Mittwoch, 2. April 2008

Dolmetscher und Weiterbildung im Alltag

Im Herbst darf ich wieder eine Fortbildung veranstalten. Ich freue mich darauf. Dabei kann ich über mein Arbeitsfeld referieren und praktische Übungen anbieten.

Aber ich muss vor überhöhten Hoffnungen warnen. Mancher Dolmetscher und Übersetzer könnte erwarten, nach einer eintägigen Fortbildung fit zu sein für den Arbeitsbereich "Film und Medien". Was ich mir in jahrelanger Arbeit bei Recherchen, Dreharbeiten und im Schnitt aneignete, kann ich natürlich nicht an einem Samstag vermitteln.

Aber ich kann Bewusstsein schärfen für ein spannendes Arbeitsfeld und für "Nebenbeilernen" - und wie man sich diese Vorgänge zunutze macht. Das meiste, was der Mensch lernt, nimmt er informell auf, also ungeplant und außerhalb einer als solcher erkennbaren Lernsituation mit Dozent/Lehrer und Schulraum, dennoch gibt es eine Art Bewusstsein über den Lernvorgang. Die Wissenschaft meint, dass der Mensch zu 70 % informell lernt. Daneben gibt es inzidentielles Lernen - hier ist Lernen auch nicht beabsichtigt und geschieht darüberhinaus unbewusst. Auch hierfür lassen sich in der Wissenschaft Zahlen finden - aber vermutlich ist derlei gar nicht pauschalisierbar, denn es geht ja als Kind mit Laufenlernen und Spracherwerb los, und hier schon machen sich individuelle und soziale Unterschiede bemerkbar, wirken Gene, Einfluss der Eltern, Anreize der Umwelt.

Situationen, die nicht als Lernsituationen geplant sind, begleiten uns durch den Alltag. Und den sollten wir zum Lernen nutzen. Mein kleiner Bruder kann alle Hauptstädte sämtlicher Staaten der Erde auswendig - in seiner Studenten-WG hing auf dem Klo eine entsprechende von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgebrachte Weltkarte.

Die Worte eines fremdsprachigen Werbeplakats - Milch, pasteurisiert, trinken, täglich, erhält gesund - konnte ich schon als Kind. Es war etwa von 1900, ein junges Mädchen war darauf abgebildet, das aus einer Schale trank, beobachtet von einer Katze. Das Plakat hing jahrelang in unserer Küche.

Es geht also um Begegnung mit dem Lernstoff im Alltag. Das Bewusstsein dafür vorausgesetzt, kann ich mir etliche Lernsituationen schaffen, in denen sich unbewusstes und bewusstes Lernen mischen, siehe die Weltkarte. Neue Vokabeln zum Beispiel schreibe ich auf Karten und lege sie immer für Tage ins Regal, an dem ich oft vorbeikomme. Dann schaue ich kurz drauf, und noch bevor sich mir der Sinn erschließt, bekommt das Wort einen vertrauten Klang. Der nächste Schritt ist es dann, den Sinn zu lernen und zu verfestigen.

Nächste Woche bin ich wieder in Frankreich, meine Kollegin wird das Büro weiterführen. Ich werde auf der MIP tätig sein, der weltgrößten Messe für audiovisuelle Programme. In Frankreich werde ich mir auch ein neues Plakat kaufen. Es ist nämlich höchste Zeit, dass ich nach Brot- und Käsesorten jetzt auch Fische und Kräuter einwandfrei lerne. Dazu gibt es spezielle Küchenplakate, die dem Prinzip dieser Bildzeile folgen:
Die Auswahl ist groß: Englische Interpunktion, Kräutertees, die 206 Knochen des menschlichen Körpers und was noch dran ist, Spezialitäten der Provence, die Entwicklung des Lebens auf der Erde, Fossilien für Spezialisten, Nudelformen und Salatbestandteile, oft sogar auf Französisch und Englisch, denn die Kundschaft sind meist Touristen. Dass ich inzwischen einige dieser Plakate habe und sie vor allem zum Lernen einsetze (also auch regelmäßig wechsele), war vom Hersteller nicht geplant. Sie sind auch übers Internet bestellbar, z.B. bei Allposters und bei Ebay. Plakate mit Abbildungen und deutscher Benennung fand ich leider nirgends. In Deutschland ist die Bundeszentrale für politische Bildung mit Ihren Plakaten zu Politik, Geografie und Wirtschaft über Schülerkreise hinaus bekannt.

Was ebenso ernst wie diese Lernplakate gemeint ist und genau deshalb schon wieder witzig, sind die didaktischen Plakate aus Indien und Mexiko, die der OK-Versand vertreibt. Früchte, Yoga, Tiere, "good habits" und "bad habits" - manches scheint direkt aus dem Klassenraum des letzten Jahrhunderts zu kommen und bringt mich zum Schmunzeln.

So macht lifelong learning Spaß ...
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Quellen der Abbildungen: OK-Versand, www.allposters.fr

1 Kommentar:

Markus hat gesagt…

Gute Arbeit! :)