, 29. Juli 2009

Berufs(ver)bildung

Die Franzosen haben das schöne Wort déformation professionnelle erfunden. Es bezeichnet einen Tick oder eine Verschiebung der Sichtweise, die mit der Berufsübung zusammenhängt. Das Wort wurde nach dem Muster der formation professionnelle, der Berufsbildung, gestrickt. Berufsdeformierung klingt auf Deutsch nicht so gut, also gehe ich auch zurück zur beruflichen Bildung und habe mir so meine "Berufs(ver)bildung" gebastelt.

Viele Dolmetscher kennen diese Berufs(ver)bildung: Sie hören zu gut. Die Sache ist einfach erklärt: Wer darauf trainiert ist, auch in Dolmetschpausen in der Kabine stets mit einem Ohr dabeizusein, hat auch sonst Mühen mit dem Abschalten. In der Kabine hören wir deshalb immer (mindestens ein wenig) mit, weil wir der Kollegin/dem Kollegen im Zweifelsfall mit Zahlen und Fachtermini beispringen, die wir (bei W-Lan-fähigen Arbeitsplätzen sogar übers Netz) rasch raussuchen - und weil wir selbst wenig später wieder übernehmen, also den Kontext kennen müssen.

Im Alltag führte das bei mir zu allgemeiner Lärmempfindlichkeit. Und dazu, dass ich mal in einem Schlafzimmer über einem Kartenspielerclub solche Schlafschwierigkeiten bekam, dass ich um meine Gesundheit fürchtete; dass ich, wenn ich bei Freunden ankomme, bei denen die Türen offenstehen und in jedem Zimmer ein (anderes) Radio oder ein CD-Player läuft, rumgehe und verhandle (wenn jemand da ist) oder ausmache (wenn keiner da ist); dass ich mir meine jetzige Wohnung nach dem soundscape ausgesucht habe, der akustischen Landschaft, die sie umgibt.

Etliches bekomme ich dennoch nicht geregelt. Einer meiner Hauptfeinde: die gemeine Stubenfliege. Sie weckt mich erbarmungslos beim leisesten Anflug. Ihr hohes Pfeifen löst in mir den Jagdtrieb aus, ich werde zur Kammerjägerin. In der halben Stunde danach hat ihr Sound in mir einen derart starken "Abdruck" hinterlassen, dass ich noch immer das Gefühl habe, selbst die Landepiste eines kleinen Fliegengeschwaders zu sein.

Für Außenstehende sieht meine Reaktion vielleicht wie ein Tick aus, wie Überreagieren. Als langjährige Reiterin weiß ich indes, wo sich Fliegen so in ihrer Freizeit herumtreiben - und deren Hinterlassenschaften sind auch nicht sehr sympathisch. Fensterputzen ist mir selbst ein Gram, da ergeht's mir kaum besser als Morgensterns Zäzilie.

Für alle anderen Eventualitäten gibt's In-Ear-Gehörschutz vom Hörgeräteakustiker, der filtert 'intelligent', verhindert Druckgefühle im Kopf und schützt bei beruflichen Reisen an laute Orte (WM-Eröffnung, Feuerwerk zum 14. Juli etc.) vor Hörschäden.

Nicht gelöst ist das Thema "laute Restaurants und Kneipen". Die meisten Gaststätten haben schlechte Akustiken, das wird durch klares Design oft verstärkt, wenn sich die Gastronomen niemanden für die Innenraumakustik holen. Da ich seit Kindertagen mein Gehör schütze, kann es passieren, dass ich im Restaurant, zu mehreren besucht, wie eine Langweilerin wirke, denn ich höre im Zweifelsfall den Milchschäumer von der Bar genauso gut wie den Menschen, der zwei Plätze neben mir sitzt. Und das strengt an.

Montag, 27. Juli 2009

(Ne) nous la fais pas à l’envers

Dieser Tage bin ich mit Bullen in Paris unterwegs. Wir fahren in einem zivilen Polizeiwagen durch die Straßen der Hauptstadt, suchen Gangster eines osteuropäischen Drogenrings, ermitteln in Spielhöllen und Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus. Hier wird ein anderes Französisch gesprochen als das, was ich an meinen Wohnorten (Besançon, Tours, 16. und 18. Arrondissement von Paris, Neuilly) gelernt habe: Und zwar ein Argot, das auch mit dem Slang eines Louis Ferdinand Céline nur noch teilweise etwas zu tun hat, mit dem ich an der Uni in Berührung kam.

"Ne nous la fait pas à l'envers !" - das soll der stumme Blick von Leuten besagen, die einen Mitmenschen überrascht anschauen als sagten sie eben dieses: "Macht uns das nicht andersrum!" Ich verstehe nur Bahnhof. Suche im Netz, nehme den Begriff auseinander.

Zunächst hat der Drehbuchautor - von ihm hab' ich die Redewendung, mit ihm findet unsere Reise statt - einen Tippfehler eingebaut, was das Verständnis erschwert. Es muss also heißen nous la fais pas à l'envers - "mach' uns die Sache nicht andersrum".

Ich lese im Netz - und finde die Redewendung in Blogs oder in Kommentaren zu Zeitungsartikeln wieder. Also handelt es sich um gesprochene Sprache. Der Kontext der Drehbuchszene ist äußerst dürftig, die Beiträge im Netz beredter, es geht wohl um 'nicht ernst nehmen' ... Ich suche weiter.

Und entdecke hocherfreut ein Dictionnaire de la Zone, das nicht die Ostzone Deutschlands meint, sondern die französischen Vorstädte. Das Wörterbuch bietet, so jedenfalls der eigene Untertitel, "das ganze Argot der banlieues" an. Hier steht der Ausdruck la faire à l'envers: duper, gruger, tromper, also für blöd halten, verarschen, übers Ohr hauen, betuppen.

Den Eintrag bestätigt dieser Vermerk bei Langue française:
faire à l'envers (ne pas la -) | arnaquer, duper ; ne pas arnaquer
... also betrügen, täuschen; nicht betrügen.
(1) j'aime bien les meufs comme ça [qui boivent, fument, sortent]. Elles ont de la bouteille. Y a pas moyen de la leur faire à l'envers - 2003
(2) J'ai changé, on ne peut plus me la faire à l'envers - 2003
Mit Beispielsätzen: (1) Ich mag die Frauen so [die trinken, rauchen, ausgehen]. Sie sind erfahren. Man kann sie überhaupt nicht täuschen. (2) Ich habe mich verändert, man kann mich nicht mehr verarschen.

Die Zahlen hinter den Beispielsätzen sind wohl das Jahr, in dem der Begriff erstmalig von Sprachwissenschaftlern gehört worden ist. Es bestärkt mich in meinem Gefühl, es mit einem jüngeren Ausdruck zu tun zu haben.

Das Wort 'umdrehen' geht mir in den Tagen danach beim Übersetzen des Drehbuchs nicht mehr aus dem Kopf. In meiner Arbeit steht es noch für was anderes.
Le commissaire ouvre la portière et s’installe sur le siège passager.
übersetze ich nicht mit: 'Der Kommissar öffnet die Tür und setzt sich auf den Sitz vorne rechts', das klingt komisch, das klingt "nach übersetzt".
Der siège passager ist auf Deutsch der Beifahrersitz. Und zwischen Türöffnen und "Sitzenmachen" (Billy Wilder) liegt das Einsteigen. Ich drehe also um und schreibe:
Der Kommissar öffnet die Beifahrertür und steigt ein.
Mit der Erfahrung der Berufsjahre falle ich eben nicht mehr so rasch herein - und drehe selbst um.

Und jetzt: Martinshorn aufs Dach (girophare bleu) und aufs Gaspedal gedrückt.

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Merci beaucoup, JR, pour la photo ! Et bonne route !

Samstag, 25. Juli 2009

Buch von Jürgen Stähle

Gestern in der Kölnischen Rundschau, heute im news feed: Ein Interview mit Simultandolmetscher Jürgen Stähle, der vor kurzem ein Buch über unseren Berufsstand veröffentlicht hat. Er ist auch einer der Dolmetscher Barack Obamas. Dessen Reden nennt der Dolmetscher "alles andere als einfach". Obwohl ein exzellenter Redner, lese er seine Reden in diesen Augenblicken (Siegessäule, Antrittsrede) ab — habe aber dabei etwa 150 Prozent des normalen Sprechtempos, ohne sich dessen bewusst zu sein. Zitat Stähle: "Da ist für den Simultandolmetscher die Waffengleichheit nicht gegeben."

Außerdem spricht Stähle über Fragen der Qualität beim Mediendolmetschen, den Unterschied zwischen Dolmetschen und Übersetzen, die Verflachung der deutschen Sprache, die sowohl eine Folge der Internationalisierung ist (kritiklose Übernahme fremdsprachlicher Redewendungen) als auch mit der wachsenden Komplexität der Welt zusammenhängt. Eine mehr als 35-jährige Berufserfahrung gibt dem sehr gut lesbaren Buch spannende Tiefe.

Aus dem Interview möchte ich noch folgenden Satz hervorheben: "Ich bin der Meinung, wir haben ohnehin nicht genügend Wörter. Daraus ergibt sich auch, dass wir für neue Realitäten alte Wörter nehmen müssen. So wird aus dem altbekannten Schiff plötzlich das Raumschiff. Wir kreieren nicht immer neue Wörter, sondern ordnen neue Bedeutungen zu, und da ist Sprache an sich schon eng. Und wenn man dieses Repertoire (...) nicht voll ausnützt, dann agiert man wie ein Tennisspieler, der immer nur Vorhand spielt."

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Jürgen Stähle: Vom Übersetzen zum Simultandolmetschen
— Handwerk und Kunst des zweitältesten Gewerbes der
Welt, Franz Steiner Verlag, 413 S., 29,90 Euro.

Freitag, 24. Juli 2009

Anschläge!

Wieviel Anschläge machen Sie denn so am Tag? - das ist kein Schnack unter Terroristen, sondern unter Übersetzern. Komisch, dass im Druckbereich so viel derart militärisch klingt.

Mein Vater war Geschäftsführer eines kleinen Wissenschaftsverlags und hat mich schon als Kind mit folgendem Witz erfreut: In den hysterischen 1970er Jahren, wo der Telefon- und telegrafische Briefverkehr auf Stichworte hin kontrolliert wurde, bekam einmal einer seiner Autoren in einem idyllischen Schweizer Chalet Besuch von einer hochgerüsteten Spezialeinheit. Der Autor hatte nämlich telegrafiert: "Zusatzanschläge im Griff, Fahnen unterwegs, wann Umbruch?"

Die Anschläge oder auch Zeichen sind alle einzeln getippten Buchstaben inklusive der Leerzeichen, die Fahnen waren die Probedrucke, die von Hand korrigiert wurden, und der Umbruch war die schlussendliche Aufteilung des Texts auf die Seiten. ________________________________________
Bild: Am Ende des Jahres werde ich eine Million Anschläge für Drehbuchübersetzungen getippt haben. So sieht meine Tastatur kurz nach der Halbzeit aus. Den Rechner hab' ich allerdings seit Ende 2005 in Benutzung.

Mittwoch, 22. Juli 2009

Fachvokabular

Bon­­jour beim ersten deut­­schen Blog, das in ei­­ner zwei Qua­­drat­­me­ter klei­nen Box ent­steht — oder am Über­­setzervs­chreib­­tisch. Die Welt der fran­­zö­­si­­schen und deut­schen Spra­che be­schäftigt mich täg­lich, auch jen­seits der Dol­met­scher­ka­bine. 

An einem Sonntagabend läutet das Telefon. Das Kamerateam, mit dem ich ab Montag drehen soll, ist an der Strippe. Das Team stammt aus Paris, wir drehen in Berlin, ich arbeite als Dolmetscherin und Journalistin für die Filmleute.

Die Franzosen hängen auf dem Flughafen fest    und sie haben etwas vergessen. Ich möge doch bitte morgen in aller Frühe beim Kameraverleih vorbeifahren und zum Treffen um acht Uhr im Hotel einige gélatines mitbringen. Das erste Problem: Ich bin nämlichen Sonntagabend bei Freunden zum Fest   und daher nimmt der Automat den Anruf entgegen, ich kann also nicht nachfragen. Das zweite Problem: Ich weiß nicht, was gélatine bedeutet.

Das Ereignis ist viele Jahre her. Es war die Zeit, bevor das Internet zum Beispiel über die Suche nach "Bildern" mir hätte helfen können. Zum Glück habe ich einen wohlsortierten Bücherschrank: Ich fand durch Nachlesen in einem französischen Kameralehrbuch das Wort gélatine - eine Folie für die Scheinwerfer ist gemeint, sie verändert das Licht.

Seither sammle ich Filmwörter, denn ein gutes Wörterbuch gibt es dafür nicht. Und ich fotografiere für die ein zweites Filmvokabellernmemory, eine erste Auflage davon habe ich mir letztens selbst konfektioniert und von einem im Internet entdeckten Anbieter drucken lassen. Jeweils zwei Sätze einmal die Bilder, einmal die Vokabeln auf Deutsch und Französisch. Das ist als erste Annäherung an die Fachbegriffe in deutsch-französischen Lerngruppen super. Bilder- und Vokabelkarten durcheinandergemischt, zwei Spiele gebaut und schon bringen sich die Teilnehmer in Kleingruppen die Worte gegenseitig bei.


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Fotos (C. Elias): Was machen "Saugnäpfe" beim Film?
Und wie heißt der "Cateringwagen" auf Französisch?

Dienstag, 21. Juli 2009

Probleme beim Drehbuchübersetzen

Drehbücher sollen in der Übersetzung so klingen, als seien sie in der Zielsprache verfasst worden. Das führt dazu, dass ich immer wieder lese, spontane Übersetzungslösungen ausblende, mir stattdessen die Szenen vor dem geistigen Auge vorstelle, sie sehe - und dann auf Deutsch wiedergebe. Kurz, es ist eine andere Art des Übersetzens als bei einem Fachtext. Es geht um Prägnanz in der Zielsprache, das Vermeiden komplizierter Begriffe, um die Verwendung situativ und technisch richtiger Worte, die sich auf Requisiten beziehen, die Berücksichtigung sozialer und kultureller Eigenarten und darum, dass beide Texte, Original und Übersetzung, die gleiche Wirkung haben, die gleiche Welt 'erschaffen'. Da kommt es schon mal zu Verschiebungen. Beispiele.

D'un mouvement de tête pas très assuré, Gérard fait comprendre que non. Das bedeutet wörtlich: "Mit einer nicht sehr selbstsicheren Kopfbewegung gibt Gérard zu verstehen, dass es 'Nein' ist". Daraus habe ich in der Arbeitsfassung erstmal gemacht: Gérard nickt zögerlich, wirkt unsicher dabei.

Das Telefon klingelt, dann steht da Gérard décroche. Ich schreibe also: "er geht dran" und nicht "er hebt ab". Gérard befindet sich auf der Straße, er nutzt das Handy und kein Tischtelefon mit Telefonhörer.François regarde quelques instants la photo - "Er wirft einen kurzen Blick auf das Foto" anstatt: "Er sieht das Foto einige Augenblicke lang an", das ist viel zu kompliziert.

Auf einem Schreibtisch steht ein Faxgerät, das leise knatternd die Seiten einer Fernkopie freigibt. Auf Französisch kotzt es die Seiten aus (vomir) und entschleiert (dévoiler) sie nach und nach, im Nebensatz wird das Geräusch angedeutet, das ich hier explizit werden lasse. Das Kotzen war mir dann doch zu viel für die sensiblen Redakteure und Geldgeber, zumal mit diesem Wort im Drehbuch kein neues Thema, etwa eine Abstoßungsreaktion, eine Technikphobie oder derlei mehr angedeutet war, es schien lediglich der Absicht des Autors zu folgen, flapsig zu formulieren. So dass ich nach dem Umschnitt, wenige Zeilen später, aus "steigt schnell ins Auto" ein "springt ins Auto" gemacht habe, immer mit dem Ziel, dass beide Fassungen im Ganzen gleich wirken.

Man mag einwenden, dass ich hier sehr stark eingreife und mir zu viele Gedanken über die Redakteure mache. Nämliche haben bei besagtem Projekt in der Treatmentstufe auf das Wort "Bulle" hochsensibel reagiert, obwohl es im Treatment mehrfach vorkommt. Doch hierzu einen kleinen Exkurs.

Bei der Übertragung von Büchern in englischer Sprache gibt es ein zentrales Problem, es heißt "DuSie". Das englische you als einzige Form der Ansprache müssen wir Übersetzer adäquat rüberbringen, haben also immer die Frage im Hinterkopf, wann es ein höfliches "Sie" bedeutet und wann das vertraute "Du". Eine Grundregel, die z.B. für die Kategorie boy meets girl gilt, für Filme, in denen eine Liebesgeschichte eine wichtige, wenn nicht die zentrale Rolle spielt: Gesiezt wird so lange, bis man sich ... näher gekommen ist. Für die "Zigarette danach" darf also gefragt werden: "Hast du Feuer?" (obwohl das ja gerade getestet wurde ;-)

Im Krimi, den ich gerade übertrage, ist sehr oft ist vom flic die Rede. Das ist eben nicht das Wort für 'Polizist', sondern die umgangssprachliche Variante, die auch negativer konnotiert sein kann. Das englische Wort cop kommt dem recht nahe - aber französische Umgangssprache in einem Film, der in Paris spielt, durch einen Anglizismus übertragen? Da graust es nicht nur die Mitglieder der Académie Française!

Ich nehme die DuSie-Regel, überlege immer den Grad der Vertrautheit, die Intentionen, den Kontext. Und bei dem nächsten Dolmetscheinsatz im Terrain, bei der Begegnungen von Sozialarbeitern, Lehrern, Jugendrichtern und 'flics' aus Neukölln und Clichy-sous-Bois frage ich den entsprechenden Gewährsmann.

Ziegensocken

Ein Klassiker, zu dem immer jemanden kennt, der den kennt, in dessen Schule/Unterricht/Klasse das passiert ist. (Derlei nennt man auch 'urban legend', eine urbane Legende.)

Französisch-Klassenarbeit in England, Übungssätze sollen ins Englische übertragen werden.

Da steht der Satz: "La chèvre a mis bas ses petits" - mettre bas heißt 'auf die Welt bringen', 'gebären'. Ein Kind hat zunächst im Kopf den Satz umgedreht, heraus kam "La chèvre a mis ses petits bas" und übersetzte dann folge-richtig: "The goat put his little socks on" (Die Ziege hat ihre kleinen Socken angezogen).

Montag, 20. Juli 2009

Dolmetschmarathon

Was ich heute schreibe ist grenzwertig. Ich werde mich unbeliebt machen - und finde es im Grunde selbst nicht so gut. Aber ich muss es schreiben, denn es entspricht einer Erfahrung - und bestätigt am Ende doch eine wichtige Regel.

Und hier gleich die Regel: Wir Dolmetscher sprechen auf Konferenzen immer 20 bis 30 Minuten lang und dann übernimmt der Kollege bzw. die Kollegin. Bei vorbereiteten Vorträgen kann das schon mal abweichen, da erleichtert im Normalfall die Vorbereitung die Arbeit. Länger arbeiten wir auch beim Filmdolmetschen, z.B. auf der Berlinale, wo wir fürs fremdsprachige Publikum Wettbewerbsbeiträge simultan übertragen. Die Filme werden auch stets immer nur von einem Kollegen/einer Kollegin bearbeitet, wir bekommen im Vorfeld Untertitellisten, Dialoglisten und/oder Drehbücher. Aber hier stoßen wir mitunter an unsere Grenzen.

Grenzen, die ich bei meinem letzten Job, einem Filmseminar in Marseille, kaum gespürt habe. Kurz: Ich konnte ermüdungsarm bis zu drei Stunden am Stück ohne Ablösung dolmetschen. So, jetzt ist der Hammersatz draußen, der mich selbst erschrickt. Denn da wir Dolmetscher teuer sind, lässt ein solches Statement alle aufhorchen, die weniger Geld ausgeben möchten.

Und jetzt kommt auch gleich die Erklärung dessen, was ich gemacht habe, die letztendlich unsere gute, alte Regel bestätigt. (Für die Kolleginnen und Kollegen: Nicht aufregen, das ist gar nicht nötig!)

Worum ging's in Marseille? Um Dokumentarfilm, um Filmsprache, -ästhetik und -vermittlung. Ich selbst habe elf Semester lang Film und Filmsprache an Hochschulen unterrichtet, zwei Drittel meiner Kurse auf Französisch. Ich habe in der Filmproduktion gearbeitet und auf Festivals - und bin da heute einige Wochen im Jahr immer noch. Das Publikum unseres Filmseminars war mir sehr vertraut: Regisseure, Produzenten, Kinoprogrammmacher, Festivalmitarbeiter, Filmpädagogen, ein angehender Medienanwalt und Studenten/Absolventen - auch meiner "Heimatunis". Ich bin gewissermaßen mit Freunden gereist. Wir haben konzentriert miteinander gearbeitet, fehlende Worte (im Schnitt eins pro Stunde vom Schlage 'historischer Bilderbogen' oder 'Tierpräparator') wurden mir von Teilnehmern souffliert, von denen einige auch sehr gut die Partnersprache beherrschen. Das Ganze fand in entspannter Umgebung statt, es war eine Mischung aus Ferienstimmung - wir saßen im blühenden Hof unter Palmen - und einem schrägen Film - denn der Hof gehört zum katholischen Studentinnenwohnheim, in dem wir die Zelte aufgeschlagen hatten (und zu dem im Seminarmonat Juli auch Männer Zutritt haben). Als Dozentin hatte ich das Programm mit vorbereitet, wusste also, wen wir bzw. was uns erwartet. Alle Gespräche und Vorträge waren mündlich, es wurden keine Paper verlesen.

So sehe ich, wie groß eigentlich die Anteile dessen sind, was sonst stresst:
- fremde Fachtermini
- inhaltliche und räumliche Entfernung zu den Dolmetsch'kunden'
- förmliche, mitunter steife Atmosphäre
- inhaltliche Überraschungen
- geschriebene, hochkomplexe Texte

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Am wichtigsten sind und bleiben aber der erste und der letzte Aspekt. Wenn ich mir vor Konferenzen in wenigen Tagen ein neues Fachvokabular 'überhelfe', gelange ich damit nicht zu einer solchen Selbstverständlichkeit im Umgang, wie wenn ich Begriffe nutze, die mir seit Jahren geläufig, sind, und zwar passiv UND aktiv. Ich arbeite in diesen Fällen gewissermaßen aus dem Arbeitsspeicher, und wenn viele Unterprogramme mitlaufen, läuft ein Rechner bekanntermaßen langsamer und wird am Ende heiß. Anders ist, wenn er von der Festplatte her arbeitet - in diese Analogie zur Technik brachte ich meinen eigenen Kopf und fand das Bild auf Anhieb stimmig.
Außerdem war es ein Seminar der gesprochenen (und nicht der abgelesenen) Sprache - wer seine Gedanken zum Mitdenken vor anderen entwickelt, kann leichter zum Mitdenken in der anderen Sprache verdolmetscht werden.

Anders gesprochen: Bei Treffen mit Familie und Freunden empfinde ich es auch nicht als anstrengend, Fragen der Kindererziehung oder der Getränkewahl zu dolmetschen - Kaffe oder Tee, Orangensaft oder Wasser? Komplexe Themen wie good governance im Zusammenhang mit Entwicklungshilfe für Afrika ist was ganz anderes. Hier brauche ich nach 20 bis 30 Minuten zwingend die Ablösung, denn nicht zuletzt ist ja auch die Verantwortung sehr viel größer.

Und weil das Ganze in Marseille so wunderbar lief, habe ich an einem Tag nach dem Mittagsschläfchen noch knapp zwei weitere Stunden gedolmetscht. Ausnahmsweise. Den Rest der Zeit üben die Teilnehmer weiter ihre Fremdsprachenkenntnisse ...

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Zum Dolmetschmarathon kam es übrigens, weil ich vor und
nach dem Festival Drehbücher übersetz(t)e und vom vielen
Tippen meine Sehnen spür(t)e. So wollte ich beim Filmseminar
zwischen Simultan- und Konsekutivdolmetschen abwechseln
und hab dann einfach keinen Ausstieg gefunden. Voilà !

Samstag, 18. Juli 2009

Ultradiane Rhythmen nach Dolmetscheinsatz

Einmal mehr habe ich Hirnmuskelkater. Während manche Menschen diesen Zustand als Mittelding zwischen Aufgedrehtsein und Übererschöpftheit beschreiben, wo selbst der Nachtschlaf kaum Linderung bringt, kann ich in Phasen großer Anstrengung meist besser schlafen als in ruhigeren Wochen. Und ich schlafe auch zwischendurch: Im Flugzeug, Zug oder auf der Autorückbank, im Bett oder auf dem Sofa fürs Mittagsschläfchen oder sitzend in der Kabine.

Das klappt gut, denn ich höre auf meine innere Uhr. Diese setzt sich nach übergroßen Anstrengungen in der Art und Weise über mögliche Absichten hinweg, dass ich wie ein kleines Kind über den Tag verstreut oft kurz schlafen muss. Das Phänomen Schlaf folgt ultradianen Rhythmen: mehrfach täglich werden wir müde, und weil ich weiß, dass ich meinem Hirn Außergewöhnliches zumute, kämpfe ich mit eventuellen Absichten gar nicht erst gegen die Natur an, sondern organisiere alles so (sofern es klappt), dass ich Siesta halten und auch zwischendurch mal gut abschalten kann. Last but not least ist auch der Kinokurzschlaf erprobt und erfrischend - und keinesfalls als Aussage zur (ggf. mangelnden) Qualität der Streifen zu verstehen, im Gegenteil: "Im Kino schlafen bedeutet, dem Film zu vertrauen", wusste schon Jean-Luc Godard.

Im Kinoseminar, mit dem wir am Festival teilnehmen, bedeutet das konkret: Während alle am Nachmittag und Abend drei bis vier Filme sehen, komme ich im Durchschnitt nur auf 2,5 Filme, weil ich schlafen muss. Denn die Vormittage gehören der Seminargruppe: Phasen mit simultaner Verdolmetschung wechseln da mit Filmausschnitten und Gruppenarbeit ab, wobei wir Seminarleiterinnen diese Pausen oft zu Besprechungen nutzen. Und abends bin ich unter den ersten, die gehen. Während alle noch einen trinken gehen, klinke ich mich aus, höre ein bisschen France Culture und Deutschlandradio Kultur und sorge für ausreichend Schlaf: Sieben Stunden sollten es sein.

Zwei Nächte à neun bis zehn Stunden schlafe ich dann nach meiner Rückkehr. Das Einschlafen fällt schwerer, die Mattigkeit fehlt. Dabei ist mein Kopf tagsüber oft dumpf, die graue Materie fühlt sich besonders grau an. Viele bunte Dinge wirken blass, sprechen mich nicht an, klingen nicht so, dass es in mir ein Echo gibt. Ich ziehe mich zurück; nach acht Tagen Dolmetscheinsatz mit dem Seminar reduziert meine Aufmerksamkeit den Input. Es ist so, als hätte ich starke Schmerzmittel genommen. Und jetzt kann ich mich alle drei bis vier Stunden 20 Minuten lang hinlegen und spüre, wie das Hirn wilde Traumbilder abfeuert aus Worten, Assoziationen, Bildfetzen und Sätzen, die der Kopf simultan übersetzt. Dabei fühle ich meinen Körper oft nicht mehr richtig, der Arm, der seitlich am Rumpf liegt, fühlt sich plötzlich so an, als läge er quer über dem Bauch, die Wahrnehmung des eigenen Körpers verschiebt sich im Raum.

Gerne sähe ich mir meine Hirnströme nach einem solchen Einsatz mal an. Ich werde mich mit Wissenschaftlern in Verbindung setzen, die das auch interessieren könnte und die über einen Magnetresonanztomografen (MRT) verfügen.

Nach zwei Tagen mit geistiger Schonkost und viel Schlaf ist alles wieder im Lot. Was mich überrascht: Diese zwei Tage brauche ich gleichermaßen nach einer dreitägigen Konferenz wie nach den acht Tagen Filmseminar. Für mich bedeutet das: Meine Strategien zur Erholung zwischendurch sind gut entwickelt und es ist nicht die Dauer der Anstrengung, die alles entscheidet, sondern die Art der Anstrengung.

Montag, 13. Juli 2009

Im Hinterzimmer

So ein lautes Umfeld hatte ich lange nicht mehr bei der Arbeit: Wir sind in Marseille im Hinterzimmer eines Cafés - und liegen damit auf dem Weg zum Klo. Wir, das sind noch immer das Kinoseminar, ein französischer Regisseur als Gast, dazu Moderatoren, andere Filmemacher, Kritiker und Programmgestalter, Medienpädagogen und Filmmitarbeiter.

Dass es laut werden könnte, wussten wir bei der Vorbereitung des Termins. Aber das Café liegt in der Nähe des internationalen Dokumentarfilmfestivals von Marseille - für den Regisseur kein langer Weg. Draußen ist es jetzt sehr heiß, drinnen stickig. Und damit wir auch weiterhin Luft bekommen, bleibt die Tür offen stehen. Damit kommen auch die Geräusche herein. Erst tritt ein Straßenmusiker vor sein Publikum: Gitarre und Gesang, Bella ciao von der ... sagen wir mal nicht gerade sehr gekonnten Art und Weise. Dann gibt der Ober seine Bestellungen lautstark durch, bis er merkt, was wir tun: "Deux exprès et un croque monsieur!" Schließlich geht alle Naslang jemand aufs Klo: Wer an einem schwülen Sommertag dort den Händetrocknerpustefix anschmeißt, ist selbst Schuld. Aber wer kriegt das überlaute Summen ab? Wir! Und wer muss richtig unter dem Lärm leiden? Ich. Es ist anstrengend, denn ich darf nicht mal zwischendurch abschalten.

Nach der Veranstaltung sagen die Franzosen, dass sie die Deutschsprachigen beneidet hätten, denn diese konnten sich die Kopfhörer der Flüsteranlage nehmen und meiner Simultanverdolmetschung folgen. Rechts von mir saß Christoph aus Berlin; selbst er, der hervorragend Französisch kann, hörte am Ende meine "Fassung", denn der französische Filmemacher im schwarzen T-Shirt saß mit genau drei Leuten seitlichem Abstand zu weit weg für sein anstrengungsfreies, konzentriertes Hören. Doch solange ich noch die Stimme des Gesprächspartners UND meine eigene hören kann, ist alles gut. Den Redenden anzusehen und einen Teil seiner Worte unterstützend von den Lippen abzulesen, würde indes mehr Verlust als Gewinn bedeuten, denn von der Seite höre ich ihn eindeutig besser.

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Nein, ich habe nicht geklagt! Aber das ist kein Verdienst, dafür habe ich da im Hinterzimmer schlicht und ergreifend weder Zeit noch Energie. Ich spitze die Ohren und spreche ... und überhöre. Denn dann werden noch ein leeres Fass durch den Raum gerollt, Kinder angetrieben und ein Glas zerschmissen.
Eins ist klar: In ein Kneipenhinterzimmer gehen wir so schnell nicht wieder mit einer so großen Arbeitsgruppe.

Samstag, 11. Juli 2009

Dolmetschen fürs Kinoseminar

An Tag drei und Tag sechs des Lehrgangs in Marseille sind wir an einem spezifischen Ort für Kinomacher: In einem Kiezkino, das zugleich eine Tonmischung ist. Um uns herum der soziale Wohnungsbau - die Filmemacher, die hier vor vielen Jahren ein leerstehendes Häuschen zu Kino und Produktionsbüros umbauten, sind in einen Problemkiez gegangen.


Wir arbeiten zu Fragen der Filmanalyse, zeigen einander eigene Projekte, diskutieren. Draußen sind es gefühlte 30 Grad, drinnen steht bald die Luft. Hier ist es idyllisch, aber noch lauter als auf dem Hof, auf dem wir sonst arbeiten: Vor dem zweistöckigen Gebäude liegt Baugrund und wartet auf die Bagger, die sich jetzt noch in der Durchfahrt des benachbarten Zwölfgeschossers zu schaffen machen. Es rumpelt und pumpelt, kracht und knallt im Hintergrund: Rohre werden neu verlegt, und dazu muss erstmal der Asphalt weg. Verschärfte Arbeitsbedingungen also.

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Freitag, 10. Juli 2009

Idyllisch, aber laut

So viel Grün ist um uns rum! An Tag zwei der Studienreise sitzen wir im Hof eines katholischen Studentinnenwohnheims. Die wissbegierigen jungen Damen haben in den Semesterferien ihre Sachen gepackt und sind bei den Eltern, so können Festivalgäste hier einziehen. Das Haus ist ein wenig hellhörig und hätte einige Renovierungen nötig, hat aber seinen gewissen Charme und einen wunderbaren Hinterhof. Hier uns steht nicht nur der Oleander in voller Blüte ...

Ich dolmetsche simultan mit einer Flüsteranlage - die Teilnehmer hören den kompakten Teil des Programms, drei Stunden am Tag, per Kopfhörer, so sie mögen. Die Stimmung ist friedlich und entspannt. Fachleute, Studenten und Berufsanfänger beider Länder arbeiten hier zum Thema Filmkulturen und Filmvermittlung miteinander, dann besuchen wir noch regelmäßig das Marseiller Dokumentarfilmfestival.

Noch sprechen alle ein wenig langsamer, verdolmetscht zu werden ist für die meisten ungewohnt. Sie werden dann noch langsamer, hören mir auch zu, wundern sich darüber, wie ich gleichzeitig hören und sprechen kann. Ich bitte um mehr Tempo, denn zu langsam ist auch anstrengend: ich muss ja immer aufs (deutsche) Verb warten, bevor ich (auf Französisch) weitersprechen kann. Alles ist nicht nur ungewohnt, sondern auch noch ein wenig steif. Manch eine(r) spricht zu leise, ist die öffentliche Rede noch nicht gewöhnt.

Um uns herum zwitschert es vielfältig. Die Mauersegler (le martinet) sind hier fast den ganzen Tag aktiv, außer in der Mittagshitze. Aber es gibt viele Gesänge, die kenne ich nur aus dem Süden und kann die Vögel dazu nicht benennen.

In eine kurze Pause hinein hören wir plötzlich sehr klaren, lauten Gesang mit wunderschönen Trillern und zarten Verläufen. Wir lauschen andächtig dem Vogel. Und Am Ende erlaube erlaube ich mir einen Witz: "Pardon, das hab' ich nicht ganz verstanden, könntest Du das bitte nochmal sagen?"

Donnerstag, 9. Juli 2009

Flash back in Marseille

gefördert vom dfjw
Die Reise ging rasch weiter nach Marseille, und während in Berlin die Untermieterin die Blumen gießt, entdecken der Rechner und ich einen neuen Arbeitsplatz. Wir sind zu Gast bei Peuple & Culture, einem Bildungsverein, der ein Seminar über Dokumentarfilmkulturen und -pädagogik anbietet. Tag eins: Übersetzung des Programms und der pädagogischen Materialien, während im Nebenzimmer Teilnehmerlisten redigiert, gemeinsame Abendessen gebucht und die letzten Fotos für die Akkreditierungen beim Dokumentarfilmfestival FID ausgedruckt werden. Das Festival ist ein guter Anlass für einen Lehrgang, denn spannende Gäste sind bereits in der Stadt und 'schauen' auch bei uns 'vorbei'. Ergänzend zu den thematischen Arbeiten, zu Gesprächen, Filmanalysen und Erfahrungsaustausch gehen wir natürlich auch viel ins Kino. Da ist es sicher kühler als hier in dem Zimmerchen ... Kopf und Rechner laufen heiß! Pause!Als ich am Ende alles nochmal überfliege, steht meine Kollegin Cathy schon aufgeregt neben mir und will das Ergebnis sofort haben. Da fühle ich mich wie ein Prüfling, und habe den gleichen mulmigen Druck im Magen wie einst im "maison des examens". In Paris gibt es ein extra Prüfungshaus zusammen für alle Unis, wo Studenten in leeren Räumen an Einzeltischen ihre Prüfungen schreiben - nur sieht es dort eher aus wie im Film "The Apartment" von Billy Wilder. Mal sehen, wann ich das nächste Mal vom Abi träume ... Und da wird mir wieder einmal klar: usere Branche ist sicher nichts für Leute mit Prüfungsangst, es sei denn, man lernt damit umzugehen.

Dienstag, 7. Juli 2009

Wenn eine(r) eine Reise tut ...

... dann kann sie oder er was erzählen. Als Dolmetscherinnen kommen wir viel rum, das ist oft die Arbeitsgrundlage. Sehr selten kommt es vor, dass wir einen Dolmetscherkoffer mitbringen, sogenannte mobile Dolmetschtechnik, weil wir nicht auf einer Konferenz dolmetschen, sondern Kunden auf Journalistenreise, Exkursion oder Betriebsbesichtigung begleiten. Nie reisen wir allein mit mehreren Koffern und schon gar nicht ins Ausland. Ich sage nie und meine nie. Indes, keine Regel ohne Ausnahme.

Ein guter Kunde brauchte nicht nur uns, sondern Material zum Arbeiten ... und irgendwie hatte es sich ergeben, dass wir zugesagt hatten, mit einem Koffer nach Paris zu kommen. Naja, und aufgrund wachsender Nachfrage wurde dann etwas mehr draus. Geplant war, dass ich mit einem der schicken geriffelten Alurollköfferchen auf Reise gehe. Es kam dann anders. Und weil dieses NIE wirklich nur eine allereinzige Ausnahme hat(te), kann ich hier mein neuestes Schreckfoto vorzeigen: Mit vier Dolmetschkoffern am Pariser Flughafen, dazu die Anzugtasche und den Rucksack mit dem Notebook, das Ganze auf einem eigens mitgebrachten, kleinen Rollwägelchen. Sind Sie schon mal mit sowas gereist?

Das Wägelchen fährt Aufzug - wie die andren Gepäckrollwägelchen auch, obwohl auf dem Flughafen Charles de Gaulle offiziell verboten, dann auf die Rolltreppe, das Gewicht, das ich halten muss, liegt etwa bei 30 Kilo, dabei baumelt mir noch die Anzugstasche quer über den Leib. Dann klingelt das Firmenhandy. Rangehen oder nicht, das ist hier die Frage. Ich gehe ran, jongliere das Gepäck - und zwischen Schulter und Ohr hab ich das Mobiltelefon eingeklemmt. Leute bleiben auf der danebenliegenden Fußgängertreppe stehen und ... glotzen. Sie erwarten vermutlich, dass sich die Koffer vom Wägelchen verabschieden, weil sie nur eine dünne Spinne hält. Oder dass ich das Gleichgewicht verliere und mitsamt dem ganzen Gepäck die zum Glück leere Rolltreppe runterrassle. Und ich verfluche meine Kühnheit Blödheit, denn in der Tat ist das Ganze ein verschärfter Balanceakt.

Unten angekommen, erbarmen sich zwei Amis und ein Franzose meiner, Männer im Anzug, und bringen die Technik sicher in den Vorortzug und am Nordbahnhof ins Taxi. Schön, dass es noch Gentlemen gibt!

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Foto: C.E. 

Montag, 6. Juli 2009

Ironieverständnis nach Dolmetscheinsätzen

Was Neurologisches: Nach einem mehrtägigen, stressigen Dolmetscheinsatz fällt mir an mir selbst auf, dass ich weniger gut ironische Bemerkungen verstehe. Ich bin am Telefon mit Familie, mein Bruder will endlich weg vom PC und auf Apple umsteigen, dann werden Arbeitssituationen und Krankenakten besprochen, Frühstücksbrötchen und der Tee kommentiert, den wir mit gehörigem Abstand da gerade "gemeinsam" trinken. Die Familie bekommt auch noch Besuch und stellt das Telefon laut, Worte fliegen hin und her, der Tonfall ist wie oft unter Geschwistern und Leuten, die sich mögen, ein wenig rauh und sehr herzlich.

Irgendwann werde ich kurz veräppelt, verstehe die Ironie erst durch das Lachen der anderen. Dann sagt mein Vater: "Nee, keine Sorge, wir haben dich gar nicht veräppelt!" Darauf der Bruder (kauend): "Aber ich werde gleich veräppelt!"

Zweiter Witz, den der erste eigentlich schon vorbereitet hatte, und noch immer sucht mein Hirn in sich taub anfühlenden Gefilden. Sprache, wörtlich genommen, von einem Idiom oder Sprachniveau und Bereich zum nächsten über Eck gedacht, das ist normalerweise eine Spezialität der Großfamilie, in der ich aufgewachsen bin. Ebenso Kalauer, die sehr gerne sehr schlecht sein dürfen.

Kurz: Mein Gehirn ist im Ruhemodus, nachdem es tagelang auf Tempo ausgehendes Hin- und Her geliefert hat. In einer adrenalindominierten Dolmetschsituation hätte ich derlei wohl verstanden, mit ausgeruhtem Hirne wohl auch, nicht aber in den Stunden oder Tagen, in denen mein Denkapparat untertourig läuft, wie es nach (oder auch vor) dem Dolmetschen der Fall ist.

Donnerstag, 2. Juli 2009

Französische Filmwoche 2009

Auch dieses Jahr bin ich wieder mit von der Partie - als Dolmetscherin auf der Berliner Französischen Filmwoche. War ich 2000 noch die einzige Dolmetscherin, sind wir dieses Jahr zu viert, weil vieles parallel läuft und weil das Internationale Forum des Jungen Films, eine Sektion der früher im Sommer stattfindenden Berlinale, die gleichen Tage ausgewählt hat, um seinen 40. Geburtstag zu begehen.


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Foto: Institut Français de Berlin

Mittwoch, 1. Juli 2009

Erschwerte Bedingungen

Laut Pariser Wetterdienst sind es heute wie gestern nur um die 30 Grad Celsius, die sich bei Luftfeuchtigkeit von 40 Prozent und mit wenig Wind allerdings wie 35 Grad anfühlen. Die engen Straßen, die vielen Autos und Menschen strengen an. In der U-Bahn wird die Luft durch die engen Bahnschächte auch wärmer, selbst unterirdisch kommt man ins Schwitzen.

Als wir am Kongressort eintreffen — wie vieles in Paris in einem historischen Gebäude — staunen wir nicht schlecht. Neben unserem Arbeitsplatz, da, wo die Fenster über Eck gehen, steht ein Mega-Pustefix von etwa einem Meter Höhe, brummt vor sich hin und spuckt Kälte aus. Direkt daneben sitzen wir, lediglich mit Hörverbindung zum Podium.Trotz 30 Grad im Schatten friere ich — aber nur meine linke Körperhälfte, die ich jetzt mit Schals bedecke.

Immer, wenn das Gerät einen Gang höher schaltet, knackt es in der ohnehin schwachen Übertragung. Ich muss den Ton vom Panel auf Maximal einstellen, um zu hören — und darf nicht, wie sonst üblich, den Kopfhörer schräg aufsetzen. Das irritiert maßlos, fehlt mir doch die Selbstkontrolle. Ich höre mir sonst beim Dolmetschen stets selbst zu, prüfe, ob ein Verb dabei war, ich den Punkt mitgesprochen habe und achte auf den Sinn. Hier: Fehlanzeige.

Immer wieder muss ich sogar mein Empfangsgerät schräg halten, weil in natürlicher Lage noch mehr Interferenzen drohen. Hörte ich nur mit einem Ohr hin, ich verstünde gar nichts. Was angesichts diffiziler Materie an und für sich schon eine Herausforderung darstellt. Ein Ritt über den Bodensee, und dazu pustet die ganze Zeit die Windmaschine.

Ab dem zweiten Tag fangen meine Augen an zu jucken, eine Bindehautentzündung verschafft mir dann auch noch schlechte Sicht. Macht fast nichts, denn die Redner, die in Windeseile von ihren Papieren ablesen, sehen wir ja ohnehin nur als ferne Silhouetten.

Dienstag, 30. Juni 2009

Reparaturkosten

Ein Kollege, der Italienisch-Deutsch anbietet, erlebt die gleichen steigenden Zahlen von Anfragen wie ich (siehe meine Zeilen zur Terminplanung). Doch dann wird ihm oft abgesagt, Begründung: er sei zu teuer.

Der Kollege hat sich eine nette Standardantwort einfallen lassen:
Für den Fall, dass Sie Ihren Text einem der zahlreichen, momentan auf den Markt drängenden Billiganbieter anvertrauen und von einer italienischen Hausfrau mit deutschem Ehemann oder einem Schüler übersetzen lassen: Für das Lektorat, Korrektorat des Ergebnisses werden üblicherweise 40 - 60% des normalen Zeilenpreises berechnet. Allerdings ist in den meisten Fällen die Anfertigung einer neuen Übersetzung der bessere Weg.

Die Ergebnisse sind konkret: Die Zahl der Zusagen nimmt wieder zu.

Gruß nach Rom! Gut gemacht, Herr Nolte!

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Bild: Großer Kostenvoranschlag, für die Folgeaufträge programmiert ...

Fürs Radio dolmetschen

Welcome, bienvenue, hier bloggt eine Dolmetscherin und Übersetzerin über ihren Berufsalltag. Meine Sprachen sind Französisch (als Ausgangs- und Zielsprache) und Englisch (Ausgangssprache). Ich arbeite in Paris, Berlin, Köln und dort, wo Sie mich brauchen.
 
Wir sind im Admiralspalast, im Berliner Rundfunkstudio des Rundfunk Berlin Bran­den­burg (rbb) und warten auf Agnès Jaoui, die französische Regisseurin und Schau­spie­ler­in. Wir, das sind ein Techniker sowie Knut Elstermann, Moderator von "Zwölf Uhr mittags", dem samstäglichen Kinomagazins von "Radio Eins", und ich.

Die Luft ist stickig, die Schwüle scheint von draußen ins isolierte Räumchen ein­zu­drin­gen, das ebenerdig in Laufnähe zum Bahnhof Friedrichstraße liegt. Am Bahnhof wird ein Neubau vorbereitet. Ich denke mit Döblin: "Rumm rumm haut die Dampf­ram­me (...). Viele Menschen haben Zeit und gucken sich an, wie die Ramme haut." Heute gibt es wieder viele Menschen, die Zeit haben, und durch die Straße fla­nie­ren, das war mir bei der Anfahrt auf dem Rade aufgefallen ...

Während wir also auf den Gast warten, besprechen wir die Filme, die bald starten werden, Knut, der Techniker und ich. Als ausgebildete Journalistin sehe ich die Filme mit den Augen einer Filmkritikerin, wenn ich sie nicht gerade als Dol­met­scher­in be­treue — hier verpflichtet mich die Arbeit zu Neutralität bzw. zur Sub­jek­ti­vi­tät der Filmemacherin, denn ich nehme ja, wenn sie spricht, ihre Position ein.

Wenige Minuten vor dem Rückflug nach Paris soll Agnès Jaoui kurz noch ein Ra­dio­in­ter­view geben. Und da ist sie auch schon und rasch geht's los. Sie spricht schnell und vergisst nach zwei Antworten meine Bitte, Pausen für die Übersetzung zu las­sen. Idealerweise verschränken sich so die deutsche und die französische Stimme ineinander, damit das Publikum nicht das Gefühl hat, auf einer falschen Welle gelandet zu sein. Zum Glück wird aufgezeichnet, da kann der Techniker am Ende noch was rausschneiden. Und ich habe die Chance, mir die letzten Worte jeder Antwort aufzuschreiben. Das ist wichtig und Uschi, Hochschuldozentin in Mons und Dolmetscherin in Brüssel, hatte es uns eingeschärft: "Besser das Publikum warten zu lassen, als die Pointe zu schmeißen".

Die langen Antworten des französischen Regiestars können dazu führen, dass die Technik zusammen mit Knut entscheidet, das Interview doch im Overlay-Modus (oder voice over) zu mischen, dann würde meine Stimme über die von Madame "gelegt". On verra, wir werden sehen.

Drei Köpfe, ein Mikro
Konsekutives Dolmetschen bei der Berlinale

Agnès Jaoui taucht auch hier auf: klick!
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Foto: Eine ähnliche Situation von 2011, Knut Elstermann
im Berlinale-Radio, Pierre-Yves Vandeweerd, die Autorin

Terminplanung

Schon komisch, dieses Krisenjahr. Die Anzahl der Anfragen nimmt explosionsartig zu, die der Angebote und Kostenvoranschläge, die ich schreibe, auch.

Dabei sind je nach Anfrage meine Angebote nur noch 24-48 Stunden gültig. Denn so rasch verändert sich derzeit die Lage. Und es klappt meistens nur, wo eine persönliche Empfehlung dahintersteckt. Viral marketing? Nein, alles unbewusst ...

Daher eine große Bitte: wenn Sie uns für einen Dolmetscheinsatz buchen möchten: Bitte fragen Sie so früh wie möglich an. Gerade habe ich den ersten Vertrag für Dezember unterschrieben ...

Pina Bausch bei Radio France Culture

Jetzt im Radio: Pina Bausch ... von mir selbst übersetzt. Ich hatte den Job längst vergessen. Komisch ist das, aus Interesse zuzuschalten und auf die eigene Stimme zu stoßen. Fast ein bisschen gruselig ... und ich war damals schon richtig gut! Mit dem Abstand darf ich das wohl sagen! Und souverän! Ich bin selbst ganz baff ... Die Aufnahme stammt vom 13. Juni 1990 aus der Reihe "nuits magnétiques".

Aber das Gefühl verblasst schlagartig, als ich aus der Sendung erfahre, dass Pina Bausch heute gestorben ist. Etliches habe ich im Théâtre de la Ville von ihr ge­se­hen, einmal versuchshalber zusammen mit der späteren Arte-An­sa­ger­in Annette Gerlach, einer Kommilitonin (die aber überhaupt kein Pina-Fan war wie ich und vorzog, das Stück zu verlassen und im Café auf mich zu warten ...)

Sorry, ich schweife ins Komische ab, denn die Nachricht ergreift mich wirklich sehr. Übersprungshandlung ...

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19.15 - 20.00 Uhr: LE RENDEZ-VOUS von Laurent Goumarre,
Radio France Culture, Live-Diskussion (die Zuspieler sind
aus einer anderen Sendung)

Mittwoch, 24. Juni 2009

Unfreiwillig komisch

Das Folgende stammt aus Übersetzungen und ist sprachlich und grammatikalisch richtig, wird aber wegen Wortähnlichkeit dann doch geändert.
In der Spielhölle sitzen verruchte Spieler in verrauchter Luft.
Zwei Gangster - einer bricht in der Nacht aus dem Gefängnis aus, wobei es einen Toten gibt, der andere erwartet ihn an der Gefängnismauer:
ERSTER GANGSTER
Der Lärm hat sicher die Wärter aufgeschreckt. Hauen wir ab!

ZWEITER GANGSTER
(beunruhigt)
Wen hast du auf dem Gewissen?

ERSTER GANGSTER
Den Pförtner!

ZWEITER GANGSTER
Petrus wird ihm schon seine Pforte öffnen. Los, wir müssen!

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Hilfsmittel: Nachschlagewerke aus drei Jahrhunderten

Samstag, 20. Juni 2009

Die Mauer

Will­kom­men auf den Sei­ten des ersten deut­schen Blogs aus dem In­ner­en der Dol­met­scher­kabine. An manchen Tagen arbeite ich al­ler­dings auch unter frei­em Him­mel. 

Wo stand sie denn nun?, werden "wir Berliner" derzeit oft gefragt. Die Mauer ist bis auf wenige Ausnahmen aus dem Berliner Stadtbild ver­schwunden. In der geteilten Stadt hatte ich 1987 für die Dauer eines Sommersemesters studiert und kehrte ein Jahr später als SFB-Praktikantin zurück. Und als die Mauer fiel, war ich auch dabei.

Daher weiß ich viel über Mau­er­ver­lauf und die DDR, in der ich als Schülerin oft in den Ferien war, denn meine Familie stammt väterlicherseits aus Sachsen.

Wir sind mit Kamera in Berlin unterwegs. Während Fernseh­kor­res­pondent Maxence Bilodeau vom öffentlich-rechtlichen Sender Radio-Canada vor allem fran­zö­sisch­spra­chige Menschen vors Mikrophon bekommt, dol­metsche ich für das Umfeld.

Erkläre, was wir machen — und liefere die Hintergrundinfos.

Ich bin Zeitzeugin, die für die kanadischen Gäste Spreu vom Weizen trennt. Meine Infos gehen in die Berichterstattung ein. Diese Art von 'Übersetzungen' werden mich wohl dieses Jahr noch öfter be­schäf­tigen.


Der Link zum TV-Beitrag für einige Monate hier.
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Fotos: C.E. Mit Maxence habe ich schon
2006 wiederholt gedreht .

Donnerstag, 18. Juni 2009

Handwerk ...

... bedeutet manchmal auch viel Fummeln. Und das, obwohl es nicht immer nötig ist.

Ich bekomme ein Drehbuch zur Übersetzung und habe zwanzig Tage Zeit. 100.000 Anschläge, das lässt sich bequem machen. Die teuersten, frischesten Stunden gehören nun jeden Morgen der Übersetzung, so der Plan. Dann ist in der ersten Woche nicht viel los im Büro, ich übersetze das Drehbuch einmal komplett noch mit etlichen Auslassungen und bunten Markierungen. Dann säubere ich den ersten Teil und meine Korrektorin bekommt ein großes erstes Drittel, fast 40 %. In der zweiten Woche sind komplexe Recherchen dran. Das Buch ist in einem sozialen Milieu angesiedelt, das mir fremd ist. Zwischendurch "säubere" ich weiter.

Irgendwann schreibt die Produktion von einer Neufassung und listet die Szenen auf, an denen erneut gearbeitet wird. Ein Drehbuch umfasst in der Regel 60 bis 80 Szenen - an zehn von ihnen soll nicht gearbeitet werden. Tags drauf kommen die ersten Änderungen. Der Auftakt des Films ist nach dem Vorspann komplett verändert, ein Dutzend Szenen völlig neu ...

Kurz: Als ich wenig drauf die nun definitiv "letzte Fassung" in Händen halte, zähle ich beim neuen Buch 10.000 Anschläge mehr.

Verändert wurde aber mehr als ein Drittel - und das kostet mich mehr als ein Drittel mehr Zeit. Warum? Weil ich Zeile für Zeile aufmerksam vergleichen und die Änderungen einbauen muss. Dabei ist auf den Kontext zu achten, wenn sich eine Replik ändert: Gibt es jetzt Wiederholungen von Verben, Adjektiven usw.? Passt die Sprachhöhe? Oft ändert sich also auch Drumherum etwas, und das kommt zu den vom Drehbuchautor vorgegebenen Änderungen noch hinzu.

Die meiste Zeit geht jetzt fürs Suchen und Schleifen drauf, einfach runterübersetzen ist verglichen damit oft eine rasch machbare Sache. Und der Bildschirm zeigt ständig drei Dokumente an, grau = erste Übersetzung, gelb = neue Passagen. Da ich ja mehrere Wochen Zeit hatte, ging die Produktionsfirma zunächst übrigens davon aus, dass sich am anvisierten Abgabetermin und der Honorarsumme nichts ändern würde. Theoretisch war ich eine Woche länger beschäftigt, da ich ja auch noch die Stunden für die Kollegin arbeiten musste, mit der ich Korrekturlesen tauschte, auch sie hatte ihre Arbeit ja gemacht. Und praktisch wurden aus der Woche zehn Tage, weil ich am Ende dieser Woche noch drei Tage von einem anderen Kunden gebucht war.

Kurze Moral von der Geschicht': Liebe Produktionsfirmen, sendet uns Eure Bücher wirklich erst dann, wenn Ihr sicher seid, dass es bei dem Text bleibt.

Deutsch stirbt aus

Der Tag ging los, wie er endete: Mit Verständnisproblemen. Und das, obwohl lauter Dolmetscher beteiligt waren, die ihren Job können.

Wir sind in einer deutschen Hochschule. Hier wird heute Abend eine mehrtätige Konferenz eröffnet. Ich begleite für zwei Stunden einen französischen Wissenschaftler. Vor der Auftaktveranstaltung wird schon die nächste geplant: In einer kleinen deutsch-französischen Sitzung. Der Raum ist klein und schmucklos, die Zimmerdäcke niedrig. Die Worte, die hin- und hergehen, hallen ganz fürchterlich. Ich habe Mühen bei der Arbeit, da hilft auch kein Kaffee.
Mit Verspätung kommt der letzte Gesprächsteilnehmer vom Flughafen. Weiter geht's mit den Gesprächen bei einem Mittagessen außerhalb - zu meiner Freude hat dieser Raum die bestmögliche Akustik.
Die Tagung, auf der mein Dolmetschkunde aus Frankreich auch spricht, soll ins Englische gedolmetscht werden. Monsieurs Englisch ist nicht so gut, als dass er in der Sprache würde arbeiten wollen. Das der deutschen Wissenschaftler ist auf den ersten "Blick" auch nicht besser. Beim Mittagessen werden viele inhaltliche Überschneidungen gefunden und Neuigkeiten über gemeinsame Bekannte ausgetauscht. Man mag sich. Man versteht sich bestens.

Abends dann die Auftaktveranstaltung. Ich gehe aus eigenem Interesse hin. Alles ist Französisch-Englisch - auch die deutschen Kollegen sprechen Englisch. Die Dolmetscher schwitzen in der Kabine. Unser französischer Gast sieht leicht irritiert aus.

Das feed back bei einem Glas guten Schaumweins (du vin mousseux, nicht zu verwechseln mit Champagner): Vieles von dem, was mittags besprochen worden war, klang am Abend anders. Monsieur hatte Verständnisprobleme, was nicht an den muttersprachlichen Dolmetschern gelegen haben kann. Ich fand die englischen Vorträge der deutschen Kollegen auch weniger treffend, fast ein wenig schwammig.

Dann fragte mich der Gast aus frankophonen Landen, wie viel Englischsprachige oder des Deutschen Unkundige denn im Saal gewesen sein mochten. Wir zogen die Teilnehmerliste zu Rate. Das Ergebnis war überraschend: Es waren alles Deutschsprachige bis auf zwei Franzosen und jeweils einen Spanier und einen Engländer, die sehr gut Deutsch können. Der französischsprachige Wissenschaftler schüttelte den Kopf und sprach aus, was ich mir auch schon im Stillen gedacht hatte: In Frankreich wäre eine solche Situation unvorstellbar.

P.S.: Dass bei dem, was die Franzosen umgangssprachlich "harte Wissenschaft" nennen (sciences dures), also Naturwissenschaften, Mathematik und Anverwandtes, Englisch oft die Arbeitssprache ist, wissen wir schon länger. Hier ging es um ein kulturwissenschaftliches Thema.